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Ein Megachor, in dem rund 3000 Einzelstimmen zusammenkommen, eine kraftvoll aufspielende Band und sieben Solist:innen bringen gemeinsam das Chormusical der Creativen Kirche „Judith und das Wunder der Schöpfung“ unter der Regie von Christoph Drewitz in der Dortmunder Westfalenhalle zur Uraufführung. Stimmgewalt und musikalische Vielfalt vermitteln die ambitionierten Inhalte. Buch und Libretto von Kevin Schröder treffen dabei auf die Partitur des Songwriter-Teams rund um den Produzenten Michael Herberger, die eine breite musikalische Palette bedient. Durch den raffinierten Einsatz der verschiedenen Inszenierungselemente überzeugt die Produktion solide. Doch ausgerechnet im Klangbild verliert der Abend durch unglückliche Tonabmischung an Strahlkraft.
Kevin Schröders Buch arbeitet mit mehreren Erzähl- und Deutungsebenen und fordert das Publikum in seiner Selbstreflexionsfähigkeit. Manche Deutungsebene erschließt sich erst in der vertiefenden Auseinandersetzung und mithilfe der Hintergrundinformationen aus dem Programmheft.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1968: Jakob und seine schwangere Frau verfolgen gebannt die Übertragung der Bilder der ersten bemannten Raumfahrt im Fernsehen und staunen über die Zerbrechlichkeit der Erde; das Geschenk Gottes an die Menschheit. Originalaufnahmen und animierte Projektionen greifen auf einer Leinwand diesen ehrfürchtigen Moment auf und eröffnen den theologischen Resonanzraum: Die Astronauten lasen damals tatsächlich aus dem Buch Genesis vor. Ein großer Zeitsprung führt in die Gegenwart: Jakobs Enkelin Judith, Studentin und Umweltaktivistin, erwartet ein Kind von ihrem Freund Ammo, einem äthiopischen Kommilitonen. Die Schwangerschaft stürzt beide in eine Krise. Ammo, der sonst für jede Situation einen passenden Bibelvers zitieren kann, zieht sich zunächst überfordert zurück. Judith ringt sehr mit ihrer Lebenssituation und ihrem eigenen Glauben und gerät in immer mehr Konflikte.
Die Fülle der Themen – Klimakrise, Generationskonflikt, Migration, familiäre Brüche und spirituelle Suche – wirkt etwas überbordend, gibt aber zahlreiche Anstöße, den eigenen Glauben und das eigene Handeln zu reflektieren. „Judith und das Wunder der Schöpfung“ erzähle nicht nur die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, sondern auch die Geschichte der Liebe Gottes zu den Menschen, so heißt es im Programmheft. Diese Interpretation verlangt den Figuren Judith und Ammo viel ab. Das Stück funktioniert aber auch ohne jene spirituelle Deutungsebene.
Die Dialoge sind in moderner Alltagssprache gehalten. Die sprachliche Direktheit wirkt authentisch und erzeugt Nähe zu den Figuren, steht jedoch durch die Anwendung zahlreicher Kraftausdrücke in einem Spannungsverhältnis zur theologischen und symbolischen Thematik des Stoffes.
Musikalisch setzt das Songwriter-Team bewusst auf stilistische Vielfalt. Der über mehrere Jahrzehnte erzählten Familiengeschichte entsprechend weist die Partitur Flower-Power-Anklänge, Rap-Passagen, Balladen und poppige Dance-Nummern auf. Dieser Reichtum an Musikstilen folgt zwar der Logik, möglichst alle Generationen emotional anzusprechen, lässt jedoch eine musikalische Einheit vermissen. Gleichzeitig spiegelt gerade diese Heterogenität den dargestellten Generationenkonflikt.
Wirkungsvoll ist der dramaturgische Einsatz des Chores, der weit mehr als klangliche Kulisse ist. Er fungiert als gesellschaftlicher Resonanzraum, in dem unterschiedliche Haltungen aufeinandertreffen wie beispielsweise Klimaaktivisten und ihre Kritiker oder Befürworter und Gegner einer interkulturellen Beziehung . Der Chor arbeitet mit einfachen, aber stark wirkenden Mitteln wie bunten Papieren, die die Farben der Schöpfung symbolisieren, oder Fingerschnipsen, das wie fallender Regen klingt. Lichtwechsel auf weißen Oberteilen wirken stimmungsvoll. In Konfliktszenen legen die Chormitglieder schwarze Jacken an und verstärken so die Dramatik der Szene. Immer wieder entsteht ohne großen Aufwand für den Einzelnen eine eindrucksvolle Atmosphäre.
Die Klangbalance zwischen Solist:innen, Megachor und musikalischem Ensemble stellt sich allerdings als Herausforderung dar: Die zu erwartende stimmliche Wucht des Megachores setzt sich nur phasenweise durch. Auch das Textverständnis leidet, selbst bei einigen Parts der Solist:innen. Auf Bildschirmen seitlich der Bühne werden jedoch fortlaufend die Songtexte eingeblendet, sodass kein inhaltlicher Bruch entsteht. Auch Texte im Aramäischen und Altgriechischen sind zeitgleich in der deutschen Übersetzung mitzulesen.
Die zehnköpfige Band überzeugt mit lebendiger Präsenz sowie klarem Sound und behauptet sich souverän im weiten Raum der Westfalenhalle.
Im Zentrum des Abends steht Alida Will als Judith, die das emotionale Gewicht der Rolle mit Authentizität und differenzierter Intensität trägt. Zarte, verletzliche Momente wechseln sich mit kraftvollen Ausbrüchen ab. Wills Gesang setzt sich stets mit Klarheit durch. Sie leitet das Publikum an, in den Gesang des Chores zu „Glauben“ miteinzusteigen. Die Rolle ist bewusst als Identifikationsfigur angelegt und es gelingt Will ausgesprochen gut, als solche zu überzeugen.
Oliver Edward verleiht Ammo eine stille Sanftmut und innere Festigkeit, die die Figur über das rein Menschliche hinausweisen lässt, ohne jedoch zu pathetisch zu wirken. Mit gelassener Präsenz und warmem Timbre gestaltet er einen Mann, dessen Glaube nie aufgesetzt erscheint, sondern natürlich wirkt. Buchbedingt überstrahlt Edwards Ammo sogar noch die starke Protagonistin.
Frank Logemann interpretiert Großvater Jakob voller Wärme und Würde. Sein gefühlvoller Bariton verleiht der Figur emotionale Tiefe. Benjamin Oeser zeigt die innere Zerrissenheit von Judiths Bruder Micha glaubhaft und gestaltet seine Figur emotional zugänglich, während Detlef Leistenschneider als Vater Paul die Brüchigkeit einer vom eigenen Scheitern gezeichneten Vaterfigur darstellt. Josefine Rau als Judiths beste Freundin Mire und Charlotte Heinke als karriereorientierte Mutter Esther wirken neben den starken darstellerischen und gesanglichen Leistungen der anderen Ensemblemitglieder etwas weniger prägnant.
Das Bühnenbild von Adam Nee setzt auf Reduktion: Sechs halbrunde Bögen lassen sich zu Kreisen, Kugeln oder offenen Fragmenten arrangieren und schaffen symbolische Räume, die unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Ein beweglicher kleiner Kreis stellt ein weiteres Gestaltungselement dar, das ebenfalls Raum für Interpretationen lässt. Im Zusammenspiel mit dem Lichtdesign von Phillip Zanders und den Videoprojektionen von Annie Bracken entsteht eine visuelle Mehrdeutigkeit, die die thematische Vielschichtigkeit unterstreicht. Das auf die Leinwand projizierte Ultraschallbild des ungeborenen Kindes spiegelt beispielsweise visuell die zuvor gezeigte Aufnahme der Erde aus dem All: eine eindrückliche Metapher für die Zerbrechlichkeit und Einzigartigkeit jedes neuen Lebens.
Die Kostüme von Claudia Niezsch verorten die Figuren im zeitgenössischen Alltag. Die Choreografien von David Hartley sind bewusst schlicht gehalten, entfalten jedoch in der Masse, etwa während der Demonstrationsszenen, eine eindrucksvolle Wirkung, wenn sich der gesamte Chor wie eine bebende Wand bewegt.
„Judith und das Wunder der Schöpfung“ ist politisch relevant und in seiner Grundhaltung hoffnungsstiftend. Die zentralen Themen sind zeitlos: Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen, die Zerbrechlichkeit des Lebens anzuerkennen und zu schützen und die Notwendigkeit, trotz unterschiedlicher Perspektiven miteinander im Gespräch zu bleiben und eine gesunde Streitkultur zu pflegen. Auch wenn der Chor am Abend der Uraufführung tonal noch nicht durchgehend angemessen zur Geltung kommt – das Stück hat Ambitionen und schafft es zu bewegen.
Noch mehr Hintergrund-Informationen zu „Judith und das Wunder der Schöpfung“ gibt es in unserem Interview mit dem Produzenten Michael Herberger.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Buch und Libretto | Kevin Schroeder |
| Produktion | Michael Herberger |
| Songwriting | Michael Herberger Laura Diederich Ilja Krut Johannes Pinter |
| Musikproduktion | Thilo Zirr |
| Regie | Christoph Drewitz |
| Choreographie | David Hartley |
| Ausstattung und Bühnenbild | Adam Nee |
| Kostüme | Claudia Niezsch |
| Lichtdesign | Philipp Zanders |
| Dirigentin/ Chorarrangeurin | Miriam Schäfer |
| Dirigent | Roland Orthaus |
| Video | Annie Bracken |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| So, 31.01.2027 18:00 | SAP-Arena, Mannheim | |
| Sa, 06.02.2027 19:00 | ZAG-Arena, Hannover | |
| Sa, 27.02.2027 19:00 | Telekom Dome, Bonn | |
| Sa, 20.03.2027 20:00 | Porsche-Arena, Stuttgart | |
| Sa, 10.04.2027 19:00 | PSD Bank Nürnberg Arena, Nürnberg |
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| TERMINE (HISTORY) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sa, 21.02.2026 14:00 | Westfalenhalle, Dortmund | Premiere |
| Sa, 21.02.2026 19:00 | Westfalenhalle, Dortmund |
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