Nele Neugebauer ist von den deutschsprachigen Musical-Bühnen längst nicht mehr wegzudenken. Seit vielen Jahren ist sie dort zuhause und hat das Publikum in verschiedensten Facetten begeistert – ob als Monika in „Ku’damm 56“ am Theater des Westens, in der Tour-Produktion von „Sister Act“ oder zuletzt in Stücken wie „Rent“ und „School of Rock“. Doch Nele steht nicht nur im Rampenlicht: Auch hinter den Kulissen hat sie sich bereits einen Namen gemacht, unter anderem als Choreografin am Staatstheater Kassel für Produktionen wie „Emil und die Detektive“.
Jetzt schlägt sie ein ganz neues Kapitel auf: Im Kulturforum Fürth gibt Nele mit der Uraufführung des Musicals „Im Auge des Sturms“ ihr offizielles Regiedebüt. Wir haben uns mit Nele zum Interview getroffen und darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, plötzlich selbst alle Fäden in der Hand zu halten, warum ihr queere Sichtbarkeit auf der Bühne so am Herzen liegt und wie man eine Geschichte erzählt, die komplett ohne literarische Vorlage auskommt.
Du inszenierst mit „Im Auge des Sturms“ ein komplett neues Werk ohne Vorlage. Worum geht es in der Geschichte – und was hat dich persönlich daran gereizt?
„Im Auge des Sturms“ erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die sich in einer Kirche verstecken, weil draußen ein unaufhörlicher, extrem starker Sturm tobt. Im Zentrum stehen fünf Figuren – Trito, Lila, Pepper, Felix und Quentin –, die alle ihr ganz eigenes Coming-of-Age erleben. Sie setzen sich intensiv mit ihrer Identität auseinander und durchlaufen in dieser Zeit eine große Entwicklung.
Mich hat nicht ein einzelner Aspekt überzeugt, sondern mehrere. Ich finde es extrem wichtig, Geschichten und Rollen auf die Bühne zu bringen, die man im Musical noch nicht oft sieht. Die Hauptfigur ist nicht-binär, es gibt eine lesbische Liebesgeschichte, und generell geht es viel um Identitätskrisen. Oder anders gesagt: Es geht total viel um Identitätsfragen und darum, sich selbst zu finden. Das sind Themen, die viele Menschen betreffen – mich eingeschlossen. Ich hatte sofort einen sehr persönlichen Zugang dazu und halte es gerade in der heutigen Zeit für wichtig, queere Perspektiven sichtbar zu machen und ihnen Raum zu geben. Als queere Regisseurin war mir das ein großes Anliegen. Ich bin sehr froh, dass ich gefragt wurde.
Du gibst hier gleichzeitig dein Regiedebüt. Wie hast du die Arbeit an einer Uraufführung ohne vorhandene Inszenierung erlebt?
Die Frage hat mich tatsächlich überrascht, weil ich darüber so noch gar nicht nachgedacht hatte. Natürlich war mir bewusst, dass es mein Regiedebüt ist, und ich war entsprechend aufgeregt. Aber dass es keine bestehende Inszenierung gibt, habe ich gar nicht als Druck empfunden.
Ich war als Darstellerin und Choreografin schon oft an Uraufführungen beteiligt und kenne diesen Prozess gut – und mag ihn sehr. Die Freiheit war für mich eher etwas Positives. Es gab wenige Momente, in denen mir nicht sofort etwas eingefallen ist, aber das gehört dazu. Oft kommen Ideen ja auch, wenn man sich Zeit lässt.
Was ich definitiv gemerkt habe: Regie ist eine riesige Aufgabe. Man koordiniert alles und arbeitet gleichzeitig kreativ. Das ist ein enormer Aufwand, aber auch sehr erfüllend. Meine Erfahrung als Choreografin hat mir geholfen, vor allem was Abläufe und Prozesse betrifft. Trotzdem war vieles neu.
Du kommst aus der Praxis als Darstellerin. Wie hat das deine Arbeit mit dem Ensemble geprägt?
Das hat mich stark beeinflusst, vor allem in der Rollenfindung. Ich habe früh intensive Gespräche mit den Darstellenden geführt und ihnen gleichzeitig Raum gelassen, die Figuren weiterzuentwickeln. Ich glaube, wenn man wirklich versteht, wen man spielt, lösen sich viele szenische Fragen fast von selbst. Gute Rollenarbeit im Vorfeld verhindert oft Probleme im späteren Prozess.
Gleichzeitig bin ich natürlich auch Choreografin und habe ein Faible für Raum, Bilder und Arrangements. In dieser Produktion verantworte ich ja beide Bereiche, und mir lag eine eindeutige Bewegungssprache am Herzen, die klar zwischen den inneren Monologen der Figuren und den reellen Geschehnissen unterscheidet. Die 360-Grad-Bühne war dafür eine spannende Spielwiese. Es ging viel darum, den Fokus zu lenken – was gar nicht so einfach ist. Dabei hat mich auch das Lichtdesign von Lukas Rohleder sehr unterstützt. Am Ende habe ich versucht, beides zu verbinden: Figurenarbeit und visuelle Gestaltung.
Das Projekt entsteht in Kooperation mit dem Förderverein Queeres Musiktheater. Welche Rolle spielte das für den Prozess?
Es war uns als Team sehr wichtig, dass sich die queeren Themen auch in der Besetzung und im Team widerspiegeln. Gerade weil ich bei dieser Uraufführung eng mit den Darstellenden gearbeitet habe und auch ihre persönlichen Erfahrungen einbezogen habe.
Bei einem Stück, das so stark von queerer Identität handelt, ist es natürlich hilfreich, wenn Darstellende einen eigenen Zugang dazu haben. Gleichzeitig finde ich nicht grundsätzlich, dass Rollen immer identisch besetzt sein müssen – Schauspiel bleibt ein Handwerk. Aber in diesem konkreten Fall war es uns wichtig, dass die Beteiligten eine persönliche Verbindung zu den Themen haben.
Bei einer Uraufführung ist die Partitur oft ein lebendiges Gebilde, das sich erst in der Probenphase finalisiert. Wie eng war dein Austausch mit dem Autorenteam um Nic Schilling, um die Musik und die dramaturgische Entwicklung der Charaktere – gerade in der direkten Arbeit am Stück – noch aktiv mitzugestalten?
Nick, Annabelle, Isa und ich haben tatsächlich sehr eng zusammengearbeitet. Ich bin dafür auch wirklich dankbar, denn ich konnte recht viele Änderungsvorschläge in die Produktion einbringen. Wir haben das erste Mal vor etwa anderthalb Jahren miteinander gesprochen und ich habe bei vielen Nummern einfach mal angeregt: ‚Vielleicht könnten wir es so ausprobieren‘ oder ‚Lass uns versuchen, was passiert, wenn wir den Dialog direkt in die Nummer schieben‘. Meine Vorschläge wurden mit einer großen Offenheit empfangen und wir konnten über alles diskutieren. Viele der Impulse wurden angenommen, manche nicht – was für mich absolut in Ordnung ist. Nick schreibt seit mittlerweile neun Jahren an diesem Stück und hat natürlich einen ganz anderen Bezug dazu als ich, die erst vor knapp zwei Jahren dazugekommen ist. Aber es ist oft gesund, wenn jemand von außen frisch draufschaut und sagt: ‚Ich glaube, so könnte es auch funktionieren‘.
Besonders am Ende des Stückes haben wir gemeinsam noch wahnsinnig viel rumgeschraubt und die Szenen eigentlich zusammen entwickelt. Das hat sehr gut funktioniert und darüber freue ich mich sehr.
Die Handlung spielt in einer Kirche – als Schutzraum und zugleich als Ort der Enge. Wie setzt du dieses Spannungsfeld auf der Bühne um?
Ich habe mich intensiv mit diesem Gefühl beschäftigt: gleichzeitig eingesperrt und geschützt zu sein. Gemeinsam mit den Darstellenden habe ich Situationen entwickelt, die sowohl Langeweile als auch Anspannung zeigen. Es gibt wiederkehrende Handlungen – zum Beispiel wird immer wieder dieselbe Kirchenbank geputzt. Einfach, weil es nichts anderes zu tun gibt. Gleichzeitig sieht man auch emotionale Ausbrüche: Panik, Traurigkeit, Überforderung.
Ein wichtiges Konzept war, dass niemand die Bühne verlässt. Alle bleiben permanent in diesem Raum. Dadurch entsteht Enge, fehlende Privatsphäre – und daraus wiederum Konflikt. Als Gegenpol gibt es aber auch sehr innige Momente. Szenen, die ich intern „Lagerfeuermomente“ nenne – Situationen von Nähe, Verbundenheit und Gemeinschaft. Mir war wichtig, beide Seiten sichtbar zu machen.
Zum Schluss: Welches Potenzial siehst du für solche Stoffe im deutschen Musical – und reizt dich die Regie künftig weiter?
Ich glaube, dass solche Stoffe großes Potenzial haben. Es ist eine Art Musical, die in Deutschland noch nicht oft erzählt wird. Die Verbindung aus Popmusik und Kirchenmusik ist spannend, und mir war wichtig, das Genre zu feiern, ohne den Fokus auf Schauspiel zu verlieren. Für mich gehört beides zusammen: große musikalische Momente und eine starke, handlungsgetriebene Erzählung.
Ob ich künftig häufiger Regie führe, kann ich noch nicht sagen. Ich habe auf jeden Fall Lust darauf. Gleichzeitig möchte ich meine Arbeit als Darstellerin nicht aufgeben. Aber grundsätzlich kann ich mir gut vorstellen, wieder Regie zu führen.
Vielen Dank, Nele, für diese ehrlichen Einblicke in dein Debüt. Es ist spannend zu sehen, wie du deine Erfahrung von der Bühne jetzt ins Regiepult einbringst, um Themen wie queere Identität so authentisch Raum zu geben. Wir sind gespannt, wie das Publikum im Kulturforum auf diese dichte Kirchen-Atmosphäre reagiert. Wir drücken dir für die Premiere und den weiteren Weg von „Im Auge des Sturms“ ganz fest die Daumen! Hoffentlich war das nicht das letzte Mal, dass wir dich in dieser Rolle erleben dürfen. Toi, toi, toi für den Endspurt!
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