Ensemble von "Alice by Heart" © Peter Emig
Ensemble von "Alice by Heart" © Peter Emig

Alice by Heart (seit 02/2026)
Wartburg, Wiesbaden

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Gerade weil die Zeit vergeht, ist sie so wertvoll: Mit „Alice by Heart“ hat Iris Limbarth eine mutige Wahl für das Junge Staatsmusical Wiesbaden getroffen, die sich auszahlt. Die Stärken ihres Ensembles und die Gegebenheiten der außergewöhnlichen Spielstätte nutzt die Regisseurin und Choreographin gewinnbringend, sodass ein berührender Musicalabend entsteht, der dem Publikum wichtige, heilsame Botschaften vergegenwärtigt.

Die junge Alice sitzt mit ihrem todkranken Freund Alfred in einem zu einem Lazarett umfunktionierten Londoner U-Bahnhof fest und harrt dort mit anderen Überlebenden des Blitzkriegs aus. Immer wieder hageln Bomben auf die britische Hauptstadt nieder, und ihr Refugium wird erschüttert. Umringt von Trauma, Angst, Leid und Tod flüchtet sich Alice mit ihrem Weggefährten in den Safe Space ihrer Kindheit: die Fantasie. Lewis Carrolls Geschichte um das Wunderland folgend, taucht Alice in das von ihr auswendig gelernte Buch über ihre bekannte Namensvetterin ein und übernimmt ihre Perspektive, während Alfred zum weißen Kaninchen wird. Die beiden stellen sich auch die anderen Menschen aus dem Bunker als skurrile Bewohner der Fantasiewelt vor: Die Raupe, die Grinsekatze, der Hutmacher, die Herzkönigin und andere Wesen des Wunderlandes kreuzen so ihren Weg. Alice selbst befindet sich im Zwiespalt: die Geschichte erleben, genießen und sich in ihr verlieren – was aber auch bedeutet, das Abenteuer irgendwann zu Ende zu führen, denn jedes Märchen endet, jedes Buch hat eine letzte Seite. Alfred, dessen irdische Tage aufgrund einer schweren Erkrankung gezählt sind, wird als immer eilendes, „keine Zeit“ habendes weißes Kaninchen zum Sinnbild für Vergänglichkeit. Alice versucht, Zeit mit ihrem Freund zu gewinnen, doch es wird deutlich: Zeit bleibt niemals stehen und kann nicht angehalten werden; Abschiede sind ein unvermeidlicher Teil des Lebens. Es gilt, das Beste aus der Zeit zu machen, die man zur Verfügung hat – im Moment zu leben und nicht vor lauter Sorge um die Zukunft die vergänglichen Minuten im Hier und Jetzt zu versäumen, denn am Ende sind die gemeinsamen Augenblicke das, was als wertvolle Erinnerungen bleibt.

Diese inspirierende Geschichte über Wachsen und Verharren, Loslassen und Festhalten, Leben und Vergehen mit Musik und Songtexten von Duncan Sheik und Steven Sater („Frühlings Erwachen“) sowie dem vielschichtigen, teils poetischen Buch von Jessie Nelson („Waitress“) ist in Deutschland noch ein Musical-Kleinod, das durch die nahbare und moderne Übersetzung von Frederike Haas besonders für junge Theatertruppen ergiebig ist. Das hat Iris Limbarth erkannt und mit „Alice by Heart“ ihre nunmehr 50. Produktion für das Junge Staatsmusical Wiesbaden zu ihrem 25-jährigen Regiejubiläum vorgelegt. Mit starker Personenführung und Charakterfokus inszeniert Limbarth die intensive Geschichte, die immer wieder zwischen exaltierter Fantasie und bleierner Realität balanciert. Sowohl das Bühnenbild von Britta Lammers als auch das Kostümkonzept von Heike Korn verbinden Wunderland mit Weltkrieg-Europa: Das Bühnenbild zeigt ein Lazarett mit Feldbetten, einem U-Bahn-Waggon und der typischen Optik der London Underground. Dieses Bild wird mit bunten Lichtakzenten, Nebelschwaden und fantasievoll gestalteten Panels immer wieder ins Wunderland verwandelt.

Schöne Einfälle der Kostümbildnerin gibt es zuhauf: Das Königspaar beispielsweise trägt Kronen, gefertigt aus Utensilien aus dem Operationssaal des Lazaretts, und auch ihre Roben scheinen an OP-Kittel angelehnt zu sein, was die realen Umstände und die Berufe der beiden Alter Egos – Krankenschwester und Notfallarzt – auch im Wunderland vergegenwärtigt. Jedes Kostüm spiegelt eindeutig die jeweilige Fantasiefigur wider, weist aber auch einzelne Elemente aus der Kriegszeit auf: Tarnumhänge, Militärstiefel, Armeehelme und Uniformen verschmelzen mit der viktorianischen Fantasieoptik.

Limbarths Choreographien greifen chamäleonartig die wechselnden Szenenstimmungen auf und erweisen sich als sehr unterschiedlich: Sie übertragen Melancholie, Bedrohlichkeit, Euphorie, Rausch und Hoffnungslosigkeit in die jeweils passende Körpersprache. Die sechsköpfige Band unter Frank Bangert spielt die eindeutig an „Spring Awakening“ erinnernden Indie-Score-Songs mit genau dem richtigen Klangbild zwischen pulsierenden, fast rebellischen Rhythmen und verträumten, wabernden und hymnischen Liedpartien und klingt dabei symbiotisch mit dem Bühnengeschehen abwechselnd üppig und bedrückend reduziert.

Die zehn jungen Ensemblemitglieder sind punktgenau besetzt und schlüpfen blitzschnell in die unterschiedlichsten Rollen. Timur Hökelekli und Sarah Zimmermann geben in perfekter Symbiose die bekanntermaßen stets bedröhnte Raupe zu „Ohne Sorgen chill’n“. Achim Ströde und Lars Hofmann als Hutmacher und Haselmaus traktieren mit pointiertem Schauspiel die arme Protagonistin bei der Teeparty in „Wir haben genug vom Alice-Spuk“, während Katharina Hoffmann als Grinsekatze die einzige mitfühlende Seele auf Alices aussichtsloser Rettungsmission ist und in den Songs „In diesem Blick“ und „Winter blüht“ gefällt.

Leonie Willms gelingt der Spagat zwischen unterkühlter, aber angesichts des Leids ihrer Schützlinge langsam auftauender Krankenschwester und der schrillen Herzkönigin mit intensivem Spiel zu „Isses nicht ein Kampf“. Jan Volpert begeistert mit ausdrucksstarkem Spiel als Alfred und beeindruckender Balance zwischen jugendlicher Energie und der Zerbrechlichkeit eines Todkranken. Sein Duett mit Alice „Doch/Noch“ berührt.

Dwayne Besiers Darbietung als exzentrische, neidzerfressene und zynische Herzogin stellt das Comedy-Highlight dieser Inszenierung dar: Mit perfekt sitzenden Manierismen zwischen Drag-Queen-Exzellenz und schriller Charakterrevue sorgt er in der Szene um seinen Song „Triff mit dein’m Flamingo“ für begeisterten Szenenapplaus. Herausragend ist auch Tim Speckhardt, der mit großer Bühnenpräsenz und starker Gesangsstimme sowohl die schrullige Schein-Schildkröte in „Dein Trauerhaus“ mit herrlich überbetonter Theatralik gibt als auch mit dem bedrohlichen Jabberwock in „Griffel Grübel Grummelei“ für Gänsehaut sorgt.

Viktoria Reese zeigt als Alice ein tiefgehendes, nuanciertes und facettenreiches emotionales Spektrum, das zu Herzen geht und dem Publikum ermöglicht, sich mit ihrer Figur und den schmerzlichen Themen auf ihrer Reise zu identifizieren. Reeses Darstellung geht unter die Haut; ihre Alice ist wie ein Gefäß für die Aussagen der Geschichte und ruft große Emotionen hervor. So kullern nicht nur bei Regisseurin Limbarth am Ende die Tränen: Diese Geschichte, obwohl oberflächlich nur eine weitere Adaption des Wunderland-Stoffes, ist in der gelungenen Wiesbadener Inszenierung ein Sinnbild für den Weg eines jeden Menschen – „Hallo zu sagen ist nicht schwer, auf Wiedersehen dagegen sehr“.

 
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KREATIVTEAM
Inszenierung und ChoreographieIris Limbarth
Musikalische LeitungFrank Bangert
BühnenbildBritta Lammers
KostümeHeike Korn
 
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CAST (AKTUELL)
Alice Spencer / AliceViktoria Reese
Anastasia Bechtold
Alfred Hallam / Weißes Kaninchen / MärzhaseJan Volpert
Jan Rieß
Krankenschwester vom roten Kreuz / Herzkönigin / Raupe / HummerLeonie Willms
Luna Lange
Dr. Blutridge / Herzkönig / Raupe / Jabberwocky / Schildkröte 1 / HummerTim Speckhardt
Tabatha / Grinsekatze / Flamingo Tanz / Jabberwocky TanzKatharina Hoffmann
Meike Roth
Harold Pudding / Hutmacher / Raupe / Schildkröte 2 / Hummer / Flamingo Tanz / Jabberwocky TanzAchim Ströde
Dodgy / Herzogin / Raupe / Hummer / Schildkröte 4 / Jabberwocky TanzDwayne Besier
Clarissa / Karo Königin / Raupe 2 / Schildkröte 3 / Hummer / Flamingo Tanz / Jabberwocky TanzSarah Zimmermann
Linda Sandretto
Nigel / Maus / Raupe / Kreuzbube / Schildkröte / Hummer / Flamingo Tanz / Jabberwocky TanzLars Hofmann
Angus / Raupe 1 / Herzbube / Schildkröte / Hummer / Flamingo Tanz / Jabberwocky TanzTimur Hökelekli
Nils Hansen
  
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TERMINE
Mi, 25.03.2026 19:30Wartburg, Wiesbaden
Do, 26.03.2026 19:30Wartburg, Wiesbaden
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 14.02.2026 19:30Wartburg, WiesbadenPremiere
So, 15.02.2026 18:00Wartburg, Wiesbaden
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