Nicht jedes Musical eignet sich für eine Veröffentlichung auf Tonträger. Manche Werke leben so sehr von ihrer visuellen Sprache, ihrer Choreografie oder ihren spektakulären Bühnenbildern, dass ihnen außerhalb des Theaters ein wesentlicher Teil ihrer Wirkung verloren geht. Bei „Die Weiße Rose“, dessen Live-CD pünktlich zum Start der ersten Deutschlandtournee erscheint, verhält es sich genau umgekehrt: Ohne die visuelle Ebene treten die zentralen Stärken des Werkes noch deutlicher hervor: Alex Melchers facettenreiche Partitur, Vera Boltens kluge und poetische Liedtexte sowie die eindrucksvollen Interpretationen des Ensembles entfalten auf der Aufnahme eine emotionale Kraft, die das Live-Erlebnis nicht ersetzt, sondern geschickt ergänzt.
Die CD ist dabei ein wahres Gruppenprojekt: Veröffentlicht wird die Aufnahme von der Sound of Music GmbH. Produziert wurde sie von Vera Bolten und Alex Melcher in Zusammenarbeit mit dem Festspielhaus Neuschwanstein und apiro Entertainment, präsentiert von Studio 3:45 unter Mitwirkung des Rübezahl Studios Essen. Für den glasklaren Mix zeichnet Sounddesigner Sven Raff verantwortlich, das Mastering übernahm Christian Wright in den renommierten Abbey Road Studios in London. Die CD umfasst 15 dramaturgisch stimmig montierte Tracks – neun aus dem ersten und sechs aus dem zweiten Akt – und dokumentiert das Musical in einer Form, die dessen musikalischen Spannungsbogen nahezu vollständig bewahrt.
Gerade weil das Bühnenbild, die Choreografien und die Projektionen aus der Inszenierung beim Hören höchstens vor dem inneren Auge mitfließen, gewinnen Musik und Text hier deutlich an Präsenz, sind aber auch für HörerInnen zugänglich, die das Stück noch nicht live gesehen haben. Melchers Kompositionen bewegen sich mit Selbstverständlichkeit zwischen lyrischer Kammermusik, walzerseliger Leichtigkeit, choraler Hoffnung und rockgetriebenen Protestmomenten. Die Streicher erhalten im transparenten Klangbild viel Raum und verleihen den leisen, melancholischen Passagen große Wärme sowie schmerzende Melancholie, während Drums, Bass und Gitarren Nummern wie „Barbarossa“ mit spürbarer Wucht vorantreiben. Jedes Instrument bleibt in dieser Aufnahme klar ortbar, sodass sich die orchestrale Detailarbeit ebenso erschließt wie die Energie der eigentlichen Aufführung.
Auch Vera Boltens Liedtexte profitieren vom konzentrierten Hören. Ihre mal poetischen, mal sehr alltagnahen und identifizierbaren Formulierungen, philosophischen Reflexionen und historischen Bezüge erhalten ohne die Vielzahl szenischer Eindrücke zusätzlichen Entfaltungsraum. Gleichzeitig bleibt die Handlung erstaunlich gut nachvollziehbar. Dazu tragen nicht zuletzt die zwischen den Musiknummern erhaltenen Dialogpassagen bei, die das Narrativ zusammenhalten und den Figuren zusätzliche Kontur verleihen. So funktioniert die CD nicht nur als musikalische Erinnerung für Besucherinnen und Besucher der Inszenierung, sondern ebenso als eigenständiges Hörerlebnis.
Vor allem die Solistinnen und Solisten beweisen in dieser Live-Aufnahme, wie viele Facetten ihrer Figuren sie über die stimmliche Interpretation zeichnen. Friederike Zeidler gestaltet Sophie Scholls Entwicklung mit berührender Wärme und wachsender Entschlossenheit. Jonathan Guth verleiht Hans Scholl jene Mischung aus jugendlichem Idealismus, Verletzlichkeit und moralischer Standfestigkeit, die seine Bühneninterpretation auszeichnet. Adam Demetz überzeugt als leidenschaftlicher Alexander Schmorell mit kraftvoller Präsenz, während Maximilian Aschenbrenner als Christoph Probst und Julius Störmer als Willi Graf den leisen, nachdenklichen Momenten große emotionale Tiefe verleihen. Von Martin Planz, Oliver Natterer, Juliette Lapouthe, Claudia Dilay Hauf und Tamara Köhn wird das Narrativ mit zahlreichen weiteren Figuren in und um Die Weiße Rose zu Leben erweckt.
Zu den musikalischen Höhepunkten zählen das melancholisch-verzweifelte „Vers la Lumière“ von Jonathan Guth, Friederike Zeidlers unbeschwert beginnendes und zunehmend nachdenkliches „Heimat“ sowie Adam Demetz‘ wütend-protestierendes „Barbarossa“, das den rockigen Charakter der Partitur eindrucksvoll unterstreicht. Tamara Köhn setzt mit „„Was auch kommt““ als Traute Lafrenz einen gesanglichen Glanzpunkt: Virtuos, technisch souverän und zugleich emotional nuanciert entwickelt sich ihre Interpretation zu einem der eindrucksvollsten Soli der Aufnahme.
Ebenso eindrucksvoll gelingen die großen Ensemblenummern, deren Tonaussteuerung die Textverständlichkeit auch dann gewährleistet, wenn alle Stimmen zusammenkommen – etwas, das bei Live-Aufnahmen nicht immer gegeben ist. „Ein deutsches Flugblatt #1“ entwickelt einen mitreißenden Ensemble-Sog, der sich in der Reprise des zweiten Aktes noch einmal steigert und die zentralen Botschaften des Musicals mit großer Eindringlichkeit bündelt. Das Männerensemble bewegt mit „Heut und in Ewigkeit #1“ durch seine fein abgestimmte, gefühlvolle Interpretation zutiefst. In der Reprise erhält das Lied schließlich eine erschütternde neue Bedeutung und führt das Schicksal der Mitglieder der Weißen Rose musikalisch zu seinem tragischen Höhepunkt.
Auch die Ausstattung der Veröffentlichung überzeugt: Die CD erscheint in einem Digisleeve statt eines klassischen Jewel Cases. Ein umfangreiches Booklet nennt sämtliche Mitwirkenden – Ensemble, Band und Kreativteam – und eröffnet mit einem Zitat Sophie Scholls: „Musik macht das Herz weich, ganz still und ohne Gewalt macht sie die Tür zur Seele auf.“ Kaum ein Satz beschreibt diese Aufnahme treffender. Über einen QR-Code sind online weiterführenden Informationen zum Musical und zur aktuellen Tournee verfügbar. Erfreulich ist außerdem, dass die Erlöse der CD der Weiße-Rose-Stiftung e. V. zugutekommen.
Dass diese Veröffentlichung überhaupt als physische CD erscheint, verdient besondere Anerkennung. In einer Zeit, in der selbst aufwendige Musicalproduktionen häufig – und wenn überhaupt – nur noch einzelne Streaming-Tracks erhalten, setzen Bolten und Melcher mit „Die Weiße Rose“ bewusst auf einen Tonträger, der das Werk dauerhaft dokumentiert. Der beim Verlag Musik und Bühne verlegte Stoff verfolgt dabei weit mehr als künstlerische Ziele: Unterrichtsmaterialien, Schulvorstellungen, eine begleitende Ausstellung sowie Nachgespräche mit Cast und Kreativteam unterstreichen den ausgeprägten Bildungsauftrag der Produktion. Nach Stationen im Festspielhaus Neuschwanstein, Deutschen Theater München, Admiralspalast Berlin und aktuell im Theaterhaus Stuttgart bleibt zu hoffen, dass diesem außergewöhnlichen Musical noch eine lange Zukunft bevorsteht. Die Live-CD leistet hierzu einen wichtigen Beitrag: Sie bewahrt ein modernes Werk der Erinnerungskultur, macht es über den Theaterraum hinaus zugänglich und trägt seine nachhallende Botschaft an ein breites Publikum, das weit über die BesucherInnen in den Theatersälen hinausreicht.
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