Rachel Zegler (Eva Peron), Ensemble © Marc Brenner
Rachel Zegler (Eva Peron), Ensemble © Marc Brenner

Evita (2025)
Palladium, London

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Nach seiner viel beachteten Neuinterpretation von „Sunset Boulevard“, die 2023 im Londoner Savoy Theatre Premiere feierte und inzwischen am Broadway zu sehen ist, widmet sich Regisseur Jamie Lloyd in diesem Sommer einem weiteren Lloyd-Webber-Klassiker. Seine bereits 2019 im Regent’s Park Open Air Theatre entstandene Inszenierung von Evita kehrt nun in überarbeiteter Form ans London Palladium zurück – als kraftvoll inszeniertes Popkonzert mit „West Side Story“-Star Rachel Zegler in der Titelrolle.

Jamie Lloyd rückt in seiner Inszenierung die Frau hinter dem Mythos in den Fokus – vielleicht so konsequent wie noch nie zuvor. Seine Evita ist keine Ikone, sondern ein Mensch. Gefühle haben in dieser Deutung ebenso Platz wie Machtstrategien. Die Beziehung zwischen Eva und Juan Perón wirkt überraschend körperlich, von gegenseitiger Anziehung geprägt. Rachel Zeglers Evita liebt diesen Mann – im Gegensatz zu den Männern zuvor, denen sie sich entweder nur aus Kalkül nähert oder denen sie mit unverhohlener Abscheu begegnet. Besonders eindrucksvoll wirkt das in „You Must Love Me“: Im Moment größter Verletzlichkeit ist es ausgerechnet Perón, der sich abwendet – zugunsten einer anderen Frau. Lloyd macht aus dem politischen Drama so auch eine persönliche Tragödie.

Unterstützt wird dieser Zugriff durch eine klare visuelle Trennung zwischen der realen Eva Perón und der von der Geschichte überhöhten „Evita“. Nur zweimal erscheint Rachel Zegler im ikonischen Look mit weißem Kleid und blonder Perücke: beim berühmten Auftritt auf dem Balkon und nach ihrem Tod, wenn Bestatter ihren Körper für die Aufbahrung vorbereiten. Dazwischen ist sie fast durchgehend in schlichter Kleidung zu sehen – im ersten Akt in schwarz mit kurzer Hose, Oberteil und Stiefeln, im zweiten Akt mit silberfarbenem Glitzer-Outfit in ähnlichem Stil. Die klare Bildsprache unterstützt die Inszenierung einer Frau, die sich erst zur Ikone stilisiert – und am Ende als Mensch scheitert.

Auch stilistisch bleibt Lloyd seiner Handschrift treu: ein radikal reduziertes Bühnenbild, schlicht gehaltene Kostüme und der gezielte Einsatz von Licht und Schatten prägen das visuelle Erscheinungsbild. In ausgewählten Szenen kommen Kameras zum Einsatz, die die Darsteller begleiten und Nahaufnahmen live auf eine große Leinwand projizieren – so wird selbst feinste Mimik auch in den hinteren Reihen sichtbar. Lloyd richtet den Fokus konsequent weg vom Ausstattungsspektakel – und hin zu einer eindringlichen Persönlichkeitsstudie.

Dabei nutzt er geschickt sowohl die Starpower von Rachel Zegler als auch die architektonischen Gegebenheiten des London Palladiums. Für internationales Medienecho sorgte bereits während der Previewphase die Entscheidung, den Balkon des Theaters zur Casa Rosada umzufunktionieren: Zegler singt ihr „Don’t Cry for Me, Argentina“ Abend für Abend hinaus ins Londoner West End. Eine Szene, die im Theater oft an der begrenzten Größe des Ensembles scheitert, wird so zum öffentlichen Ereignis. Hunderte, teils tausende Passanten versammeln sich vor dem Theater, lauschen in völliger Stille – und feiern Zegler anschließend mit frenetischem Applaus. Im Zuschauerraum verfolgt das Theaterpublikum die Szene als Livestream auf der Bühne – fast so, als würde man einer historischen Fernsehübertragung beiwohnen, die es in Wirklichkeit nie gab. Jamie Lloyd verwandelt damit ein fiktives Musicalbild in ein reales Straßenereignis und verschränkt geschickt Realität und Mythos.

Lloyds Inszenierung erinnert in ihrer Machart an ein großes Popkonzert – nicht nur optisch, sondern auch dramaturgisch. Im Zentrum steht einzig und allein Eva. Alle anderen Figuren treten hinter ihr zurück, ordnen sich ihrem Auftritt unter. Das Ensemble agiert fast durchgehend im Hintergrund, liefert dabei energiegeladene, hochpräzise Choreografien, die den Spannungsbogen der Show unablässig vorantreiben. Licht, Ton und Raum greifen dabei nahtlos ineinander: gleißende Spots, wechselnde Farbflächen und der gezielte Einsatz von Kontrasten erzeugen eine dichte Atmosphäre zwischen Konzert und Performancekunst.

Das Bühnenbild selbst bleibt statisch: eine schlichte, beinahe provisorisch wirkende Treppenkonstruktion, die sich über die gesamte Breite des Raums spannt und keinerlei Requisiten benötigt. Die szenische Wirkung entsteht allein durch Licht, Klang – und das präzise Zusammenspiel von Ensemble und Choreografie.

Auch musikalisch wird Evita neu gedacht. Die aus den 1970ern stammende Partitur von Andrew Lloyd Webber klingt hier überraschend zeitgemäß. Die Band, gut sichtbar im Bühnenhintergrund platziert, spielt kraftvoll, rhythmisch pointiert und mit viel Tempo. Die neuen Arrangements lassen in leiseren Momenten einzelne Instrumente durchscheinen und setzen starke Kontraste, ohne den Charakter der Originalkompositionen zu verfälschen. Nichts wirkt modernisiert um der Modernisierung willen – vielmehr entsteht ein musikalisch wie atmosphärisch stimmiges Gesamtbild, das dem Klassiker eine neue, mitreißende Lesart verleiht.

Im Mittelpunkt steht natürlich Rachel Zegler. Ganz anders als in ihren bisherigen Rollen – etwa in der „West Side Story“-Verfilmung oder  „Snow White“ – zeigt sie eine machtbewusste, berechnende Person, die ihre Ziele mit erbarmungsloser Konsequenz verfolgt. Vom ersten Moment an macht sie unmissverständlich klar, wer hier im Zentrum steht: ausschließlich sie. Gesanglich überzeugt sie mit großer Wandlungsfähigkeit – vom stimmgewaltigen „Buenos Aires“ bis zum sanften, fast schmeichelnden „I’d Be Surprisingly Good for You“. Zegler gelingt mit dieser Interpretation eine ebenso moderne wie kompromisslose Neudeutung der ikonischen Titelrolle.

Diego Andrés Rodriguez gibt als namenloser Che sein West-End-Debüt – kraftvoll, dynamisch, mit großer Präsenz. Nach „Goodnight and Thank You“ wird er von Evitas Schergen zum Schweigen gebracht und kommentiert das Geschehen fortan sichtbar gezeichnet vom Bühnenrand – ein starker, symbolträchtiger Bruch.James Olivas als Juan Perón wirkt zunächst überraschend jung, überzeugt aber durch die glaubhafte Chemie mit Zegler. Bella Brown setzt als Mistress mit „Another Suitcase in Another Hall“ einen emotionalen Akzent – und macht zugleich neugierig auf ihre Alternate-Auftritte in der Titelrolle. Für die wohl überzeichnetste Figur des Abends sorgt Aaron Lee Lambert als Agustín Magaldi. Mit übergroßem Pathos und schmierigem Charme bringt er seinen Auftritt herrlich ironisch auf die Bühne – ein pointierter Gegenpol zur sonst sehr ernsten Grundhaltung der Inszenierung.

Jamie Lloyd entstaubt Evita radikal – und schafft ein intensives Bühnenerlebnis zwischen Popkonzert, Machtanalyse und Psychogramm. Dabei trifft eine kompromisslose Regie auf ein starkes Ensemble rund um Rachel Zegler. „Evita ist hier keine Hommage, sondern eine Neuverhandlung – mutig, vielschichtig und auf eine Weise packend, wie es diesem Stoff lange nicht gelungen ist.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungJamie Lloyd
ChoreographieFabian Aloise
Musical Supervision / Musikal. LeitungAlan Williams
DesignSoutra Gilmour
LichtJon Clark
SoundAdam Fisher
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Eva PerónRachel Zegler
Bella Brown
CheDiego Andres Rodriguez
Juan PerónJames Olivas
Agustín MagaldiAaron Lee Lambert
MistressBella Brown
EnsembleCarl Au
Gabriela Benedetti
Shakara Brown
Damian Buhagiar
Kyeirah D’Marni
Sally Frith
DeAngelo Jones
Lucas Koch
Natasha Leaver
Michael Lin
Dianté Lodge
Louis Mackrodt
Mireia Mambo
Mia Mullarkey
Perry O’Dea
Alysha Sontae
Monica Swayne
Jon Tsouras
Harrison Wilde
SwingsMyla Carmen
Barney Hudson
Nathan Louis-Fernand
Kirsty Anne Shaw
Ricardo Spriggs
Regan Bailey Walker
The ChildAuora Breslin
Lois Haidar
Ffion Rosalie Williams
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
TERMINE
keine aktuellen Termine
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
14.06.2025 - 06.09.2025Palladium, London97 x
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay