Tobias Bieri (Adam), Gerben Grimmius (Bernadette), Adrian Becker (Tick) © Daniel Lagerpusch
Tobias Bieri (Adam), Gerben Grimmius (Bernadette), Adrian Becker (Tick) © Daniel Lagerpusch

Priscilla - Königin der Wüste (2025)
Freilichtspiele, Tecklenburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

In Tecklenburg wird das selten gespielte Jukebox-Musical „Priscilla – Königin der Wüste“ unter Ulrich Wiggers‘ Regie zu einem kunterbunten Plädoyer für Vielfalt und Lebensfreude – eine große Party voller Kreativität und guter Laune!

Gefüllt mit bekannten Hits zwischen den 60ern und 80ern erzählt das Musical die Geschichte dreier Drag Performer, die sich – von ihren jeweiligen Wünschen und Sehnsüchten getrieben – zusammen in ihrem klapprigen, ‚Priscilla‘ genannten Glitzer-Tourbus, auf den Weg durchs australische Outback von Sydney bis zum Uluru machen. Stephan Elliotts offensichtlich dünnes, aber anrührendes Buch basiert auf seinem Film, der gleichnamigen Tragikomödie von 1994. Das Bühnenwerk gilt als lustiger Stimmungsmacher und Garant für kurzweilige Unterhaltung mit Lizenz für Partystimmung. Was diese Aspekte angeht, enttäuscht auch Ulrich Wiggers‘ Inszenierung auf der Freilichtbühne Tecklenburg keineswegs: Es wird zu den Songs von „What’s Love Got To Do With It“ und „It’s Raining Men“ über „Venus“ und „I Will Survive“ bis zu „Girls Just Wanna Have Fun“ und „Hot Stuff“ im Publikum geklatscht, aufgestanden, geschunkelt und gefeiert. Doch Wiggers implementiert eine anrührende, authentische Menschlichkeit und Tiefe in seine Version von „Priscilla“, die durch charakterfokussierte Regie ermöglicht wird. Seine ProtagonistInnen erhalten den Raum zu Ausdruck und Entfaltung, wodurch sie zu greifbaren Figuren reifen, die sich die Waagschale mit der seichten Feierstimmung der Songs halten.

Das fantasievolle Bühnenbild von Jens Janke verbindet Symbole und Schauplätze miteinander: Zu sehen sind eine Wüstenlandschaft und der Ayers Rock, bestehend aus großen Kussmündern und flankiert von Genderzeichen, die wie große Tore und Rahmen für das Ensemble die Ein- und Ausgänge der Szenen ermöglichen. Auf der linken Bühnenseite befindet sich ein Raum, der abwechselnd als Kneipe und Bar der unterschiedlichen Ortschaften dient, welche die Queens durchqueren, und gegen Ende des Stücks zum Schlafzimmer von Ticks Sohn Benji wird. Der Star unter Jankes Bühnenteilen ist der große, liebevoll gestaltete Bus, der aus drei schiebbaren, zu einer Seite geöffneten Elementen besteht. Durch Verschieben und Drehen des Busses werden immer neue, dynamische Perspektiven eröffnet. Der Blick ins Innere lohnt sich: Ein quietschbunter Flitter-Wohlfühlort, in dem die drei Hauptfiguren ihren Safe Space haben – schlafen, sich umkleiden, streiten, scherzen und schwelgen. Wie von Geisterhand erscheint eine Schmähschrift, nachdem die Performer in einem Hinterwäldler-Club aufgetreten sind, und ebenso schnell verschwindet sie wieder durch den beherzten Anstrich, wodurch „Priscilla“ in rosa-lila neu erstrahlt. Fabienne Anks fantastisches Kostümbild ist ein weiterer visueller Höhepunkt dieser Inszenierung: Inspiriert von großen Fashionistas sowie der klassischen Crossdresser-Kultur à la „Paris is burning“ bis hin zu kontemporären Drag-Einflüssen aus „RuPaul’s Drag Race“ bedient sie sich der bunten Welt der ‚Female Impersonation‘ und vereint mit schier grenzenloser Kreativität geschmackvolle Haute-Couture-Elemente mit Upcycling-Stücken und herrlich schamlosen wie verruchten Fummeln, wobei Glitter und Flitter nie weit entfernt sind. Jedes Kleid ist hoch-individuell gestaltet und scheint eine eigene Geschichte zu vermitteln, ohne den in der Drag-Kultur fast lebensnotwendigen ‚Camp‘-Faktor jemals außer Acht zu lassen.

Highlight Nummer drei kommt in Gestalt der funkensprühend energetischen Choreographien von Francesc Abós mit in das kunterbunte Potpourri. Auf allerhöchstem Niveau konzipiert Abós tänzerische Abläufe, die sämtliche in der LGBTQ- und Ballroom-Szene relevanten Tanzstile mit Revue-Elementen und Country-Dance verbinden und dieser Inszenierung eine ganz eigene performative Sprache verleihen. Die großen Gruppennummern strotzen vor Schnelligkeit, Dynamik und Energie. Wenn das fast 50-köpfige Ensemble zusammen über die Bühne wirbelt und die etwa 20 Profi-TänzerInnen richtig in Fahrt kommen, werden große Tanzmomente geschaffen, die in Erinnerung bleiben.

Perfekte Licht- und Tontechnik setzen die kurzweilige Geschichte in den immer richtigen Rahmen, und das 18-köpfige Orchester unter Giorgio Radoja brilliert mit Wucht und Wumms in den Songs zwischen Rock, Discosound und Ballade – zurecht werden die MusikerInnen am Ende des Stückes vom Publikum frenetisch gefeiert.

Das tanz- und ausdrucksstarke Ensemble ist sexy, lustig, fetzig und erstrahlt in allen Gruppennummern mit performativer Exzellenz. Gülfidan Söylemez als Ticks Ehefrau Marion und Esther Larissa Lach als verruchte Bardame Shirley schaffen es, ihren kleinen Parts Authentizität und starke Stimmen zu verpassen. Nicolai Schwab gefällt nicht nur in den Tanzparts, sondern auch in einer Rückblende als junge Bernadette. Giulia Fabris entlockt dem Publikum Lachtränen als italienische, hyperaktive Cynthia mit dem durchaus außergewöhnlichen Talent, Tischtennisbälle aus ihrem Unterleib zu schießen – und ganz nebenbei singt Fabris auch noch toll! Michael B. Sattler ist als Miss Verständnis die perfekte Drag Queen und Show Host am Anfang des Stücks und beweist große Impersonation-Skills in der Rubrik „Tina Turner“. Die drei stimmgewaltigen und ’sassy‘ Diven, die als innere Stimmen der ProtagonistInnen auftreten, generieren ein gesangliches Highlight nach dem nächsten – Amber Schoop, Rachel Marshall und Bettina Meske verkörpern dieses omnipräsente Trio. Benjamin Eberling berührt als Bob, dessen Bewunderung für Bernadette profund und losgelöst von sämtlichen Oberflächlichkeiten oder Geschlechtergrenzen erstrahlt – eine wunderbare Message, die Eberling durch Wiggers‘ gezielte Figurenregie in diese Inszenierung einbringen kann.

Karsten Kenzel berührt als Tick in seinem Zwiespalt zwischen Vaterpflicht und Selbstverwirklichung und hadert immer wieder mit seinem eigenen Weltbild. Seine authentisch interpretierte Selbstfindungsreise begleitet das Publikum gerne – Kenzels Szenen gehören zu den wichtigsten und anrührendsten der Inszenierung. Tobias Bieri zeichnet seinen Adam leidenschaftlich, Grenzen suchend und zerbrechlich. Mit großer Stimme und dem gezielten Spiel mit männlichem und weiblichem Sexappeal sprengt er die Gendergrenzen auf der Bühne. Als seine Suche nach einem Abenteuer in „Hot Stuff“ allmählich zu einem gefährlichen Spiel mit dem Feuer wird und er gebrochen zurück bleibt, entsteht ein tiefgründiger Moment zwischen Adam und Bernadette, der zu Herzen geht. Mit einem hochdramatischen und perfekt dargebotenen Solo gelingt es Bieris Figur, seinen Traum, auf dem Uluru einen Song zu schmettern, zu erfüllen. Unter den DarstellerInnen ist Gerben Grimmius als Bernadette die große Krönung der Inszenierung. Seine Bernadette ist die Grande Dame des Abends, die mit exaltierten Gesten nicht nur den perfekten Lipsynch, die Hochkunst des Drag, darzubieten weiß, sondern auch mit wunderbar großer Stimme selbst performen kann. Er schafft den Spagat zwischen anrührender, verletzlicher Menschlichkeit und sehnsuchtsvollen Träumereien sowie der unnahbaren, überlebensgroßen Diva à la Liza Minnelli, Shirley Bassey und Norma Desmond, der Bewunderung von allen Seiten entgegengebracht wird. In bester Drag-Tradition wirft sie selbstbewusst „Shade“ und „Reads“ auf ihre Widersacher, um im nächsten Moment mit ihren Selbstzweifeln und Unsicherheiten als Trans-Frau in einer ihr gegenüber feindlich gesinnten Welt zu hadern. Ihre Retrospektive zu glorreicheren Zeiten ist genau so emotional berührend wie ihr teils zaghafter Weg zur Liebe: Grimmius ist die Bernadette wie auf den Leib geschneidert – eine Darbietung, die in Erinnerung bleibt. Beschwingt und singend verlässt das Publikum die Freilichtbühne, und auch das eine oder andere angeregte Gespräch über Offenheit und Akzeptanz ist auf dem Weg durch das verschlafene Tecklenburg zu vernehmen. Also: Alles richtig gemacht!

 
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KREATIVTEAM
RegieUlrich Wiggers
Musikalische LeitungGiorgio Radoja
ChoreographieFrancesc Abós
BühnenbildJens Janke
KostümbildFabienne Ank
 
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CAST (AKTUELL)
TickAdrian Becker
Karsten Kenzel [21.06., 22.06.]
BernadetteGerben Grimmius
AdamTobias Bieri
BobBenjamin Eberling
DivenRachel Marshall
Bettina Meske
Amber Schoop
MarionGülfidan Söylemez
Miss UnderstandingMichael B. Sattler
JimmyTil Ormeloh
FrankMathias Meffert
CynthiaGiulia Fabris
ShirleyEsther Larissa Lach
junge BernadetteNicolai Schwab
EnsembleJan Altenbockum
Lorenzo Eccher
Tim Grimme
Mathias Meffert
Hector Mitchell-Turner
Til Ormeloh
Niklas Roling
Christian Rosprim
Michael B. Sattler
Nicolai Schwab
Oriol Tula
Laura Araiza Inasaridse
Nadine Baas
Giulia Fabris
Elena Franke
Bernadette Fröhlich
Caroline Hat
Annika Hagen
Gioia Heid
Esther Larissa Lach
Hannah Miele
Gülfidan Söylemez
Franziska Wagner
mitChor
Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 20.06.2025 20:00Freilichtspiele, TecklenburgPremiere
Sa, 21.06.2025 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
So, 22.06.2025 19:00Freilichtspiele, Tecklenburg
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