Ensemble von "Anything Goes" an der Staatsoper Hannover © Bettina Stöß
Ensemble von "Anything Goes" an der Staatsoper Hannover © Bettina Stöß

Anything Goes (seit 11/2025)
Opernhaus, Hannover

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Am Staatstheater Hannover wird der Klassiker „Anything Goes“ visuell neu gedacht: Der oftmals hochglanzpolierte Transatlantikdampfer schippert hier als rostige Schrottlaube übers Meer – glücklicherweise ist das Schiff an dieser Inszenierung das einzige, was zu sinken droht!

Cole Porters abwechslungsreiche Melodien, der chaotische Humor aus Guy Boltons und P.G. Wodehouses Buch, den man als Prototyp einer turbulenten Bühnen-Verwechslungskomödie sehen könnte, und die mittlerweile schon konventionell erwarteten, mitreißenden Stepptänze machen „Anything Goes“ zu einem zeitlosen Musical, das auch noch gut 90 Jahre nach seiner Uraufführung das Publikum anzieht. Das ist für Werke aus dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit und ist sicherlich auch der zeitgemäßeren Überarbeitung von Timothy Couse und John Weidman sowie der makellosen deutschsprachigen Fassung von Roman Hinze und Niklas Wagner zu verdanken.

Über die erzählerischen Schwächen und dramaturgischen Längen des Werks trösten diese Elemente üblicherweise hinweg – in Hannover gelingt dies nicht gänzlich. Zuweilen hätten eine straffere Personenführung, schnellere Szenenübergänge und temporeichere Dialogausgestaltung dem zähen ersten Akt deutlich mehr Pepp verleihen können, sodass der Ozeandampfer in Hannover besonders langsam Fahrt aufzunehmen und auch auf seiner Überfahrt immer wieder behäbig abzubremsen scheint. Dem muss entgegen gehalten werden, dass das Originalbuch es einer zugewandten, zeitkritisch denkenden Regie auch nicht gerade leicht macht. Adriana Altaras Inszenierungsidee, die uramerikanische Handlung auf einem halb abgewrackten Schiff spielen zu lassen, ist dabei überraschend innovativ und verleiht der seichten Handlung eine gesellschaftskritische Note, die sie aus den subtilen Untiefen des Buches so visuell an die Oberfläche holt. Auch die Wahl zwischen Wechseln von deutschen auf englische Songtexte innerhalb der Nummern wirkt nicht beliebig, sondern scheint im Moment der Kulmination eines oftmals ironisch daherkommenden, amerikanischen Wir-Gefühls zu erfolgen.

Das auf einer Drehbühne installierte Setdesign von Timo Dentler und Okarina Peter kann visuell punkten und verleiht der Inszenierung einen Teil der ersehnten Dynamik. Die Illusion ist perfekt: Durch seitlich angebrachte Teile einer Reling, die halbkreisartig in der Mitte des Hintergrunds zusammen treffen, entsteht mit dem Haupt-Bühnenelement zusammen der Anschein eines Promenadendecks, das Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung stimmig mimt. Das zentrale Schiffsteil kann durch Perspektivwechsel für Gästekabinen, die Schiffslounge, das Kittchen unter Deck oder die Kapitänsquartiere genutzt werden. Den Hintergrund bildet ein schön ausgeleuchteter Horizont, der immer die passenden Lichtstimmungen setzt – sei es Tageszeit der Handlung oder emotionale Akzentuierung von Charaktermomenten – und das fast cineastische Bild der Atlantik-Überfahrt rund einrahmt. Die zum Teil unkonventionellen Kostüme von Dentler und Peter scheinen eine Brücke zwischen der eigentlichen Handlung, der Swing-Ära der 1930er Jahre, und der Jetzt-Zeit zu schlagen, wobei vor allem die Damengewandungen zwischen schick, sexy und camp changierend zu Hinguckern werden. Diese Zeitbrücken werden auch durch Arno Lückers Dramaturgie gebaut, indem wiederholt an das deutsche Zielpublikum gerichtete Comedy-Einwürfe erfolgen: Es wird auf Österreichisch und Bairisch gestritten und zu den potenziellen Gästen der MS America gehören unter anderem Gerhard Schröder, der stark mit Hannover assoziiert wird – auch Choreograph Bart de Clercq wird referenziert. Das sorgt für Lacher und für den Eindruck, dass sich diese Inszenierung nicht verkünstelt: Der Spaß soll im Vordergrund stehen.

Das Team vom Ton hat für operngeprägte Staats- und Stadttheaterverhältnisse Gutes geleistet: Piotr Jaworskis virtuos geleitetes und souverän spielendes Orchester klingt schwelgerisch und peppig im Wechsel, ohne dass die BühnenakteurInnen akustisch untergehen oder dominieren. Gerade die Bläser ragen aus der harmonischen Orchestrierung besonders eindrucksvoll heraus. Der 22-köpfige Opernchor verleiht den oftmals swingenden Melodien eine ungewohnte Monumentalität, die gesanglich gefällt – vor allem aber beweist sich das Chorensemble als wunderbar spielfreudig und harmonisch. Nicht selten stehlen einzelne Choristen mit ulkigen Hintergrundaktionen den AkteurInnen vorne die Show.

Bart de Clercqs Choreographien tragen die dynamischen Momente der Inszenierung maßgeblich. Besonders gelungen ist die fast schon verpflichtende Stepptanznummer zum Aktfinale und der witzig-überspitzte Tango zu „Das Feuer in mir“. Das achtköpfige Tanz- und Musicalensemble beweist wunderbare tänzerische Virtuosität und übersprühende Energie. Zudem bekleidet das Ensemble den beschwingten Matrosentrupp sowie die kessen Showdamen auch schauspielerisch unterhaltsam.

Frank Schneiders als Elisha Whitney interpretiert seinen Yale-Fanatiker herrlich kauzig im Zusammenspiel mit Carmen Fuggiss als konsumorientierte Witwe Evangeline Harcourt, und Yannick Spanier gibt als Kapitän mit Nordlicht-Slang trocken-rotzigen Friesenhumor zum Besten. Dirk Schäfer überzeugt als herbes Gangster-Klischee Moonface Martin, der mit „Mach’s wie die Meise“ einen herrlich entrückten, fast schon rührselig-absurden Gegenpol zu seiner sonstigen, schroffen Interpretation darbietet. Max Dollinger gefällt als schrulliger Lord Evelyn Oakleigh mit zahlreichen Marotten und Spleens – seine temperamentvolle Eskalation zum sinnlichen Tango gehört zu den Highlights der Inszenierung.

Christof Messners verzweifelter Playboy Billy Crocker ist charmant, energetisch und grundsympathisch. Als heimlicher Held – oder Antiheld – der Handlung liegt der Fokus auf seinen Eskapaden, die durch Messners Schauspiel auch große Teile der Comedy dieses Stücks gelungen transportieren. Die gesanglich anspruchs- und sprungreiche Partie meistert Messner gekonnt, träumerisch und schwelgend gefällt er zu „Dich zu lieben wär leicht“.

Die Bühne dominieren drei ganz unterschiedlich agierende Powerfrauen: Julia Sturzlbaum als Hope Harcourt ist zwar oft mädchenhaft-zart, weiß aber im Kern sehr wohl, was sie will. Wunderschön fließend changiert sie zwischen klassisch geprägtem Sopran und Musical-Stimme und füllt die wenigen eher melancholisch-romantischen Teile des Stücks gewinnbringend aus. Amani Robinson als Gangsterbraut Erma gewinnt direkt mit ihrem ersten Auftritt die Herzen des Publikums. Sie verschmilzt mit ihrer mal verführerischen, mal herrlich gossenhaften Rolle gänzlich und holt aus dieser eher kleinen Charakterrolle alles Comedy-Gold heraus. Gesanglich begeistert sie zudem mit einem sexy „Seemann, sei schlau“ gegen Ende des zweiten Aktes. Mit präziser Körpersprache, tänzerischem Können und Ausdruck, einer großen Beltstimme, sowie schauspielerisch exzellenter Authentizität fegt, steppt und tanzt Bettina Mönch als Showmasterin über die Bretter und durch die Handlung. Besonders die energetische sowie tanzintensive Performance zu „Alles geht heut“ und ihre exaltierte Predigt zu „Los, Gabriel, los“ begeistert, aber auch die jeweils symbiotisch dargebotenen Duette mit Messner zu „Du bist top“, Schäfer zu „Freundschaft“ und Dollinger zu „Das Feuer in mir“ bleiben im Gedächtnis. Die hervorragende Cast ist in dieser Inszenierung allem anderen voran dasjenige Element, das „Anything Goes“ in Hannover großzügig entstaubt und die musikalische Fahrt auf dem Atlantik zu einem Erlebnis macht!

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungPiotr Jaworski
Lorenzo Da Rio
RegieAdriana Altaras
Bühne und KostümeTimo Dentler
Okarina Peter
ChoreografieBart De Clercq
ChorLorenzo Da Rio
DramaturgieArno Lücker
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Reno SweeneyBettina Mönch
Hope HarcourtJulia Sturzlbaum
Evangeline HarcourtCarmen Fuggiss
Lord Evelyn OakleighMax Dollinger
Elisha WhitneyFrank Schneiders
Billy CrockerChristof Messner
Moonface MartinDirk Schäfer
ErmaAmani Robinson
SpitIngolf Kumbrink
(Tadeusz Slowiak)
DippyValentin Kostov
(Martin Kreilkamp)
ChefstewardJuri Menke
KapitänYannick Spanier
Matrosenquartett u. a.Gregory Antemes
James Cook
Nils Axelsson
Johannes Summer
(Stephen Dole
Richard Patrocinio)

Renos ShowgirlsFides Groot Landeweer
Joana Henrique-Jakokbs
(Susie Porter
Janina Moser
Faye Bollheimer)

Fred, ein BarkeeperMarek Durka
(Thomas Kubitza)
Henry T. Dobson, ein PastorUğur Okay
(Henri Tikkanen)
mitChor der Staatsoper Hannover
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
  
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TERMINE
Do, 19.03.2026 19:30Opernhaus, Hannover
Fr, 27.03.2026 19:30Opernhaus, Hannover
Di, 07.04.2026 19:30Opernhaus, Hannover
Sa, 11.04.2026 19:30Opernhaus, Hannover
Sa, 16.05.2026 19:30Opernhaus, Hannover
Mo, 25.05.2026 19:30Opernhaus, Hannover
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 28.11.2025 19:30Opernhaus, HannoverPremiere
Fr, 05.12.2025 19:30Opernhaus, Hannover
Fr, 12.12.2025 19:30Opernhaus, Hannover
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