Tom Wild (Betram), Felix Ströbel (Kuno), Gregor Imkamp (Wilhelm), Aaron Rafael Schridde (Georg Schmid), Dennis Habermehl (Stelzfuß) © Thore Nilsson
Tom Wild (Betram), Felix Ströbel (Kuno), Gregor Imkamp (Wilhelm), Aaron Rafael Schridde (Georg Schmid), Dennis Habermehl (Stelzfuß) © Thore Nilsson

NEUE REZENSION
The Black Rider - The Casting of the Magic Bullets (seit 04/2026)
Tournee (Schleswig-Holsteinisches Landestheater, Rendsburg)

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In Moritz Nikolaus Kochs bildgewaltiger Inszenierung ohne ein Übermaß an aktualisierenden oder provozierenden Mätzchen macht ein homogener, spiel- wie gesangsstarker Cast „The Black Rider“ am Schleswig-Holsteinischen Landestheater zu einer teuflisch guten Show, die voll ins Schwarze trifft.

Amtsschreiber Wilhelm liebt Käthchen und alles könnte so schön und einfach sein. Doch vor einer Heirat und der Übernahme der Erbförsterei des Braut-Vaters muss Wilhelm sich einer Tradition folgend mit einem Probeschuss beweisen. Blöderweise ist er mehr Möchtegern-Schütze denn Jäger, sodass er zur Abhilfe einen Pakt mit dem Teufel eingeht und zu treffsicherer Mogel-Munition greift. Einzige Bedingung des vermeintlich hilfreichen Satans-Kumpels ist, dass dieser die letzte Kugel bekommt. Dabei heckt er einen teuflischen Plan aus und lenkt bei der Prüfung die Freikugel direkt ins Herz der Noch-nicht-Angetrauten und sichert sich damit die unglückliche Seele des gescheiterten Bräutigams. Wilhelms mahnende Vorahnung „Verkaufe nie dein Ich, denn dann verlierst du dich“ bewahrheitet sich, indem er – in einer Zwangsjacke im Rollstuhl sitzend – vom Teufel abtransportiert wird.

In Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung des auf einer urdeutschen Volkssage basierenden Stücks ist nicht einfach nur der Teufel los. Der Regisseur thematisiert in großartigen Bildern überkommenen Traditionsglauben, Abhängigkeit und Leistungsdruck. Dabei kitzelt er sowohl die schrillen, bunten und komödiantischen Momente des Stücks heraus, hat aber auch ein gutes Händchen für mystische, melancholische Szenen. Koch interpretiert den Pakt mit dem Teufel als einen Pakt mit der Droge, indem er den diabolischen „Wohltäter“ als zwielichtigen, tätowierten Dealer in Lederkluft zeichnet, der nicht nur Zauberkugeln feilbietet, sondern auch mit dubiosen Aufputsch-Spritzen abhängig macht.   

Zweites charakteristisches Merkmal in Kochs stringenter Inszenierung ist die Tradition, die bereits vor Beginn der Vorstellung sichtbar wird. Erbförster Kuno, ein Herr in barocker, blauer Jacke und mit weißer Allonge-Perücke steht als Urahn der Waldhüter-Dynastie bereits beim Einlass des Publikums starr in einem überdimensionalen Rahmen aus Lichtdioden auf der Bühne und blickt grimmig ins Auditorium. Auch im Laufe der Handlung ist er in dieser eingefrorenen Pose dort immer wieder präsent. Zum Leben erweckt wird dieser Hüter der durchkalkulierten Konventionen indem er mit einem Schlüssel aufgezogen wird und sich wie eine auf einer historischen Spieluhr stehenden Figur mechanisch-zuckend bewegt – eine wirklich auch körperlich herausfordernde Aufgabe für Darsteller Felix Ströbel.

Der überdimensionale Rahmen in der Bühnenmitte, der in intimeren Szenen auch bespielt wird, ist das einzige Element in Marcel Weinands Bühnenbild. Die vom Regisseur entwickelten traumartigen, sich bewegenden Projektionen mit Wald- und Wolkenszenarien sowie psychedelischen Mustern schaffen im Hintergrund eine visuelle Welt zwischen Idylle und Schauer, die die Stimmung des Stücks ideal einfängt. Als Ausstattungs-Coup entpuppen sich die lebensgroßen Tier-Silhouetten, die von schwarz gewandeten Waldgeister-Statisten mit weißen Fratzen liebevoll wie behutsam zum Leben erweckt werden. Komplettiert wird das gute optische Gesamtbild durch die ebenfalls von Marcel Weinand entworfenen, zweckmäßigen Kostüme ohne viel Firlefanz.

Herzstück des Höllenspektakels ist die emotional aufwühlende Musik von Rocklegende Tom Waits. Die im Bühnenhintergrund postierte Band „St. Georg and the Flash Pan Hunters“ bringt die rauen und schräg-wuchtigen Songs unter der behutsamen Leitung von Moritz Caffier süß, dramatisch und verwegen zur Geltung und übertönt dabei nie den Gesang. Dabei sind im Mix aus Folk-Song, Latin, Gospel und Jazz auch ungewöhnliche Instrumente, wie eine Singende Säge, im Einsatz.

Auch wenn die von den Rechtegebern bewusst in Kauf genommene, wilde Mischung aus deutschen und englischen Texten die Verständlichkeit der Handlung erschwert, reißt das die Spiellust des homogenen Ensembles schnell wieder heraus. Dabei steht rein vorlagenbedingt die Abräumer-Rolle des Teufels Stelzfuß alias Pegleg im Mittelpunkt. Mit immenser Bühnenpräsenz stolziert, tanzt und springt Dennis Habermehl auf ungleich hohen Sohlen über die Bühne und verkörpert verführerisch und einfach brillant das personifizierte Böse. Wie ein Verwandter des Conférenciers aus „Cabaret“ führt er als hohnlachender und diabolisch grinsender Showmaster durch das Stück. Dazu hat Tom Waits der Figur die zündendsten Songs verpasst, die Habermehl mit grandioser Rockröhre interpretiert.

Weder gegen die starren Regeln der Tradition noch gegen die Kraft der Freikugeln kann Käthchen etwas ausrichten. Neele Friederike Pasch fügt sich wie ein scheues Reh ihrem Schicksal und legt nicht nur musikalisch mit dem gefühlvoll gesungenen „I’ll Shoot the Moon“ einen großartigen Auftritt hin. Als verliebter Wilhelm ist Gregor Imkamp zunächst ein intellektuelles Weichei, das später getragen von Zaubermacht selbstbewusst und wie im Rausch die Tiere im Wald abschießt und nach dem Stoff des Bösen giert. Aaron Rafael Schridde, der unter anderem als Bote des Herzogs und als Georg Schmid seine ungemeine darstellerische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt, ist auch stimmlich in Bestform und überzeugt gesanglich sowohl mit kräftigem Bariton als auch im glasklaren Falsett. Komplettiert wird die gute Besetzung durch den bereits erwähnten Felix Ströbel (Kuno, Wilhelms Onkel, Kuno als junger Mann), Tom Wild (Förster Bertram) und Friederike Pasch, die als kompakte Brautmutter Anne und leicht verwirrter Herzog zu sehen ist. Alle dreien merkt man an, dass sie eher im Schauspielfach als im Gesang zu Hause sind.

Mit „The Black Rider“ gelingt der nördlichsten kommunalen Bühne Deutschlands ein theatralischer Höllenritt in eine düstere, wie bezaubernde Welt, die ein gewisses Suchtpotenzial birgt und den Vogel abschießt.

Musik von Tom Waits, Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
Buch von William S. Burroughs
Original Orchestration von Greg Cohen und Tom Waits

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungMoritz Caffier
Inszenierung, VideosMoritz Nikolaus Koch
AusstattungMarcel Weinand
 
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CAST (AKTUELL)
StelzfußDennis Habermehl
Kuno, Erbförster / Wilhelms Onkel / Kuno als ein junger MannFelix Ströbel
Wilhelm, SchreiberGregor Imkamp
Bertram, FörsterTom Wild
Anne, seine Frau / Der HerzogFriederike Pasch
Käthchen, deren TochterNeele Frederike Maak
Robert, Jägerbursche / Der Bote des Herzogs / Ein Wilderer / Georg SchmidAaron Rafael Schridde
Geister des Waldes / StatisterieJolie-Sofie Büchner
Maren Stüdtje
Lasse Behm
Joschua Dzwoniarek
Holger Kraft
Hans Stüdtje
Band "St. Georg and the Flash Pan Hunters"Moritz Caffier
Dirk Zühlsdorff
Wolfram Nerlich
(Franz Blumenthal)
Gerhard Breier
Thomas Gramatzki
(Winfried Kassenberg)
Christoph Breier
(Michael Schalgin)
Henriette Mittag
(Oliviero Hassan)
  
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TERMINE
So, 10.05.2026 18:00Slesvighus, Schleswig
Mi, 13.05.2026 20:00NordseeCongressCentrum, Husum
Do, 21.05.2026 19:30Stadttheater, Heide
Sa, 30.05.2026 19:00Slesvighus, Schleswig
Mi, 03.06.2026 20:00Theater in der Stadthalle, Neumünster
So, 05.07.2026 19:00Stadthalle, Niebüll
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 18.04.2026 19:00Stadttheater, FlensburgPremiere
Di, 21.04.2026 19:30Stadttheater, Flensburg
Sa, 25.04.2026 19:00Stadttheater, Rendsburg
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