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Nach pandemiebedigter Pause schickt BB Promotion den schrägen Frank’n’Furter und seine kultigen Freunde ab Februar 2022 wieder auf Tournee durch den deutschsprachigen Raum. Nach kurzen Stippvisiten in Bielefeld und Oberhausen geht es u.a. weiter nach Wien, Berlin und München. Sky du Mont übernimmt bei einigen Tourneestationen (siehe Cast-Box unten) wieder die Rolle des Erzählers.
Die folgende Rezension von Jens Alsbach bezieht sich auf die Spielserie 2014/15 der Tournee:
„Die Darsteller bitte nicht mit Wasser bespritzen und kein offenes Feuer im Publikum entzünden.“ Diese Anweisungen im Foyer lassen erahnen, was in den kommenden zwei Stunden im Zuschauerraum passieren wird, während die seit 2008 durch den deutschsprachigen Raum tourende Buntrock-Produktion der „Rocky Horror Show“ auf der Bühne abläuft. Die Show bietet eine grundsolide Inszenierung, die von Regiearbeit und Bühnenbild überzeugen kann. So richtig springt der Funke – größtenteils bedingt durch die miserable Tonabmischung – jedoch nicht über.
Man kann guten Gewissens behaupten, dass es sich bei dieser Inszenierung um einen „Kult“ handelt, wenn man sich anschaut, wie Zuschauer – bewaffnet mit für 10 Euro erworbenen Fan-Tüten – begeistert Reis, Toilettenpapier und Sonstiges durch das Auditorium werfen oder mit Wasserpistolen um die Wette spritzen. Ein Himmelfahrtskommando für die Putzkolonne.
Was, während sich das Publikum mit den diversen Mitmach-Aktionen beschäftigt, auf der Bühne abläuft, ist ebenfalls durchaus unterhaltsam. Man merkt der Tournee die Routine an – die gesamte Produktion läuft wie ein Uhrwerk. Dies ist allerdings nicht immer Segen, sondern wird dann zum Fluch, wenn sich durch die Routine Mängel breitmachen, die hier leider ebenfalls in Erscheinung treten.
Größtenteils Positives gibt es von der Riege der Darsteller zu berichten. Sky du Mont – der hier weniger Darsteller, sondern mehr Moderator ist – führt mit deutschen Zwischentexten durch die ansonsten im englischen Original belassene Show. Seine ruhige Art und sein tiefes Timbre sind sehr angenehm und bringen eine gewisse Ruhe mit sich. Dagegen können selbst die vielen traditionellen „Boring“-Rufe aus dem Publikum nichts ausrichten, die er gekonnt spontan (oder vielleicht doch ein wenig inszeniert) abwehrt: „Ich werde für jedes Wort bezahlt. Ich muss meine Familie ja auch ernähren.“
Charles Brunton spielt in der besuchten Vorstellung den Frank n Furter. Er legt den Transvestiten sehr überdreht und in die Slapstick-Richtung gehend an, sein Gang erinnert teilweise an Otto Waalkes in jüngeren Jahren. Seine Stimme ist rockig und kraftvoll und somit wird sein Auftritt beim „Sweet Transvestite“ zum Showstopper. Beim Finale „I m Going Home“ beweist er, dass er auch die leiseren Töne beherrscht. Das für diese Rolle benötigte Comedy-Talent bringt er mit – herrlich beispielsweise die Szene, in der er sowohl Brad als auch Janet hinter einer Glaswand verführt und alleine durch sein Schattenspiel und seine Stimme bestens unterhält.
Die Besetzungen der etwas undankbaren Charaktere Brad und Janet sind in dieser Inszenierung exzellent. David Ribi und Harriet Bunton überzeugen in den Rollen, die erst am Ende der Show wirklich „mitmischen“ dürfen und in vielen Inszenierungen einen eher blassen Eindruck hinterlassen. Besonders Ribi weist eine sehr schöne Singstimme auf und gefällt in der finalen Floorshow durch seine tänzerischen Qualitäten. In diesem Zusammenhang seien die schrillen Kostüme von David Farley positiv erwähnt, die außer den altbewährten Strapsen auch Revue-artige Designs bereithalten.
Stuart Matthew Price als Riff Raff hat einen starken Einstieg bei „Over at the Frankenstein Place“, bei dem er mit starker Stimme und spannenden Phrasierungen viele neue Ansätze in diesem Song unterbringt. Auch sein „Time Warp“ unterhält (abwechslungsreich choreografiert von Matthew Mohr), sein Schauspiel hätte man sich jedoch noch etwas überdrehter gewünscht.Vincent Gray als „Kreatur“ Rocky ist relativ schwach. Er bietet zwar den gestählten Körper, den Frank n Furter sich vermutlich wünscht, seine gesanglichen Qualitäten sind hingegen leider nicht sonderlich ausgeprägt. Paul Knight in der Doppelrolle des Eddie und Dr. Scott könnte aus der Meatloaf-Rock-Nummer „Hot Patootie“ durchaus etwas mehr Rock rausholen, der Song bleibt recht blass. Da ist Eddies Tod – an Hitchcocks „Psycho“ erinnernd hinter dem Vorhang inszeniert – schon spannender.
Die 6-köpfige Band um Musical Director Pablo Navarro ist im oberen Bühnenbereich platziert und liefert eine erstklassige Rock-Show ab. Zusammen mit dem aufwändigen und sehr bunten Lichtdesign von David Howe erhält man so eine Atmosphäre, die mehr an ein Rockkonzert und weniger an ein Musical erinnert. Alles in allem bietet die „Rocky Horror Show“ also einen unterhaltsamen Abend mit guten Darstellern, rockiger Atmosphäre und einer stringenten Inszenierung – eigentlich.
Leider gibt es – zumindest am besuchten Abend – jedoch einen Faktor, der die Punkte auf der Haben-Seite des Abends erheblich schmälert, nämlich das grauenvoll ausbalancierte Sound Design von Jon Pitt. Die Höhen und Tiefen sind dermaßen übersteuert und die Musik der Band so stark im Vordergrund, dass vom Gesang der Darsteller nur eine Art „Brei“ übrig bleibt, der das Verstehen der Texte und das Verfolgen der Handlung ohne Vorkenntnisse praktisch unmöglich macht. Sicherlich bietet die Alte Oper Frankfurt nicht die beste Akustik und es handelt sich um eine Tournee-Produktion, doch das Herunterregeln der bis an die Schmerzgrenze aufgedrehten Höhen und Tiefen und eine eher auf die Sänger und weniger auf die Orchestrierung gemünzte Abmischung würden die Freude an der Show erheblich erhöhen. Es ist zu hoffen, dass dies nur eine Ausnahmeerscheinung ist, die zumindest bei den weiteren Tour-Stopps gemeistert wird.
Die folgende Rezension von Kai Wulfes bezieht sich auf die erste Spielserie der Tournee (2008):
Mörderspinne Tarantula krabbelt geschwind auf eine amerikanische Kleinstadt zu und versetzt deren Bewohner in Angst und Schrecken. Nach einer Werbeeinblendung für Ketchup flimmert dann das debil grinsende Töchterchen von Dr. Jekyll in schwarz-weiß über die Leinwand. Dahinter zeichnet sich als Schatten ein Sofa ab, auf dem jemand liegt, der hochhackiges Pumps trägt. Eingefleischte Rocky-Horror-Fans ahnen schon jetzt, dass es sich um den Kult-Transvestiten Frank n Furter handelt. Und richtig: Wenig später schaut er gemeinsam mit seinen spukigen Gesellen einen Film, den ein Projektor an die Seitenwand wirft.
Sam Buntrocks Inszenierung ist ganz dem Kino verpflichtet und beginnt bei eingeschaltetem Saallicht wie eine Vorschau auf Filme, die demnächst gezeigt werden. Mit zahlreichen cineastischen Zitaten unterstreicht der Regisseur, dass Autor Richard O Brien sein Stück als Parodie auf die Low-Budget-Streifen des Horrorgenres konzipiert hat. Der erste Auftritt des zwischen den Geschlechtern wandelnden Musical-Hauptakteurs erinnert dann auch an Marlene Dietrich im „Blauen Engel“, in der Floorshow räkelt sich Frank n Furter auf einer riesigen King Kong-Pranke. Mit diesen und weiteren Kino-Einsprengseln verleiht Buntrock der flott inszenierten Show neue Facetten. Gleichzeitig entfernt er sich elegant von vielen aus der Zelluloid-Version allzu bekannten Sichtweisen, die wahre Fans normalweise zu Interaktionen animieren. Und dennoch: Auch wenn Klon Rocky jetzt nicht mehr wie eine Mumie ausgewickelt wird, sondern dank einer witzigen Computeranimation aus einem Arm entsteht, fliegt im Auditorium in diesem Moment das Toilettenpapier über die Zuschauerreihen. Bis zum Merchandising-Stand haben sich jedoch nicht alle Änderungen des Regisseurs herumgesprochen: In der hier zu erwerbenden Tasche mit Fan-Utensilien (für 8 Euro!) findet sich noch ein spitzes, knallig-rotes Papphütchen, das nicht zum Einsatz kommen kann, weil die entsprechende Feierszene nicht auf der Bühne zu sehen ist.
David Farley hat ein zweigeschossiges Einheitsbühnenbild entworfen, das an eine Halle erinnert, in der Filme produziert werden. So hängen über den Türen Leuchtschilder mit dem Hinweis „on air“. Einschwebende Leinwände und Deko-Elemente wie das allseits bekannte Himmelbett, in dem Janet und Brad nacheinander von ihrem Gastgeber verführt werden, illustrieren den jeweiligen Handlungsort. In der ersten Hallenetage ist die kleine Band platziert, die unter der Leitung von Brandon Ethridge fetzt und rockt. Dies allerdings mit Hilfe einer bis zur Schmerzgrenze aufgedrehten Tonanlage. Eine Wucht sind die dem Hip-Hop wie auch der großen Revue verpflichteten Choreografien von Matthew Mohr. Insbesondere seine Fächernummer in der Floorshow ist ein absoluter Hingucker. Sehr schön auch David Farleys Kostüme – wie seit Jahren im Rocky-Horror-üblichen knappen Strapsoutfit.
Getragen wird die durch und durch gelungene Show von einem grandiosen, homogenen Ensemble, in dem einzig der für den Berliner Tournee-Stopp als Erzähler verpflichtete Martin Semmelrogge wie ein Fremdkörper wirkt. Semmelrogge leiert seine deutschen Zwischentexte gelangweilt herunter und es entsteht der Eindruck, als sei ihm das Buch, aus dem er vorliest, erst kurz vor seinem ersten Auftritt in die Hand gedrückt worden. Eine Idealbesetzung ist hingegen Rob Fowler (Frank n Furter), der den Transvestiten weniger als tuntige Knallcharge, denn als zickige Diva mit markiger Rockröhre anlegt. Fowler dominiert vom ersten Auftritt an die Bühne, beherrscht wie in „I’m going home“ allerdings auch die leiseren Töne perfekt. Andrew Gordon-Watkins als Rocky mit Adonis-Körper steht ihm stimmlich in nichts nach, auch Stuart Matthew Prices Riff Raff röhrt, was das Zeug hält. Selbst die in vielen Inszenierungen eher blassen Brad (Chris Ellis-Stanton) und Janet (Ceri-Lyn Cissone) zeigen hier stimmgewaltig und in der Floorshow auch äußerst beweglich. Und wenn Maria Franzén als Magenta mit ihrer Gänsehautstimme ganz zum Schluss noch einmal „Science Fiction Double Feature“ anstimmt, erscheint auf der Leinwand hinter ihr bereits ein Abspann mit allen Beteiligten dieser Musicalproduktion – eben ganz wie im Kino.
rezensierte Vorstellung: 31. Oktober 2008 (Admiralspalast Berlin)
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| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Inszenierung | Sam Buntrock |
| Bühnenbild und Kostüme | David Farley |
| Choreografie | Matthew Mohr |
| Musikalische Leitung | Brandon Ethridge Jeff Frohner Robert Paul Christian Frank |
| Licht-Design | David Howe |
| Sound-Design | Jon Pitt |
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