Ich nehme wieder in meinen Fernsehsessel Platz und sehe mir für euch einen Musicalfilm an. Das führt zu neuen Begegnungen mit manchmal allzu bekannt erscheinenden Streifen, aber ich grabe auch Unbekanntes oder Vergessenes aus.
Eigentlich sollte ich besser auf der Couch liegen als in meinem Fernsehsessel zu sitzen. Denn im Film meiner Wahl lässt sich Barbra Streisand unter Hypnose therapieren. Hoffentlich lullt mich das nicht so ein, dass auch mir die Augen zufallen …
Daisy Gamble (Barbra Streisand) will mit dem Rauchen aufhören. Eigentlich “soll” sie mit dem Rauchen aufhören, denn ihr Verlobter Warren (Larry Blyden) befürchtet, dass ihre nikotingelben Finger beim Treffen mit seinen Chefs nicht besonders gut ankommen werden. Also wendet sie sich an den Psychiater Mark Chabot (Yves Montand), um sich einer Hypnosetherapie zu unterziehen. Dabei stellt sich heraus, Daisy hat übersinnliche Fähigkeiten und wird durch die Hypnose in ein früheres Leben im England des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Als Melinda Tentrees schaffte sie es mithilfe ihres hellseherischen Könnens und ein wenig Durchtriebenheit in die höhere Gesellschaft. Dr. Chabot ist fasziniert von Melinda und beginnt, sich weniger für Daisy als Person der Gegenwart als vielmehr für ihre frühere Inkarnation zu interessieren.
„On a Clear Day You Can See Forever” hatte 1965 am Broadway Premiere und stieß auf ein geteiltes Echo. Während das Hauptdarsteller-Paar Barbara Harris und John Cullum sowie Burton Lanes Songs gelobt wurden (und Tony-Nominierungen erhielten), fiel Alan Jay Lerners wirres Buch durch. Nach 180 Vorstellungen war Schluss. Kein ausgesprochener Flop, aber auch kein Riesenerfolg. Trotzdem interessierte sich Hollywood für den Stoff. Ende der 1960er Jahre setzten die Studios, berauscht von Erfolgen wie “My Fair Lady”, “The Sound of Music” oder “Oliver!”, weiterhin auf Broadway-Verfilmungen und holten sich mehr als einmal an der Kinokasse eine blutige Nase.
Als man bei Paramount schließlich einsah, dass die Zeit extravaganter Musicalspektakel vorbei war, nahm man von der geplanten Laufzeit von drei Stunden Abstand. Bereits gedrehtes Material aus Daisys früherem Leben wurde großteils nicht verwendet und zwei ebenfalls abgedrehte Songs fielen der Schere zum Opfer. Die Schnittfassung von Regisseur Vincente Minnelli war 143 Minuten lang, die Produzenten kürzten dann nochmal 13 Minuten raus. Ob diese 13 Minuten dafür verwantwortlich sind, dass „On a Clear Day” in der zweiten Hälfte nicht mehr in die Spur findet, bezweifle ich.
Zum einen krankt die Verfilmung am Drehbuch, das Alan Jay Lerner selbst adaptierte. Er veränderte die Handlung stark und strich sechs der 13 Songs. Auf Wunsch des Studiochefs Robert Evans wurde mit Daisys Ex-Stiefbruder eine Figur eingefügt. Der Sitar spielende und den Sinn des Lebens suchende Tad sollte ein gesellschaftlicher Gegenpol sein – und Evans bestand auf Jack Nicholson in der Rolle. Doch dieser Part wurde im Schnitt so zusammengekürzt, dass er im Film überhaupt keinen Sinn mehr ergibt. Davon war auch der neu geschriebene Song „Who Is There Among Us Who Knows“ betroffen, den Nicholson sang und bei dem Streisand am Ende ein paar Takte melancholisches “Lalala” beisteuerte. Die Tonspur davon ist erhalten, das Bildmaterial verschollen. Sagen wir mal so: Ich finde, es ist nicht schade, dass Jack Nicholson danach keine Musicals mehr gedreht hat.
Burton Lane komponierte für die Filmversion vier neue Lieder, von denen am Ende zwei im fertigen Film auftauchten. Lanes Stil war auf den ersten Blick klassischer Broadway-Sound und Mitte der 60er Jahre eigentlich schon nicht mehr zeitgemäß. Allerdings war er ein Meister der Harmonien, deswegen wurden seine Stücke oft von Jazzmusikern gecovert. Gerade wegen seiner Harmonien mag ich ein Lied besonders: „Melinda“. Darin besingt Dr. Chabot Daisys ehemaliges Ich, und für mich war das eine echte Entdeckung. Ein zarter, kleiner Walzer in Moll, bei dem der Interpret auf beste Crooner-Manier schnurren kann.
Aber auch “Got to Sleep”, eines der neuen Stücke, ist ausgesprochen gelungen. Daisy gesteht sich ein, dass sie wohl Gefühle für Dr. Chabot entwickelt, doch ihr Gewissen bringt immer wieder ihren Verlobten Warren ins Spiel. Streisand singt hier mit sich selbst ein Duett.
Die musikalische Seite ist also im Grunde gelungen – das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Musical-Aspekt in diesem Film eher stiefmütterlich behandelt wird. Nur “Come Back to Me” ist in die Handlung integriert, alle anderen Songs (alles Soli, die Duette wurden gestrichen) halten die ohnehin nur selten spritzige Geschichte an. Es wirkt auf mich, als seien die verbliebenen Lieder nur drin geblieben, weil die Produzenten dachten: “Wir haben die Streisand, dann soll sie auch singen”.
Optisch gibt es in diesem Film ein paar echte Highlights. Zum einen die Melinda-Szenen im historischen England. Die sind prächtig ausgestattet, haben fantasievolle Kostüme mit bizarrem 60er-Jahre-Einfluss (also nichts für Leute, die Wert auf historische Genauigkeit legen) und sind knackig in den Dialog der Hypnosesitzung geschnitten. Der Rückblick auf Melindas Kindheit ist sogar eine Aneinanderreihung von Slapstickszenen. Dadurch hat “On a Clear Day” in der ersten Hälfte richtig Schwung.
Eine andere Sequenz fand ich erst sehr seltsam, aber dann geglückt: die Umsetzung von “Come Back to Me”. Dr. Chabot versucht nach einem Streit per Telepathie Kontakt mit Daisy zu bekommen. Er steht auf dem Dach des New Yorker Pan Am Buildings und schmettert sein Lied über die ganze Stadt. Da rollte ich noch mit den Augen. Doch Chabots Worte erreichen Daisy an den ungewöhnlichsten Orten. Sie besucht einen Kochkurs und plötzlich spricht bzw. singt Chabot aus der Kursleiterin, ein Verkehrspolizist singt sie an, eine Verkäuferin, sogar ein Kind im Central Park und ein Pudel. Als sie nur noch mit Ohrenschützern aus dem Haus geht, wird sie von einem älteren Ehepaar anscheinend nach dem Weg gefragt; als sie unvorsichtigerweise die Ohrenschützer abnimmt, tönt Chabot zweistimmig aus den Mündern der Passanten. Das war überraschend und absurd und hat mir deswegen gut gefallen.
Aber diese Sequenz und auch die Szenen in Melindas Kindheit sind Fremdkörper in Vincente Minnellis ansonsten bleischwerer Inszenierung. Minnelli, der in den 1940er und 50er Jahren zahlreiche Klassiker drehte (“Meet Me in St. Louis”, “An American in Paris”, “Gigi”) hatte nach dem Flop “Bells Are Ringing” (“Anruf genügt – komme in Haus”) gut zehn Jahre kein Musical mehr gemacht. In manchen Szenen ist seine Handschrift erkennbar, sein Gespür für Ausstattung und wie Musik filmisch umgesetzt werden kann. Doch in der zweiten Hälfte gibt es keine Rückblenden mehr zu Melinda ins Jahr 1814 und der Film verliert an Fahrt. Überhaupt scheint Minnelli das dialoglastige Drehbuch mit seinem theaterhaften Szenenaufbau und den vielen Monologen wie ein Klotz am Bein zu hängen.
Mit den meisten Monologen hat Yves Montand als Dr. Chabot zu kämpfen. Der Psychologe geht oft durch sein Büro und denkt laut über Daisy / Melinda nach. Das kann schon auf der Bühne starker Tobak sein, im Film funktionieren Monologe nur in den seltensten Fällen. Richtig überzeugt hat mich Montand in dieser Rolle nicht. In seiner Heimat war der Franzose ein großer Star als Schauspieler und Sänger. In Hollywoodfilmen fand ich ihn nie besonders gut. Vielleicht fällt ihm die Schauspielerei in seiner Muttersprache leichter, da habe ich ihn lockerer und komödiantischer gesehen als beispielsweise hier. Gesanglich ist seine Leistung völlig in Ordnung, auch wenn das Stimmvolumen bei “Come Back to Me” an seine Grenzen stößt.
Kein Problem mit dem Stimmvolumen hat erwartungsgemäß Barbra Streisand. Ihr ist es auch zu verdanken, dass der Film einigermaßen unterhält – auch wenn sie im Grunde die Rolle spielt, die sie zu dieser Zeit oft spielte: die etwas tapsige und schrullige Quasselstrippe. Aber das macht sie sehr charmant. Besonders die Sprünge in Daisys altes Ich haben mir gefallen.
Es wird niemanden überraschen: Als “On a Clear Day” 1970 in die Kinos kam, ging er sang- und klanglos unter. Eine deutsche Synchronfassung entstand erst für die Fernsehausstrahlung zehn Jahre später.
Mein Fazit: ein unebener Film, dem man das Hü und Hott vor, während und nach den Dreharbeiten anmerkt. Streisand ist sehens- und der Soundtrack (ebenso wie die Cast-Aufnahme der Uraufführung) hörenswert. Und ich habe ein neues Lied für mich entdeckt: “Melinda”.
| Bericht | Galerie | ||||||||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|


