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NEUES FEATURE
Ingos Fernsehsessel - "The Best Little Whorehouse in Texas" ("Das schönste Freudenhaus in Texas")

Ich nehme wieder in meinen Fernsehsessel Platz und sehe mir für euch einen Musicalfilm an. Das führt zu neuen Begegnungen mit manchmal allzu bekannt erscheinenden Streifen, aber ich grabe auch Unbekanntes oder Vergessenes aus.

Seit 1980 Jahre stand die im August verstorbene Dolly Parton immer wieder vor der Kamera, aber nur ein einziges Mal in der Verfilmung eines Broadway-Musicals. Sowohl der Film als auch das Bühnenoriginal – damals große Erfolge – sind ein wenig in Vergessenheit geraten, dabei hätte gerade die Bühnenvorlage mal wieder ein Revival verdient.

Im kleinen Städtchen Gilbert gibt es seit langem ein Bordell. Die „Chicken Ranch“ bekam ihren Namen, weil während der Großen Depression die Freier nicht mit Geld, sondern mit Naturalien zahlten, vor allem mit Hühnern. Heute betreibt Miss Mona (Dolly Parton) das Etablissement. Sie ist eine beliebte Persönlichkeit, denn sie unterstützt großzügig Projekte und Vereinigungen der Gemeinde. Doch ihr Betrieb gerät durch den populistischen TV-Moderator Melvin P. Thorpe (Dom DeLuise) ins Visier der Öffentlichkeit. Er läuft Sturm gegen das sittenlose Haus und beschuldigt Sheriff Ed Earl Dodd (Burt Reynolds), der ein Verhältnis mit Miss Mona hat, Bestechungsgelder angenommen zu haben.

Die Handlung basiert auf einer wahren Geschichte. Der Enthüllungsjournalist Marvin Zindler sorgte durch seine Berichte für die Schließung eines Bordells. Er betonte aber immer wieder, nicht aus moralischen Gründen vorgegangen zu sein, sondern weil die Betreiberin Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt habe. Der Journalist Larry L. King schrieb darüber einen Artikel für den „Playboy“. Zusammen mit dem Schauspieler, Dramatiker und Regisseur Peter Masterson erkannte er darin das Potenzial für ein satirisches Musical, zu dem die Country-Musikerin Carol Hall Songs beisteuerte. Außerdem witterte Masterson eine tolle Rolle für seine Frau Carlin Glynn, die für ihre Darstellung der Miss Mona einen Tony Award gewann. Einen weiteren erhielt Henderson Forsythe in der Rolle des Sheriffs; das Musical an sich war nominiert, ebenso das Buch, die Regie und die Choreografie. Knapp vier Jahre und mehr als 1.500 Vorstellungen lang hielt sich das „Whorehouse“ am Broadway. Die Fortsetzung „The Best Little Whorehouse Goes Public“war allerdings 1994 mit nur 16 Aufführungen ein grandioser Flop.

Peter Masterson und Tommy Tune, die Regisseure des Originals, sollten auch die Verfilmung übernehmen. Doch schon mit der Besetzung der Hauptrolle gab es Probleme. Das Duo machte diverse Vorschläge, darunter die Uraufführungs-Mona Carlin Glynn oder auch Shirley MacLaine, doch die Produzenten wollten einen zugkräftigeren Star. Den fand man in Dolly Parton, die ideal für die Country-Songs des Stücks zu sein schien. Außerdem hatte sie gerade mit ihrem ersten Film „9 to 5“ („Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“) großen Erfolg gehabt. Parton war allerdings gegen Masterson und Tune, die keine Filmerfahrung hatten und brachte „9 to 5“-Regisseur Colin Higgins ins Spiel. Außerdem fand sie: Wenn die Rolle des Sheriffs schon mit Burt Reynolds besetzt würde, sollten Miss Mona und Earl ein Paar sein – und nicht wie in der Vorlage Sex im Austausch gegen Schutz vor Anfeindungen jeder Art haben. Also wurde das Drehbuch großflächig umgeschrieben. Parton komponierte auch noch zusätzliche Songs, von denen es einer in den fertigen Film schaffte. „I Will Always Love You“, ein damals schon gut zehn Jahre alter Parton-Hit, wurde ebenfalls eingebaut.

Der Country-Star hatte beim Dreh von „9 to 5“ viel Spaß – beim „Whorehouse“ weniger; sie nannte ihn später „einen Albtraum“. Die Produktion verlief chaotisch. Es wurden so viele Mitarbeiter angeheuert und entlassen, dass es in Hollywood Autos mit dem Aufkleber „Hup, wenn du beim Whorehouse gefeuert wurdest“ gab.

Die Arbeit mit Reynolds gestaltete sich schwierig. Seine Freundin, die Schauspielerin Sally Field, hatte ihn gerade verlassen und er war nicht besonders guter Laune. Außerdem wollte er unbedingt singen. Er hatte zwar Gesangserfahrung, seine bisherigen musikalischen Projekte waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Sein Country-Album war kein Verkaufsschlager und für das Filmmusical „At Long Last Love“ (1975) erntete er sogar Spott und Hohn. Dolly Parton schrieb eigens für ihn einen Song. „Where Stallions Run“ wurde zwar gedreht, aber nicht im fertigen Film verwendet. Die Ballade, in der Ed in langen Einstellungen melancholisch über eine Pferdekoppel blickt, wäre eine zu große Bremse für die Handlung gewesen – mal davon abgesehen, dass Reynolds kein guter Sänger war und sich immer wieder in Sprechgesang rettete.

Das Duett von Miss Mona und Ed („Sneakin‘ Around“, ebenfalls von Parton geschrieben) blieb im Film. Es ist Teil einer der Szenen, die eingefügt wurden, um sie als Paar zu zeigen. Obwohl Parton und Reynolds harmonieren, ziehen sich diese überlangen Sequenzen ganz furchtbar. Sie sind Fremdkörper in der sonst überdrehten Handlung.

Parton wusste, dass sie keine große Schauspielerin war. Sie spielte ihre Figuren eigentlich immer so, wie sie in der Öffentlichkeit auftrat: die auf den ersten Blick naive, aber herzensgute falsche Blondine. Aber da man ihr die Rolle anpasste, macht sie ihre Sache gut.

Reynolds war bei den Dreharbeiten auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im Grunde wiederholt er hier seine Rolle aus den „Ein ausgekochtes Schlitzohr“-Filmen – leicht selbstironisch, mit Charme und trotz einiger Szenen, in denen er diesmal die Unsicherheit seiner Figur durchschimmern lassen kann, mit Macho-Unterton.

Hauptproblem des Films ist Colin Higgins‘ unausgegorene Inszenierung. Satirische Spitzen gegen Doppelmoral, vulgäre Scherze, Slapstick und die dialoglastige Liebesgeschichte ergeben keine Einheit. „Whorehouse“ macht immer dann Spaß, wenn sich die Macher einigermaßen an das Ursprungsmaterial halten. Die sieben aus dem Original verbliebenen Songs mit den pointiert-witzigen Texten sind eingängig und von Tony Stevens mitreißend choreografiert. Die Umsetzung dieser ursprünglichen Lieder und die komödiantischen Szenen scheinen Regisseur Higgins mehr gelegen zu haben, denn sie sind kreativ und temporeich inszeniert.

Auch die Nebendarsteller bringen Schwung in die Geschichte. Jim Nabors führt als gutmütig-schussliger Deputy Fred Wilkins durch die Geschichte. Das war nötig geworden, weil der ursprünglich 2 ½ Stunden lange Film auf 115 Minuten gekürzt wurde. Die so entstandenen Handlungslöcher wurden durch den Erzählertext einigermaßen gestopft.

Die exaltierte Spielweise von Dom DeLuise war nie mein Fall. Aber ich gestehe, dass er sich mit Elan in die Rolle des Melvin P. Thorpe wirft, der Enthüllungsjournalismus in Form einer schrillen Show präsentiert, mit der er populistische, konservative Stimmungsmache betreibt. Thorpe, der in seiner Sendung „Der Wachhund Report“ die Verlogenheit der Gesellschaft beklagt, tritt selbst in Perücke, eingeschnürt in ein Korsett und – sehr plump – mit ausgestopfter Hose auf.

Charles Durning hat einen überraschenden und prägnanten Kurzauftritt. So prägnant, dass er für einen Oscar als bester Nebendarsteller nominiert wurde. Er spielt den Gouverneur von Texas, den Ed überzeugen will, das Bordell nicht zu schließen. Durning brilliert im Song „The Sidestep“, in dem er wortwörtlich um Probleme quirlig herumtanzt und beschreibt, wie man sich bei heiklen Themen am besten aus der Affäre ziehen kann, ohne Farbe zu bekennen. Dabei ist nicht nur der Text bissig und witzig, auch die filmische Umsetzung ist ausgesprochen gelungen.

Eine andere Sequenz erlangte in der queeren Community Bekanntheit: „The Aggie Song“. Nach einem Sieg geht es für die Football-Spieler der Texas A&M University zur Belohnung in Miss Monas berühmt-berüchtigtes Etablissement. Mit viel Energie, Tempo, diversen Einstellungen aus Umkleidekabine und Dusche, deren homoerotischer Unterton so subtil daherkommt wie ein Holzhammer, wird die überschäumende Stimmung der Mannschaft eingefangen. Den Produzenten war klar, dass ein Film mit dem Wort „Hurenhaus“ im Originaltitel nie und nimmer eine Jugendfreigabe bekommen würde. Also konnten sie auch in Dialog und Bild expliziter sein. Selten sah man damals in einem Film, der sich an ein Mainstream-Publikum richtete, so viele nackte Frauenbrüste und Männerhintern wie in den paar Minuten von „The Aggie Song“ und dem anschließenden „Courtyard Shag“, einem wilden Tanz in der Chicken Ranch.

„The Best Little Whorehouse in Texas“ zeichnet ein komödientypisch geschöntes Bild von Sexarbeit – als einen fröhlichen Spaß für alle Beteiligten. Miss Mona ist die „Hure mit Herz“, die mütterlich für ihre Mädchen sorgt.

Die Kritiker waren bei der Premiere des Films 1982 wenig begeistert – das Publikum umso mehr. In Deutschland war der Erfolg überschaubar, aber dank des Einspielergebnisses in den USA war der Streifen das erfolgreichste Filmmusical der 1980er Jahre. Ich glaube, das lag vor allem an der Popularität von Dolly Parton und Burt Reynolds.

Mir hat das „Whorehouse“ nur teilweise Freude bereitet. In den zähen Parton-Reynolds-Dialogszenen habe ich mich gelangweilt, die Musicalnummern fand ich dagegen mit Energie umgesetzt. Ich würde auf jeden Fall gern mal das Original sehen. Die Cast-Aufnahme kann ich schon mal sehr empfehlen!

 
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