vorne: Astrid Vosberg (Merteuil) sowie Sebastian Seitz (Danceny), Samuel Franco (Valmont). © Andreas J. Etter
vorne: Astrid Vosberg (Merteuil) sowie Sebastian Seitz (Danceny), Samuel Franco (Valmont). © Andreas J. Etter

Gefährliche Liebschaften (seit 11/2023)
Großes Haus, Kaiserslautern

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos‘ Roman hat schon viele Bearbeitungen erfahren. Diverse Schauspiele, Filme, Opern und Musicals nehmen sich der perfiden Intrigen an. Wer trotz der Geschichte über den gefühlskalten Umgang mit Mitmenschen beschwingte Unterhaltung erwartet, weil auf dem Stück das Etikett “Musical” klebt, wird enttäuscht werden. Marc Schubrings und Wolfgang Adenbergs “Gefährliche Liebschaften” ist zeitgenössisches Musiktheater, trotz aller Dissonanzen und opernhaftem Pathos emotional und packend umgesetzt.

Schon die ersten vier scharfen Akkorde lassen nichts Gutes erahnen: Die Marquise de Merteuil beherrscht die Pariser Gesellschaft. Unbedarfte können sie als freundlich und hilfsbereit einschätzen, doch ihr größtes Vergnügen besteht darin, ihren Mitmenschen den gesellschaftlichen Boden unter den Füßen wegzuziehen. Unterstützt wird sie dabei von Vicomte de Valmont, einem manipulativen Schürzenjäger. Valmont will mehr von Merteuil als nur gemeinsame Ränkepläne zu schmieden. Doch sie will ihn erst erhören, wenn er der unbedarften Klosterschülerin Cécile de Volanges die Unschuld geraubt hat, bevor sie einen ehemaligen Liebhaber der Marquise heiratet. Eine lächerlich einfache Aufgabe für Valmont, der die deutliche schwierigere Eroberung der sittenstrengen Madame der Tourvel einsetzt. Doch der Plan wankt, als echte Gefühle ins Spiel kommen.

Die Marquise und Valmont sind kaltschnäuzige Egomanen, die ihre Mitmenschen ausnutzen und nach Gebrauch herzlos entsorgen. Diese emotionale Kälte findet in Alexandra Burgstallers Bühnenbild ihre Entsprechung. Der sparsam möblierte schwarze Bühnenraum wird von einer dunklen, drehbaren Holzwand beherrscht. Sie kann Wand eines Salons sein, Teil einer Gebäudefassade oder aufgeklappt zu einem weiteren Raum werden. Farbtupfer wie ein Gemälde im Salon der Marquise, Blumenranken in einem Garten oder der Vorhang in der Pariser Oper, stehen dazu in knalligem Kontrast. Die Wand bietet auch jede Menge Möglichkeiten, sich zu verstecken und andere zu belauschen. Ob das nun Mitglieder der höheren Gesellschaft sind oder die Dienerschaft – das Wissen über andere bedeutet in der dekadenten Gesellschaft kurz vor der französischen Revolution Macht. Bei einer im Rokoko spielenden Produktion sind die Kostüme und Perücken erwartbar prächtig und machen viel her. Burgstaller bekennt in einem Zeitungsinterview, nicht 1:1 nach dem Kostümgeschichtsbuch vorgegangen zu sein. Dass sie die weiblichen Hausangestellten aber in viktorianisch anmutende Kleidung steckt, ist ein unschöner Bruch.

Die 1782 erschienene Romanvorlage ist ein Briefroman. Die Handlung wird nur über Briefe erzählt – der einzige Weg zu dieser Zeit, auf Distanz zu kommunizieren. Das Briefeschreiben ist deshalb auch ein wichtiger Teil des Stücks. Dabei reflektieren die Figuren gerade Erlebtes oder ihre Gefühle. Gute Momente für Showstopper-Soli. Prinzipiell treibt Marc Schubrings Komposition aber die Handlung voran. Schubring hat “Gefährliche Liebschaften” Stephen Sondheim gewidmet und dessen Einfluss ist tatsächlich unüberhörbar – auch wenn er ins Finale des ersten Akts eine Portion “Les Mis”-Pathos mit einer Prise Wildhorn untermischt. Die Melodieführung passt sich – wie beim großen Vorbild Sondheim – dem gesprochenen Wort an. Das musikalisch Meisterhafte findet aber im Orchestergraben statt. Dort wird das, was im Inneren der Figuren vorgeht, hörbar. Die Orchestrierung, die der Komponist gemeinsam mit Frank Hollmann vorgenommen hat, sprüht vor Klangfarben, etwa mit der mal eleganten, mal gespenstischen Harfe, dem aristokratischen Cembaloklang oder den Blasinstrumenten von der hohen Piccoloflöte bis zur tiefen Bassposaune. Die Möglichkeiten eines um zwei Keyboards erweiterten klassischen Orchesters werden kreativ ausgenutzt. Dirigent Olivier Pols lässt die Partitur transparent flirren oder mächtig strahlen. Hier und da strahlt die Pfalzphilharmonie Kaiserslautern ein bisschen zu sehr und dem Text ist schwer zu folgen. Die Tonaussteuerung war bei der Premiere nicht immer optimal.

Das Ensemble bietet eine harmonische und stimmlich durchweg starke Leistung. Sebastian Seitz gefällt als Chevalier de Danceny besonders in seinem Solo “Wovon magst du träumen?”. Zusammen mit Valerie Gels als Cécile gibt er ein (noch) unschuldiges Liebespaar wie aus dem Bilderbuch ab, dem man so sehr ein Happy End gönnen würde. Gels‘ Figur macht eine große Entwicklung durch – von der unschuldigen Klosterschülerin zur Frau, die abgeklärt eine führende Rolle in der dekadenten Gesellschaft einnimmt.

Die andere Frau, die Valmont zu verführen hat, ist da ganz anders. Madame de Tourvel spricht sehr akzentuiert, hat eine steife Körperhaltung und verhält sich sehr distanziert. Ihr Schultertuch schlingt sie um sich wie einen Schutzpanzer. So, wie sie sich zögernd Valmont öffnet, öffnet sich nach und nach auch das Tuch, bis es schließlich zu Boden fällt. Adrienn Čunka gelingt in dieser Rolle eine anfangs spröde, aber sehr stimmige Darstellung. Besonders stark sind die Szenen, in denen sie langsam dem Wahnsinn verfällt. Samuel Franco umgarnt sie als Valmont nicht penetrant, sondern geschmeidig und elegant. Er hat die dazu passende Stimme, der aber bei seinem Solo “Allmächtig” die Durchschlagskraft fehlt. Valmonts Wandlung vom berechnenden Verführer zum ehrlich Verliebten, gestaltet Franco subtil und glaubhaft.

Als Marquise de Merteuil, die ihre Unabhängigkeit selbstbewusst und in vollen Zügen genießt, ist Astrid Vosberg einfach grandios. Die Marquise beherrscht die Kunst, Menschen scheinbar fürsorglich, ja sogar mütterlich, zu unterstützen, um sie dann ohne Mitgefühl fallenzulassen. Echte Gefühle vermeidet sie. Ihr Solo “Liebe macht uns schwach” ist eine zu Recht bejubelte Mischung aus Verachtung und Wut.

Dass man der Handlung trotz der vielen Figuren jederzeit folgen kann, ist Wolfgang Adenbergers Buch zu verdanken. Bei seinen Liedtexten ist zwar die eine oder andere Zeile etwas schwülstig geraten, aber die Vorzüge des Buchs, das trotz Pausen für Solo-Songs die Geschichte zügig voranbringt, lassen das verschmerzen.

Pascale-Sabine Chevroton überzeugt in ihrer Inszenierung durch die konzentrierte Personenführung. Zwar gleitet sie in einigen Szenen mit viel Bühnennebel und Geistererscheinungen ins Mystische ab und auch dass sie den Chor, sobald dieser in der Partitur “mmm” oder “aaa” zu singen hat, auch szenisch einbindet, passt nicht immer. Stark ist dagegen beispielsweise das gezielte Spiel mit Perücken zu Beginn und zum Schluss. Die junge Joséfine de Fontillac (mit verzweifelter Wucht: Sarah Gadinger), die für Valmont ihren Mann verlassen hat, wird von ihm abserviert. Sie wendet sich hilfesuchend an die Marquise, die nur eine Möglichkeit für sie sieht: den Gang ins Kloster. Bevor Joséfine mitleidslos weggeschickt wird, nimmt ihr die Marquise noch die herrschaftliche Perücke ab. Wenn am Ende die Marquise gebrochen am Boden liegt, reißt ihr Cécile wiederum die Perücke ab und hält sie triumphierend wie einen abgeschlagenen Kopf. Ein eindringliches Schlussbild!

Die Pfalztheater-Produktion ist erst die zweite Inszenierung der “Gefährlichen Liebschaften” nach der Uraufführung in München 2015. Der Mut des Pfalztheaters, keinen Crowd Pleaser, sondern diese musikalisch anspruchsvolle Tragödie auf den Spielplan zu setzen, ist nicht genug zu loben. Musicalfans sollten sich diese überzeugende Aufführung nicht entgehen lassen!

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungOlivier Pols
Inszenierung, ChoreografiePascale Chevroton
AusstattungAlexandra Burgstaller
LichtManfred Wilking
ChorleitungAymeric Catalano
FechtchoreographieJean-Loup Fourure
DramaturgieAndreas Bronkalla
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Marquise de MerteuilAstrid Vosberg
Vicomte de ValmontSamuel Franco
Madame de TourvelAdrienn Čunka
Cécile de VolangesValerie Gels
Chévalier de DancenySebastian Seitz
Madame de RosemondeDominique Engler
Madame de VolangesMaaike Schuurmans
AzolanGerald Michel
Joséfine de FontillacSarah Gadinger
ÉmelieLisenka Milène Kirkcaldy
JulieMarina Granchette
VictoireJanneke Thomassen
BellerocheJan Henning Kraus
OpernsängerinElena Laborenz
GérardJan Henning Kraus
SteuereintreiberTim Taucher
Graf GercourtJan Henning Kraus
Zofe bei VolangesSusanne Kirn
Zwei AdjutantenJan Henning Kraus
Jacob Hetzner
Ensemble & Dance-CaptainLisenka Milène Kirkcaldy
EnsembleSarah Gadinger
Marina Granchette
Jacob Hetzner
Tim Taucher
Janneke Thomassen
OrchesterPfalzphilharmonie Kaiserslautern
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE
Mo, 17.03.2025 18:00Großes Haus, Kaiserslautern
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE (HISTORY)
Sa, 18.11.2023 19:30Großes Haus, KaiserslauternPremiere
So, 19.11.2023 18:30Großes Haus, Kaiserslautern
Sa, 02.12.2023 19:30Großes Haus, Kaiserslautern
▼ 6 weitere Termine einblenden (bis 02.03.2024) ▼
Zur Zeit steht die Funktion 'Leserbewertung' noch nicht (wieder) zur Verfügung. Wir arbeiten daran, dass das bald wieder möglich wird.
Overlay