Oliver Hewing (Quasimodo), Christine Allado (Esmeralda), Ben Joyce (Quasimodo) © Danny Kaan
Oliver Hewing (Quasimodo), Christine Allado (Esmeralda), Ben Joyce (Quasimodo) © Danny Kaan

The Hunchback of Notre Dame (2025)
Prince Edward Theatre, London

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Nach szenischen Produktionen in Berlin, Wien, den USA und zuletzt auf der Thuner Seebühne hat es das Musical „The Hunchback of Notre Dame“ nun auch ins Londoner West End geschafft. Zwar handelt es sich dabei um eine konzertante Fassung – doch solche Formate müssen sich dort längst nicht hinter vollinszenierten Produktionen verstecken. So auch im Falle des „Glöckners“: Mit großem Orchester, Chor und einer herausragenden Besetzung wird Alan Menkens Musik in einer klangintensiven Interpretation gefeiert.

Company © Danny Kaan

Die Inszenierung von Jonathan O’Boyle kommt mit bewusst reduziertem szenischem Rahmen aus. Wie bei konzertanten Fassungen üblich, ist das 22-köpfige Orchester direkt auf der Bühne platziert; der Chor – The London Voices – sitzt erhöht auf einem Podest im Hintergrund. Auf- und Abtritte erfolgen von den Seiten oder durch die Zwischenräume im geteilten Aufbau von Orchester und Chor. Als Bühnenbild dienen lediglich vier Kirchenbänke, die je nach Szene verschoben werden. Diese minimalistische Ausstattung rückt die Musik und das Ensemble klar in den Mittelpunkt. Ergänzt wurde die Aufführung durch eine durchgehende Gebärdensprachübersetzung am Bühnenrand. Der Name der Dolmetscherin wird im Programmheft nicht genannt.

Ungewöhnlich besetzt ist die zentrale Rolle des Quasimodo, die in dieser Produktion gleich doppelt auf der Bühne steht: Während Ben Joyce für Gesang und gesprochene Texte verantwortlich ist, übernimmt Oliver Hewing als gehörloser Performer die Darstellung in britischer Gebärdensprache (BSL). Beide verkörpern gemeinsam dieselbe Figur – mal synchron, mal kontrastierend – und verleihen ihr so eine zusätzliche emotionale und körperliche Dimension. Die geteilte Darstellung kann dabei als Spiegel innerer Zerrissenheit oder als Symbol für eine vielschichtige Identität gelesen werden.

Ben Joyce (Quasimodo), Oliver Hewing (Quasimodo) © Danny Kaan

Die künstlerische Entscheidung, Quasimodo in dieser Form doppelt zu besetzen, blieb nicht ohne Widerspruch. Die britische Schauspielgewerkschaft Equity kritisierte im Vorfeld, dass die Rolle nicht ausschließlich mit einer selbst betroffenen Person besetzt wurde. Zwar wurde mit Oliver Hewing ein gehörloser Darsteller einbezogen, doch für Gesang und gesprochene Texte war weiterhin ein hörender Bühnenpartner verantwortlich. Die Diskussion verweist auf eine wachsende Sensibilität im britischen Theaterbetrieb für Fragen der Repräsentation und Teilhabe – und zeigt zugleich, wie komplex die Umsetzung inklusiver Ansätze auf der Bühne sein kann.

Jenseits dieser Debatte entfaltet das Zusammenspiel von Ben Joyce und Oliver Hewing eine starke Wirkung. Joyce überzeugt mit sicherer Gesangstechnik und darstellerischer Präsenz. Besonders eindrücklich gelingt ihm die Entwicklung der Figur – vom eingeschüchterten Außenseiter bis zur selbstbestimmten Emanzipation von Frollos Einfluss. Hewing ergänzt die Rolle durch fließende Bewegungen, eindrucksvolle Mimik und eine Körpersprache, die mühelos mit der Musik verschmilzt. Seine Gebärden wurden organisch in die Choreografie eingebunden und wirkten wie selbstverständlich Teil des Bühnenvokabulars. Ein besonderer Moment entsteht bei „Out There“: Beide Performer interpretieren das Solo gemeinsam – Joyce stimmlich, Hewing körperlich. Die Doppeldarstellung entfaltet eine emotionale Wucht, die das Publikum spürbar berührt. Für einen kurzen Augenblick herrscht vollständige Stille, bevor minutenlanger Applaus ausbricht.

Christine Allado (Esmeralda), Ensemble © Danny Kaan

Zachary James als Frollo dominiert die Bühne mit imposanter Erscheinung. Mit markanter Tiefe und kraftvoller Stimme verleiht er der Figur eine erschütternde Autorität. Seine Gesangspassagen lassen das Theater förmlich erbeben. Mit starker Präsenz und innerer Spannung zeichnet James ein vielschichtiges Porträt des zwischen Pflicht und Verlangen hin- und hergerissenen Erzdiakons. Christine Allado überzeugt als Esmeralda mit einer gelungenen Balance aus Stärke und Leichtigkeit. Ihre Stimme verbindet mühelos kraftvolle Höhen mit einem warmen, vollen Klang, der der Figur emotionale Tiefe und Eigenständigkeit verleiht. Besonders in ihren Soli „God Help the Outcasts“ und „Someday“ gelingt ihr eine berührende Interpretation – getragen, klar und frei von Pathos. In ihrem Spiel wirkt sie präsent und wach, zugleich verletzlich – ohne je in Klischees zu verfallen.

Dex Lee (Phoebus) © Danny Kaan

Dex Lee bringt als Phoebus eine ungewohnte stimmliche Tiefe in die Partie, die oft mit einem helleren Tenor verbunden ist. Diese Färbung wirkt zunächst überraschend, verleiht der Figur allerdings eine ruhigere, geerdete Note. Mit seinem markanten Stimmprofil ist er ein überzeugender Gegenpol im Ensemble.

Adam Strong übernimmt die Rolle des Clopin – ebenfalls mit stimmlicher und darstellerischer Klarheit. Die kleineren Rollen sind auf ein achtköpfiges Ensemble verteilt, das unter der Bezeichnung ‚Congregation‘ als Gruppenfigur geführt wird. Alle Beteiligten liefern durchweg solide Leistungen in Spiel und Gesang.

Auch die Kostüme sind dem Format entsprechend reduziert, setzen aber gezielte Akzente zur Figurenzeichnung. Rote Umhänge bzw. eine rote Jacke kennzeichnen Hewing und Joyce als Quasimodo, ein Umhang und ein Kreuz markieren Zachary James als Frollo. Christine Allado trägt ein für Esmeralda typisches Kleid, Dex Lee erscheint als Phoebus in Uniform. Auf opulente Ausstattung wird verzichtet, die visuelle Zuordnung der Figuren bleibt dennoch klar.

Unter der musikalischen Leitung von Alan Williams entfaltet das Orchester einen wuchtigen, majestätischen Klang, der dem monumentalen Charakter des Werks gerecht wird. Zugleich gelingt es, auch feinere Strukturen hörbar zu machen – nuanciert, detailreich und mit Gespür für die dramatischen Bögen in Alan Menkens Musik. Ein zentrales Element in dieser Partitur ist der Chor – für „Der Glöckner von Notre Dame“ nahezu unverzichtbar. The London Voices überzeugen mit starken Stimmen und einer exzellenter Textverständlichkeit. Klanglich kraftvoll und präzise geführt, tragen sie maßgeblich zur atmosphärischen Dichte der Aufführung bei.

Zachary James (Frollo) © Danny Kaan

Die große Publikumsbegeisterung für die drei konzertanten Vorstellungen im Londoner Prince Edward Theatre lässt hoffen, dass dies nicht der letzte Besuch des „Glöckners“ am West End war – womöglich folgt eine vollinszenierte Fassung. Eine solche Neuinszenierung böte auch die Möglichkeit, das Konzept der Doppelbesetzung weiterzudenken und neue Impulse für eine inklusive Besetzungspraxis zu setzen. Dabei könnten offene Fragen rund um Repräsentation, Teilhabe und künstlerische Verantwortung neu verhandelt und strukturell reflektiert werden.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungJonathan O'Boyle
Musikal. LeitungAlan Williams
ChoreographieMark Smith
LichtJamie Platt
KostümeAlice McNicholas
SoundSound Quiet Time
Creative Signing ConsultationKevin Jewell
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
QuasimodoBen Joyce
QuasimodoOliver Hewing
Claude FrolloZachary James
EsmeraldaChristine Allado
Captain PhoebusDex Lee
ClopinAdam Strong
EnsembleLois Mia Chapman
Davide Fienauri
Caleb Lagayan
Emma Lloyd
Anna Marya Smith
Fanja Parent
Aaron Rahn
ChorLondon Voices
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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SPIELORTE
17.08.2025 - 24.08.2025Prince Edward Theatre, London3 x
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