Perfekte Disney-Unterhaltung: spektakulär, schön und zum Teil sogar anrührend. Mit „Tarzan“ schafft die Stage Entertainment den Sprung in die „König der Löwen“-Liga. Wem das eine gefällt, der sitzt auch im anderen richtig. Wen das Löwenmärchen kalt gelassen hat, der wird auch mit „Tarzan“ nichts anfangen können.
Die erste Viertelstunde ist atemberaubend. Nachdem das Kentern von Tarzans Eltern nur schemenhaft gezeigt wurde, ist die Bühne plötzlich in bläulichen Nebel getaucht. Im Raum schwebt das Paar, findet zueinander und taucht nach oben – die Unterwasserillusion hinter dem Gazevorhang ist perfekt. Szenenwechsel: Tarzans Eltern liegen am Strand. Der ist um 90 Grad an die Bühnenrückseite gekippt. Die Eltern rappeln sich auf und wandern mit ihrem Baby in ihr neues Leben: senkrecht an der Wand entlang. Szenenwechsel: Im Urwald beziehen die Eltern mit ihrem Sohn Quartier. Doch aus einem Baum kommt (in atemberaubender Geschwindigkeit und wiederum senkrecht) ein Raubtier. Der Darsteller ist komplett in schwarz gekleidet, das Tier in weiß nur angedeutet und mit Schwarzlicht bestrahlt.
Es kommt zum Kampf, Tarzans Eltern werden getötet und wiederum an Seilen rasant aus der Szene gezogen. Nach einer etwas albernen Einlage, in der Affenmutter Karla Tarzan rettet, sind plötzlich überall Affen: vor der Bühne, auf der Bühne, über der Bühne schwebend und auch in hohem Tempo über dem riesigen Zuschauerraum der Neuen Flora. Ähnlich dem „König der Löwen“ mit seinem grandiosen Aufmarsch der Tiere spendet auch bei „Tarzan“ das Publikum in der Anfangssequenz mehrfach begeistert Szenenapplaus.
Bis dorthin ist die Begeisterung Konsens, dann – und das ist die nächste Parallele zum Löwenmusical – spaltet sich das Publikum. Denn natürlich kann es in dieser Größenordnung und diesem Tempo nicht weitergehen. Wer die manchmal augenzwinkernde, manchmal kitschige Disney-Erzählweise mit klaren Charakteren, viel guter Laune und anrührenden Popsongs mag, der kommt auch im Folgenden auf seine Kosten. Dazu kommen schöne Bühnenbilder (wenn auch nicht mehr in der Frequenz vom Anfang) und immer wieder spektakuläre Flugeinlagen.
Im ersten Teil wird Tarzan von einem Jungen gespielt. Das Problem, dass in Deutschland (anders als in London und am Broadway) gut ausgebildete Kinder fehlen, wird auch hier deutlich: Der Junge in der besuchten Vorstellung spielte sehr rührig und bekam auch großen Applaus, sang aber nicht gut – was in der hier geforderten Ballade deutlicher auffällt als bei dem flotten Kindersolo im Löwenpendant. Dafür entschädigt Ana Milva Gomes, die Tarzans Affenmutter ebenso warmherzig spielt wie singt. Andreas Lichtenberger gibt dem Affenanführer Tiefe und bringt dessen Selbstzweifel glaubhaft über die Rampe. Seine Schreie allerdings kommen leider aus dem Computer. Rommel Singson darf mit Tarzans verrücktem Affenkumpel eine dankbare Rolle spielen, meistert die hohen artistischen Anforderungen problemlos und bringt auch die nötige Rockstimme für die (etwas zu) zahlreichen Reprisen von „Du brauchst einen Freund“ mit. Seine Sprechtexte leiden allerdings – wie auch bei vielen anderen Darstellern – unter dem starken Akzent.
Das gilt auch für Titelheld Anton Zetterholm, der wie Jane-Darstellerin Elisabeth Hübert bei einem TV-Casting die Hauptrolle gewonnen hat. Schauspielerisch macht er seine Sache sehr ordentlich. Seine Gesangsstimme klingt in den ersten Reihen allerdings so, als wäre sie mit viel Hall unterlegt und teilweise sogar gedoppelt. Das mag aber an der Akustik liegen.
Hüberts Rolle ist eher komisch als romantisch: Sie legt das gebildete, aber unerfahrene englische Mädchen als übernervös bis an die Grenze zur Karikatur an. Das bringt viele Lacher, führt allerdings auch dazu, dass die Liebesgeschichte zwischen Tarzan und Jane nur wenig anrührt – im Gegensatz zu anderen zum Teil emotionalen Szenen zwischen den jungen Menschen und ihren (Adoptiv-)Eltern.
Zur Zielgruppe gehören auch Familien. Am ersten Akt dürften schon Grundschüler ihre Freude haben, neben effektvollen Bildern gibt es zahlreiche komische Szenen. Im (längeren) zweiten Akt wird’s problemlastiger. Wer sich nicht auf die Handlung einlässt, dürfte sich streckenweise langweilen. Familientauglich bleibt das Stück aber bis zum Schluss, der natürlich auch das obligatorische bunte Finale bereithält.
Musical von Phil Collins (Musik und Texte) und David Henry Hwang (Buch)
Übersetzung von Frank Lenart (Texte) und Ruth Deny (Buch)
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