Peter Lesiak (Buddy Plummer), Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Peter Lesiak (Buddy Plummer), Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Follies (2025)
Volksoper, Wien

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Die Volksoper muss einem Parkhaus weichen und soll abgerissen werden. Der frühere Intendant Dimitri Weisman lädt seine ehemaligen Stars und Sternchen zu einer Abschiedsparty ein. Doch statt wie in der Vorlage im Jahr 1971, befinden wir uns im Jahr 2055. Martin G. Berger holt in seiner Inszenierung die Handlung aus der Nostalgie-Ecke und lässt sie schlüssig ohne Science-Fiction-Mätzchen im Wien der Zukunft spielen. Dabei zeichnet er kein sehr angenehmes Bild von dem, was in Österreich und der Welt zwischen 2025 und 2055 geschieht.

Das tut Berger nicht penetrant, sondern durch beiläufig hingeworfene Informationen. „Sie“ haben das Theater schon vor längerer Zeit geschlossen – die Nationalkonservativen , die mit Kultur nicht viel am Hut haben, sind an die Macht gekommen. „Sie“ haben auch Ausländer des Landes verwiesen, wie etwa Ibrahim, den Partner des ehemaligen Ensemblemitglieds Stella Deems, dem sie ins Ausland gefolgt ist und bei ihrer Rückkehr feststellen muss, dass „die Braunen“ immer noch da sind. Es hat auch einen Krieg gegeben, in dem Theodore Whitman, Teil eines Tanzduos, kämpfen musste. Durch kleine Textänderungen und Nutzung von Dialekt, wirkt die Verortung in Wien nicht aufgesetzt, sondern authentisch.

Grundlage für die Volksoper-Produktion ist Bergers Inszenierung an der Staatsoperette Dresden 2019. Dort war sie gemäß der Vorlage ein Blick von „heute“ auf „früher“, allerdings nicht von 1971 in das US-Revuetheater 1941, sondern von 2019 ins DDR-Unterhaltungstheater. In Wien blickt er aus der Zukunft ins „Jetzt“.

Der Einstieg in die Handlung kann verwirren. Die ehemaligen Showgirls erscheinen mit ihren Alter Egos von 2025. Manche bekommen sie nur an die Seite gestellt, manche werden im Lauf des Abends mit ihnen interagieren. Berger findet einen fabelhaften Weg, die Figuren zu verbinden, und die verschiedenen Zeitebenen nachvollziehbar zu machen, selbst wenn sie in Szenen parallel ablaufen. Das gelingt ihm durch Alex Broks Lichtsetzung, Positionierung der Charaktere auf der Bühne und Videoprojektionen.

Neun ehemalige Ensemblemitglieder treffen sich, doch nur zwei und deren Ehemänner stehen im Mittelpunkt der Handlung. Die vier treffen hier zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder aufeinander. 2025 waren Sally (Juliette Khalil) und Phyllis (Teresa Jentsch) beste Freundinnen, bis Phyllis unverhofft mit Sallys Freund Ben (Oliver Liebl) durchbrannte. Daraufhin heiratete sie dessen Kumpel Buddy (Samuel Türksoy). Doch keiner von ihnen ist wirklich glücklich. Außerdem steht weiterhin im Raum, ob sich Sally und Ben nicht doch noch lieben. Phyllis führt 2055 zwar das mondäne Leben einer Diplomatengattin, hat im Laufe der Jahre aber eine Mauer aus Sarkasmus um sich aufgebaut. Bettina Mönch zeigt die Risse in der Mauer ihrer Figur; die in ätzenden Humor verpackte Sehnsucht danach, Emotion zu zeigen, wieder eine Verbindung zu ihrem Mann zu bekommen. Dieser Mann, Ben, wird von Drew Sarich als nach außen glatter Diplomat gezeichnet. Auch er leidet unter der Emotionslosigkeit, auch er schafft es nicht, sich seiner Frau gegenüber zu öffnen. Sally und Buddy dagegen führen ein einfaches Mittelstandsleben. Doch auch sie sind nicht glücklich. Peter Lesiaks Buddy ist anzusehen, wie sehr er Sally liebt. Trotzdem hat er, ein Handelsreisender für einen Ölkonzern, mit einer anderen Frau eine Parallelbeziehung aufgebaut. Lesiak lebt Buddys Zerrissenheit und Schmerz durch körperliche Aktivität aus; ein herzzerreißendes Tanzen, Springen, Hüpfen, Fallen. Sally, die etwas weltfremde Hausfrau, die, nachdem die beiden Söhne ausgezogen sind, keine Beschäftigung mehr hat, wird von Ruth Brauer-Kvam etwas zu naiv dargestellt. Doch wenn sie sich freut, ihre Ex-Kolleginnen wiederzusehen und auf einer Bühne zu stehen, strahlt sie eine ansteckende warme Fröhlichkeit aus und später eine abgrundtiefe Trauer.

Auch die anderen Weisman-Girls haben ihre Aufs und Abs hinter sich. Jede von ihnen bekommt einen eigenen Auftritt, mal kleiner, mal größer, in dem die Bühne ganz ihr gehört. Diese Songs sind mal losgelöst von der Handlung, mal kommentieren sie. Die Grundthemen sind: Verklärung der „guten alten Zeit“, Umgang mit Lebenslügen, Angst vor dem Altern. Stephen Sondheim bedient sich nahezu in jedem Song eines anderen Stils. Es gibt die große Broadway-Nummer für Hattie (Julia Koci, die sogar Rad schlägt), ein altmodisches Duett für das Tanzpaar Emily (Marie Christine Zeisset, die auch für die grandiosen Choreografien verantwortlich ist) und Theodore (Robin Poell), eine temperamentvolle französische Nummer für Solange (Martina Dorak, die dabei immer wieder in klassischen Gesang wechselt, was das Lied etwas unrund wirken lässt), eine große Steppnummer für Stella (Stefanie Dietrich), bei der sich alle anschließen müssen und eine fantastische Chorus Line bilden, und einen klassischen, melancholischen Operettenwalzer für Heidi (Ulrike Steinsky), den sie zusammen mit ihrem führeren Ich (Alexandra Flood) singt. Mit Carlottas Solo „Bin noch hier“ setzt Sona MacDonald einen fulminanten Schlusspunkt vor der Pause. Alle Darstellerinnen und Darsteller formen, selbst wenn sie nur wenige Sätze haben, Charaktere, glaubhafte Figuren, über deren Pointen man lacht und mit denen man fühlt.

Im Original ist die Pause erst nach „Zu viele Morgen“, dem eigentlichen Schluss des 1. Akts, vorgesehen. Martin G. Berger entlässt durch seine Änderung das Publikum mit einer Knallernummer in die Pause und führt mit „Zu viele Morgen“ schon in die Traumsequenz ein, die den zweiten Teil des Stücks bestimmt. Ben bittet Sally, mit ihm durchzubrennen und ihn zu heiraten. Diese Szene wird als Video eingespielt. Sie könnte also ebenso nur in Sallys Kopf ablaufen.

Der nun folgende „Loveland“-Block zeigt Fantasien der vier zentralen Figuren. Hier bringen sie Wut, Enttäuschung und ihr Innerstes zum Ausdruck. In den vorigen Rückblenden wird erwähnt, dass die vier nach den Aufführungen in die Bar ‚Eden‘ gehen. Da ist es nur logisch, dass die erste Fantasie im Garten Eden spielt. Danach entwickelt sich die „Loveland“-Sequenz zu einer Zeitreise von der Steinzeit, über das alte Rom, das 18. Jahrhundert, die 1950er Jahre bis in die Zukunft, wo Bens Zusammenbruch alle wieder in die Wirklichkeit zurückführt.

„Follies“ ist eine melancholische Abrechnung mit Träumen und den Erwartungen an die eigene Zukunft. Trotzdem birst es immer wieder vor Lebensfreude und die Energie des Ensembles beim Eintauchen in ihre Figuren reißt einfach mit. Zwar verweigert das Buch einen stringenten Handlungsverlauf, doch durch die Inszenierung und die Choreografien ergibt sich ein nachvollziehbarer Fluss. Sarah-Katharina Karls Bühnenbild und Alexander Djurkov Hotters Kostüme bringen den für diese Art Theater nötigen Glitzer und Glamour ins Spiel.

Auch im Orchestergraben funkelt es. Sondheims Partitur klingt unter Michael Papadopoulos mal tänzerisch leicht, mal sphärisch entrückt, und schließlich in wuchtigem Bigband-Sound.

Martin G. Berger gelingt nicht nur eine andere Sicht auf ein Stück, das Gefahr läuft, in den 1970ern stecken zu bleiben, er gibt dem Publikum auch die große Show, die es von einem Musical erwartet und seinem Ensemble nuancierte Rollen, die sie mit Hingabe zum Leben erwecken – auch wenn ganz genau genommen einige von ihnen noch zu jung für diese Rollen sind. Eine sensationelle Produktion!

 
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KREATIVTEAM
RegieMartin G. Berger
BühnenbildSarah-Katharina Karl
KostümeAlexander Djurkov Holler
SounddesignMartin Lukesch
ChoreographieMarie Christin Zeisset
VideoVincent Stefan
LichtAlex Brok
Musikalische LeitungMichael Papadopoulos
 
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CAST (AKTUELL)
Sally Durant PlummerRuth Brauer-Kvam
Benjamin StoneDrew Sarich
Phyllis Rogers StoneBettina Mönch
Buddy PlummerPeter Lesiak
Junge SallyJuliette Khalil
Junger BenOliver Liebl
Junge PhyllisLaura Magdalena Goblirsch
Junger BuddySamuel Türksoy
Carlotta CampionSona MacDonald
Stella DeemsStefanie Dietrich
Emily WhitmanMarie Christin Zeisset
Hattie WalkerJulia Koci
Theodore WhitmanRobin Poell
Solange La FitteMartina Dorak
Heidi SchillerUlrike Steinsky
Junge HeidiAlexandra Flood
Dimitri WeissmanDavid Wurawa
RoscoeAaron-Casey Gould
Junge SolangeEva Zamostny
Junge HattieAngelika Ratej
Junge CarlottaMelanie Böhm
Junge EmilyTara Randell
Junge StellaSamantha Mayer
Junger TheodoreLeon de Graaf
EnsembleWilliam Briscoe-Peake
David Eisinger
Liam Solbjerg
Leon de Graaf
Kevin Perry
Matthew Levick
Paul Csitkovics
Danilo Aiello
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Mi, 09.04.2025 10:30Volksoper, Wienöffentliche Generalprobe
Do, 10.04.2025 19:00Volksoper, WienPreview
Sa, 12.04.2025 19:00Volksoper, WienPremiere
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