Andreas Bieber (Franklin Shepard), Ensemble © Marie Liebig
Andreas Bieber (Franklin Shepard), Ensemble © Marie Liebig

Merrily We Roll Along (2025 - 2026)
Theater, Regensburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Mit drei deutschsprachigen Erstaufführungen in einem Jahr ist das Theater Regensburg dabei sich in der Musicalszene Rang und Namen zu erarbeiten. Nach dem grandiosen Auftakt mit „Come from Away“ ist nun auch Sondheims international selten gespielte Coming-of-Age-Story „Merrily We Roll Along“ erfolgreich in Deutschland angekommen und unterstreicht die rundum hohe Qualität im Haus.

1981 war „Merrily We Roll Along“ am Broadway eine Fehlzündung, die Neuinszenierung 2024 allerdings wohl auch aufgrund der prominenten Besetzung einer von Sondheims größten Erfolgen – wenn auch posthum. Möglicherweise war das rückwärtslaufende und komplexe Storytelling für die Musicalbühne in den 1980ern noch seiner Zeit voraus, beim Besuch der Premiere in Regensburg allerdings ist die mangelnde Popularität des Werkes nicht mehr nachvollziehbar: Die Produktion unter Sebastian Ritschels fokussierter und Sondheim-erprobter Regie, auch mithilfe der feinfühligen Dramaturgie von Ronny Scholz, erweist sich trotz der narratologischen, musikalischen, sowie psychologischen Komplexität des Stoffes als gleichermaßen kurzweilig wie bewegend. Für ein Werk von Altmeister Sondheim, der für seine musikalischen Vertonungen wort- und bildgewaltiger Dialoge und Innensichten bekannt ist und dessen musikalische Handschrift oft als gleichermaßen vielschichtig wie verflochten wahrgenommen wird, ist „Merrily We Roll Along“ überraschend voll mit Melodien, die im Ohr bleiben und dem Publium nahbar erscheinen. „Merrily“ mag somit diesem Klischee widersprechen, für das der Komponist oftmals kritisiert wird.

‚Typisch Sondheim‘ ist allerdings die Geschichte, die von den Irrungen und Wirrungen des Lebens berichtet und einen großen Schwerpunkt auf zwischenmenschliche Beziehungen legt, wie es beispielsweise auch in „Company“ oder „A Little Night Music“ der Fall ist. Der Clou: Die Lebens- und Erfolgsgeschichte des Komponisten und Filmemachers Franklin Shepard wird chronologisch von seinem Niedergang bis zu seinen naiven jugendlichen Träumen rückwärts erzählt, was dem Publikum zu jedem Zeitpunkt der Show vollste Konzentration abverlangt, um die sozialen Gefüge der Charaktere und ihr Standing zueinander nachzeichnen zu können.

Barbara Blaschkes und Sebastian Ritschels Ausstattung sowie Bühnenbild verlieren sich dankbarerweise nicht in unnötigen Details. Eine große Backlight-Wand dient zum einen dazu, die Jahreszahlen der anachronischen Handlung einzublenden und wird zudem gewinnbringend genutzt, um die glitzernde Phantasterei von Broadway, Hollywood und Co. zu illustrieren. Diese wird durch das kontrastreiche, oftmals schillernde Lichtdesign von Wanja Ostrower und Sebastian Ritschel sowie durch die zahlreichen Spiegelkugeln, die das Funkeln dieser Scheinwelt mal potenzieren und mal gänzlich zu brechen scheinen, gekonnt unterstrichen. Die Dreh- und Hebebühne wird immer wieder für gelungene Ensemblemomente genutzt, in denen eine anonyme Masse aus Zuschauern, Kritikern oder Weggefährten den Protagonisten umkreist oder von oben begutachtet. Ein in der Bühne verstecktes Raumelement, das durch Anheben dem Publikum sichtbar wird, fungiert als Privatzimmer oder Probenraum für intimere Szenen und öffnet einen zweiten parallel bespielten Schauplatz, was der Inszenierung einiges an Dynamik verleiht. Die ausgewählten und zeitlich einwandfrei in die 1960er verortbaren Kostüme zwischen glitzernder Paillette und Schlabberlook zeigen gekonnt den Kontrast zwischen der Schickeria von Film und Bühne und den eigentlich bodenständigen Hauptfiguren. Gabriel Pitonis Choreographie nimmt den Zeitgeist der Erzählung auf und spiegelt vortrefflich die Exaltiertheit der Showgesellschaft wieder.

Das philharmonische Orchester Regensburg spielt die komplexe und stets zwischen den Musikstilen hin- und her wandernde Handschrift Stephen Sondheims mit Präzision und Schwung. Auch das Sounddesign fügt sich nahtlos in den Gesamteindruck ein, während die Tontechnik über weite Strecken saubere Akustik liefert: Das Orchester ist wuchtig, die Chorpassagen voll und die Dialoge glasklar abgemischt, während die SolistInnen zumeist, aber nicht immer gut verständlich gegen die Musik ankommen. Sondheims bildreiche Texte wurden von Sabine Ruflair und Jana Mischke alltagsnah, authentisch und wenig verschnörkelt in sehr nahbares Deutsch übertragen, was die Menschlichkeit des Stoffes unterstreicht und dem Publikum eine gute Möglichkeit der Selbstidentifikation mit den Figuren verleiht.

Das 17-köpfige Ensemble leistet Großes – Gesang und Choreographie sitzen bei allen auf den Punkt. Die Hauptakteure strahlen durch komplexes, nuanciertes, tiefgreifendes und anrührendes Schauspiel. Aufgrund der Ausrichtung der Erzählung muss die Intensität und Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bereits direkt am Anfang des Musicals greifbar werden und einen roten Faden rückwärts durch die Zeit spannen. Diese sehr herausfordernde Aufgabe erfüllen die HauptdarstellerInnen allesamt mit Bravour.

Alejandro Nicolás Firlei Fernández zeichnet Joe Josephson vom gescheiterten Investor rückwärts zum protzig-süffisanten Produzenten und fällt direkt am Anfang der Erzählung aufgrund seiner intensiven Darstellung ins Auge. Selbiges gilt für Friederike Bauer, die als Mary Flynn die vielleicht tragischste Figurenentwicklung zu interpretieren hat: Als alkoholabhängige, gescheiterte und zutiefst unglückliche Seele versucht sie als letzte, an der Freundschaft zu Franklin Shepard festzuhalten. Von diesem Punkt ausgehend gelingt es Bauer, ihren Charakter rückwärts im Erzählfluss sukzessive mit mehr Leichtigkeit, Erfolgsfreude, Hoffnung und Liebe zu füllen, die ihrer Mary im chronologischen Verlauf durch viele Enttäuschungen abhandenkommen – besonders eindrucksvoll im Song „Ist halt so“. Nina Weiß schafft als Beth einen der dramatischsten Momente des Stücks mit „Jeder Tag tut weh“, als ihre Scheidung von Franklin medienwirksam finalisiert wird. Von dort an füllt auch sie ihre Figur anachronistisch gewandt mit jugendlicher Leichtigkeit, naiver Verliebtheit und Energie, was in „Bobby, Jackie und Jack“ und ihrer fast schon ironisch platzierten Reprise „Jeder Tag tut gut“, in der sie Franklin bei einer Audition kennenlernt, kulminiert. Fabiana Locke steht die Divenrolle der Gussie Carnegie außerordentlich gut. Egozentrisch und zynisch zu Beginn der Geschichte, entwickelt sie die buchbedingt vielleicht statischste Figur nachvollziehbar zurück zu einem fast schon grauen Mäuschen mit großen Ambitionen, die in Franklin eine Chance zum beruflichen Aufstieg sieht. Das klug positionierte Opening des zweiten Aktes zeigt Franklins und Gussies Höhepunkt des Ruhms in Form der Premiere ihres Broadwaystücks „Musical Husbands“ mit einer großen Divennummer, in der Locke brilliert.

Felix Rabas als Charley Kringas und Andreas Bieber als Franklin Shepard sind das ideale Paar für dieses psychologisch komplex zusammenhängende Freundesduo, das berufliche Diskrepanzen und enttäuschte Freundschaftserwartungen zu durchleben hat. Die enge Bindung zwischen Charley und Franklin ist von Beginn der Geschichte an – dem Zerbrechen ihrer Freundschaft – tragisch spürbar und durchmischt sich mit der Leichtigkeit ihrer Jugend im weiteren Verlauf der retrospektiven Erzählung. Wie eine Achterbahnfahrt gestaltet sich ihr Zusammenspiel, wenn Rabas in „Frank GmbH“ seiner Verletzung und Wut eindrücklich dynamisch Luft macht oder sie gemeinsam, hoffnungsvoll und sich gegenseitig stützend, ihre Komposition „Gefunden“ (im Englischen das bekannte „Good Thing Going“) gegen eine lästernde Meute angehend präsentieren. Wenn die beiden am Ende im träumerischen „Wir sind dran“ voller Hoffnung und Unschuld von ihren großen Träumen schwärmen, entsteht beim Publikum, das von Beginn an das Schicksal dieser Freundschaft kennt, ein beinahe herzzerreißender Moment, der in Erinnerung bleibt. Angerührt und doch beschwingt wird das Publikum in den Abend entlassen – im Foyer ist nicht selten der ein oder andere Zuschauer noch „Alle an Bord“ summend oder pfeifend zu vernehmen. Das Theater Regensburg hat sich zu einem bemerkenswerten Musicalstandpunkt gemausert – und lässt bereits die nächste hiesige Erstinszenierung „Charlie und die Schokoladenfabrik“ diesen Winter freudig erwarten.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Musik und GesangstexteStephen Sondheim
BuchGeorge Furth
OrchestrierungJonathan Tunick
ÜbersetzungSabine Ruflair
Jana Mischke
Musikalische LeitungAndreas Kowalewitz
InszenierungSebastian Ritschel
BühneSebastian Ritschel
VideodesignSven Stratmann
ChoreografieGabriel Pitoni
DramaturgieRonny Scholz
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Franklin ShepardAndreas Bieber
Charley KringasFelix Rabas
Mary FlynnFriederike Bauer
Gussie CarnegieFabiana Locke
Beth SpencerNina Weiß
Joe Josephson, TerryAlejandro Nicolás Firlei Fernández
K. T., Mrs Spencer, Mutter BethMaria Mucha
Meg Kincade, DoryMasengu Kanyinda
Jerome, AnwaltKonstantin Igl
TylerTeodor Pop
Scotty, AgentinSophie Bareis
Ru, FreundinJulia-Elena Heinrich
Bunker, PfarrerEhab Eissa
Evelyn, Audition-GirlScarlett Pulwey
Mr Spencer, Vater Beth, TV-SprecherBenedikt Eder
Dory, FotografinMonika Schweighofer
PianstPaolo Troian
Ben Weishaupt
Frank Jr.Luca Sorrentino
Marlene Liebl
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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SPIELORTE
12.05.2025 - 13.03.2026Theater am Bismarckplatz, Regensburg19 x
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