Bei einem Musical wie „Titanic“ kann mit großem Bühnenbild und vielen unterschiedlichen Rollen so richtig geklotzt statt gekleckert werden – eine Herausforderung für ein Haus mit Gastspiel-Verpflichtungen wie das Theater für Niedersachsen, der sich Kreativ-Team, Orchester und Ensemble mit Bravour stellen.
Bühnen- und Kostümbildner Simon Lima Holdsworth entwickelte für die Bühne eine Welt aus Gepäckstücken, die ganz wunderbar funktioniert. Zentrales Element sind vier große Türme aus Koffern und (Hut-)Schachteln, die sowohl die Schornsteine des Luxusliners darstellen als auch den Aufbruch der Passagiere versinnbildlichen und während des gesamten ersten Aktes auf der Bühne bleiben. Doch diese Gepäckstücke sowie weitere Koffer-Elemente, die von stilvoll in White-Star-Line-Shirts gekleideten Bühnenhelfern immer wieder bewegt werden, haben es in sich. In der Heizraumszene beispielsweise klappt ein Koffer auf und schon stellt er den Ofen dar, in den die Heizer die Kohle schaufeln. Andere Koffer ergeben geöffnet einen edel wirkenden Hintergrund in Tiffany-Optik für das Erste-Klasse-Dinner. Und auch das Sternenlicht während der Finalszene des ersten Aktes kommt aus einer Vielzahl solcher aufgeklappten Gepäckstücke. Im zweiten Akt, während der eigentlichen Katastrophe, regiert das Chaos und so werden aus den geordneten Koffer-Türmen ein unordentlicher Haufen im Bühnenhintergrund. Diese relativ simplen, teilweise auch vom Ensemble durchgeführten Umbauten ermöglichen flüssige Szenenübergänge.
In der Ouvertüre zieht der musikalische Leiter Achim Falkenhausen das Tempo an und sorgt so von Anfang an für ein spannungsgeladenes Hörvergnügen. An den richtigen Stellen im Laufe des Stückes variiert er zumeist die Tempi, manchmal hetzt er jedoch ein bisschen zu sehr. So würde beispielsweise das wunderbar von Neele Kramer und Eddie Mofokeng mit klassischen Stimmen interpretierte Liebesduett „Drei Tage“ gewinnen, wenn Falkenhausen den beiden ein wenig mehr Zeit lassen würde. In seinem hervorragend ausbalancierten Orchester gibt er allen Musizierenden Gelegenheit zu glänzen. Und auch die Tontechnik trägt mit einer guten Aussteuerung und sattem Sound ihren Teil zum gelungenen Abend bei.
Grundsätzlich hat „Titanic“ nur wenige richtige Tanz-Szenen, doch Choreographin Gesine Sand hinterlässt gerade durch die tänzerische Unterstützung solistisch angelegter Szenen Eindruck. So bekommt Heizer Barrett bei seinem sehr dynamisch von Jack Lukas vorgetragenen Solo zwei Kollegen an die Seite gestellt, die eine sehenswerte kraftvolle Choreographie ‚rund um ihre Schaufeln‘ performen. Und auch für den eigentlichen Untergang der Titanic wurde eine eindrucksvolle Performance geschaffen: Während Lorin Goltermann als Ingenieur Andrews schon fast dem Wahnsinn nahe im Song „Mr. Andrews Vision“ nach Fehlern im Konstruktionsplan sucht, taumeln die auf dem Schiff Verbliebenen und dem Untergang Geweihten um ihm herum und zerren hilfesuchend an ihm, bevor sie sich zum Ende des Liedes in ihr Schicksal ergeben und den Bühnentod sterben.
Das Ensemble setzt sich bei dieser großen Produktion zusammen aus Mitgliedern der MusicalCompany sowie des Musiktheaterensembles und -chores. Die unterschiedlichen Stimmfärbungen ergeben einen beeindruckenden Chor, der das Publikum gerade in den Ensemblenummern zur Abfahrt des Ozeanriesen geradezu in seinen Bann zieht – und die nette Idee, vor der Vorstellung im Foyer Taschentücher zu verteilen, um den Reisenden bei der Abfahrt zuzuwinken, bringt das Publikum noch näher an die Geschichte. Auch in den solistischen Passagen gefällt diese Mischung, wenn immer mal wieder klassisch intonierte Stimmen zu hören sind. Maury Yestons Partitur mit opernhaften Zügen an verschiedenen Stellen kann diesen Mix gut vertragen. David Soto Zambrana beispielsweise begeistert in der relativ kleinen Rolle als Ausguck Frederick Fleet, wenn er in der trügerischen Ruhe vor der großen Katastrophe kurz vor dem Ende des ersten Aktes seinen warmen, vollen Tenor über die eisige Atmosphäre in der sternenklaren Nacht schweben lässt.
Regisseur Matthias von Stegmann führt die einzelnen Gewerke auf der Bühne sicher zusammen. So ist kaum zu merken, dass sich mit Jonas Heinle sowohl hinter dem nerdigen Funker Harold Bride als auch dem weltoffenen Bandleader Wallace Hartley der gleiche Darsteller verbirgt und auch Daniel Wernecke zeigt als unsympathischer Reeder Bruce Ismay eine geradezu konträre Figur zum geschmeidigen Tänzer DaMico. Marion Wulf gelingt das Kunststück, die dank ihrer ewigen Unzufriedenheit eigentlich recht nervige Alice Beane immer noch sehr sympathisch wirken zu lassen und Guido Kleineidam hat als in der Unglücksnacht diensthabender erster Offizier Murdoch einen zutiefst berührenden Moment auf der Bühne, wenn er unter dem Druck der Verantwortung für den Unfall wortwörtlich zusammenbricht. Das sind nur einige Beispiele für das wunderbar harmonisch agierende Ensemble, dem von Stegmanns intensive und wohldurchdachte Personenführung durchgehend anzumerken ist .
Nachdem „Titanic“ in den vergangenen Jahren häufig auf deutschen Bühnen zu sehen war, bietet diese Produktion auch Wiederholungstätern und Liebhabern des Stückes neben der sehenswerten Inszenierung noch ein besonderes Highlight: So ist in Hildesheim im ersten Akt das hörenswerte Duett „Ein Traum“ der beiden Zweite-Klasse-Passagiere Caroline und Charles integriert, das optional angeboten und von den meisten Theatern angesichts der vielen schönen Melodien und einer sowieso schon beträchtlichen Spieldauer gestrichen wird. Auch wenn es für die Handlung nicht wirklich relevant ist, so ist es gerade für Zuschauer, die das Stück bereits kennen, spannend, auch zu diesen beiden vom Buch sonst eher vernachlässigten Figuren mehr Background zu bekommen. Es sprechen also einige Gründe dafür, sich diese aufwändige Tourneeproduktion nicht entgehen zu lassen.
Buch – Peter Stone Musik / Liedtexte – Maury Yeston
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