Studiengangsleiterin Prof. Marianne Larsen und Künstlerische Produktionsleiterin Agnes Wiener © Bayerische Theaterakademie August Everding
Studiengangsleiterin Prof. Marianne Larsen und Künstlerische Produktionsleiterin Agnes Wiener © Bayerische Theaterakademie August Everding

NEUES FEATURE
"Vielleicht ist es sogar schön, sich einfach mal treiben zu lassen." – Marianne Larsen und Agnes Wiener im Interview

Die Bayerische Theaterakademie August Everding zählt zu den renommiertesten Ausbildungsstätten für darstellende Künste im deutschsprachigen Raum. Jedes Jahr erarbeiten die Studierenden gemeinsam mit erfahrenen Kreativteams eine Musicalproduktion, die zugleich Abschlussprojekt und professioneller Theaterabend ist. Welche Produktion in diesem Herbst im Münchner Prinzregententheater auf die Bühne kommt, verraten Studiengangsleiterin Prof. Marianne Larsen und Künstlerische Produktionsleiterin Agnes Wiener gleich zu Beginn unseres Gesprächs, in dem wir außerdem über die besonderen Herausforderungen einer Hochschulproduktion sowie den künstlerischen Anspruch und die Faszination zeitgenössischen Musiktheaters sprechen.

Szenenfoto aus „The Addams Family“ Abschlussproduktion 2025: Tillmann Schmuhl (Onkel Fester) mit „den Ahnen“
© Lioba Schöneck

Wenn wir den Schleier zu Beginn unseres Gesprächs direkt lüften: Welches Stück bringen die Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding in diesem Jahr auf die Bühne, und warum fiel die Wahl genau auf dieses Werk?

Marianne Larsen: Wir werden im November 2026 die deutsche Erstaufführung von Dave Malloys „Natascha, Pierre und der große Komet von 1812“ auf die Bühne des Prinzregententheaters bringen. Der entscheidende Funke war zunächst ein sehr pragmatischer und das klingt vielleicht weniger ‚idealistisch‘, als man es erwarten würde: Als Ausbildungsinstitution suchen wir Stücke, die unseren Studierenden ermöglichen, sich in für sie passenden Rollen in einem professionellen Kontext zu präsentieren. Für unsere jetzigen Masterstudierenden ist dieses Stück von den Rollentypen und Stimmfächern her sehr passend. Zwei weitere Jahrgänge, zweiter und dritter Jahrgang Bachelor, legen mit dieser Produktion ebenso Abschlussprüfungen ab. Deswegen haben wir diesen Luxus gar nicht, ein Stück nach unserem Geschmack oder gar einer inhaltlichen Setzung zu wählen, sondern suchen gemeinsam mit unseren Studierenden das für sie passende Stück aus. In diesem Fall trifft es sich ganz gut: das Stück gefällt UND es passt!

Nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Linz holt ihr nun die deutsche Erstaufführung nach München. Wie groß ist die Vorfreude – aber vielleicht auch der Respekt –, diesem musikalisch und inszenatorisch so außergewöhnlichen Stück hierzulande ein ganz eigenes, neues Gesicht zu geben?

Agnes Wiener: Die Vorfreude ist sehr groß und der Respekt ebenso. Werke, die auf literarischen Vorlagen basieren, gewinnen oft dann, wenn man sie nicht nur nacherzählt, sondern aus einer heutigen Perspektive neu befragt. Dave Malloy hat Tolstois Vorlage ja bereits sehr Musiktheater-wirksam überschrieben. Wir gehen nun der Frage nach, was dieses Stück hier, mit unseren jungen Künstlerinnen und Künstlern in unserer Gegenwart erzählen kann. In einer Zeit, in der an vielen Orten der Welt Krieg herrscht und politische Spannungen spürbar sind, bekommt die Frage nach Sicherheit und Orientierung innerhalb einer brüchigen Welt eine besondere Bedeutung. Das Stück erzählt ja nicht den Krieg selbst, sondern von Menschen, die in einer unsicheren Zeit nach Liebe und Sinn suchen. Genau darin liegt für uns die Aktualität.

Szenenfoto aus „Mozart!“, Abschlussproduktion 2024: Ensemble © Lioba Schöneck

Dave Malloy bricht in „Der große Komet“ radikal mit klassischen Musical-Strukturen. Es ist durchkomponiert, mischt russische Folk-Klänge mit Elektro-Pop und Techno. Wie nähert man sich konzeptionell einem Werk, das sich so vehement weigert, in eine Schublade zu passen?

Agnes Wiener: Wir finden die Bezeichnung des Stücks als „Elektro-Pop-Oper“ sehr passend – auch, weil sie das Wort „Musical“ zunächst vermeidet. In Deutschland ist an dem Begriff „Musical“ oft noch die Erwartung gebunden, dass ein Abend besonders bunt und unterhaltsam wird. Dieses Stück ist auf seine Weise genau das auch, aber eben nicht im herkömmlichen Sinn.

Marianne Larsen:„Natascha, Pierre und der große Komet von 1812“ spielt zwar einerseits auch bewusst mit der Form eines gängigen Musicals und kann auch mit witzigen Momenten und großen Tanznummern aufwarten, doch andererseits geht Malloy kompositorisch ganz neue Wege und nimmt Einflüsse beispielsweise aus Techno, Pop oder auch Folk auf. Diese moderne musikalische Erzählweise hat auch die Studierenden sehr angesprochen.

Das Stück basiert auf einem knapp 70-seitigen Ausschnitt aus Leo Tolstois „Krieg und Frieden“. Im Eröffnungssong heißt es selbstironisch: „It’s a complicated Russian novel, everyone’s got nine different names“. Wie stellt ihr sicher, dass das Publikum den emotionalen roten Faden behält, ohne vorher Weltliteratur studiert zu haben?

Agnes Wiener: Wir glauben, man darf dem Publikum tatsächlich zumuten, dass es nicht in jedem Moment alles sofort verstehen muss. Gerade bei einem Stück wie „Natascha, Pierre und der große Komet von 1812 gehört eine gewisse Überforderung fast zum Erlebnis dazu.

Marianne Larsen: Man muss nicht jeden Namen abspeichern und jede Handlungsebene sofort entschlüsseln. Der emotionale Zustand der Figuren trägt das Publikum durch den Abend. Dieses Stück ist überwältigend, verwirrend und reißt in einen musikalischen und emotionalen Sog hinein. Vielleicht ist es sogar schön, sich einfach mal treiben zu lassen.

Szenenfoto aus „Once Upon a Matress“, Abschlussproduktion 2023: Mats Visser (Prinz), Tim Morsbach (Königin) © Lioba Schoeneck

Am Broadway lebte die Inszenierung von der extremen Immersion – das Ensemble spielte im gesamten Zuschauerraum, das Publikum saß quasi an Bartischen auf der Bühne. Welchen Raumklang und welches visuelle Konzept habt ihr für München im Sinn?

Marianne Larsen: Wir spielen in München in einem eher klassischen Guckkastenraum, sind aber überzeugt, dass sich das Publikum durch die mitreißende Musik und die szenische Verdichtung der Erzählung in die Handlung hineingezogen fühlt.

Agnes Wiener: Alleine der pompöse Zuschauerraum des Prinzregententheaters hat schon eine gewisse theatrale Wirkung. Unsere Bühnenbildnerin und Videodesignerin Ayşe Gülsüm Özel hat hingegen bewusst einen visuellen Kontrast zur Broadway-Ästhetik gewählt und dennoch spielt das Stück immer noch im Russland des 19. Jahrhunderts.

Malloy verlangt den Darstellerinnen und Darstellern oft ab, selbst Instrumente auf der Bühne zu spielen (Akkordeon, Gitarre, Violine). Inwieweit fordert dieses Stück die Studierenden auf völlig neuen Ebenen heraus, die über das klassische „Acting-Singing-Dancing“ hinausgehen?

Marianne Larsen: Das Stück erweitert die Anforderungen an die Darstellenden tatsächlich deutlich. Unsere Studierenden singen, spielen, tanzen und musizieren nun auch selbst auf der Bühne. Wir haben einige sehr talentierte Instrumentalistinnen und Instrumentalisten in unserem Studiengang, deren Fähigkeiten nun als die sogenannten „Roving Instruments“ Teil der Inszenierung werden. Gerade weil viele zeitgenössische Produktionen mit „Actor-Musicians“ arbeiten, zum Beispiel „Once“, „The Curious Case of Benjamin Button“, „Amélie“ oder „The Band’s Visit“, ist es für uns sehr wertvoll, auch diesen Bereich in unserer Ausbildung zu fördern.

Wenn man ein Stück mit jungen Talenten entwickelt, die kurz vor dem Sprung in die Profi-Welt stehen: Wie viel Raum gibt es in der Probenarbeit für eigene Impulse und Co-Kreation der Studierenden?

Szenenfoto aus „American Idiot“, Abschlussproduktion 2019: Edward R. Serban (Johnny), Alexander Sichel (Will), Ensemble © Lioba Schöneck

Marianne Larsen: Wie in jeder Produktion sind bei uns die persönlichen Impulse natürlich höchst willkommen. Unser Regisseur Philipp Moschitz ist erfahrungsgemäß sehr offen für den Diskurs mit Darstellenden.

Aus produktionsleiterischer Sicht: Dieses Stück ist ein logistisches Monster, was das Zusammenspiel von Cast, Musik und Raum angeht. Wie unterscheidet sich die Organisation und Budgetierung eines so experimentellen, zeitgenössischen Stoffs von den traditionelleren Musical-Produktionen, die man sonst oft an Akademien sieht?

Agnes Wiener: Die größte Herausforderung für uns ist tatsächlich das Zusammenspiel aller Elemente, weil sehr viele Gewerke früh miteinander verzahnt werden müssen. Wo auch wir selbst Jahr für Jahr auf bekannte Erfahrungswerte und Abläufe in Musicalproduktionen zurückgreifen können, müssen bei „Natascha, Pierre und der große Komet von 1812″viele neue Lösungen eigens für diese Produktion entwickelt werden.

Marianne Larsen: Da das Team diesmal quasi ‚Familie‘ ist – wir arbeiten schon zum wiederholten Male zusammen mit dem Musikalischen Leiter Andreas Kowalewitz, dem Team um Regisseur Philipp Moschitz und Agnes Wiener…

Agnes Wiener: …und natürlich Marianne Larsen…

Marianne Larsen: …profitieren wir davon, dass die Kommunikationswege kurz, kreativ und zugewandt sind.

Agnes Wiener: Diese besonderen Produktionsprozesse für das Stück betreffen zum Beispiel die musikalische Einrichtung, die technische Planung oder auch die Organisation zusätzlicher Probenformate für die „Roving Instruments“. Man braucht mehr Entwicklungszeit und frühe Abstimmungen zwischen Regie, musikalischer Leitung, Choreografie, Bühne, Kostüm und Technik. Budgetär bedeutet das nicht automatisch, dass alles größer oder teurer sein muss, aber die Mittel müssen anders eingesetzt werden. Statt nur in Ausstattung im klassischen Sinn zu investieren, geht es auch verstärkt um die Weiterentwicklung von Produktionsprozessen und neuen Möglichkeiten einer technischen Umsetzung bei uns an der Theaterakademie. Man investiert also auch in die Produktionsbedingungen, die uns dann auch für Produktionen in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen werden.

Szenenfoto aus „Twelfth Night“, Abschlussproduktion 2022: Ensemble © Lioba Schoeneck

Wenn wir alles weglassen – den Pop, den Elektro, die Ausstattung –, was ist für euch der emotionale Kern dieser Geschichte, den das Münchner Publikum unbedingt mit nach Hause nehmen soll?

Agnes Wiener: Im Kern erzählt das Stück von Menschen, die nach Liebe und einem Lebenssinn suchen und dabei Fehler machen. Doch das Stück ist sehr menschlich und verurteilt seine Figuren nicht. Es zeigt, wie verletzlich Menschen sind, wenn sie lieben wollen oder den eigenen Platz im Leben nicht finden. Und selbst nach dem Scheitern kann der Moment kommen, in dem man sich selbst, die anderen und vielleicht auch die Welt wieder klarer sieht.

Marianne Larsen: Die Münchner dürfen in ein ‚Spektakel‘ eintauchen und theatralisch und musikalisch ein ungewöhnliches Musical-Erlebnis mit nach Hause nehmen.

Zum Abschluss: Wenn ihr die Produktion in drei Schlagworten beschreiben müsstet, welche wären das?

Agnes Wiener: Kometenhaft. Vielstimmig. Menschlich.

Marianne Larsen:
Sinnlich. Aufwühlend. Innovativ. 

Vielen Dank für Eure Zeit und das spannende Gespräch. Wir wünschen der gesamten Produktion eine erfolgreiche Probenzeit und eine gelungene Premiere. Dass die Aufführung kometenhaft, vielstimmig, menschlich, sinnlich, aufwühlend und innovativ wird, daran lassen eure Antworten kaum Zweifel. Wir sind gespannt auf das Ergebnis – und werden natürlich selbst im Prinzregententheater dabei sein.

Alle Infos zur Inszenierung von „Natascha, Pierre und der große Komet von 1812“ der Bayersichen Theaterakademie August Everding im Prinzregentheater München findet ihr in unserem Datenbankeintrag.

 
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