Luisa Meloni (Pugsley), Mathias Schlung (Onkel Fester), Bettina Mönch (Morticia), Enrico De Pieri (Gomez), Sandra Leitner (Wednesday), April Hailer (Grandma), Ensemble © Andreas Lander
Luisa Meloni (Pugsley), Mathias Schlung (Onkel Fester), Bettina Mönch (Morticia), Enrico De Pieri (Gomez), Sandra Leitner (Wednesday), April Hailer (Grandma), Ensemble © Andreas Lander

The Addams Family (2025)
Theater, Magdeburg

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„Sei ein wahrer Addams, oder stirb!“ tönt es dieses Jahr beim großen Open-Air-Musical über den Magdeburger Domplatz. Abermals wird hier eine Riesenproduktion realisiert, die dank der hochkarätigen Besetzung, vielen Bühnengimmicks und einer Salve witziger Regie-Ideen uneingeschränkt begeistert.

Das Broadway-Musical zur „Addams Family“ ist gerade einer der lukrativsten Kassenschlager für viele Stadt- und Staatstheater – dabei sind die Inszenierungen des Gothic-Klamauks nicht selten viel zu verkopft konzipiert und büßen einiges an Comedy-Potenzial ein. Die groteske Story mit Morticia, Gomez, Wednesday und Co. lebt neben den klassischen, von lateinamerikanischen Rhythmen durchsetzten Showtunes vor allem vom makaber-morbiden Humor. Dieser wird in der Magdeburger Inszenierung unter Felix Seilers Regie auf Höchstform poliert und mit schier zahllosen Slapstick-Elementen sogar noch potenziert.

Dabei wirkt die Produktion durch ihre Visualität besonders nach: Darko Petrovic hat sich mit seinem großen Bühnenbild wieder selbst übertroffen. Eine Friedhofskulisse mit düsteren gotischen Herrenhausfassaden erhebt sich gegen den Magdeburger Dom im Hintergrund. Grablichter und -steine zieren den unteren Bereich der ausufernden Bühne, während der hauptsächlich bespielte Bereich durch etliche verschiebbare Wandelemente diverse opulente Szenerien ermöglicht: Eine dramatische, stufenweise beleuchtete Doppeltreppe versteckt sich hinter einer riesigen Ahnentafel, die prominent im Vordergrund die Bühne dominiert. Die einzelnen Addams-Vorfahren im Stammbaum sind liebevoll im Tim Burton-Stil gezeichnet; jedes Portrait ist einzeln beleuchtet und einige fungieren als aufklappbare Fenster, aus denen heraus einige Szenen gespielt werden. Das für den verschrobenen Clan brennende Dauerthema ‚Familie‘ ist so auch visuell ein zentraler Punkt der Optik dieser Inszenierung. Weitere liebevoll konstruierte Bühnenelemente werden gekonnt ins Geschehen eingebunden und genauso flott wieder entfernt: Darunter zwei Särge, die ein Schlafzimmer mimen, große Sarkophage als Dinner-Tafel des Hauses, eine überaus ulkig eingebrachte Streckbank oder die blubbernde Hexenküche der Addams-Oma, von der niemand so genau zu wissen scheint, wessen Mutter sie ist und ob sie überhaupt zur Familie gehört.

Pyroeffekte kommen in dieser Inszenierung, wie von Magdeburg mittlerweile gewöhnt, mehrmals zum Einsatz – nur dieses Mal hat die Regie die dank ihrer Vielzahl zuletzt oft kritisierten Einsätze auf genau das richtige Maß herunter gefahren. Morticias Eröffnungsnummer für den zweiten Akt mit einem Feuerwerk zu beschließen, einen Gomez nur knapp verfehlenden Blitz mit Funken darzustellen und Festers Kanonenflug zum Mond mit einem großen Knall zu garnieren, reicht vollkommen aus und weiß zu begeistern. Ebenso die vielen kleinen Gimmicks in Bühnenbild und Ausstattung: Die überraschenden Bühneneingänge, der fliegende und aufgehende Mond, der etwas perverse Folterstuhl in Gomez‘  Sammlung von `Überzeugungswerkzeugen‘, das ferngesteuerte eiskalte Händchen, die Armbrust-Schussszenen von Wednesday oder die Riesenspinne von Oma Addams sind nur eine Handvoll der wunderbar gelungenen Einfälle des Kreativteams. Auch das hervorragende Lichtdesign von Ingo Jooß hat immer die passende Stimmung zwischen Grusel und Broadway-Revue parat. Danny Costellos Choreographie überträgt die musikalische Sprache voller heißer Rhythmen und heiterer Melodien in perfekte Körpersprache. Das große, über 20-köpfige Ensemble wird immer harmonisch eingebunden und verschmilzt mit dem Bühnenbild, zum Teil auch mithilfe der tollen Lichteinstellungen. Ein besonderes Highlight sind die Hand-Choreographien zu „Sag die Wahrheit“ und die Dance-Breaks in den Liedern „Geheimnisse“, „Der Tod steht und die Ecke“ sowie der Paartanz von Morticia und Gomez zu „Tango de Amor“. Linda Schnabels Kostüme orientieren sich sehr frei an den ikonischen Addams-Looks und bekennen deutlich mehr Mut zu Farbe und Varianz als im Original. Diese freie Interpretation der bekannten Familie funktioniert überraschend gut und wartet mit einigen Highlights auf: Morticias Kleider und Roben sind dabei ganz oben auf der Liste. Durch wirklich ulkige Einfälle, beispielsweise der undefinierbar-grotesken, aber irgendwie auch niedlichen Klamotte von Onkel Fester, überträgt sich die immer währende Comedy dieser Inszenierung sogar ins Kostümbild. Besonders herauszuheben ist die fantasievolle Interpretation der Szene „Sag dem Mond: Ich liebe dich“, in der Choreographie, Kostümbild, Bühne und Licht eine fast schon anrührend kitschige Symbiose eingehen. Nicht nur durch diesen Moment wird das Publikum durch den buchbedingt deutlich schwächeren zweiten Akt kurzweilig hindurchgeleitet.

Das große Ensemble fungiert als Masse von Addams-Ahnen, die stets als Beobachter oder subtile Helfer dem Geschehen beiwohnen. Bewegungs- und gesangsstark werden die AkteurInnen der einzelnen Gewerke von Chor bis Ballett gewinnbringend eingesetzt. Das 18-köpfige Orchester unter Pawel Poplawskis Leitung spielt die schwungvollen Melodien zwischen Tango, Swing und altem Broadway-Sound mit Hingabe. Während der Cast soundtechnisch mit wenigen Mikro-Fehlschaltungen ansonsten glasklar auf die Zuschauertribünen übertragen wird, bleibt die Musik etwas zu leise abgemischt zurück.

Die größeren Rollen sind ausnahmslos perfekt besetzt. Matthias Knaab als rollschuhfahrender Zombie-Butler Lurch spielt einfach herrlich bräsig und generiert mit seinem andauernden Grölen, dem erstaunlich differenzierte Emotionen abzuhören sind, viele lustige Momente. Ähnlich ist das bei April Hailer als Grandma, die mal vulgär und mal hart-herzlich jeden ihrer leider buchbedingt viel zu wenigen Auftritte zu ihren großen Momenten macht. Ihr komplett ekstatischer Bühnenausraster während Morticias dramatisch angekündigten Wahrheit-Spiels sorgt für spontanen Szenenapplaus. Fehmi Göklü gelingt als Mal Beineke im zweiten Akt eine extrem witzige Wandlung vom Spießer zum etwas zu leidenschaftlichen Liebhaber in „Verrückter als du“. Auch Lukas Witzel steht sein leicht nerdiger Lucas Beineke vortrefflich. Wie er sich seiner angebeteten Wednesday annähert, ist anrührend und ulkig zugleich. Luisa Meloni gibt Pugsley garstig-frech und gefällt stimmlich bei „Was wär wenn“ – ihre Spielfreude sprüht förmlich auf das Publikum über. Veronika Hörmann schießt als Alice Beineke in ihrem komplett hysterischen Ausbruch während des Lieds „Das Warten“ den Vogel ab und sorgt aufgrund ihrer ausufernden, alle Regeln der Comedy ausschöpfenden Performance für Ovationen im Publikum am Ende des ersten Aktes. Mathias Schlung verleiht seinem Fester eine niedliche Schrulligkeit, die er in Mimik, Körpersprache und Stimmduktus überträgt. Seine ulkigen Solosongs von „Festers Manifest“ über „Über Liebe reden“ bis zu seiner Hymne an den Mond entzücken die ZuschauerInnen sichtlich. Als lateinamerikanischer Temperamentbolzen, der aber auch eindeutig unter der Fuchtel der Frauen seiner Familie steht, überzeugt Enrico De Pieri auf ganzer Linie. Mit einem gekonnten Spagat aus theatralischer Überzeichnung und komödiantischem Understatement schafft er seinen ganz eigenen Gomez, der mit seinem „Die zwei Dinge“ und den etlichen Reprisen dazu immer neue Prämissen aufsetzt und das Publikum so zum Kichern bringt. Sandra Leitner gibt Wednesday stimmgewaltig. Ihr starker Belt fegt zu „Neue Wege“ über die Zuschauertribüne. Als im Zentrum des Konflikts stehender Charakter Wednesday gelingt Leitner, differenzierte Dynamiken zu allen Hauptfiguren aufzubauen, die das gesamte Stück zusammenzuhalten scheinen. Bettina Mönch dominiert bei jedem ihrer Auftritte als düstere Sexbombe Morticia die Bühne und fühlt sich in der Rolle dieser etwas zickigen Femme Fatale sichtlich wohl. Lasziv und dabei immer einen obskur-witzigen Spruch auf Lager räkelt und wirbelt sie sich (auch als begnadete Tänzerin) durch das Geschehen, wobei sie eine umwerfende Präsenz beweist und ihre große Gesangsstimme immer wieder gewinnbringend erstrahlen lassen kann.

Dass die Musicals auf dem Magdeburger Domplatz immer erst um 21 Uhr beginnen, spielt der düsteren „Addams Family“ durchaus in die Karten und kreiert eine Stimmung, von der sich Teile des Publikums auch nach dem allseits bekannten Family-Jingle mit Pfeifen und Schnipsen als Zugabe nicht so ganz trennen möchten – zu schön war der schaurig-groteske Abend. Der Vorverkauf für das klassische Western-Spektakel „Oklahoma!“ von Rodgers und Hammerstein, das 2026 einen krassen Kontrast auf den Domplatz bringen wird, hat zum Zeitpunkt der Premiere von „Addams Family“ bereits begonnen – ein Zeichen dafür, wie erfolgreich sich Magdeburg als Musical-Standpunkt für die Open-Air-Saison gemausert hat. Und gemessen am diesjährigen Stück kann abschließend bekräftigt werden, dass dies auch gut so ist! 

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungPaweł Popławski
RegieFelix Seiler
BühneDarko Petrovic
KostümLinda Schnabel
ChoreografieDanny Costello
 
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CAST (AKTUELL)
Gomez AddamsEnrico De Pieri
Morticia AddamsBettina Mönch
Onkel FesterMathias Schlung
GrandmaApril Hailer
Wednesday AddamsSandra Leitner
Pugsley AddamsLuisa Meloni
LurchMatthias Knaab
Mal BeinekeFehmi Göklü
Alice BeinekeVeronika Hörmann
Lucas BeinekeLukas Witzel
Tobias Joch
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 20.06.2025 21:00Domplatz, MagdeburgPremiere
Sa, 21.06.2025 21:00Domplatz, Magdeburg
So, 22.06.2025 21:00Domplatz, Magdeburg
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