Der 2017 gegründete Verein OFFstage Germany hat sich zur Aufgabe gemacht, dem Publikum abseits von Großproduktionen und Stadttheater-Klassikern kleinere, Musical-Produktionen mit Tiefgang näher zu bringen. Dies gelingt mit der deutschen Erstaufführung des inhaltlich wie musikalisch anspruchsvollen Zweipersonen-Stücks „Davor/Danach“ ganz vortrefflich.
Für eine am Anfang glückliche, schließlich doch gescheiterte Beziehung einfach die Reset-Taste drücken und diese dadurch noch einmal ganz unbeschwert neu aufbauen zu können – diese ungewöhnliche Chance bietet sich Ami, als sie nach Jahren zufälligerweise ihren Ex Ben wiedertrifft. Als Folge eines Autounfalls leidet er unter Gedächtnisverlust und erkennt seine Verflossene dadurch nicht wieder. Nach einer Phase des Zögerns werden beide wieder ein Paar und Ami, inzwischen erfolgreich als Galeristin tätig, ermutigt den über die Vergangenheit ahnungslosen Ben, sein künstlerisches Talent als Maler auszuprobieren. Ein Vorschlag mit dramatischen Folgen, denn beim Aufbau seiner ersten eigenen Ausstellung kehrt bei Ben unvermittelt seine Erinnerung an das Damals zurück…
Der Clou des bereits 2014 geschriebenen, und jetzt erstmalig in Deutschland gezeigten Musicals, ist, dass Timothy Knapmans Buch abwechselnd in zwei zeitlichen Ebenen spielt. So erlebt das Publikum in einem Erzählstrang die Gegenwart mit Neustart und Entwicklung der Liebesbeziehung, während der zweite rückblickend chronologisch Aufbau, glückliche Höhepunkte und das von Missverständnissen geprägte Aus der ersten Auflage beleuchtet. Wie der Musical-Titel verspricht, springt die voller dramaturgischen Wendungen gespickte Handlung zwischen dem Davor und dem Danach hin und her. Auch wenn Einiges davon sehr ausführlich geraten ist und die ein oder andere Straffung möglich wäre: Dieses hochkomplexe wie leicht wehmütig geratene Stück erzählt gekonnt, woran Beziehungen scheitern können und regt dazu an, die eigene Lebenssituation zu reflektieren.
Die manchmal auch sehr überraschend innerhalb einer Szene eingebauten Zeitsprünge der Handlung erfordern die volle Konzentration des Publikums. Regisseur Michael Heller gelingt mit einfachen Mitteln das Meisterstück, den Wechsel zu illustrieren. Bei in der Gegenwart spielenden Szenen trägt Ami eine blaue Kurzhaarfrisur und eine lange, helle Wollstrickjacke, in der Vergangenheit sind ihre langen Haare dunkelbraun und sie ist nur mit einem weißen Top bekleidet. Auch bei Ben wird die Zeitebene durch zwei verschiedenfarbige Oberteile zur Jeans bestimmt, sodass die Zuschauer immer genau orientiert sind, ob es ums Davor oder das Danach geht.
Michael Heller gibt beiden Figuren klare Profile, lässt sie lieben, zweifeln, leiden und hoffnungsvoll in eine gemeinsame Zukunft schauen. Seine Inszenierung macht Höhepunkte wie Untiefen der (wieder aufgefrischten) Liebesbeziehung sicht- wie erlebbar und nimmt das Publikum mit auf eine ganz großartig gelungene Achterbahnfahrt der Gefühle. Da kullern im Zuschauerraum auch schon einmal ein paar Tränchen!
Als sein eigener Bühnenbildner hat Heller einen minimalistisch-abstrakten Ansatz als Rahmen für die Handlung designt: Im Raum stehen in unterschiedlicher Größe sechs drehbare Rechtecke aus hellem Holz. Sie dienen zunächst als begrenzende Wände, Tür oder Mobiliar, werden im Laufe der Handlung jedoch zu Staffeleien für Bens Gemälde weiterentwickelt und unterstützen in frappierender Weise die Rückkehr seiner Erinnerung. Um den Besuchern von Folge-Vorstellungen nicht die Überraschung zu nehmen, wird hier dazu nicht mehr verraten.
Am linken Bühnenrand sitzen mit Lidia Kalendareva (Klavier), Ana Luísa Pereira (Cello) und Tal Arditi (Gitarre) drei herausragende musikalische Begleiter. Unter der beherzten Leitung der Pianistin holen sie das Maximum aus den recht eigenwilligen Kompositionen von Stuart Matthew Price heraus. Es erklingen eher untermalendende, wuchtige, häufig auch sehr melancholisch klingende Melodienbögen, die der Zuhörer allerdings nur ansatzweise als Songs verdichten kann. Prices Partitur hat zwar keinen Ohrwurmcharakter, passt allerdings gut zu diesem Musical-Drama mit Tiefgang.
Als wahrer Glücksgriff erweist sich die Besetzung der beiden Protagonisten mit Sidonie Smith und Dennis Weissert. Beide stehen während der Vorstellung mit nur einigen wenigen Ausnahmen stets gemeinsam auf der Bühne und empfehlen sich mit pointiertem Spiel und hervorragendem Gesang als Idealbesetzung für Ami und Ben. Das im wahren Leben verheiratete Ehepaar liefert eine Glanzleistung ab, die diese deutschsprachige Erstaufführung wie das Sahnehäubchen auf einer Torte krönt.
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