Bei den 33. Erfurter Domstufen-Festspielen spielte Lukas Mayer erneut Jesus in „Jesus Christ Superstar“ – und fand einen neuen Zugang zu der Rolle. Im Gespräch vor der Premiere erzählte er uns von seiner persönlichen Auseinandersetzung mit Jesus, seinem Umgang mit Musical-Klassikern sowie seiner Arbeitsweise als Darsteller. Außerdem berichtete er von internationalen Projekten, die ihn nach China und in die Türkei führen.
Die Rolle des Jesus ist dir bereits aus der Nürnberger Inszenierung vertraut. Wie schaust du heute auf das Stück und die Figur?
Man versucht sich natürlich immer weiterzuentwickeln und damit hoffentlich auch die Rolle. Jede Produktion hatte ihren eigenständigen Entwicklungsprozess. Zwar bleiben Til (Ormeloh) und ich uns als Spielpartner erhalten, aber alles drumherum ist anders. Der ganze Rahmen von Regie bis Choreographie ist neu, sodass wir gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, das zu kopieren, was wir bereits in Nürnberg gemacht haben. Das Setting der Erfurter Domstufen ist schon sehr besonders. Hier begleitet uns ein philharmonisches Orchester und ich spiele das Stück zum ersten Mal auf Deutsch. Das war anfangs noch befremdlich, mittlerweile finde ich es spannend und ich genieße es sehr, das Stück in meiner Muttersprache zu spielen.
Ich stelle mir bei Probenbeginn eigentlich immer vor, wir würden das Stück zum allerersten Mal spielen. So versuche ich meine Rollen immer neu zu denken. Ich habe mich also noch einmal gefragt, wer dieser Jesus sein könnte und warum ihm so viele Leute folgen: Was kann er und wo sind seine Grenzen? Was hat er gesagt und wofür steht das? Dieser Prozess endet nicht mit der Premiere, sondern lässt mich bei fast jeder Vorstellung etwas Neues entdecken. Mit der Erfurter Erfahrung im Gepäck spiele ich in der kommenden Spielzeit noch einmal ein paar Vorstellungen in der Nürnberger Inszenierung und teile mir dieses Mal die Rolle mit meinem Kollegen Oedo Kuipers. Das ist das Schöne am Theater: Es ist ein nie endender Prozess.
Was für mich das Stück besonders spannend macht, ist, dass es keine eindeutigen Seiten gibt. Ich glaube nicht, dass Jesus der Gute und Judas der Böse sein sollen. Das Stück beginnt zwar, als die beiden bereits im Konflikt sind, dem vorausgehen aber drei Jahre, in denen sie für die gleiche Sache gekämpft haben. Beide waren Idealisten und Revolutionäre. Jesus war der Kopf einer Bewegung, der auch Maria Magdalena angehörte. Jesus und Judas waren vor ihrem Konflikt Verbündete und enge Freunde. Irgendwann beginnt Judas zu zweifeln. Er versteht nicht mehr, was Jesus sagt, und fürchtet sich vor rechtlichen Konsequenzen. Ich glaube, dass Jesus von irgendwoher Informationen bekommt, die die anderen nicht haben. Er darf das, was er weiß, zum Wohle des großen Ganzen nicht mehr mit seinen Freunden teilen. Dann beginnen Jesus und Judas – unbewusst – „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zu spielen. Judas verrät Jesus nicht, weil er billigend in Kauf nimmt, dass Jesus stirbt, sondern weil er glaubt, dass Jesus am Kreuz noch einmal ein Wunder vollbringen und sich selbst retten wird. Dann müssten alle glauben und alles wäre geschafft. In meiner Interpretation entfernt sich Jesus aber von Jenseitsversprechen. Stattdessen spricht er davon, dass das Hier und Jetzt bereits das Reich Gottes sei: Wenn wir aufeinander aufpassen, einander vergeben und die Goldene Regel „Liebe deinen Nächsten“ leben, dann sind wir bereits im Reich Gottes. Judas und Jesus haben sich leider einfach missverstanden. Insofern handelt Judas aus einer Not heraus, aber nicht aus einer berechnenden, bösen Ader.

Klassiker der Musicallandschaft und ikonische Rollen wie Jesus sind dir nicht fremd. Näherst du dich diesen Stoffen und Figuren auf eine bestimmte Art und worin liegt für dich ihr besonderer Reiz?
Mein Ziel ist es immer, die jeweilige Geschichte so wahrhaftig wie möglich zu erzählen. Damit geht natürlich ein bestimmter Druck einher. Das gehört einfach dazu.
Gerade bei einer Rolle wie Jesus kann ich mich spielerisch total verausgaben. Jesus wird 39-mal ausgepeitscht und stirbt einen qualvollen Tod am Kreuz. Das sind absolute Extremsituationen, in die man normalerweise nicht kommt. Mich als Schauspieler aber an den Rand dieser existenziellen Not bringen zu dürfen, ist für mich ein großer Rausch.
Ich liebe aber auch Komödien. Ich freue mich unglaublich auf „Alle reden nur noch von Jamie“ – wobei auch Jamie auf seine Weise existenziell ist. Wahrscheinlich sind Jesus und Jamie nur ein Haar breit voneinander entfernt: Natürlich sind es extrem unterschiedliche Geschichten, aber die Figuren verbindet, dass sie beide für ihren großen Traum kämpfen und alles dafür geben. Sie erleben Demütigungen und Verrat und finden ihren eigenen Umgang damit.

Pia Douwes wird in Baden mit dir zusammenspielen. Dass sie für dich eine wichtige Inspiration war, selbst Musicaldarsteller zu werden, hast du bereits in einem früheren Interview erzählt. Was bedeutet es dir, nun mit ihr zusammenzuarbeiten – und haben sich darüber hinaus weitere Gelegenheiten ergeben, deinem Wunsch nachzukommen, auch verstärkt vor der Kamera zu stehen?
Ich freue mich sehr auf „Alle reden nur noch von Jamie“. Dass Pia Douwes meine Mutter spielen wird, freut mich ganz besonders! Als klar war, dass wir zusammenspielen werden, fragte sie mich, ob ich vorher mit ihr auf eine Konzerttour durch China kommen möchte. Beides ist mir eine große Ehre, da sie tatsächlich einer der ersten Funken war, durch die mein Musicalfeuer entfacht wurde.
Bezüglich Film und Fernsehen durfte ich tatsächlich kurz nach unserem Interview im letzten Sommer eine türkische Netflix-Serie drehen. Beim E-Casting war ich noch verwundert, dass ich ein paar Wörter auf Türkisch sagen sollte. Ein paar Tage später war ich schon in Istanbul, um vor Beginn meiner Dreharbeiten mit einem Dolmetscher meinen Text zu lernen. Ich spreche zwar gar kein Türkisch, aber ich habe ausschließlich auf Türkisch gespielt. Das war eine komplett neue und auch verrückte Erfahrung. Die Dreharbeiten waren ähnlich präzise getaktet wie ein Theaterbetrieb und gleichzeitig in der Arbeitsweise eine völlig neue Welt für mich.
Lieber Lukas, vielen Dank für deine Offenheit und deine persönlichen Einblicke in deine Arbeit. Nach der Dernière von „Jesus Christ Superstar“ wünschen wir dir nun viel Freude bei der Konzerttournee durch China, bevor für dich die nächsten spannenden Projekte im deutschsprachigen Raum starten!
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