Die Geschichte vom vorlauten Blumenmädchen Eliza, die sich beim Sprachunterricht von Henry Higgins abmüht und sich schließlich in den ignoranten, egozentrischen Professor verliebt, erweist sich auch nach einem halben Jahrhundert noch als Dauerbrenner. Michael Heinickes Fassung schafft den Spagat zwischen Originaltreue zum Klassiker und „entstaubter“ Inszenierung.
Ein 1956 uraufgeführtes Musical im 21. Jahrhundert auf die Bühne zu bringen ist oftmals ein Drahtseilakt – auch wenn es sich mit „My Fair Lady“ um einen der Klassiker schlechthin handelt. Das Opernhaus Chemnitz – bekannt für seine modernen, oftmals nicht unumstrittenen Adaptionen – bewältigt diese Aufgabe jedoch vorzüglich. Loewe und Lerners Aschenputtel-Geschichte vom einfachen Londoner Blumenmädchen Eliza, die unter den Fittichen von Sprachprofessor Henry Higgins zur ‚Grand Dame‘ aufblüht, tastet Regisseur Michael Heinicke nicht an, aber dennoch gelingt es ihm, frischen Wind auf die Bühne zu bringen. Spätestens beim Anblick der aberwitzigen Fantasie-Kostüme der feinen Gesellschaft in Ascot wird deutlich, dass man den Klassiker hier mit einem Augenzwinkern inszeniert hat.
Auffällig ist die erstaunlich junge Besetzung von Professor Higgins. Matthias Ottes Higgins ist kein gesetzter, verknöcherter Eigenbrötler sondern vielmehr ein zynischer, fast schon misanthroper Egozentriker. Stimmlich sicher und auch schauspielerisch beeindruckend stellt Otte den Professor als charismatische Persönlichkeit dar, dessen anziehende Wirkung auf Eliza trotz seiner offensichtlichen Fehler plausibel ist. Muriel Wenger überzeugt als freche Eliza und bietet ihrem ‚Erzieher‘ selbstsicher Paroli, bleibt stimmlich aber eher schwach, was sich gerade bei kraftvollen Stücken wie „Wart’s nur ab, Henry Higgins“ als problematisch erweist. Auch in den Nebenrollen wartet „My Fair Lady“ mit einer starken Besetzung auf, allen voran Donna Morein als genervte Haushälterin Mrs. Pearce, Andreas Kindschuh als verliebter Freddie und Matthias Winter als Elizas Vater.
Das Bühnenbild ist stellenweise – so zum Beispiel beim Botschaftsempfang am Ende des ersten Akts – hervorragend, doch bei der Premiere schien es noch einige Unklarheiten darüber zu geben, wie man mit dem herumstehenden Mobiliar von Higgins Arbeitszimmer verfahren soll: von der Bühne räumen oder einfach überdecken? Das Hin und Her wirkte etwas irritierend, tat aber letztendlich der Gesamtwirkung des Stücks keinen Abbruch.
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