Alejandro Nicolás Firlei Fernández (Willy Wonka), Ensemble © Marie Liebig
Alejandro Nicolás Firlei Fernández (Willy Wonka), Ensemble © Marie Liebig

Charlie und die Schokoladenfabrik (seit 12/2025)
Theater am Bismarckplatz, Regensburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Seit dem vergangenen Jahr hat sich das Theater Regensburg mit den deutschsprachigen Erstaufführungen von „Come from Away“ und „Merrily We Roll Along“ zu einem überraschenden Musical-Hotspot entwickelt – und darf sich demnächst offiziell Staatstheater nennen. Damit lag die Messlatte für die weiteren Produktionen natürlich hoch. Umso bemerkenswerter ist es, dass Regensburg ihren Kurs fortsetzt und mit „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gleich die nächste Erstaufführung präsentiert. Die Inszenierung von Ulrich Wiggers punktet mit einer hervorragend aufgestellten (Haus-)Besetzung und vielen witzigen Regieideen auf einer phantasievoll gestalteten Bühne. Die grundlegenden Schwächen des Musicalbuchs sowie die oft unorganisch wirkende Verbindung aus den bekannten Filmsongs und der für die Bühne neu geschriebenen Musik kann jedoch auch dieses kreative Team nicht so recht ausgleichen.

Felix Rabas (Charlie Bucket), Alejandro Nicolas Firlei Fernandez (Willy Wonka) © Marie Liebig

Schon früh wird deutlich, wo die eigentlichen Herausforderungen dieser Show liegen: im Material selbst. Das Musicalbuch wirkt in seiner Zweiteilung erstaunlich schwerfällig – ein erster Akt, der fast ausschließlich den Weg zum Goldenen Ticket erzählt, und ein zweiter, der die Kinder in kurzen Episoden nacheinander ‚abfertigt‘. Viele der satirischen Zwischentöne und Abschweifungen, die Roald Dahls Roman lebendig machen, fehlen. Hinzu kommt die musikalische Mischung aus Filmsongs und neu komponierten Nummern, die selten zu einer Einheit verschmilzt. Das sind Schwächen des Musicals an sich, nicht der Regensburger Umsetzung – die Inszenierung arbeitet vielmehr sichtbar dagegen an.

So setzt das Kreativteam um Regisseur Ulrich Wiggers, Ausstatter Kristopher Kempf und Choreografin Yvonne Braschke der schwächelnden Vorlage eine beeindruckend klare Bildsprache entgegen. Viele Übergänge wirken beinahe filmisch, weil das Bühnenbild mit einer Ruhe und Präzision in Bewegung gebracht wird, die den Abend konstant im Fluss halten. Besonders prägnant gelingt das beim ärmlichen Haus der Buckets: Das komplette Häuschen fährt von unten auf die Bühne, während sich zeitgleich das Dach von oben herabsenkt – inklusive eines kleinen Fensters, durch das man direkt in Charlies Zimmer blickt. Einer der schönsten Momente des ersten Akts nutzt genau dieses Prinzip für einen nahtlosen Szenenwechsel: Eben noch steht Charlie vor dem Schokoladenladen und begegnet dort immer wieder Willy Wonka, ohne ihn zu erkennen; wenige Sekunden später hebt sich das Haus, senkt sich das Dach und Charlie steht – ohne sich selbst zu bewegen – plötzlich im eigenen Zimmer vor seinem Fenster. Ein kleiner Moment reinen Theaterzaubers, der mit erstaunlicher Leichtigkeit daherkommt!

Ensemble © Marie Liebig

Ein weiterer kluger Regieansatz zeigt sich im Umgang mit den Oompa-Loompas. Roald Dahls Roman beschreibt sie als entführtes Pygmäenvolk – eine Vorstellung, die 2025 selbstverständlich nicht mehr tragbar wäre. Ulrich Wiggers umschifft dieses Erbe mit einer eleganten Modernisierung: In Regensburg werden die Oompa-Loompas nicht als exotisiertes Fremdvolk gezeigt, sondern als von Willy Wonka erschaffene humanoide Arbeitsarmee – eine spielerische, zugleich entproblematisierte Lösung, die satirische Schärfe erhält, ohne fragwürdige koloniale Bilder zu reproduzieren.

Auch die Kostüme tragen wesentlich zur Charakterführung des Abends bei. Willy Wonka tritt als farbenprächtiger Exzentriker auf: eine glitzernde, in Pink- und Blautönen changierende Jacke, dazu der bewusst künstlich wirkende Haarschopf – ein visuelles Versprechen, dass hinter der bonbonfarbenen Fassade jederzeit etwas Unberechenbares hervorlugen könnte. Charlie bildet dazu den stillen Gegenpol: schlichte, abgetragene Kleidung, die seine Herkunft ebenso unmittelbar erzählt wie seine Verletzlichkeit. Bei den übrigen Kindern und ihren Eltern werden die charakterlichen Schwächen mit feinem Humor ins Kostümbild übersetzt. Besonders deutlich zeigt sich das bei Veruca Snob und ihrem Vater, deren luxuriös überzeichnete Mode ihre Selbstverliebtheit und Anspruchshaltung sofort sichtbar macht. Insgesamt gelingt es der Ausstattung, mit klar gesetzten Details jede Figur unmittelbar lesbar zu machen, ohne in bloße Klamotte abzurutschen.

So schlicht Charlies Kostüm wirkt, so wenig lässt sich Felix Rabas davon definieren. Er ist in dieser Rolle alles andere als ein farbloser Gegenpol. Sein natürlich jungenhaftes Erscheinungsbild verleiht der Figur eine inhärente Glaubwürdigkeit. Dazu kommt ein Spiel, das vor stillen Träumen, Neugier und behutsamem Optimismus nur so leuchtet, ohne die Realität von Charlies Armut zu verklären. Gesanglich trägt er diese Mischung aus Sehnsucht und Entschlossenheit mit warmem, offenem Enthusiasmus, der sich direkt auf den Zuschauer überträgt. Rabas erweist sich damit als nahezu idealer Charlie: In keinem Moment entsteht der Eindruck, man müsse bedauern, dass hier kein ‚echtes‘ Kind auf der Bühne steht. Seine Interpretation wirkt so organisch, dass sich die Frage schlicht nicht stellt.

Felix Rabas (Charlie Bucket), Tom Zahner (Grandpa Joe)
© Marie Liebig

Alejandro Nicolás Firlei Fernández hat sichtbar Freude daran, jede Facette seines Willy Wonka auszukosten. Er zeichnet ihn als getriebenen Erfinder, geschäftstüchtigen Unternehmer, exaltierten Exzentriker und gelegentlich völlig entgleisten Spinner – und wechselt diese Wesenszüge mit einer Direktheit, die irritiert und fasziniert zugleich. Unter der freundlich bonbonfarbenen Oberfläche lauert etwas Verstörendes, fast Beunruhigendes: ein Mann, der seine Gäste ebenso verzaubert wie kontrolliert. Einen besonderen Höhepunkt setzt Fernández mit „Im Land der Träume und Illusionen“ („Pure Imagination“) in der sehr gelungenen deutschen Übersetzung von Christian Poewe: In der Ruhe und Sanftheit seines Vortrags findet die Inszenierung einen emotionalen Mittelpunkt, der den Abend für einen Moment erdet.

Die vier Kinder und ihre Eltern sind durchweg überzeugend besetzt: Esther Baar und Vincent Treftz als Frau und Augustus Gier, Konstantin Igl und Monika Schweighofer als die Snobs, Jakob Hoffmann und Friederike Bauer als die Beauregardes sowie Christian Rosprim und Fabiana Locke als Familie Glotzer. Alle acht zeichnen ihre Rollen mit genau der richtigen Portion Übertreibung, die Dahl bereits in der Buchvorlage anlegt – unterstützt von Kostümen, die jede Marotte pointiert sichtbar machen. Jede Figur ist eine liebevoll-bösartige Karikatur ihrer eigenen Schwächen, so treffsicher gespielt, dass man sich im Publikum beinahe auf ihr jeweils ’schlimmes Ende‘ freut. Diese satirische Präzision trägt entscheidend dazu bei, dass der zweite Akt trotz seiner episodenhaften Struktur spielerisch funktioniert.

Die Bucket-Familie wird vom Ensemble mit spürbarer Zuneigung gezeichnet. Die drei Großeltern – Andrea Dohnicht-Pruditsch, Christiana Wimber und David Holz – haben zwar nur kleine Rollen, bringen aber genau die Mischung aus Schrulligkeit und Herzenswärme ein, die Charlies Zuhause glaubhaft macht. Besonders hervor sticht Tom Zahner als Grandpa Joe: ein Großvater, wie man ihn sich als Kind nur wünschen kann – ein Aufschneider, ein Träumer, einer, der aus jeder Mühsal eine Geschichte macht. Sein Spiel ist leichtfüßig und zugleich anrührend; er bildet den emotionalen Gegenpol zu Wonkas Exzentrik. Maria Mucha gestaltet Charlies Mutter als warmherzige, achtsam beobachtende Figur und setzt mit „Wär dein Vater noch da“ einen überraschend berührenden Moment, der der Inszenierung zusätzliche Tiefe verleiht. Die Oompa-Loompas werden in Regensburg vom Opernchor des Staatstheaters und dem Cantemus Chor verkörpert. Durch die Geschlossenheit der Stimmen und die klare choreografische Führung wirken die Oompa-Loompas weniger wie einzelne Figuren, sondern eher wie eine geheimnisvolle, kollektiv agierende Macht.

Maria Mucha (Frau Bucket), Felix Rabas (Charlie Bucket), David Holz (Grandpa George), Christiana Wimber (Grandma Georgina), Andrea Dohnicht -Pruditsch (Grandma Josephine), Tom Zahner (Grandpa Joe) © Marie Liebig

Das Philharmonische Orchester Regensburg unter der Leitung von Lucia Birzer spielt schwungvoll auf und findet mühelos den richtigen Drive für die fast operettenhaften, breit ausgelegten Melodielinien der Filmvorlage. Zugleich bedient es die für die Musicalfassung neu komponierten Songs optimal – eine Mischung aus klassischem Musical-Theater, leicht jazzigen Farben und poppigen Einschüben, die Marc Shaiman und Scott Wittman in ihren Score eingearbeitet haben.

Unterm Strich zeigt Regensburg mit seiner deutschsprachigen Erstaufführung sehr eindrucksvoll, was ein engagiertes Team aus einem dramaturgisch schwierigen Stoff herausholen kann. Die Produktion spielt ihre Stärken dort aus, wo das Material ihnen Raum lässt: in der fantasievollen Visualität und einer ganz überwiegend aus dem eigenen Haus stammenden Cast, die die Figuren mit spürbarem Vergnügen zum Leben erweckt. Dass das Musical selbst nie ganz so rund wirkt, liegt nicht an dieser Inszenierung, sondern an seiner Konstruktion. Regensburg liefert dennoch einen Abend, der mit Witz, handwerklicher Qualität und echten Momenten des Staunens überzeugt – und damit einmal mehr zeigt, dass sein Ruf als überraschender Musical-Hotspot keineswegs Zufall ist.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
BuchDavid Greig
MusikMarc Shaiman
SongtexteScott Wittman
Marc Shaiman
Deutsche ÜbersetzungChrisitan Poewe
Musikalische LeitungLucia Birzer
InszenierungUlrich Wiggers
AusstattungKristopher Kempf
ChoreografieYvonne Braschke
LichtUlrich Wiggers
Maximilian Spielvogel
ChoreinstudierungLucia Birzer
DramaturgieMarie Julius
Regieassistenz & AbendspielleitungTomas Stitilis
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Willy WonkaAlejandro Nicolás Firlei Fernández
Charlie BucketFelix Rabas
Grandpa JoeTom Zahner
Frau BucketMaria Mucha
Grandma JosephineAndrea Dohnicht-Pruditsch
Grandma GeorginaChristiana Wimber
Grandpa GeorgeDavid Holz
Frau GierEsther Baar
Augustus GierVincent Treftz
Herr SnobKonstantin Igl
Veruca SnobMonika Schweighofer
Herr BeauregardeJakob Hoffmann
Violet BeauregardeFriederike Bauer
Mike GlotzerChristian Rosprim
Frau GlotzerFabiana Locke
Frau GrünBeata Marti
CherryMaria Magdalena Fleck
JerryMalte Flierenbaum
SchuhplattlerFriederike Bauer
Monika Schweighofer
Christian Rosprim
Fabiana Locke
WirtsleuteGertrud Judenmann
Thomas Lackinger
Kauende DivasFabiana Locke
Maria Mucha
Monika Schweighofer
Umpa LumpasOpernchor
Cantemus Chor
Vincent Treftz
Maria Mucha
Malte Flierenbaum
EichhörnchenMia Geitner
Johanna Wittmann
Annika Stöhr
Amelie Stangelmayer
Olivia Ramsteiner
Anja Kempa
Mathilde Godin
mitPhilharmonisches Orchester Regensburg
  
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TERMINE
Fr, 12.06.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, RegensburgDernière
 
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SPIELORTE
06.12.2025 - 12.06.2026Theater am Bismarckplatz, Regensburg18 x
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