Vanessa Heinz (Glinda), Laura Panzeri (Elphaba), Ensemble © Lalo Jodlbauer
Vanessa Heinz (Glinda), Laura Panzeri (Elphaba), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Wicked (seit 10/2025)
Stadttheater, Baden

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Mit der Ankündigung, als Eröffnungspremiere seiner Intendanz am Stadttheater Baden eine eigens entwickelte Non-Replica-Inszenierung von „Wicked“ auf die Bühne zu bringen, gelang Andreas Gergen ein echter Paukenschlag. Klüger hätte der Zeitpunkt kaum gewählt sein können: Nur wenige Monate bevor der in zwei Teilen angelegte Kinofilm in die Kinos kommt, feiert das Musical nun seine österreichische Erstaufführung. Dass die Lizenzgeber kurz vor dem Filmstart überhaupt eine freie Neudeutung genehmigten, war alles andere als selbstverständlich – und erhöhte die Erwartungen an diese Produktion zusätzlich. Und Gergen gelingt es, diese zu erfüllen: mit einer Inszenierung, die sich bewusst vom bekannten Original löst und auf erschreckende Weise die politische Dimension der Geschichte herausarbeitet – und damit eine beklemmende Zeitaktualität gewinnt.

Laura Panzeri (Elphaba) © Lalo Jodlbauer

Erstaunlich ist, dass es dafür keinerlei Textänderungen brauchte. Schon im Originaltext liegt die Deutung nahe, den Zauberer als Verführer eines ganzen Volkes zu lesen – einer, der einfache Lösungen verspricht, die er gar nicht hat. Diese Lesart entwickelt sich in Gergens Inszenierung schleichend und wirkt gerade dadurch so beklemmend. Das Volk von Oz und die Schüler von Glizz sind in Kostüme gehüllt, die an die Mode der 1920er- und 30er-Jahre erinnern. Bereits im ersten Akt treten im Unterricht von Dr. Dillamond zwei Männer in soldatisch wirkender Uniform mit grünen Armbinden auf, die ein ineinandergeschlungenes OZ-Logo auf weißem Grund tragen – ein unheilvoller Hinweis auf die beginnende Bedrohung. Im zweiten Akt wird die Anspielung unübersehbar: Bei „Wie herrlich“ stehen die Ozianer in Reih und Glied mit erhobenen Armen vor einer Tribüne, von der aus Madame Akaber sie aufwiegelt. In den Straßen von Oz wehen Fahnen, deren grafische Gestaltung mit grünem Hintergrund und verschlungenem OZ-Symbol auf weißem Kreis deutlich an totalitäre Insignien der 1930er-Jahre erinnert.

Gergen selbst beschreibt seine Arbeit als „Brecht’sche Inszenierung“ – und tatsächlich setzt er auf plakative Bilder und sichtbare Bühnentricks, um das Publikum nicht in märchenhaften Illusionen zu wiegen, sondern den Blick auf die Mechanismen der Macht zu schärfen. Schon in der Eröffnung wird dieser Ansatz sichtbar: Glinda steigt im Hintergrund auf eine Leiter, bevor eine Wand mit kreisrundem Ausschnitt herabgelassen wird, der beleuchtet wie die berühmte Seifenblase aus der Originalinszenierung wirkt. Auch die berühmte Flug-Szene „Frei und schwerelos“ bricht Gergen bewusst auf: Die Gurte, an denen Elphaba schwebt, werden offen von der Bühnendecke gelassen – ein klarer Verfremdungseffekt statt perfektem Zauberbild.

Flexible, schmale Wandteile lassen sich in unterschiedliche Positionen und Tiefen verschieben und schaffen so wandelbare Räume, die mit Projektionen bespielt werden. Diese schlagen visuell zwei Welten auf: Für die Außenräume wie den Wald dominieren flächige, grafische Landschaften mit konturierten Bäumen und reduzierter Farbigkeit, die an gezeichnete Trickfilmbilder erinnern und märchenhaft entrückt wirken. Sobald die Handlung in Oz und vor allem im Palast spielt, übernehmen streng geometrische, ornamental strukturierte Projektionen das Bild – eine Art-déco-Ästhetik im Stil klassischer Palastarchitektur der 1920er-Jahre, die den Machtanspruch des Regimes mit kühler Monumentalität betont. Das Lichtdesign von Stephanie Affleck ergänzt diese Bildsprache wirkungsvoll. Mit kühlen, oft gedämpften Farben betont es die bedrückende Grundstimmung der Inszenierung und verstärkt die klaustrophobische Wirkung des gemauerten Bühnenraums. Auch in den Szenen mit den Art-déco-Projektionen bleibt das Licht streng ausgerichtet und vermeidet warme, märchenhafte Töne – ein weiterer Baustein für die düstere, politische Lesart des Stücks.

Laura Panzeri (Elphaba), Timotheus Hollweg (Fiyero) © Lalo Jodlbauer

Das Kostümbild von Claudio Pohle verstärkt den historischen Bezug und spiegelt die gesellschaftlichen Brüche der Handlung. Die Schülerinnen und Schüler von Glizz tragen schlichte Kleidung in Weiß- und Grautönen mit schwarzen Akzenten – nüchtern und unauffällig. Glinda sticht heraus: Ihr rollentypisches pinkfarbenes Kleid wirkt in der uniformierten Welt von Oz fast fremd und unterstreicht ihre Sonderrolle. Mit der Machtergreifung des Zauberers erscheinen die Bewohner von Oz gleichgeschaltet in grünen Gewändern. Madame Akaber wirkt mit großem Federschmuck wie ein alterndes Showgirl der 1920er-Jahre. Dr. Dillamond trägt eine Ziegenmaske, die er in manchen Szenen abnimmt und sein menschliches Gesicht zeigt – ein starkes Sinnbild für den Umgang mit ‚den Anderen‘: Er ist im Kern wie alle Oz-Bewohner, wird aber durch das Regime stigmatisiert und zur Gefahr erklärt, weil er nicht ins gewünschte Bild passt.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich das Konzept an Fiyero: Zu Beginn in Glizz tritt er mit gelbem Rock auf – ein farbiger, unbeschwerter Lebemann, der von allen bewundert wird und sich nicht um Konventionen schert. Im Lauf der Handlung passt er sich dem System an: Die schwarz-grüne Uniform mit Schärpen und Orden gibt ihm autoritäre Strenge, das aufgehellte, fast maskenhafte Make-up macht ihn zur Marionette des Regimes. Nach dem Bekenntnis zu Elphaba legt er diese Hülle ab, trägt schlichte Kleidung und kehrt auch optisch zu einem natürlicheren Ich zurück.

Die Choreografien von Francesc Abós fügen sich organisch in die Erzählung ein. Zu Beginn wirken die Bewegungen des Ensembles noch leicht und mühelos, fast verspielt – besonders in den Szenen in Glizz. Im Verlauf der Handlung werden die Formationen zunehmend strenger, fast militärisch, und formen dadurch eigene, prägnante Bilder: Auch tänzerisch spiegelt sich die wachsende Kontrolle des Regimes und die Gleichschaltung der Gesellschaft wider.

Laura Panzeri (Elphaba), Anna Rosa Döller (Nessarose), Maya Havoort (Madame Akaber), Jens Emmert (Moq), Vanessa Heinz (Glinda) © Lalo Jodlbauer

Mit nonchalanter Eleganz und fast hypnotischer Ausstrahlung spielt Mark Seibert den charmanten Verführer, der das Volk mit flüssigen Bewegungen und ruhiger Stimme umgarnt. Seibert gelingt es, die Figur zugleich charismatisch und bedrohlich erscheinen zu lassen – ein Zauberer, dem man gern zuhört und gerade deshalb misstrauen sollte. Maya Hakvoort zeichnet Madame Akaber als ehrgeizige Opportunistin, die von Beginn an spüren lässt, dass ihr Blick nach oben gerichtet ist und sie auf Macht setzt. Sie legt die Rolle bewusst überzeichnet an und verleiht der Figur trotz ihrer Härte eine komische Note – eine Mischung aus ehrgeiziger Karrieristin und sarkastischer Antreiberin des Regimes. Jens Emmert gibt der Nebenfigur des Moq ein eigenständiges Profil. Mit feinem Spiel gelingt es ihm, der kleinen Rolle Persönlichkeit und emotionale Tiefe zu verleihen – besonders in dem Moment, als Moq Nessarose verlässt, um seinen eigenen Weg zu gehen. Das Ensemble überzeugt geschlossen mit guter Textverständlichkeit, stimmlicher Präsenz und homogener Bewegung. Besonders Anna Rosa Döller als Nessarose sticht mit schöner Stimme hervor und zeigt die Wandlung der Figur eindrucksvoll: Als sie aus dem Rollstuhl aufsteht, kippt ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein in den Drang nach Kontrolle über andere. Auch Beppo Binder gibt dem Dr. Dillamond mit warmer Bühnenpräsenz und klarer Zeichnung Kontur.

Timotheus Hollweg (Fiyero), Vanessa Heinz (Glinda), Anna Rosa Döller (Nessarose), Laura Panzeri (Elphaba), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Timotheus Hollweg zeichnet Fiyeros Entwicklung eindrucksvoll: vom jungen, sorglosen Prinzen zum willenlosen Werkzeug der Macht mit hängenden Schultern und leerem Blick – bis hin zu seiner Befreiung aus dieser Rolle. Tänzerisch glänzt er mit Leichtigkeit und Energie, und stimmlich bringt er „Tanz durch die Welt“ überzeugend und mit federnder Eleganz über die Rampe. Laura Panzeri überzeugt als Elphaba mit starker Stimme und ebenso starkem Schauspiel. Ihr herzzerreißendes „Ich bin es nicht“ berührt durch Verletzlichkeit, während sie „Der Zauberer und ich“ mit solcher Kraft und Intensität gestaltet, dass es den ersten langanhaltenden Szenenapplaus des Abends auslöst. Vanessa Heinz gibt Glinda mit spürbarer Spielfreude und sichtbarem Vergnügen an der Albernheit ihrer Figur. Sie kostet jede komische Nuance aus und reißt mit „Heißgeliebt“ das Publikum mit. Stimmlich meistert sie die Partie mühelos und erklimmt souverän die höchsten Höhen des Stücks. Im Zusammenspiel wirken Panzeri und Heinz sehr organisch und echt – das gegensätzliche Duo entwickelt auf der Bühne eine spürbare Nähe, die die Beziehung der beiden Hexen glaubhaft und berührend macht.

Das Orchester gehört zu den großen Stärken der Bühne Baden. Unter der musikalischen Leitung von Sebastian de Domenico entfalten Stephen Schwartz’ Melodien ihre volle Wirkung: kraftvoll, mitreißend und stellenweise geradezu bombastisch. Die Arrangements setzen auffallend auf rhythmische Akzente und verleihen der Partitur zusätzliche Energie und Spannung.

Beppo Binder (Dr. Dillamond), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Mit „Wicked“ gelingt Andreas Gergen ein eindrucksvoller Einstand als Intendant der Bühne Baden. Schon mit dieser ersten Premiere setzt er ein deutliches Zeichen: Musicaltheater kann mehr sein als Unterhaltung – es kann Fragen stellen, die mitten in die Gegenwart zielen. Gergen fragt, was ein Musical aussagen kann und warum man es gerade jetzt spielen muss. Seine Inszenierung von „Wicked“ liefert darauf eine klare Antwort und zeigt, wie relevant Musicaltheater sein kann, wenn es gesellschaftliche Themen ernst nimmt und sichtbar macht.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungSebastian de Domenico
InszenierungAndreas Gergen
BühnenbildMomme Hinrichs
KostümeClaudio Pohle
ChoreographieFrancesc Abós
 
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CAST (AKTUELL)
ElphabaLaura Panzeri
GlindaVanessa Heinz
FiyeroTimotheus Hollweg
Der ZaubererMark Seibert
Andreas Lichtenberger
(4.10., 25.10., 1.11. 2025)
Madame AkaberMaya Hakvoort
Dr. DillamondBeppo Binder
NessaroseAnna Rosa Döller
MoqJens Emmert
Elphabas VaterBranimir Agovi
Elphabas Mutter / Schön-SchönLiviana Degen
Hebamme / PfannyMariella Hofbauer
Junger Zauberer / AverickJan-Eike Majert
  
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TERMINE
Fr, 10.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Mi, 15.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Sa, 18.04.2026 15:00Stadttheater, Baden
Di, 21.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Mi, 22.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Di, 28.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Mi, 29.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Do, 30.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
 
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TERMINE (HISTORY)
Mi, 01.10.2025 19:30Stadttheater, BadenPreview
Do, 02.10.2025 19:30Stadttheater, BadenPreview
Fr, 03.10.2025 19:30Stadttheater, BadenPremiere
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