Vom Sportstudium auf die Musicalbühne – der Weg des von Dominik Hees, der ab September in Wien bei „Die Schöne und das Biest“ als Biest zu sehen sein wird, verlief alles andere als geradlinig. Im Gespräch mit der Musicalzentrale erzählt er über Zufälle, die seine Karriere geprägt haben, den Kampf gegen eine lebensbedrohliche Krebserkrankung und darüber, wie diese Erfahrungen ihn als Künstler und Mensch verändert haben.
Dominik, deine Karriere verlief ja nicht gerade typisch für deinen heutigen Beruf: Du hast zum Beispiel nie eine klassische Musicalausbildung gemacht wie die meisten anderen.
Ja, zuerst ging alles in eine ganz andere Richtung. Ich habe zwar mit 5 Jahren mit Klavier angefangen, dann später auch Schlagzeug und Gitarre erlernt, aber das nutzte ich nur, um in Rockbands zu spielen.
Ansonsten war Sport meine große Leidenschaft: Man fand mich auf dem Fußballplatz, später hab ich dann auch Triathlon gemacht. In der Oberstufe war für mich auch klar, dass ich nach dem Abitur entweder an die Sporthochschule oder an die Musikhochschule will. Die Aufnahmeprüfung zu letzterer habe ich aber nicht geschafft, also hab ich erstmal Sport studiert.
Ich war aber gleichzeitig auch in einer Theater- und Musical-AG, weil es mir einfach viel Spaß gemacht hat, zu spielen. Die Regisseurin dort hat mir vorgeschlagen, zum Casting für das Stück „Frühlings Erwachen“ in Düsseldorf zu gehen, wo Darsteller von 16 bis 25 gesucht wurden, die nicht zwingend eine Musicalausbildung haben mussten. Das hab ich dann gemacht und bin tatsächlich auch genommen worden. Leider kam diese Produktion aber letztendlich doch nicht zustande, und für mich hatte sich das Thema damit erledigt. Zumindest fürs Erste…
Diese Show wurde nämlich nach Wien verkauft, und ich hatte dadurch das erste Mal Kontakt zu den Vereinigten Bühnen: Ich war damals mit Studienkollegen am Weihnachtsmarkt, schon ein bisschen angetrunken, als mich eine österreichische Nummer anrief. Dran war der damalige künstlerische Leiter Michael Pinkerton. Ich hab erst überhaupt nicht kapiert, was er von mir will, als er mich gefragt hat, ob ich die Rolle, für die ich gecastet worden war, im Ronacher spielen möchte, und dass es bereits in einem Monat losgehen würde. Erst am nächsten Tag habe ich dann realisiert, was das bedeutet, und ich habe mir ein Urlaubssemester genommen, um nach Wien zu gehen. Eigentlich wollte ich es ja nur einmal ausprobieren und danach wieder zurück an die Sporthochschule, aber dann ging es irgendwie weiter. Nachdem es mir richtig Spaß gemacht hat, bin ich beim Musical geblieben – und heute, 17 Jahre später, bin ich immer noch dabei.
Du hast ja in dieser Zeit zahllose Projekte gemacht. Was war dein persönliches Highlight?
Ich glaube das, was mir bisher am meisten Spaß gemacht hat, war Rum Tum Tugger in „Cats“ zu spielen. Das ist auch eine witzige Geschichte: Ich hatte ja vorher GAR NICHT getanzt, als mich meine Agentin auf die ausgeschriebene Rolle aufmerksam gemacht hat. Ich hab mir dann das Stück erstmal auf DVD angeschaut und war fassungslos: Wie kam sie bloß auf die Idee, mich gerade für DIESE Rolle vorsingen lassen zu wollen? Ich habe mich dann aber dennoch überreden lassen und war mehr als überrascht, als sie mich wirklich genommen haben, weil sie mich anscheinend als Typ irgendwie cool fanden.
Später beim Fitting hatte ich aber so das Gefühl, als wäre ich ein Opfer der „Versteckten Kamera“, weil ich natürlich von allen vor Ort mit Abstand der Untalentierteste war. Ich habe mich super-unwohl gefühlt. Noch dazu hat damals RTL die Proben begleitet, und man konnte auch noch im Fernsehen sehen, wie ich quasi versagt habe. Aber irgendwann habe ich mich dann nichtsdestotrotz richtig mit dieser Rolle angefreundet, und ich habe gemerkt, dass ich sie eigentlich liebe. Ich habe Rum Tum Tugger dann sicherlich 800 oder 900 Mal gespielt. Für mich wurde es die Rolle, bei der ich wirklich am meisten aus mir rausholen konnte!
Du hast ja mittlerweile bei „Songs for a New World“ in Baden auch als Regisseur deine ersten Erfahrungen gemacht…
Ja, ich finde es total spannend, wie die Charaktere einer Inszenierung miteinander funktionieren; darum habe ich echt Spaß an dieser Aufgabe gefunden und werde das auch mehr und mehr forcieren.

Ich finde es auch wichtig, dass eine jüngere Generation an Regisseuren nachkommt und dass man so von den alten Gedankenstrukturen etwas wegkommt. Es braucht junge Leute, die vieles anders wahrnehmen und sich von den Klischees lösen. Meiner Meinung nach muss sich das Genre mehr entwickeln: Hier gibt es eigentlich auch nicht viele Uraufführungen, und es wäre gut, wenn Kräfte kommen, die Veränderungen anstoßen und mehr Neues und weniger Althergebrachtes inszenieren. Darum fand ich es ganz toll und wichtig, dass zum Beispiel Alex Balga die Geschichte von Maria Theresia in seinem Musical auf eine moderne Art und Weise dargestellt hat. Sowas passiert ja leider nicht immer bei neuen Produktionen.
Stichwort „Maria Theresia“: Du standest ja in diesem Stück selbst als Kaiser Karl VI und Michael Gabriel Fredersdorff auf der Bühne. Vor wenigen Jahren war es aber völlig unklar, ob du überhaupt wieder auftreten kannst…
Ja, vor gut drei Jahren entdeckte man einen großen Tumor in meiner Brust.
Wie kam es damals zur Diagnose, und wie hast du diese Zeit erlebt?
Ich stand damals in Wien auf der Bühne und hatte zunächst das Gefühl, als wäre eine Rippe verrutscht oder etwas eingeklemmt. Obwohl die Physiotherapie kaum geholfen hat, habe ich mir anfangs keine großen Sorgen gemacht. Wenig später wurde ich aber immer wieder krank: Erkältung, Magen-Darm, Fieber…
Wann hast du gemerkt, dass mehr dahintersteckt?
Ein Schlüsselmoment war während einer Show vom „Glöckner von Notre Dame“. Wir sollten Fackeln halten – und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich das nicht mehr schaffe, weil ich so schwach wurde. In der Pause bin ich zum Betriebsarzt gegangen – da hatte ich 40,8 Grad Fieber. Und dieses Fieber bin ich danach nicht mehr wirklich losgeworden.
Wie ging es dann weiter?
Bei einem Lungenröntgen und einer Computertomografie entdeckte man schließlich einen 12,5 Zentimeter großen Tumor in meiner Brust. Er hatte bereits einige Organe verdrängt und drückte an der Wirbelsäule auf die Hauptschlagader und die Hohlvene. Die Situation war lebensbedrohlich – ich musste sofort im Krankenhaus bleiben.
Ein Moment, der alles verändert …
Ja, von einem Tag auf den anderen. Bereits eine Woche nach der Diagnose begann die Chemotherapie, die mehrere Monate dauerte. Die Behandlung selbst habe ich gar nicht als so extrem empfunden, weil es mittlerweile wirklich gute Medikamente gegen die Nebenwirkungen gibt. Aufgrund der Größe des Tumors konnte man ihn erst operieren, als er auf etwa Zitronengröße geschrumpft war – und diese Operation war definitiv das Herausforderndste für mich. Dabei wurden verwachsene Venen entfernt sowie ein Stück Lunge und ein Teil des Herzens, die jeweils durch Implantate ersetzt wurden. Das verändert natürlich den gesamten Kreislauf. Ich hatte plötzlich im Ruhepuls rund 40 Schläge mehr – und das hat sich bis heute nicht wieder vollständig normalisiert. Sport ist nach wie vor eine Herausforderung, aber gleichzeitig neben der Musik auch das, was mir am meisten Freude macht.
Wie hast du die Zeit der Erkrankung im Hinblick auf dein Umfeld erlebt?
Ich glaube, es war für alle um mich herum viel schlimmer als für mich selbst. Für meine Eltern und meine Frau [Anm. der Redaktion: Musicaldarstellerin Milica Jovanovic] war es eine extreme Herausforderung, da anfangs nicht klar war, ob ich überleben werde. Ich selbst hatte eher die Einstellung: „Wenn es so sein soll, dass mein Leben hier endet, dann akzeptiere ich das.“ In dieser Phase habe ich aber sehr viele echte Gefühle verdrängt und in einer Art Tunnel gelebt. Ich habe einfach alles hingenommen und alles getan, damit möglichst wieder alles so wird wie vorher und habe mein Schicksal quasi den Ärzten übergeben. Erst nachher, wenn man dann nicht mehr in diesem Überlebensmodus ist, realisiert man dann irgendwann, was überhaupt alles passiert ist. In dieser Zeit haben wir Dankbarkeit für das Leben an sich für uns neu definiert. Besonders viel Kraft hat mir meine damals zweijährige Tochter gegeben. Unsere Beziehung hat sich in dieser Zeit stark verändert und ist noch viel enger geworden.
Wie erklärt man das einem zweijährigen Kind?
Obwohl sie noch so klein war, hat sie sehr viel mitbekommen. Damals hat sie auch zum ersten Mal weinend gesagt: „Papa, ich lieb dich!“ Ich konnte sie lange Zeit nicht tragen, weil ich an der Brust operiert war. Als es wieder möglich war, hat sie dann immer wieder freudestrahlend gejubelt: „Papa kann mich wieder tragen!“ Wir haben das Thema auch immer offen mit ihr besprochen und den Tumor den „bösen Ball“ genannt. Und dieser „böse Ball“ ist nach wie vor immer wieder ein Thema.
Wie hat sich der Krebs auf deine Karriere ausgewirkt?
Nach dem ersten Jahr kam eine Zeit, in der ich mich zum ersten Mal in meinem Leben gefragt habe: Wer bin ich eigentlich, wenn ich das alles nicht mehr kann? Lange war für mich nicht klar, ob ich überhaupt noch einmal auftreten kann. Die Krankheit hatte mir quasi meine ‚Superkräfte‘ genommen, die mich früher angetrieben und mir auch im Job eine gewisse ‚Edge‘ gegeben haben.
Als ich dann 2023 zum ersten Mal wieder auf der Bühne gestanden bin, war es im Nachhinein gesehen viel zu früh dafür. Ich hatte damals in Dortmund ein Engagement in „Rent“ – einem Stück, das ich unbedingt einmal machen wollte. Alle haben zu mir gesagt, dass ich mir mehr Zeit geben soll, aber ich hatte den Willen, das durchzuziehen. Auf der Bühne hatte ich aber dann manchmal das Gefühl, als würde ich kollabieren, und ich musste an meine Grenzen gehen. Es war also alles andere als einfach. Ich musste in dieser Zeit auch immer wieder Shows absagen, weil ich morgens gemerkt habe, dass ich es nicht schaffen werde. Bereut habe ich es dennoch nicht, denn je länger man weg ist, umso schwerer ist es, wieder den Anschluss zu kriegen, und ich wollte allen zeigen: Ich bin zurück!
Heute, im dritten Jahr danach, merke ich: Da ist etwas, das ich nicht mehr bin – aber es ist auch so viel Neues dazugekommen. Ich glaube auch, dass ich die Rolle des Biests erst durch die Erkrankung wirklich greifen kann, weil ich jetzt einen ganz anderen Zugang zu Themen wie Einsamkeit oder Entstellung habe.

Apropos „Die Schöne und das Biest“: Freust du dich auf die neue Herausforderung, das Biest im Raimund Theater zu spielen?
Oh ja, ich freue mich sehr! Viele aus dem Team hinter der Show in Wien waren bereits bei der Originalproduktion beteiligt und haben dieses Musical mitentwickelt. Bereits das Vorsingen hat mich sehr erfüllt, weil ich sofort das Gefühl hatte, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Ich glaube, durch alles, was ich erlebt habe, habe ich eine Ruhe in mir gefunden, die mich in dieser Situation sehr getragen hat. Es hat sich einfach richtig gut angefühlt – und ich freue mich irrsinnig, dass es mit dem Engagement geklappt hat.
Was macht für dich diese Rolle so besonders?
Dass das Biest Strategien entwickelt, mit denen es immer wieder gegen Wände läuft, um aus einer persönlichen Verletzung herauszukommen. In dieser Figur stecken so viele Masken, die man als Schauspieler nutzen kann. Und diese Auseinandersetzung mit Belle, die es sich zur Aufgabe macht, dem Biest den Weg aus seinen Aggressionen und Wut und diesem Gefangen-Sein in sich selber zu zeigen, macht die Rolle nochmal zusätzlich sehr interessant.
Wie wird dein Biest sein? Wieviel kannst du selbst in diesen Charakter einbringen?
Das kann ich dir nicht sagen. Früher habe ich mir immer Gedanken gemacht, wie ich eine Rolle anlege, aber mittlerweile mache ich das nicht mehr, weil sich sowieso meistens alles ändert. Man muss einfach offen sein und sich einfach auf alles einlassen- und es kommt natürlich ja auch darauf an, wie die anderen ihre Rollen spielen.
Wieviel Biest steckt in dir?
Ehm… ja… doch, es gibt einige Parallelen. Auch ich musste lernen, mir und anderen gegenüber Gefühle zu äußern, und dabei haben mir auch zwei Frauen sehr geholfen: Durch meine Frau Mili und meine Tochter Juni habe ich einen ganz anderen Zugang dazu bekommen. Und durch die Krebserkrankung ist mir nochmal mehr bewusst geworden: Ich will keine Zeit verschwenden und jemandem was vormachen. Ich habe gelernt, klarer zu sagen, was ich denke und so Situationen viel schneller zu klären. Ich will das Leben genießen, und da hilft es natürlich enorm, wenn man vieles nicht unnötig vor sich herschiebt, sondern direkt anspricht. Ich habe also vieles gelernt, was auch das Biest in dem Stück lernen muss.
Du hast ja eben deine Tochter erwähnt. Singt Juni auch gerne?
Oh ja! Sie hat auf jeden Fall auch echt viel Talent. Sie war auch beim Casting für die Rolle des Tassilo bei „Die Schöne und das Biest“ und hat das super gemacht. Aber leider ist sie mit ihren fünf Jahren noch ein bisschen zu jung. Sie liebt es auch, daheim immer Rollen zu spielen und das von morgens bis abends. Und sie singt die ganze Zeit!
Wie würdest du es finden, wenn sie später einmal den Wunsch äußert, Musicaldarstellerin werden zu wollen?
Das ist mir komplett egal. Ich glaube, wenn Juni erwachsen ist, werden wir in einer Welt leben, die wir momentan noch gar nicht abschätzen können. Ich weiß gar nicht, ob das, was die Kinder heute in der Schule lernen, in 10 Jahren noch irgendwer braucht. Für mich ist es am wichtigsten, dass meine Tochter lernt, zu lieben – und Empathie und Mitmenschlichkeit… Jeder, der das in der Kindheit gelernt hat, wird es immer guthaben. Was sie einmal beruflich macht, ist mir absolut nicht wichtig, sie kann auch an der Kassa oder in einem Krankenhaus arbeiten oder Steuerberaterin sein…. Man kann überall Erfüllung finden. Und auch wenn sie mal scheitert – ich glaube scheitern gehört einfach dazu. Alles, was im Leben passiert, macht einen zu einer weiseren Person, und es wird einem für die Zukunft helfen.
Welche Lebensweisheiten hast du für deine Tochter?
Sie muss erkennen, dass Glück nur aus dem Inneren kommt. Das Glück von außen, wenn man Anerkennung, Lob oder Zuwendung bekommt, das ist alles schön und auch wichtig. Aber wenn man sich davon abhängig macht, dann läuft man Gefahr, dass man dann umso mehr leidet, wenn man das auf einmal nicht mehr bekommen sollte.
Darum ist es wichtig, aus eigenem Antrieb zu handeln, ohne etwas dafür von anderen zu erwarten… Das ist, so glaube ich, der beste Weg ins Glück, und ich werde versuchen, genau das meiner Tochter beizubringen.
Lieber Dominik, wir wünschen dir, dass auch du dieses Glück in dir hast! Vielen lieben Dank für unser schönes und ausführliches Gespräch und deine Offenheit! Wir wünschen dir von ganzen Herzen viel Glück und Erfolg für deine weitere berufliche und private Zukunft. Und das Wichtigste: Bleibe gesund und verletzungsfrei! Wir freuen uns darauf, dich ab Herbst als Biest im Raimund Theater zu erleben.
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