Ensemble © Peter Emig
Ensemble © Peter Emig

Fack ju Göhte (2025 - 2026)
Hessisches Staatstheater, Wiesbaden

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Iris Limbarths hervorragende Inszenierung von „Fack Ju Göhte“ lenkt die übersprühende Energie und die ansteckende Spielfreude ihres jungen Musicalensembles optimal. Auch visuell ist das Stück durch spritzige Choreographien und ein absolut stimmiges Bühnenbild ein wahrer Hingucker.

Als erstes Staatstheater hat sich Wiesbaden die Aufführungsrechte an „Fack Ju Göhte“ gesichert. Das Stück, das den gleichnamigen Spielfilm von 2013 nacherzählt, wurde als Musical 2018 im Münchner Werk 7 Theater uraufgeführt und war 2023/24 als Tournee zu sehen. Jetzt hat sich Regisseurin und Choreografin Iris Limbarth den Stoff für ihr als Talentschmiede geltendes junges Staatsmusical geschnappt und auf die Bühne der intimen Aula der Wiesbadener Wartburg gebracht.

Schon das Auditorium und die Bestuhlung des historischen Gebäudes wirkt irgendwie schulisch, wie eine Mischung aus großem Klassenraum, prunkvollem Hörsaal und Turnhallentribüne – hier passt „Fack Ju Göhte“ perfekt hinein. Die gesamte Bühnenfläche ist mit Britta Lammers Bühnenbild ausgefüllt und überzeugt schon beim Betreten des Saals als stimmiges Gesamtwerk, das sich weder hinter der Originalproduktion noch der Tourinszenierung zu verstecken braucht. Wenn das Stück sich entfaltet, werden die Kniffe von Lammers Bühnenbild sukzessive deutlich: Hinter der großen, in der Bühnenmitte angebrachten Tafel verbirgt sich ein aufklappbarer Durchguck. Dieser fungiert zwar vor allem als Bar des von der Hauptfigur oft frequentierten Striplokals, kommt jedoch auch für zahlreiche Schulszenen zum Einsatz. Die sechsköpfige Band findet hinter der Bühnenverkleidung Platz, während über ihr eine zweite bespielbare Ebene thront, die über in Schulhof-Klettergerüst-Optik gestaltete Leitern erreicht werden kann. Die Ebene bietet die Möglichkeit, Szenen in mehrere parallel stattfindende Schauplätze aufzuteilen oder Gruppenszenen gewinnbringend zu erweitern.

Limbarth nutzt die Vorteile des Bühnenbilds gekonnt aus und erschafft immer wieder perfekt durchdachte, stimmige und große Inszenierungsmomente mithilfe weniger, auf den Punkt genutzter Requisiten. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Schwimmbadszene zu „Kaltes Wasser“, in der durch wenige Handgriffe mithilfe tragbarer Bühnenelemente, die den Rand eines Schwimmbeckens darstellen, und entsprechender Körpersprache der Akteure eine tolle Illusion entsteht. Reibungslos inszeniert ist auch der „Sprayersong“, bei dem die Schülerschaft illegal nachts einen Zug besprühen, oder die Szene zu „Unser Leben ist toll“, in der Herr Müller seinen Schützlingen bei einer Exkursion ins Drogen- und Hartz-IV-Millieu zeigt, wie sie sich ihre Zukunft besser nicht verbauen sollten. Auch die nicht einfach darzustellenden und bei der Tourproduktion von 2024 wenig einleuchtend umgesetzten Tunnelszenen unter der Turnhalle werden durch Steinmauern gemimt, die vom Ensemble routiniert zusammengesetzt werden und so spielend schnell und fließend entstehen, verschwinden oder sich verschieben. Selbst der Einsturz der Turnhalle während der grandios performten Jugendversion von „Romeo und Julia“ überzeugt hier erstmals auf einer Theaterbühne vollends. Hier gehen Limbarths kluge Regieeinfälle und Lammers exzellentes Bühnenbild eine großartige Symbiose mit den Gegebenheiten vor Ort ein.

Die ebenfalls für die Choreografien verantwortlich zeichnende Regisseurin Limbarth schöpft auch in diesem Bereich aus den Vollen: Es werden zeitgemäße, nahtlos mit der Körpersprache dieser Schülerschaft verschmolzene tänzerische Abläufe präsentiert, die die Protagonisten sowohl charakterisieren als auch die Stimmung der jeweiligen Szenen wiedergeben. Pointiert und energetisch lässt Limbarth ihr junges Ensemble, das großes Tanztalent beweist, durch die Geschichte bewegen. Die großen Gruppennummern zu „Amok“ oder „Hier kommt der Mob“ sowie das irrwitzige „Schula“ sind übersprühende choreographische Momente des Stücks. Auch mithilfe von Clays Weyrauthers differenzierten Lichtdesigns gelingen aber ebenso ruhige, introvertierte Szenen, die ans Herz gehen und eine tiefere Ebene unter all der guten Derb-Unterhaltung offenlegen. Als die aus den niederen Bildungsschichten stammenden SchülerInnen von ihren Hoffnungen und Träumen, aber auch von ihren Kindheitstraumata in dem Lied „Zeitkapsel“ berichten und darin unisono „Unser Leben ist ein leeres Blatt Papier“ anstimmen, oder als am Ende des Stücks Lisi und ihre Klasse den verschollenen Zeki Müller in „Wegen Dir“ anrufen und ihm ihre Gefühle schildern, entstehen anrührende Gänsehautmomente.

Die sechsköpfige Band unter Frank Bangert trägt musikalisch die emotionale Achterbahnfahrt des Stücks souverän und wird auch den vielen modernen Arrangements zu jedem Zeitpunkt gerecht. Einzig bei der Soundtechnik muss ein Abstrich gemacht werden: Trotz der geringen Größe des Saales gelingt leider keine durchgängig klare Tonabmischung am Premierenabend, sodass einige Dialogpassagen und die darin enthaltenen Witze hinter der Musik etwas verebben.

Das gesamte Ensemble bringt eine durchgehende, überschwappende Energie und ansteckende Spielfreude auf die Bretter, die beeindruckt und mitreißt. Limbarth hat die für dieses Stück bestehenden Ansprüche und Besonderheiten perfekte Besetzung zusammengestellt. Angelina Krauß ist als Stripperin Charlie eine wahre Bombe, die ihre laszive Körpersprache auch komödiantisch zu nutzen versteht und in „Zeig uns, was du hast“ zu Jubeltiraden hinreißt. Leonie Willms überzeugt als rotzige Chantal mit Gestik, Mimik und Duktus, zeigt aber auch in dem Song „Zeitkapsel“ anrührenden Tiefgang in ihrer Darstellung. Lilli Trosien beweist als Zeynep die vielleicht filmnächste Darstellung ihrer Figur und überzeugt mit starker Bühnenpräsenz und einer tollen Gesangsstimme. Jan Rieß und Linus Weinbrenner füllen ihre komplett konträren Rollen des verklemmten Strebers Jerome und des Gangster-Rebellen Burak fantastisch aus. Als Danger begeistert Jan Volpert, dem die Rolle auf den Leib geschneidert scheint, mit funkensprühender Energie. Katharina Hoffmann als Klebstoff schnüffelnder Rektorin Gerster gehören rollenbedingt vielleicht die meisten Lacher des Stücks, wenn sie mal zynisch, mal investigativ und mal schrullig das Klassenraum betritt und sich in „Asapissimo“ selbst beweihräuchert. Anastasia Bechthold füllt ihre Laura Schnabelstedt mit greifbarer Emotion und zeichnet sie auch im Lied „Weg von hier“ als Teenagerin, mit der sich das Publikum identifizieren kann.

Tim Speckhardt setzt Zeki Müller seinen eigenen Stempel auf, spielt ihn weniger hart als sein Filmpendant, dafür aber mit größeren emotionalen Nuancen, die die Mehrschichtigkeit des Charakters und seine durchaus großen inneren Konflikte greifbarer machen. Den Vogel schießt allerdings Viktoria Reese als Lisi Schnabelstedt ab – im positiven Sinne! Was Reese hier auf die Bühne bringt, ist nicht nur Comedy-Gold, sondern gleicht einer Charakterstudie. Jedes Quäntchen des Besonderen entlockt sie ihrer Lisi, jede Geste und mimische Regung verleiht ihrer Figur Farbe und Charakter. Ob aufgeregt-hysterisch zu „Lisi, beruhig dich“, angespannt-erotisiert in „Ganz schön knapp“, komplett ekstatisch-zugedröhnt zu „Schula, Schula“ oder wahrhaft berührt in „Wegen dir“: Bei Reese ist jede Szene auf den Punkt gelungen. Großes Kino!

Wer „Fack Ju Göhte“ in Wiesbaden nicht verpassen möchte, muss aufmerksam sein und sich nach Karten umschauen. Die aktuellen Vorstellungen sind beinahe restlos ausverkauft, Zusatztermine sind allerdings in Planung!

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungFrank Bangert
Inszenierung & ChoreografieIris Limbarth
BühneBritta Lammers
KostümeHeike Korn
Regieassistenz/Choreografische MitarbeitAnna Okunowski
Choreografische AssistenzAngelina Krauß
Dance CaptainLilli Trosien
Musikalische EinstudierungUlrich Bareiss
KostümassistenzKim Zartin
InspizienzMichael Schmiedel
Franziska Rohlwing
Julia Rocke
 
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CAST (AKTUELL)
Zeki MüllerTim Speckhardt
Alexander Müßig
Danger, Romeo, EnsembleJan Volpert
Burak, Mercutio, EnsembleLinus Weinbrenner
Jerome, Tybalt, EnsembleJan Rieß
Mann 1, Paco, Herr Kolbbrenner, Chabo, Junkie, Nerd1, EnsembleNis Hansen
Mann 2, Schließer, Ronnie, Chabo, Gundlach, Bauer, Kalle, Schulbeamter, EnsembleLars Hofmann
Mann 3, Attila, Herr Steiner, Chabo, Udo, Schulbeamter, EnsembleKarim Oukail
Lisi SchnabelstedtElena Leitner
Viktoria Reese
Frau Gerster, Frau Leimbach Knorr, HartzvierfrauKatharina Hoffmann
Luna Lange
Chantal, Sister Lo, EnsembleKatharina Schmitz
Leonie Willms
Zeynep, Paris, EnsembleLilli Trosien
Charlie, Sprayerin, Sprecherin, EnsembleAngelina Krauß
Lioba Lefken
Laura Schnabelstedt, EnsembleAnna Priester
Anastasia Bechtold
Mandy, Greta, Schulbeamtin, EnsembleLinda Sandretto
Sheila, Frau Eschmüller, Frau Sieberts, Nerd 2, Schulbeamtin, EnsembleAnastasia Bechtold
Anna Priester
Swing für Danger, Burak, JeromeCecinho Feiertag
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 08.03.2025 19:30Wartburg, WiesbadenPremiere
So, 09.03.2025 18:00Wartburg, Wiesbaden
Sa, 15.03.2025 19:30Wartburg, Wiesbaden
▼ 23 weitere Termine einblenden (bis 22.03.2026) ▼
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