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Das Musicalepos „Titanic“ mit den begrenzten logistischen Möglichkeiten und den vielen spezifischen, technischen Einschränkungen einer Open-Air-Bühne überzeugend und kraftvoll zu inszenieren, ist eine Mammutaufgabe, derer sich Regisseur Ulrich Wiggers in Tecklenburg annimmt – und dank des perfekten Zusammenspiels aller Gewerke auch mit dieser Inszenierung ein Ergebnis vorlegt, das begeistert.
Zwar ist Maury Yestons (Musik, Liedtexte) und Peter Stones (Story, Buch) Riesenmusical auf den deutschen Spielplänen keineswegs eine Seltenheit, doch kommt eine Freilichtproduktion selten vor. Neben den Schlossfestspielen Zwingenberg ist die Tecklenburger Version in diesem Jahr die einzige Open-Air-Inszenierung dieses Werks in Deutschland. Innenraumbühnen haben mittels differenzierter Lichttechnik und regulierten Helligkeitsverhältnissen sowie bewegbarer Bühnentechnik häufig einen großen Heimvorteil, das gigantische Schiff mit Pauken und Trompeten visuell nachvollziehbar untergehen zu lassen – anders ist das bei den oft statischen Naturbühnen, zu denen auch Tecklenburg gehört. Durch Jens Jankes ausgeklügeltes Bühnenbild gelingt trotzdem die Illusion des Ozeanriesens vom Ablegen in Southampton bis zum dramatischen Untergang im eisigen Nordatlantik: Die Burgruinen sind in die Bühnenkonstruktion integriert, sodass mehrere Spielebenen in Höhe und Breite entstehen, die gewinnbringend genutzt werden. In den oberen, von großen, verheißungsvoll leicht in die Schräge platzierten Schiffsschornsteinen flankierten Ebenen setzt Wiggers nicht selten die Szenen der ersten und zweiten Klasse an, vor allem befindet sich dort der Steuerraum des Schiffes und das Krähennest, von dem aus der unheilvolle Eisberg viel zu spät entdeckt wurde. In den unteren Abschnitten der den Schiffsrumpf mimenden Bühnenkonstruktion spielen sich die Szenen der dritten Klasse und der Schiffsarbeiter der Kesselräume ab. Durch einige tragbare Elemente, die aus Treppen und Teilen der Reling bestehen, wird die vordere Hauptbühne immer wieder in einzelne Unterräume aufgegliedert, die das Geschehen auf der RMS Titanic dynamisch und fließend miteinander verbinden, ganz so, als würde der Zuschauer quer über alle Schiffsdecks und durch sämtliche Säle und Räumlichkeiten blicken. Blickführung und Fokus der Szenen gelingen dem Regisseur mithilfe des Bühnenbilds und gezielter Requisiten somit, auch trotz der großen Anzahl an Charakteren, vortrefflich. Wiggers‘ Lichtdesign hilft, in dem personengeführten Regieansatz, der sich durch die Verschmelzung von Szenen zu einem großen, parallel stattfindenden Ganzen auszeichnet, den Überblick zu behalten und die einzelnen Figuren schlaglichtartig für wertvolle Momente ins Zentrum des jeweiligen Geschehens zu rücken. Unterstützt wird das szenische Geschehen durch Bonko Karadjovs Projektionen, die ab dem Ende des ersten Aktes mit zunehmender Abenddämmerung sichtbar werden und mit Jankes Bühnenbild als Projektionsfläche große visuelle Momente schaffen: Der Eisberg, der vom versammelten Ensemble stumm, in entsetztem Staunen mit dem Blick verfolgt wird, gleitet als Schatten über die Bühne und das steigende Wasser wird durch dramatische Wellen genauso auf die Bühne projiziert wie das sich immer mehr in Schräglage begebende Schiffsdeck. Der Untergang, das Schiffswrack am Meeresgrund und seine letztendliche symbolische Auferstehung sind dabei die eindrucksvollsten Momente, durch die die Tecklenburger Inszenierung mit Karadjovs Kunst profitieren kann.
Fabienne Anks Kostümbild beeindruckt in Symbiose mit Philip Hagers Maskenbild: Authentisch und lebendig wird die westliche Mode des frühen 20. Jahrhunderts in Kleidung und Frisuren nachgezeichnet. Die verschmutzte Arbeiterkleidung der Kohleschaufler wirkt ebenso aus der Zeit entlehnt wie die Uniformen der White Star Line und die einfachen, von vielen kulturellen Elementen durchzogenen Kleider der dritten Klasse. Die Unterschiede zur etwas wohlhabenderen zweiten Klasse werden genau so deutlich wie die feinen Divergenzen innerhalb der besonders differenziert präsentierten Oberschicht der ersten Klasse, die anhand des Kostümbilds minutiös zwischen Unternehmern, Künstlern, Maitressen, Adeligen und Neureichen unterscheidet. Ebenso visuell ansprechend sind die Choreographien von Francesc Abós, die den Zeitgeist genauso greifbar einfangen wie die sozialen und kulturellen Einflüsse der Passagiere jeder einzelnen Klasse. Durch seine Tanz- und Bewegungsabläufe wird die Titanic als Schmelztiegel der Ideen, Träume und Kulturen gezeichnet, die sie wohl auch in Wirklichkeit für die Zeit der zur Tragödie verurteilten Überfahrt gewesen sein muss. Die irischen Folktänze zu „In Amerika“, der akrobatische Paartanz zu „Eine Zeit voller Glanz und Pracht“ und der beschwingte, makellos ausgeführte Ragtime zu „Beim Klang der Ragtime-Band“ sind dabei die choreographischen Höhepunkte.
Musikalisch ist die Produktion schier überwältigend: Juheon Han führt das aus 26 MusikerInnen bestehende Orchester durch Maury Yestons opulente Klangwelten, die der große Tecklenburger Chor stimmgewaltig wie selten begleitet. So entstehen Gänsehautmomente, bei denen dem oft sehr wuseligen Tecklenburger Publikum merklich der Atem stockt – allen voran die hymnenhafte Aufbruchsmelodie „Gute Fahrt“ löst Begeisterungsstürme im Auditorium aus. Aber auch die leisen Momente der Partitur meistert das Orchester ebenso mit Bravour wie die hochdramatisch dröhnenden Takte, die das Unheil der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 fühlbar machen lassen.
Bis ins Kleinste perfekt besetzt erstrahlt das gesamte Ensemble: In Erinnerung bleibt die 30-köpfige Besetzung, die teilweise mit fast 50 StatistInnen und Chormitgliedern in den Massenszenen visuell fast überwältigend aufgestockt wird, mit ihrer symbiotisch zusammenwirkenden Gruppendarbietung, die diese Inszenierung auszeichnet. Mathias Meffert bleibt als William Murdoch im Gedächtnis, der nachvollziehbar die schwere Schuld des 1. Offiziers nachzeichnet, welche ihn letztendlich in den Suizid treibt. Hector Mitchell-Turner und Elena Franke berühren als junges Liebespaar der zweiten Klasse, Charles Clarke und Caroline Neville, die während der katastrophalen Geschehnisse dramatisch entzweit werden. Michael B. Sattlers Jim Farrell und Laura Araiza Inasaridses Kate McGowan ist das Schicksal holder: Ihre aufkeimende, romantisch und entzückend leichtfüßig dargestellte Liebe, die mittels ihres authentischen Schauspiels angesichts des drohenden Todes zu „Drei Tage“ an Schwere und Verzweiflung gewinnt, darf die Versenkung der Titanic überstehen. Auch Gioia Heid als Kate Mullins und Hannah Miele als Kate Murphy berühren mit ihren Träumen zu „In Amerika“. Bettina Meske, die als Alice Beane in harmonischer Disharmonie von Patrick L. Schmitz als Ehemann Edgar flankiert wird, brilliert durch bissige Comedy und leicht manische Verschrobenheit. Ihrer Mission, mit der ersten Klasse zu verkehren, folgt das Publikum erheitert und dank ihrer pointierten Erzählerfähigkeiten zu „Aufmarsch der ersten Klasse“ werden die Zuschauer mit in die Welt der Reichen und Schönen genommen. Til Ormeloh wird zum Sympathieträger der Inszenierung in seiner leidenschaftlichen Rolle des Heizers Frederic Barett, dessen temperamentvoll interpretiertes Solo genauso zu gefallen weiß wie sein anrührendes Duett „Der Heiratsantrag“ mit Tobias Bieri, der als introvertierter Funker Harold Bride ebenso zum Publikumsliebling avanciert. Nicolai Schwab gibt einen nervösen, ängstlichen Ausgucker Fredrick Fleet, dessen „Kein Mond“ das sich anbahnende Unheil fast gespenstisch in Empfang zu nehmen scheint.
Die ganz großen Momente des Stücks gehören in Ulrich Wiggers emotionaler Inszenierung dem Ehepaar Straus, das von Anton Rattinger und Masha Karell mit zu Tränen rührender Authentizität liebevoll zum Leben erweckt wird. Ihr Zusammenspiel ist zu jedem Augenblick natürlich, greifbar und wunderschön. Ihr leises, vor Emotionen und Melancholie schier überlaufendes Duett „Wie vor aller Zeit“ geht unter die Haut. Gerben Grimmius gelingt mit großem Bühnencharisma und einem ausgeprägten Sinn für gefühlvolle Stimmführung, neben seinem grandiosen Gesang, als Chefsteward Henry Etches eine gleichermaßen erheiternde wie anrührende Darbietung. Als Bandleiter Wallace Hartley legt er in dieser Doppelrolle zudem eine heiße Sohle aufs Parkett und erspielt sich so einen der eindrucksvollsten Parts der Inszenierung.
„Die Schuldfrage“ als zentrales Lied der Dramaturgie des zweiten Aktes entblößt schließlich die Charaktere der drei wohl prominentesten Figuren des Mythos „Titanic“: Benjamin Eberling als Kapitän E.J. Smith, vordergründig der unerschütterliche Seemann mit Prinzipien, hinter dessen Fassade aber ein beeinflussbarer Mitarbeiter einer kommerziellen Maschinerie steckt, macht den inneren Konflikt seiner Figur spürbar. Alexander Di Capri als in sich gekehrter, immer auf akribischer Suche befindlicher Schiffskonstrukteur Thomas Andrews scheint im Hintergrund immer präsent und schützend durch sein Schiff zu wabern. Di Capri zeichnet seinen Andrews als gebrochen und traumatisiert, fast verzweifelt zynisch, gar prophetisch ob der Entdeckung seiner vermeintlichen Fehler und der Gefahren des menschlichen Hochmuts, als innerhalb seines großen Solos „Mr. Andrews‘ Vision“ mit einem um Haltung kämpfenden Kapitän am Steuer das Schiff auf den Grund des Atlantiks sinkt und über 1500 Männer, Frauen und Kinder in den eisigen Gewässern um ihr Leben kämpfen, bis sie verstummen. Eindringlich steht den beiden Felix Martin als Bruce Ismay entgegen, dessen antagonistisch angelegter Reeder im ersten Akt wegen seiner Rekordsucht und Verblendung vom Publikum Häme erntet, doch im zweiten Teil bei vielen Zuschauern Empörung, gar Entsetzten entfacht, als er sich als wohl größter Schuldtragender selbst auf eins der Rettungsboote flüchtet. Seine gesangliche Fähigkeit darf in dieser Rolle zwar nicht allzu oft genutzt werden, doch beweist Martin, der mit „Titanic“ sein Tecklenburg-Debut gibt, hier eine meisterhafte schauspielerische Leistung, die nachhallt. Als das Ensemble aus der Stille, die einem Gedenken an die realen Opfer der Katastrophe gleicht, aus den Trümmern des Wracks und der Dunkelheit wieder ins Licht tritt und abermals den mächtigen Choral mit „Nun fahr mit Gott, mein Schiff, Titanic, weit hinauf auf’s Meer“ anstimmt, bleibt kaum ein Auge trocken und das große Ensemble wird vom Auditorium aus berührt wie frenetisch gefeiert. Die Titanic wartet in Tecklenburg, schnell Karten sichern, bevor sie wieder ablegt und es zu spät ist!
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Regie, Lichtdesign | Ulrich Wiggers |
| Musikalische Leitung | Juheon Han |
| Choreographie | Francesc Abós |
| Bühnenbild | Jens Janke |
| Kostümbild | Fabienne Ank |
| Maskenbild | Philip Hager |
| Digital Artist | Bonko Karadjov |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Kapitän Edward John Smith | Benjamin Eberling |
| Thomas Andrews | Alexander di Capri |
| J. Bruce Ismay | Felix Martin |
| Frederic Barrett (Heizer) / Benjamin Guggenheim | Til Ormeloh |
| Harold Bride (Funker) / J.H.Rorgers / Jay Yates | Tobias Bieri |
| Isidor Straus | Anton Rattinger |
| Ida Straus | Masha Karell |
| Henry Etches (Steward) / Wallace Hartley | Gerben Grimmius |
| Fredrick Fleet | Nicolai Schwab |
| Jim Farrell | Michael B. Sattler |
| Alice Beane | Bettina Meske |
| Edgar Beane | Patrick L. Schmitz |
| Kate McGowan | Laura Araiza Inasaridse |
| Kate Murphy | Hannah Miele |
| Kate Mullins | Gioia Heid |
| Charles Clarke | Hector Mitchell-Turner |
| Caroline Neville | Elena Franke |
| Charles Lightoller (2. Offizier) / John J. Astor | Jan Altenbockum |
| William Murdoch (1. Offizier) | Mathias Meffert |
| Herbert Pitman (3. Offizier) | Christian Rosprim |
| Robert Hichens (Rudergänger) | Niklas Roling |
| Joseph Boxhall (4. Offizier) | Tim Grimme |
| Andrew Latimer | Lorenzo Eccher |
| George Widener | Oriol Tula |
| John Thayer | Michael Berres |
| Madeleine Astor | Caroline Hat |
| Marion Thayer | Bernadette Fröhlich |
| Mme Aubert | Giulia Fabris |
| Eleanor Widener | Nadine Baas |
| Charlotte Cardoza | Esther Larissa Lach |
| mit | Chor Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg |
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| GALERIE | |||||||||
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| 25.07.2025 - 14.09.2025 | Freilichtspiele, Tecklenburg | 24 x |
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