Andreas Gergen © Andrea Peller
Andreas Gergen © Andrea Peller

Stephen Schwartz hat mich ermutigt: "Go for it!" – Andreas Gergen im Interview

Mit Beginn der Saison 2025/26 übernimmt Regisseur Andreas Gergen die Künstlerische Leitung der Bühne Baden – und sorgt gleich zum Auftakt für eine echte Überraschung: Wicked wird die erste Premiere seiner Intendanz. Im Gespräch mit der musicalzentrale spricht er noch vor der offiziellen Spielplan-Pressekonferenz über seinen Zugang zum Musiktheater, neue Ensemble-Strukturen, persönliche Lieblingsprojekte – und warum ausgerechnet „Wicked“ den Anfang macht.

Du wirst ab der kommenden Saison Künstlerischer Leiter der Bühne Baden. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für dich – und wohin möchtest du das Haus entwickeln?

Stadttheater Baden bei Wien © Christian Husar

Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe – und es fühlt sich tatsächlich genau wie der richtige Moment an. Nach meiner Zeit in Salzburg 2017 war ich viele Jahre wieder auf dem freien Markt unterwegs. Das hatte Vor- und Nachteile: Es ist spannend, immer wieder neue Theater und Teams kennenzulernen, aber eben auch sehr kräftezehrend. Jetzt freue ich mich darauf, meine Energie und Konzentration wirklich auf ein Haus und auf langfristige Projekte richten zu können.

Die Bühne Baden ist für mich genau der richtige Ort dafür – ein Haus mit einem klaren Profil, das dem unterhaltenden Musiktheater verpflichtet ist. Genau darin sehe ich meine Aufgabe: Dieses Profil weiter zu schärfen und Baden als Hotspot für Operette und Musical zu positionieren.

Opern oder Ballettabende wird es künftig nicht mehr geben. Ich werde das Haus stärker auf Musical und Operette konzentrieren. In diesem Zuge habe ich auch strukturelle Veränderungen angestoßen: Das bisherige Ballettensemble wird künftig als Tanzensemble geführt, in dem auch Musicaldarsteller:innen fest engagiert sind. Außerdem habe ich ein junges Ensemble gegründet – eine Art Studio für Musical und Operette, in dem Nachwuchstalente nicht nur im Ensemble, sondern auch in Rollen auf der Bühne stehen. Mein Ziel ist es, mit einem festen künstlerischen Kern zu arbeiten, Gesichter zu etablieren, die man mit der Bühne Baden verbindet – nach innen wie nach außen.

Baden liegt in unmittelbarer Nähe zu Wien – einer der Musicalhochburgen im deutschsprachigen Raum. Wie möchtest du dich mit der Bühne Baden in diesem Umfeld positionieren?

Stadttheater Baden © Christian Husar

Da habe ich überhaupt keine Sorge – dass kriegen wir gut hin. Christian [Struppeck] und ich beraten uns da gegenseitig, wir sind ein gutes Team. Und ich denke, dass unser Spielplan sich ganz klar abgrenzt – sowohl von den Vereinigten Bühnen Wien als auch etwa von der Volksoper.

Gerade mit der Volksoper haben wir konzeptionell einen ganz anderen Zugang zu Musical und Musiktheater. Ich sehe die Bühne Baden eher in einer Linie mit der Staatsoperette Dresden oder der Musikalischen Komödie Leipzig – also Häuser, die gezielt Operette und Musical pflegen. Was uns auch unterscheidet: In Wien wird viel im Long-Run gespielt, dort gibt’s die großen Blockbuster und Uraufführungen über eine ganze Saison hinweg. Wir holen uns zwar auch First-Class-Rechte, arbeiten aber nicht in sogenannten Replica-Produktionen, also nicht in exakten Kopien wie in London oder New York. Wir haben kreative Freiheit und entwickeln unsere eigenen Konzepte – natürlich immer in enger Abstimmung mit den Lizenzgebern. Wir haben kein reines Musicalensemble, sondern arbeiten mit einer festen Basis und ergänzen das durch Gäste. Viele bekannte Musicaldarsteller:innen aus Wien werden auch in Baden auf der Bühne stehen – mit spannenden Rollen und Produktionen, die künstlerisch besonders reizvoll sind.

Ich wollte ja geduldig sein, aber die Neugier gewinnt – was gibt’s zum Auftakt der Spielzeit?

Es wird grün – und zwar im ganz großen Stil. Wir eröffnen die Spielzeit am 3. Oktober mit der Premiere von „Wicked„. Und ja, das ist wirklich eine Sensation: Wir haben die Rechte bekommen für eine Non-Replica-Produktion, also eine eigene Inszenierung mit ganz eigenem Konzept. Und ich freue mich wahnsinnig darüber! Stephen Schwartz wird zur Premiere kommen – er hat trotz seiner Verpflichtungen rund um „Queen of Versailles“ in New York zugesagt, nach Baden zu kommen.

Laura Panzeri (Elphaba) in „Wicked“
© Lalo Jodlbauer, YAY creative

Ich wollte meine erste Spielzeit mit einem besonderen Stück eröffnen – und „Wicked“ ist genau das. Natürlich haben viele gesagt „Bist du verrückt?“ oder „Wie habt ihr das geschafft?“. Ich habe Stephen Schwartz persönlich angeschrieben, ihm mein Regiekonzept geschickt – und er hat mich ermutigt: „Go for it!“ Das hat mich sehr bewegt. Aber natürlich war er nicht der einzige Entscheidungsträger und so musste ich noch ein halbes Jahr bangen und Überzeugungsarbeit leisten.

Stephen kenne ich übrigens aus der Zeit, in der ich als Darsteller noch selbst auf der Bühne stand. Mein erstes Engagement nach dem Studium an der UdK Berlin war die Uraufführung von „Disney´s Der Glöckner von Notre Dame“ im Theater am Potsdamer Platz. Alan Menken schrieb hierzu die Musik und Stephen die Liedtexte. Während der Proben freundeten wir uns an und der Kontakt hielt bis heute.

Das klingt nach einem echten Paukenschlag! Darfst du schon verraten, wen wir in den Hauptrollen sehen werden?

Wir haben ein breites Casting durchgeführt, international, mit Videocastings und in enger Abstimmung mit den Lizenzgebern. Es war ein langer Prozess, aber wir haben eine außergewöhnliche Besetzung gefunden. Laura Panzeri wird Elphaba – sie war u. a. Jasmin in „Aladdin“, ist zurzeit die Leading Lady am Friedrichstadtpalast in Berlin und lieh Elphaba in der italienischen Synchronfassung des Kinofilmes ihre Stimme – und hat mit ihrem Video sofort überzeugt.

Vanessa Heinz übernimmt Glinda – eine starke Komödiantin, sehr musikalisch, mit einem frischen Zugang zur Rolle. Madame Morrible wird Maya Hakvoort. Der Zauberer wird Mark Seibert – bewusst untypisch besetzt als junger, dynamischer Politiker. Unsere Inszenierung wird sehr politisch sein, inspiriert vom epischen Theater Brechts. In meiner Regiekonzeption habe ich geschrieben, dass es gerade im deutschsprachigen Raum eine Zeit gab, in der jemand behauptet hat, Probleme erkennen und lösen zu können – aber in Wahrheit keine Lösungen hatte. Ein Fake-Zauberer, der gar nicht zaubern kann. Unsere Produktion ist also stark in den 1930er-Jahren verortet und beschäftigt sich mit totalitären Systemen. Deshalb brauchte es auch eine andere Besetzung für den Zauberer – eben nicht den klassischen alten Mann, sondern jemanden, der glaubhaft vorgibt, die Welt verändern zu können. Unser Zugang orientiert sich stark am epischen Theater Bertolt Brechts – auch das eine bewusste politische Setzung. Aus unserem jungen Ensemble spielen außerdem Timotheus Hollweg (Fiyero), Anna Rosa Döller (Nessarose) und Jens Emmert Boq), den du vielleicht aus „Mozart!“ in München kennst.

Nach diesem spektakulären Auftakt mit „Wicked“ – welche weiteren Produktionen stehen auf dem Spielplan. Wird es auch Klassiker oder Familienstücke geben?

Als zweite Produktion folgt eine Operette – „Die lustige Witwe“. Was sie für Musical-Fans besonders spannend macht: Henry Mason wird inszenieren. Er hat „Die Königinnen“ für Linz geschrieben, ist nicht nur ein großartiger Musicalregisseur, sondern auch ein profilierter Schauspieler, Shakespeare-Kenner und Autor. Für „Die lustige Witwe“ wird er ein neues Libretto schreiben – also nicht die Liedtexte, aber eine komplett neue Dialogfassung, die von ihm stammt. Das wird sicher eine ungewöhnliche, sehr pointierte und spielfreudige Interpretation.

Mia Botha (Matilda) in „Mathilda“
© Lalo Jodlbauer, YAY creative

Und dann kommt auch schon unser Familienstück: „Matilda„. Wie du dir denken kannst, war das Casting dafür eine echte Herausforderung.

Wie lief dieses Casting denn ab, und wie habt ihr die vielen Kinderrollen besetzt?

Wir hatten ein großes Kindercasting mit rund 200 Bewerbungen. 100 Kinder haben wir eingeladen – und ich dachte ehrlich gesagt, dass vielleicht die Hälfte kommt. Aber es sind tatsächlich alle erschienen! Zum Glück hatten wir die Hauptbühne reserviert, die war dann auch wirklich voll. Für einige Rollen haben wir ein zweites Casting gemacht, bei dem wir gezielt mit dem „Matilda“-Material gearbeitet haben. Auch da haben wir inzwischen unsere Besetzung gefunden. Wir haben die Rollen zwei- bis dreifach besetzt. Wir haben später auch noch ein zweites Musical, für das wir viele Kinder brauchen. Was wird das wohl sein?

Aber erstmal noch zu „Matilda“: Auch in dieser Produktion gibt es ein Wiedersehen mit vielen bekannten Musicaldarsteller:innen. Zum Beispiel übernimmt Andreas Lichtenberger die Rolle der Frau Knüppelkuh – was ein großer Spaß wird! Er wirkt natürlich überhaupt nicht feminin, aber genau das braucht diese Figur: eine ehemalige Olympiasiegerin im Hammerwurf, mit ordentlich Power. Uns war wichtig, die Geschichte nicht nur comichaft zu erzählen. Natürlich gibt es Erwartungen – durch das Buch, die Zeichnungen, die Verfilmung – aber wir wollen die Charaktere auch ernst nehmen. Nicht weniger lustig, aber etwas menschlicher, etwas tiefer.

Anna Rosa Döller spielt Fräulein Honig – das passt wunderbar. Timotheus Hollweg ist Rudolpho, der Tanzlehrer. Und bei den Kinderrollen folgen wir einem Prinzip, das auch auf der National Tour funktioniert hat: Es stehen fünf echte Kinder pro Vorstellung auf der Bühne, die übrigen Rollen übernehmen Erwachsene aus dem Ensemble. So schaffen wir eine gute Mischung aus Professionalität und jugendlicher Energie.

Lukas Perman (Georg von Trapp), Katharina Gorgi (Maria Rainer) in „The Sound of Music“
© Lalo Jodlbauer, YAY creative

Du hast erwähnt, dass noch eine weitere Produktion mit Kindern geplant ist. Können wir uns da vielleicht auf „The Sound of Music“ freuen?

Ganz genau. „The Sound of Music“ wird unsere vierte Produktion. Sie entsteht in Kooperation mit dem Salzburger Landestheater und basiert auf der dortigen Inszenierung. Teile der Besetzung übernehmen wir ebenfalls aus Salzburg – unter anderem Lukas Perman als Georg von Trapp. Und ehrlich gesagt: Ich kann mir momentan keinen Besseren für diese Rolle vorstellen. Ich habe die Produktion damals in Salzburg einstudiert und weiß, wie sehr Lukas in diese Rolle hineingewachsen ist. Er bringt genau die richtige Mischung mit – nicht zu väterlich, aber gleichzeitig glaubhaft als strenger Vater und attraktiver Mann, sodass die Liebesgeschichte zur deutlich jüngeren Maria funktioniert.

In Baden wird Katharina Gorgi die Maria spielen – sie war zuletzt u. a. als Isabella in „Rock Me Amadeus“ zu sehen, und ich habe mit ihr schon bei „Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper zusammengearbeitet. Sie kennt „The Sound of Music“ in- und auswendig – hat in ihrer Kindheit dort selbst alle Kinderrollen gespielt. Und auch Maja Hakvoort ist wieder dabei – sie übernimmt die Rolle der Mutter Oberin.

Neben den großen Produktionen auf der Hauptbühne – wird es auch kleinere Formate oder besondere Spielorte geben?

Timotheus Hollweg in „Songs for a New World“
© Lalo Jodlbauer, YAY creative

Ja, zwischendrin gibt es tatsächlich noch eine weitere Premiere – diesmal im Max-Reinhardt-Foyer. In der Vergangenheit war dieser Raum hauptsächlich für Vermietungen gedacht, also für Soloabende, Lesungen oder kleinere Gastspiele. Das ändern wir jetzt grundlegend: Künftig wird es dort zwei eigene Musicalproduktionen pro Jahr geben. Ich orientiere mich dabei ein bisschen an anderen Häusern mit Studiobühnen. Der Raum hat enormes Potenzial, und wir wollen ihn künstlerisch voll ausschöpfen.

Ende November zeigen wir dort „Songs for a New World“ – in voller Orchesterbesetzung! Kein reduziertes Konzept, sondern ganz im Gegenteil: Wir gehen mit echtem Aufwand an die Sache heran. Und was mich besonders freut: Es wird die erste Regiearbeit von Dominik Hees. Ich finde es spannend, auch neue Regiestimmen auf diese Weise zu fördern und ihnen eine Bühne zu geben.

Zum Abschluss der Spielzeit – was erwartet das Publikum als letzte Produktion auf der großen Bühne?

Die letzte Produktion auf der Hauptbühne wird „Frau Luna“ – die klassische Berliner Operette von Paul Lincke. Auch hier setzen wir auf eine spannende Mischung aus klassischen Sänger:innen und Musicaldarsteller:innen. Mit dabei sind unter anderem Dennis Hupka, Simon Stockinger und Ramesh Nair, der ja zuletzt auch viel in Baden inszeniert hat.

Ich habe in meiner ersten Spielzeit bewusst darauf geachtet, erst einmal frische künstlerische Akzente zu setzen. Das wird sich in Zukunft sicher wieder öffnen, aber für den Start war es mir wichtig, neue Impulse zu setzen. Was ich mit „Frau Luna“ – und generell mit unserer Operettenlinie – erreichen möchte: Ich will das Genre stärker mit dem Musical verzahnen. Operette ist für mich die direkte Vorläuferin des Musicals. Ich weiß, dass viele Musikwissenschaftler das nicht gerne hören, aber ich bin überzeugt davon. Gerade das kreative Potenzial, das es in den 1920er-Jahren in Berlin gab, war enorm. Und dann kam der Bruch – viele Komponist:innen mussten emigrieren; die Entwicklung wurde abgewürgt. Man fragt sich: Was wäre gewesen, wenn diese Kultur sich in Europa hätte weiter entfalten können? Das ist das eigentliche Drama des europäischen Musicals – dass es so lange gebraucht hat, Fuß zu fassen. Und da sind wir immer noch auf dem Weg.

Jan-Eike Majert in „Die Comedian Harmonists
© Lalo Jodlbauer, YAY creative

Neben „Songs for a New World“ hast du noch eine zweite Produktion im Max-Reinhardt-Foyer angekündigt. Was erwartet uns dort?

Genau, es wird zwei Premieren pro Jahr im Max-Reinhardt-Foyer geben – die zweite wird „Die Comedian Harmonists“ sein. Obwohl es eine kleinere Produktion ist, ist sie mir sehr wichtig. Ich werde sie auch selbst inszenieren – einfach, um zu zeigen, welchen Stellenwert auch diese Formate für uns haben. „Comedian Harmonists“ ist für mich persönlich etwas Besonderes. Ich habe 1997 selbst dafür vorgesungen – habe die Rolle damals nicht bekommen, aber das Stück hat mich seither begleitet.

Die Musik – diese Schlager und Evergreens – ist auch in Österreich sehr bekannt. Und besetzt wird das Stück teils aus unserem Ensemble – unter anderem mit Jens Emmert, Jan-Eike Majert und Timotheus Hollweg – und teils ergänzt durch ein paar Gäste. Auch hier entsteht also eine schöne Mischung. Das ist dann unsere erste Spielzeit!

Lieber Andreas, danke dir, dass du uns schon vor der offiziellen Pressekonferenz so offen und ausführlich durch deine erste Spielzeit geführt hast. Es ist immer eine Freude, mit dir zu sprechen. Für deinen Start in Baden wünschen wir dir von Herzen alles Gute und sind gespannt auf das, was du dort auf die Bühne bringst!

 
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