Ensemble © Marie Liebig
Ensemble © Marie Liebig

Come From Away (seit 02/2025)
Theater am Bismarckplatz, Regensburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Voller Menschlichkeit berührt Sebastian Ritschels Inszenierung des Erfolgsmusicals „Come from Away“ als makellose deutschsprachige Erstaufführung am Theater Regensburg – mit einer starken Besetzung, die, auch durch Sabine Ruflairs authentische Übersetzung, die bewegende Geschichte einprägsam auf die Bühne bringt.

Die komplett auf wahren Begebenheiten und Personen beruhende Handlung von „Come from Away“ berichtet von den Irrungen und Wirrungen gestrandeter Flugpassagiere während der ersten vier Tage nach den verheerenden Anschlägen des 11. September 2001. Irgendwo im Nirgendwo – in Gander, Neufundland – finden bewegende Begegnungen statt, die von Mitgefühl, Akzeptanz, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Trauer und Glück erzählen. Reisende aus aller Welt treffen vis-à-vis auf Einheimische aus dem kanadischen Hinterland: Kulturen, Werte, Weltanschauungen und Gefühle kollidieren und vermischen sich, sodass sich das Leben der Menschen von Gander und das der tausenden Gestrandeten für immer verändert.

Vielfach preisgekrönt fand Irene Sankoffs und David Heins Musical seinen Weg vom La Jolla Playhouse im Sommer 2015 an den Broadway und ins West End, um letztendlich in zahlreichen Originaltouren und Non-Replika-Produktionen seinen Siegeszug um die Welt zu beginnen: Auf Spanisch, Niederländisch, Koreanisch, Dänisch, Französisch und Japanisch wurde „Come from Away“ bereits übersetzt. Mit Sabine Ruflair konnte für die nun Premiere feiernde deutschsprachige Erstaufführung eine versierte Übersetzerin gewonnen werden, die das mit zahllosen englischsprachigen Idiomen gespickte Buch im Grunde perfekt übertragen hat: Immer nahbar und menschlich wirken die Dialoge auch auf Deutsch ausgesprochen authentisch, und die wunderbar singbaren Songtexte strotzen nur so vor flüssiger Rhythmik und schönen Bildern. Besonders geglückt sind die Übersetzungen vom Opener „Welcome to the Rock, aber auch leisere Songs wie „Führe uns durch das Dunkel“ („Lead Us Out of the Night“), „Ich bin hier“ („I Am Here“), „Warte, Welt“ („Stop The World“) sowie die Ensemblenummern „Wir sind durch“ („On The Edge“) und „Etwas fehlt“ („Something’s Missing“) wissen zu begeistern. Ruflair hat hier ganze Arbeit geleistet; alleine ihre geniale Übersetzung ist ein Kunstwerk in sich, das dem Original mehr als gerecht wird. Nicht zuletzt wegen ihrer herausragenden Arbeit wäre ein deutschsprachiges Cast-Album mehr als wünschenswert!

Sebastian Ritschel gelingt es, den Charme und die profund berührende Emotionalität der Urproduktion zu bewahren, die „Come from Away“ zum internationalen Erfolg machten. Viele Elemente seiner Inszenierung sind an das Original angelehnt: Kristopher Kempfs Ausstattung setzt auf den Einsatz von Tischen und Stühlen, um geradezu fließend die Szenen des fast durchkomponierten Stücks vom Flugzeug zur Bar und von der Schule zum Bus zu verwandeln, was dem Broadway-Erfolg feinfühlig nachempfunden ist. Die Nutzung von Lichtstimmungen, um Räume und Perspektiven zu generieren, ist sogar noch differenzierter und effektiver als im Original – Maximilian Rudolphs Lichtdesign ist maßgeblich für die visuelle Stärke des Stücks verantwortlich.

Auch Gabriel Pitonis nuancierte, stimmungs- und schwungvolle Choreographie wird durch „Come from Away“ in New York und London keinesfalls in den Schatten gestellt. Nicht nur die heiteren, ausgelassenen Szenen, sondern auch ruhigere Bewegungsabläufe passen zu jedem Zeitpunkt hervorragend auf die Folk- und Shanty-Melodien und unterstreichen das Innenleben der Figuren sowie die turbulenten Geschehnisse in Gander vortrefflich. Der aus dem Original bekannte Birkenwald als Bühnenhintergrund weicht einer Hallenkonstruktion, deren Beleuchtung die Schauplatz- und Stimmungswechsel zusätzlich illustriert. Die Struktur des Bühnenbilds hilft visuell, den Wandel der einzelnen Charaktere im Verlauf der Handlung hin zu einer Einheit zu zeichnen.

In der oberen Ebene des Bühnenbilds hat die Band unter Andreas Kowalewitzs musikalischer Leitung ihren Platz. Die acht Musiker klingen mindestens ebenso schwungvoll und einwandfrei wie ihre Broadway-Kollegen und spielen die Partitur mit Bravour. Die saubere tonale Abmischung gewährleistet die unabdingbare Verständlichkeit der vielen, teils blitzschnell aufeinander folgenden oder ineinander verwobenen Sprechparts des Ensembles. Die Orchestrierung büßt zeitgleich kein bisschen ihrer Kraft ein: Eine schweißtreibende Herausforderung, die die technische Abteilung des Theaters Regensburg gemeistert hat.

Regisseur Ritschel und Dramaturg Ronny Scholz gelingt es, die schwierige Aufgabe einer einfühlsamen Figurenzeichnung auch in dieser Non-Replika-Produktion beizubehalten und für das hiesige Publikum ergreifend umzusetzen. Mit einer hervorragenden Cast, die bemerkenswert homogen und symbiotisch agiert, tragen die Visionen des Kreativteams Früchte: Keiner und keine aus der Darstellerriege sticht heraus, jede und jeder auf der Bühne geht in der beeindruckenden Ensembleleistung auf. Der optimal besetzten Truppe gelingt es durch menschliches, authentisches und facettenreiches Schauspiel, das Publikum immer wieder zu Tränen zu rühren. Dabei beweisen sie auch häufig komödiantisches Geschick. Der rasante, nur durch wenige Accessoires angedeutete Figurenwechsel, den alle Akteure auf der Bühne wiederholt vollziehen, ist beeindruckend.

Benedikt Eder mimt unter anderem den Bürgermeister von Gander und einen nur auf den ersten Blick grantigen Einheimischen mit anrührender Authentizität. Fabiana Locke, deren Hauptfigur Bonnie um das Wohlergehen der in den Flugzeugen eingesperrten Haus- und Wildtiere kämpft, füllt ihren Charakter mit sympathischem Temperament. Die mal schroffe, mal sehr einfühlsame Beulah wird bewegend von Patricia Hodell gespielt. Felix Rabas gefällt nicht nur komödiantisch ausgesprochen gut, ihm gelingt auch als Rabbi ein rührender, verbindender Moment im Lied „Gebet“, der sichtlich aufs Publikum übergeht. Als Journalistin Janice zeichnet Scarlett Pulwey den Weg ihrer Figur vom unsicheren Mauerblümchen zur treibenden Helferin in der Not. Alejandro Nicolás Firlei Fernández gibt als Kevin J. nicht nur einen nachvollziehbaren Gegenpol zu Andreas Biebers Figur Kevin T., der ein wenig als Showmaster des Ensembles fungiert. Als homosexuelles Paar begegnen die Kevins ihren Unsicherheiten gänzlich unterschiedlich, sodass Bieber und Fernández ein ganzes emotionales Spektrum zu zeichnen verstehen. Letzterer bewegt auch als Ali, der als muslimischer Flugpassagier im Schatten der islamistischen Terrorangriffe des 11. September zahlreichen rassistischen Anfeindungen und Demütigungen ausgesetzt wird, dabei aber seine Nächstenliebe niemals verliert. Masengu Kanyinda bekleidet die vielleicht tragischste Rolle des Stücks: Mutter Hannah sucht telefonisch vergeblich nach ihrem Sohn, der als Feuerwehrmann nach den Rettungseinsätzen um das World Trade Center als verschollen gilt. Mit Lionel von Lawrence als aus Afrika stammendes Ehepaar gelingt im Zusammenspiel mit Andreas Bieber eine starke Szene über die Macht des Glaubens. Von Lawrence überzeugt zudem in den eher heiteren Parts, allen voran als rebellischer Jungspund Bob, der erkennen darf, dass Großzügigkeit und Selbstlosigkeit auch in seiner Welt existieren. Außerdem überzeugt er in der karikaturistischen Rolle des Captain Bristol, der von Annette, gespielt von Wietske van Tongeren, fast schon unverhältnismäßig wollüstig angehimmelt wird. Van Tongeren gelingt in dieser Comedy-Rolle immer wieder, das Publikum zu Lach- und Jubelsalven zu verführen, wenn sich Annette inmitten der Tragik der Geschichte ihren Männerfantasien hingibt, die sie in Wallungen versetzen. Als Pilotin Beverley gehört Van Tongeren mit „Der Himmel geht auf“ („Me and the Sky“) die einzige große Soloballade des Stücks; auch diese Rolle füllt sie mit Menschlichkeit und der angetrieben Autorität einer waschechten Kapitänin. Nicht zuletzt gehört das Herz des Publikums Carin Filipčić und Jogi Kaiser als texanische Frohnatur Diane und britischer Bürohengst Nick, die sich durch die Ereignisse in Gander einander annähern und denen das vielleicht größte Happy End der Geschichte zuteilwird. Maria Mucha und Patrick Imhof komplettieren das Ensemble mit Gefühl und Harmonie.

Als am Ende des Stücks, 10 Jahre nach den Anschlägen des 11. September, die einzelnen Charaktere ihre Erlebnisse noch einmal Revue passieren lassen und zu herzzerreißenden Schlussfolgerungen kommen, bleibt im Publikum kein Auge trocken. Die Botschaften dieses Musicals sind für die heutige Situation in der Welt wichtiger denn je. Das starke Plädoyer für Nächstenliebe in einer rundum gelungenen Inszenierung macht „Come From Away“ in Regensburg zu einem großen Highlight des Musicaljahres 2025. Erfreulicherweise kann das nahezu restlos ausverkaufte Stück noch durch ein Gastspiel im Deutschen Theater München Kurzentschlossene auf die Reise nach Gander locken. Unbedingt und uneingeschränkt sehenswert!

 
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KREATIVTEAM
Buch, Musik und GesangstexteIrene Sankoff
David Hein
Deutsch ÜbersetzungSabine Ruflair
Musikalische LeitungAndreas Kowalewitz
InszenierungSebastian Ritschel
ChoreografieGabriel Pitoni
DramaturgieRonny Scholz
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Claude
(Derm, Brendas Bruder, Eddie)
Benedikt Eder
Bonnie
(Martha)
Fabiana Locke
Beulah
(Delores)
Patricia Hodell
Oz
(Joey, Zollbeamter, Mr Michaels, Terry, Matty, Rabbi, Kardiologe)
Felix Rabas
Janice
(Britney, Flugbegleitung)
Scarlett Pulwey
Beverley
(Annette, Reporter)
Wietske van Tongeren
Diane
(Crystal, Brenda)
Carin Filipčić
Nick
(Doug, Officer Stephenson, Dorfbewohner)
Jogi Kaiser
Kevin T.
(Garth, Präsident Bush)
Andreas Bieber
Kevin J.
(Dwight, Ali)
Alejandro Nicolás Firlei Fernández
Bob
(Muhumuza, Captain Bristol)
Lionel Von Lawrence
Hannah
(Margie, Micky)
Masengu Kanyinda
Onstage SwingsMaria Mucha
Patrick Imhof
  
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TERMINE
Fr, 02.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, RegensburgWiederaufnahme
Sa, 03.10.2026 18:00Theater am Bismarckplatz, Regensburg
So, 04.10.2026 15:00Theater am Bismarckplatz, Regensburg
So, 04.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Mo, 05.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Fr, 23.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Sa, 24.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Sa, 31.10.2026 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
So, 01.11.2026 18:00Theater am Bismarckplatz, Regensburg
So, 22.11.2026 18:00Theater am Bismarckplatz, Regensburg
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TERMINE (HISTORY)
Mo, 10.02.2025 19:30Theater am Bismarckplatz, RegensburgÖffentliche Probe
Sa, 22.02.2025 19:30Theater am Bismarckplatz, RegensburgPremiere
Di, 25.02.2025 19:30Theater am Bismarckplatz, Regensburg
▼ 23 weitere Termine einblenden (bis 13.07.2025) ▼
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