Alexander Becker © Björn Hickmann
Alexander Becker © Björn Hickmann

NEUES FEATURE
„Am Ende schaffen wir mit unserem „Jamie“ vielleicht mehr als „nur“ das Musical zu inszenieren. – Alexander Becker im Interview

Mit der deutschen Erstaufführung von „Alle reden nur noch von Jamie“ kommt als Jahresprojekt der OpernYoungsters am Theater Dortmund ein Musical mit hoher aktueller gesellschaftlicher Relevanz auf die Bühne. Regisseur Alexander Becker erzählt im Gespräch mit der Musicalzentrale über die Menschen, die mit ihm gemeinsam die Produktion gestalten, und berichtet über die gemeinsame Arbeit hinter der Bühne: Junge Talente, erfahrene Bühnenprofis und echte Drag-Künstler:innen bilden eine außergewöhnlich diverse Cast. Außerdem spricht der Regisseur über Mut, Sichtbarkeit, Inklusion – und darüber, warum diese Produktion für ihn mehr ist als ’nur‘ eine deutsche Erstaufführung.

In den letzten Jahren habt ihr mit „Carrie“ und „Die Piraten von Penzance“ ganz unterschiedliche Musicals aufgeführt, dieses Jahr steht nun „Alle reden nur noch von Jamie“ auf eurem Spielplan. Wie kam es, dass die Auswahl gerade auf dieses Projekt fiel?

Unsere Stücke müssen für unsere Amateure singbar sein. Außerdem schauen wir immer nach spannenden Stoffen, die für junge Menschen interessant sind.

Ich hatte „Jamie“ schon lange im Blick. Ich habe zuerst den Film gesehen und fand die Geschichte für die Bühne thematisch spannend ohne zu wissen, dass es bereits das Musical gab. Nach dem Austausch mit der Theaterleitung habe ich nach der deutschen Erstaufführung Ausschau gehalten, aber die gab es noch nicht. Als der Verlag das Buch vor eineinhalb Jahren freigegeben hat, haben wir zugeschlagen: Da wir am Haus sehr musicalversiert sind und zusichern können, dass wir mit dem Stoff sorgfältig umgehen, bekamen wir dann auch die Rechte zur deutschen Erstaufführung zugesprochen.

Welche besonderen Herausforderungen bringt „Jamie“ als deutsche Erstaufführung mit sich?

Das ist eine gute Frage! Tatsächlich sind meine Gefühle etwas ambivalent.

Wir sind die Ersten, die das machen dürfen. Das macht mich unheimlich stolz! Der Druck ist natürlich da, weil ich vermute, dass Musicalfans das Stück so sehen wollen, wie sie es bereits kennen.

Da wir es aber schon ein bisschen anders machen, besteht die Aufregung davor, wie es am Ende tatsächlich ankommt und wie wir mit den Reaktionen umgehen. Das breite Publikum kennt das Stück wahrscheinlich noch nicht. Ich sehe in den Proben, dass es funktioniert – aber die Wirkung beim Publikum kann man nie sicher vorhersehen. ‚Angst‘ würde ich es nicht nennen, aber großer, liebevoller Respekt mit viel Spaß daran. Wir geben jedenfalls unsere ganze Lust und Liebe hinein.

Mit wem bringt ihr die deutsche Erstaufführung von „Alle reden nur noch von Jamie“ auf die Bühne?

Theater Dortmund © Daniela Hennen

Seit über 20 Jahren gibt es den Spielclub der OpernYoungsters hier am Haus, der aus rund 35 Mitgliedern im Alter von 16 bis 30 besteht. Im Spielclub selbst ist eine hohe Fluktuation. Einzelne Mitglieder sind aber auch schon dreizehn Jahre dabei. Daraus ergibt sich der Großteil unseres Ensembles.

Musikalisch haben wir unsere Band YoungSymphonics mit dabei. Das ist ein Pool von über 45 Studierenden, Schüler:innen und Lehrer:innen, die unsere Projekte musikalisch mitgestalten. Auch die YoungSymphonics sind ein semiprofessionelles Ensemble, das von Carlos Vázquez professionell geleitet wird.

Der Anspruch an die gemeinsame Arbeit entwickelt sich stetig weiter. Der Zuspruch ist größer und unsere gemeinsame Arbeit bekannter geworden. Wir schauen sehr genau, wie wir den theaterpädagogischen Anspruch an unsere Arbeit und unseren künstlerischen Anspruch gut zusammenbringen können.

Bei „Jamie“ kommt nun soviel Diversität zusammen, wie wir sie bei unseren Produktionen mit den OpernYoungsters bisher noch nie hatten. Ich freue mich, dass wir bei diesem Projekt auch echte Drags im Team haben. Wir haben ein Quintett aus Münster, „House of Blænk“, das uns unterstützt. Und natürlich haben wir auch dieses Jahr wieder erfahrene Theater-Profis auf der Bühne.

Außerdem kooperieren wir mit dem Märkischen Gymnasium Iserlohn. Unsere Theatervermittlung ist zusammen mit den Drags in die Schule gegangen und hat Aufklärungsarbeit geleistet. Einige der Schüler:innen sind solistisch gecastet und spielen bei uns mit.

Die Cast im West End bestand aus 16 Leuten – wir haben 60. Diese Vervielfachung des Ensembles hat einen großen Effekt auf die musikalische und choreographische Wirkung. Mich macht es stolz, dass wir „Jamie“ so groß machen dürfen und dass unsere Produktion dem Stück einen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Der Verlag geht das mit und unterstützt uns darin, dass wir eine diverse Schul-Cast auf der Bühne haben. Umso wichtiger ist es, dass die Partizipation funktioniert und das tut sie. Darauf bin ich sehr stolz!

Welcher Leitgedanke steckt für dich in der Arbeit mit den OpernYoungsters?

Unser Leitgedanke ist vor allem theaterpädagogisch: Wir wollen junge Menschen ohne Theatererfahrung an den Theaterbetrieb heranführen. Viele entwickeln hieraus eine Leidenschaft für Oper, Musiktheater und Schauspiel.

Unsere Arbeit ist hochwertig angesetzt, sodass der künstlerische Anspruch und Aufwand dem einer reinen Profi-Produktion gleicht. Es wird bei unserem „Jamie“ nicht gespart: Alle Drags tragen Kostüme in Sonderanfertigung und alle Darstellenden haben ihre individuellen Anproben. Wir haben eine riesige LED-Wand und Lichteffekte auf der Bühne. So entdecken unsere Darstellenden die Liebe zum Theater. Mindestens sechs Ehemalige haben den beruflichen Weg in Richtung Schauspiel oder Musical eingeschlagen und wir können manchmal helfen, erste Grundsteine einer Karriere legen.

Wir haben den Anspruch, mit den OpernYoungsters auf einem hohen künstlerischen Niveau zu arbeiten, alles aus den jungen Leuten herauszuholen und dass sich die Inszenierungen organisch entwickeln.

Ihr bringt die OpernYoungsters mit Bühnenprofis zusammen. Worin liegt für dich der Gewinn dieser Begegnung?

Die Nachwuchstalente bekommen durch die Arbeit mit den Profis zahlreiche Lernchancen. Es ist uns sehr wichtig, dass die Profis den OpernYoungsters im Stück selbst nicht den Raum nehmen, bei der Erarbeitung des Stückes durch ihre Expertise und Erfahrung aber Unterstützung bieten. Die Idee dahinter lenkt bereits die Auswahl unserer Stücke: Natürlich schauen wir immer erst, was wir selber bedienen können, aber haben auch im Blick, wo professionelle Unterstützung nötig sein könnte. Ich habe hier nicht die Generation, die eine Mutter oder eine alte Drag Queen spielen könnte. Dann schaue ich, wer könnte das Ensemble gut ergänzen.

Dominik Kulczyński ist Jamie New in der Deutschen Erstaufführung von „Alle reden nur noch von Jamie“ © Björn Hickmann

Bei „Jamie“ ist es die Mutter, die wir mit Marja Hennicke besetzt haben. Sie ist am Haus bekannt und leistet auch einen pädagogischen Beitrag: Sie macht u.a. das Vocal Coaching mit den Youngsters. Außerdem kommt KS Hannes Brock, im Alter von 73 Jahren, zurück ans Haus und bietet vor allem unserem Hauptdarsteller Dominik [Kulczyński, Anm. d. Red.] ein gewinnbringendes Mentoring. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind glücklich und stolz, von den Profis zu lernen.

Darüber hinaus arbeiten in sämtlichen Abteilungen Profis, sodass die jungen Leute gut angeleitet werden und sich hoffentlich von uns allen gut behütet fühlen. Wir fordern allerdings ebenso ein, dass die jungen Leute sich komplett auf unsere gemeinsame Arbeit einlassen und sich mit ihren Ideen einbringen. Natürlich gibt es da unterschiedliche Qualitäten. Das ist normal, wenn du mit Amateuren zusammen arbeitest. Gegenseitige Ernstnahme ist jedoch ein absolutes Muss für das Gelingen unserer Arbeit. Allen Darstellenden wird Wertschätzung entgegen gebracht, sodass sich alle gesehen und als Teil des Projektes fühlen. Da gehört es einfach dazu, auch selbst Ideen einzubringen.

Wir haben jedes Jahr offene Castings. Tatsächlich haben wir diesmal vorher geguckt, welchen Profi wir nehmen könnten, wenn wir niemanden für die Besetzung des Hauptdarstellers beim Casting der jungen Talente finden würden. Wir lassen bei einem passenden Casting aber immer den jungen Talenten den Vorzug. So war das auch beim Casting für „Jamie“ letztes Jahr. Da hat Dominik vorgesungen, der sich als absolutes Naturtalent herausstellte und nun unseren Jamie spielt. Und mit Lilly Sophie Kastner als Pritti haben wir eine vollblinde Darstellerin beim Vorsingen entdeckt und können somit auch behaupten, dass wir Inklusion wirklich leben. Sie ist eine herausragende Pritti!

Welche Themen stehen für dich bei der Inszenierung besonders im Mittelpunkt?

Die queere Sichtbarkeit des Themas Drag und mit dieser Kunstform sichtbar sein zu dürfen und anerkannt zu werden steht für uns ganz klar im Zentrum. In der Vorbereitung habe ich sehr viel mit unseren Drags gesprochen, um herauszustellen, wo sie Schwerpunkte setzen möchten. Uns als Leitungsteam ist es unglaublich wichtig, dass wir den Stoff nicht nur abarbeiten, sondern einfangen, was dahinter steht.

Für mich ist ein Schlüsselmoment des Stücks, wenn Jamie für das Finale des ersten Aktes als Drag zurecht gemacht wird, weil diese Transformation – das Erschaffen seines Charakters – die Motivation für das ganze Stück ist. Mir fehlen im Buch Momente der Erklärung, was Drag eigentlich ausmacht. Diese Lücken versuchen wir mit künstlerischen Kniffen zu füllen. Am Ende sind wir doch alle bunt und das ist gut so und das möchte ich zeigen. Wir dürfen hier thematisch den Schwerpunkt setzen und wollen mit unserer Arbeit die Menschen bewegen. Am Ende schaffen wir mit unserem „Jamie“ vielleicht mehr, als ’nur‘ das Musical zu inszenieren.

Wann ist die Inszenierung für dich ein Erfolg?

Ich habe schon jetzt meinen persönlichen Erfolg durch die Arbeit mit den Menschen, mit denen ich hier im Verbund zusammenarbeite: die OpernYoungsters, Dominik und Lilly, unsere Drags und die Profis, die das Mentoring betreiben – das ist unser Erfolg in meinen Augen. Und ich glaube, das wird man bei der Premiere spüren!

Alleine die Entwicklung von Dominik innerhalb dieses einen Jahres zu verfolgen, war beeindruckend! Meine größte Sorge: Er darf jetzt nicht mehr in den Stöckelschuhen umknicken, denn es gibt keine Zweitbesetzung für die Rolle des Jamie selbst…

Wir klopfen schnell auf Holz – das passiert nicht! Vielen Dank für die Einblicke in deine und eure gemeinsame Reise auf dem Weg zur deutschen Erstaufführung von „Alle reden nur noch von Jamie“. Wir sind gespannt und freuen uns dabei zu sein. Wir schicken allen Beteiligten schon jetzt ein herzliches ‚Toi, toi, toi!‘.

 
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