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„Der Mann von La Mancha“ gibt sich in dieser Spielzeit im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen die Ehre. Die Inszenierung mit ihrer düsteren Gefängnis-Optik scheint optisch gut ins triste Gelsenkirchen und das verstaubte Ruhrgebiet hineinzupassen. Die musikalische Umsetzung kann sich hören lassen, sodass das Publikum eine phantastische Reise in Cervantes Phantasiewelt unternimmt.
Miguel de Cervantes, Autor des Don Quijotes, fällt mit seinem Assistenten Sancho in Ungnade, als er als Steuereintreiber die Kirche zur Kasse bittet und schließlich Pfändungen verhängt. Vor dem Scheingericht seiner Mitgefangenen hat er sich nun zu behaupten und nutzt dafür die Gelegenheit, sie zu einem gemeinsamen Theaterspiel einzuladen und in die Traumwelt seiner Figur Don Quijote abzutauchen. Dieser zieht nämlich eine gezielte Realitätsflucht dem bloßen Ertragen der Wirklichkeit bewusst vor. Das schafft einige Irritationen bei den weiteren Insassen wie auch beim Publikum.
Carsten Kirchmeier spielt in seiner Inszenierung mit der krassen Ambivalenz der Traumwelt Miguel de Cervantes und der rohen Wirklichkeit dessen Gefangenschaft, die symbolisch für das ‚wahre Leben‘ in der Gesellschaft steht. Die Optik des Stückes präsentiert – der Behauptung Cervantes entsprechend – überaus anschaulich eine ausgesprochen schäbige, kalte Realität, während die musikalische Umsetzung nicht zuletzt durch tolle Bühnendarsteller und -darstellerinnen sowie ihrer Interpretationen der Songs aus der Feder Mitch Leighs ihr Publikum bezaubert. Die erträumte Realität des Don Quijote als fahrender Ritter lässt ihn in seinem augenscheinlichen Wahn zunächst einer traurigen Gestalt nahekommen. Dennoch verzaubert seine eigene Phantasie nicht nur ihn selbst, etwa durch seine Verliebtheit in Aldonza, die für ihn keine Geringere als die Edeldame Dulcinea ist. Auch das Publikum lässt sich emotional von der verspielten Träumerei berühren.
Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Mateo Penaloza Cecconi und Askan Geisler begleitet das Ensemble. Die jeweilige Stimmung der Lieder aufgreifend, spielen die Musikerinnen und Musiker neben überwiegend sinfonischen Passagen und Liedern treffend spanische Folklore und Bolero-Rhythmen auf.
Das Bühnenbild von Kathrin Hieronimus ist schlicht gehalten. Gar so trostlos wirkt die Kulisse aus Gefängnisgittern, die je nach Szene den Aufenthaltsraum des Gefängnisses bzw. die in der Erzählung Don Quijotes zu verortende Gaststätte darstellt. Unterschiedliche Untergründe schaffen Ebenen, die die Darsteller gezielt voneinander abtrennen: So agieren die Neuankömmlinge Cervantes und Sancho auf der einen, die bereits aufeinander eingespielten Insassen auf der anderen Seite. Eine dieser Ebenen ragt über den Orchestergraben, der Treffpunkt für Aldonza und Sancho wird, als dieser ihr das Sendschreiben Don Quijotes vorträgt. Hier scheinen sich Traum und Wirklichkeit für einen Moment zu verbinden.
Weitere Requisiten sind sehr zweckmäßig einem veralteten Gefängnis nachempfunden. Diese nutzen die Insassen, um die Handlung um Don Quijote zu erzählen. Die improvisierte Ritterrüstung aus Kochtopf, alten Lappen und einem abgenutzten Mopp erinnern an ein naives Kinderspiel. Beim Zuschauer ist die Phantasie gefragt.
Bei aller Tristesse ist die Ausstattung sehr treffend gewählt, da sie das Abbild des Gefängnisalltags darstellt. Der Träumer Cervantes leitet glaubhaft seine Mitinsassen wie auch das Publikum an, die Dinge anders zu sehen und ihrem Zweck zu entfremden um sich somit eine eigene Wirklichkeit zu erschaffen.
Die Kostüme von Katharina Beth sind gleichsam der Realität heutiger Gefängnis-Kleidung nachempfunden: Die Insassen sind allesamt in greige Overalls gekleidet. Die strafenden Wachmänner sind wie heutige amerikanische Cops in blauschwarze Uniformen gekleidet und mit Moosgummi-Schlagstöcken ausgestattet.
Beeindruckend sind die von Tenald Zace durchchoreographierten Kampfszenen, bei denen sich der Hauptdarsteller Philipp Kranjc bei den Proben eine heftige Rippenverletzung zugezogen habe, wie der Zuschauer vor Beginn der Vorstellung informiert wird. Kranjc lässt sich davon jedoch nicht viel anmerken.
Sowohl als Cervantes in der Rahmenhandlung wie auch als Don Quijote wirkt Kranjc ausgesprochen würdevoll in seinem Auftreten ohne dabei steif daherzukommen. Stimmlich überzeugt er mit einer besonderen Klarheit und Emotionalität in der Stimme. Auch seine schrägen Ansichten als vermeintlicher Ritter, der ernsthaft gegen Windmühlen kämpft, da er diese als böse Monster wähnt, trägt er voller Überzeugung vor („Er träumt den unmöglichen Traum“). Wahrhaft ritterlich ist seine Haltung gegenüber jedermann – in der Rolle der Rahmenhandlung gegenüber seinen Mithäftlingen als auch in Cervantes Traumwelt, insbesondere gegenüber der von ihm umworbenen ‚Dulcinea‘.
Der quirlige Benjamin Lee stellt den Gehilfen Cervantes bzw. Don Quijotes mit viel Charme und Witz dar. Stets loyal seinem Herren gegenüber, versucht er diesen zu beschützen – vor allem vor seinen Mitstreitern und Gegenspielern. Große Spielfreude und Einsatz zeigt Lee insbesondere in den Kampfszenen.
Elisabeth Hübert verzaubert als Aldonza bzw. Don Quijotes Edelfrau Dulcinea das Publikum mit ihrer entwaffnenden Art, wie sie nur gefallene Kinder haben. So sieht der Zuschauer in ihr den Inbegriff dessen, der es rechtfertigt, sich der eigenen Realität zu entziehen: Nachdem sie als ausgesetztes Kind auf die schiefe Bahn geraten war, war ihre Existenz stets ein Kampf ums Überleben. Die schönen Seiten des Lebens, dass ein Mann sie begehren könnte ohne sie einfach nur flachlegen zu wollen, verfehlen ihre Lebenserfahrungen und -wirklichkeit. So berührt Hübert tief mit ihrer Interpretation von „Was will er bloß von mir“.
Das zwölfköpfige Ensemble ist gut aufeinander eingespielt – auch wenn es zu Beginn der Rahmenhandlung glaubhaft noch vom Gegenteil überzeugen will. Allen voran sticht Anke Sieloff als Gouverneur bzw. Wirtin und Haushälterin aus dem weiteren Cast in ihrer Klarheit in Ausdruck, Auftritt und Treffsicherheit der Töne besonders heraus.
Wer bereit ist, hinter die Fassaden der Kulissen zu blicken, wird sich von diesem „Mann von La Mancha“ berühren lassen und sich selbst wie seinen Mitmenschen die gelegentliche Flucht vor der schnöden Realität in Tagträume von Herzen gönnen.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Mateo Peñaloza Cecconi Askan Geisler |
| Inszenierung | Carsten Kirchmeier |
| Choreographie | Tenald Zace |
| Bühne | Katrin Hieronimus |
| Kostüme | Katharina Beth |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Miguel de Cervantes (Don Quixote) | Philipp Kranjc |
| Diener (Sancho) | Benjamin Lee |
| Aldonza | Elisabeth Hübert |
| Padre / Maultiertreiber | Björn Christian Kuhn Adam Temple-Smith |
| Gouverneur (Wirtin/Haushälterin) | Anke Sieloff |
| Herzog (Dr. Carrasco) | Sebastian Seitz |
| Barbier / Maultiertreiber | Nikko Forteza |
| Antonia | Marie Ploner |
| Wirt | Urban Malmberg |
| Maultiertreiber | Maksim Andreenkov Robert Brouwer Byungsun Kang |
| Orchester | Neue Philharmonie Westfalen |
| Komparsen | MiR Statisterie |
| Chor | MiR Opernensemble |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| 29.03.2025 - 05.07.2025 | MiR (Großes Haus), Gelsenkirchen | 10 x |
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