© Marco Sommer
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FLUSH - Ein Club-Musical (2025)
SchwuZ, Berlin

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Authentischer geht’s kaum: Im „SchwuZ“, dem ältesten und größten queeren Club Europas, feiert ein Musical, das auf dem Klo eines Gay-Clubs spielt, seine gelungene Uraufführung. Hier begegnen sich nicht nur Paul und Robert, sondern auch ein schrilles Panoptikum an weiteren Clubbesuchern, alle dargestellt von Robin Cadet und Felix Heller. Gemeinsam mit der Drag Queen Jurassica Parka als Klofrau Ramona tragen sie diese von Marco Krämer-Eis locker und lustig inszenierte Show, in der sich so mancher im Zuschauerraum als Teil der Handlung wiedererkennen dürfte.

In einer Samstag-Partynacht ist das WC eines Gay-Clubs alles andere als ein ’stilles Örtchen‘. Hier wird nicht nur gepinkelt, sondern auch gekotzt, gekokst, gebaggert, geknutscht, geweint und gevögelt. Autor Robin Kulisch, der die in Zusammenarbeit mit Felix Heller entwickelte ursprüngliche Story überarbeitet hat, hält mit diesem Musical der homosexuellen Szene schonungslos wie humorvoll den Spiegel vor. Kulisch versammelt im Club-Klo nicht nur jegliche Spielart schwulen Lebens – vom verklemmten Jung-Homo aus der Provinz über den sich ständig in den Schritt fassenden Dauergeilen bis zum in der Aids-Prävention tätigen Latex-Fetischisten mit Tiermaske. Der Autor lässt auch brisantere Themen wie Selbstverleugnung, Jugendlichkeitswahn und Bodyshaming mit in die Handlung einfließen.

Diese dreht sich im Wesentlichen um den tuntigen Paul, der beim Toilettengang kurz vor Mitternacht zufällig mit Macho Robert zusammenstößt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Das Objekt seiner Zuneigung hat allerdings aktuell ganz andere Sorgen. Sein unmittelbar bevorstehender dreißigster Geburtstag lässt ihn in eine depressive Episode stürzen mit der Befürchtung, nun altersbedingt ausgemustert zu werden und von der schwulen Szene abgelehnt unsichtbar auf dem Abstellgleis zu landen. Glücklicherweise ist das WC das Refugium der resoluten wie warmherzigen Klofrau Ramona. Unermüdlich beseitigt sie hier mit Sprühflasche, Lappen und Wischmop nicht nur die Hinterlassenschaften der Gäste, sondern hat auch stets ein offenes Ohr und Lösungen für das testosterongetriebene Gefühlschaos, in dem sich der Großteil ihres nächtlichen Klientel befindet. Natürlich führt sie Paul und Robert in ein gemeinsames Happy End, erfüllt sich aber auch ihren persönlichen, großen Traum: Mit einem glamourösen Benefiz-Schlagerauftritt sammelt Ramona Spenden für den finanziell angeschlagenen Club und kann so eine Safe Base für die queere Community erhalten.

Regisseur Marco Krämer-Eis gelingt es grandios, die alles andere als jugendfreie Vorlage mit viel Ironie und ohne jegliche zotigen Peinlichkeiten auf die Bühne zu bringen. In seiner Inszenierung setzt Krämer-Eis auf Tempo und sympathisch wie deftig gezeichnete Typen. Dabei gibt es viel zu lachen – der Regisseur lässt aber auch Raum für den ein oder anderen stilleren Moment – wie vor der Pause, wenn Paul und Robert ihren eigenen Gefühlen freien Lauf lassen, letztendlich aber noch nicht zueinander finden können. Nicht nur in diesem Moment überrascht der von Bühnenbildner Daniel Ungers authentisch schmuddelig gestaltete Waschraum mit einer plötzlich durchsichtigen Wand. Im zweiten Akt lässt er sich mit ein paar Handgriffen sogar unerwartet und blitzschnell in eine glitzernde Showbühne verwandeln.

Weniger gelungen hingegen ist die musikalische Seite von „FLUSH“. Passend zur Party-Nacht im Club hat Komponist und Arrangeur Mikael „Leakim“ Johansson einen hauptsächlich aus Techno- und Electropop-Elementen zusammengesetzten Score entwickelt, der das Geschehen eher wummernd untermalt, denn Ohrwurmcharakter zu entfalten. Auch die wie Fremdkörper wirkenden balladesken Musicalsongs und Schlageranleihen gehen nicht ins Ohr. Einzig der mehrfach in Reprisen erklingende Song „Spiegel sag an“ hat ein wenig Hit-Potenzial. Selbstverständlich wird die ebenfalls von Johansson produzierte elektronische Musik nicht live gespielt, was diesem Club-Musical entspricht und somit kein Manko ist.

Auch wenn Drag Queen Jurassica Parka als Klofrau Ramona keine begnadete Sängerin ist, ist sie als Darstellerin einfach eine Wucht und hält in ihrem Klo-Kosmos nicht nur den Wischmop, sondern als Schätzchen der Schwulen auch die emotionalen Fäden in der Hand. Üblicherweise als Frau auf der Bühne, erscheint Parka in einer Szene auch als grummeliger Club-Hausmeister Ulf, der bei laufendem Betrieb eine Klobrille austauschen muss.

Weitaus mehr Rollenwechsel haben die beiden Musical-Darsteller Robin Cadet und Felix Heller zu bewältigen, die sich mühelos und blitzschnell in immer neue, teils sehr schrille Besucher auf dem Klo verwandeln. Manche dieser Figuren, die Kostümbildner Daniel Unger in szenetypische, knappe Outfits mit viel Glitter kleidet, tauchen sogar mehrfach auf. So brillieren Cadet und Heller zum Beispiel als kreischende Jung-Schwuppen Luca und Lucien, die als Duo Lucy und Lucy ihr Leben auf Social Media dokumentieren und zum Song „Hot und Jucy“ fast schon akrobatische Tanzeinlagen (Choreografie: Robin Rohrmann) auf den Boden vom Toilettenraum hinlegen. Beide geben in ihren vielen Rollen als begnadete, facettenreiche Darsteller dem Affen reichlich Zucker und trumpfen auch gesanglich mit bis in höchste Höhen sicher geführten Kopfstimmen auf.

Wegen seiner speziellen Thematik ist „FLUSH“ kein für breite Publikumsmassen geschriebenes Musical, das allerdings in der schwulen Szene reüssieren dürfte. Dabei ist der Uraufführungsproduktion zu wünschen, dass sie nach der Spielserie im „SchwuZ“ auch in anderen Städten als Gastpiel aufgeführt wird. Verdient hat sie es allemal.

Ursprüngliches Konzept und Story, Songtexte – Robin Kulisch, Felix Heller
Überarbeitung Konzept und Story, Buch – Robin Kulisch
Musik, musikalische Arrangements, Musikproduktion, zusätzliche Songtexte – Mikael „Leakim“ Johansson

 
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KREATIVTEAM
InszenierungMarco Krämer-Eis
AusstattungDaniel Unger
ChoreografieRobin Rohrmann
 
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CAST (AKTUELL)
Robert u. a.Robin Cadet
Paul u. a.Felix Heller
Ramona u. a.Jurassica Parka
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Mi, 09.04.2025 20:00SchwuZ, BerlinPremiere
Do, 10.04.2025 20:00SchwuZ, Berlin
Fr, 11.04.2025 20:00SchwuZ, Berlin
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