Michael Müller-Kasztelan (Georges), Fausto Israel (Jacob), Henry Nandzik (Edouard Dindon), Jörg Sabrowski (Albin/Zaza) © Olaf Struck
Michael Müller-Kasztelan (Georges), Fausto Israel (Jacob), Henry Nandzik (Edouard Dindon), Jörg Sabrowski (Albin/Zaza) © Olaf Struck

La Cage aux Folles - Ein Käfig voller Narren (seit 10/2025)
Opernhaus, Kiel

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An vielen deutschsprachigen Theatern wirbt in dieser Spielsaison der Musical-Klassiker „La Cage aux Folles“ für das Recht auf ein buntschillerndes Leben jenseits rechtem Populismus und Spießbürgertum. Das gelingt dem Kieler Theater in Bernd Mottls Inszenierung und mit Opernsängern in den Hauptpartien nur bedingt.

Trauer, Wut, oder gar Verzweiflung? Fehlanzeige. Als Albin davon erfährt, dass er auf der Hochzeit seines Ziehsohns Jean-Michel unerwünscht ist, zeigt er überhaupt gar keine Gefühlsregung. Albin steht einfach auf der Bühne und schmettert mit großer, klassisch geschulter Stimme den Hit-Song der Show „Ich bin, was ich bin“.

Die Regie gönnt Jörg Sabrowski, der seit immerhin 31 Jahren als Bass-Bariton am Kieler Theater engagiert ist und sich Kammersänger nennen darf, bei seinem Rollen-Debüt als Albin/Zaza diesen Star-Auftritt, doch der eigentliche Sinn des Liedes verpufft unter all den Bravos und dem rauschenden Beifall für den Publikumsliebling. Sabrowski mag sicherlich ein großartiger Opernsänger sein, für „La Cage aux Folles“ ist seine schöne und sicher geführte Stimme allerdings einfach überdimensioniert und trotz seines sehr glaubhaften Spiels – insbesondere im zweiten Akt als Mutter und Ehefrau – bleibt er nur ein Besetzungs-Coup fürs Abo-Publikum.

Dabei ist er nicht das einzige Mitglied des Kieler Musiktheater-Ensembles, das im Narren-Käfig zwar ansprechend singen, sich auf dem ungewohnten Musical-Terrain allerdings nicht perfekt entfalten kann. Michael Müller-Kasztelan als Georges fehlen einfach die lockeren Entertainer-Qualitäten, die ein charmanter Club-Besitzer in der Interaktion mit seinem Publikum haben sollte. Konrad Rurian als Jean-Michel bewegt sich für einen Operntenor im Tanz mit seiner angebeteten Anne (vorlagenbedingt blass: Lenya Gramß) zwar überraschend locker, vermag es in den Sprechszenen allerdings nicht, seinen übertrieben wirkenden Pathos abzulegen. Als duckmäuserische Mutter gefällt die ebenfalls mit einem Kammersängerin-Titel geschmückte Heike Wittlieb, als ihr rechthaberisch-polternder Politiker-Gatte reüssiert Henry Nandzik als Kotzbrocken, scheitert allerdings an seinem sonoren Sprechgesang.

Überraschend ist, dass sich im Kieler Haus-Ensemble keine Sängerin finden ließ, die in der Mini-Partie der Wirtin Jacqueline im zweiten Akt das entstandene Durcheinander auf der Bühne ordnen und zu einem Happy End führen kann. Diese Aufgabe füllt die gastverpflichtete Musical-Darstellerin Barbara Raunegger patent wie routiniert aus. Gleiches gilt für Fausto Israel, der bereits oft als Buttler-Zofe Jacob auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen war und auch in Kiel dem Affen so richtig Zucker gibt. Israel ist in dieser Rolle einfach perfekt.

Auch die Cagelles sind in dieser Produktion vom Fach. Dabei stehen nicht nur sieben Darsteller mit einem Musical-Background auf der Bühne, sondern mit Loreley Rivers sogar eine professionelle Dragqueen. Wer erwartet, dass deshalb tänzerisch so richtig die Post abgeht, wird allerdings enttäuscht. Für die Eröffnungsnummer hat Christoph Jonas zwar eine überraschende Fächer-Choreografie entwickelt, allerdings verausgaben sich seine Cagelles bei weitem nicht, da sie hauptsächlich über die Bühne stolzieren und nur ab und zu einmal die Beine schmeißen dürfen. Neben der barocken Eleganz in der bereits erwähnten, eröffnenden Fächerszene tobt sich Kostümbildner Frank Lichtenberg gerade bei den Cagelles in einem sehr sehenswerten Rausch an Farben, Flitter und Flatter aus.

Das Bühnenbild von Friedrich Eggert wird geprägt durch das im Musicaltitel genannte Gehäuse. Ein mit Glühlampen verzierter Käfigprospekt kann im Vordergrund für die Revue-Szenen herabgelassen werden, ein riesiges Gitterhaus auf der Drehbühne sorgt für fließende Szenenwechsel mit immer neuen Perspektiven und Raumsituationen. Allerdings unterläuft dem Bühnenbildner nach der im zweiten Akt erfolgten Abmilderung der Wohnungsdekoration im Zuhause von Albin und Georges ein fataler Fehler. Beichtstuhlartiges Mobiliar und ein auf einer kleinen Orgel postiertes Kruzifix sorgen zwar für die im Text genannte „mönchsähnliche Atmosphäre“. Auch kaschieren rosa Glitzer-Tangas die zuvor zu sehenden Penisse auf den mit Motiven von Michelanglos Florentiner David-Statue dekorierten Wandpaneelen, die weiterhin unbedeckt gebliebenen männlichen Hinterteile sind in einem kirchlichen Raum allerdings fehl am Platze. Gleichzeitig schafft der im Opernhaus gigantische Orchestergraben eine große Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühnengeschehen, sodass die im Stück vorgesehen Interaktionen mit dem Publikum unglaubwürdig wirken. Hier wäre es glücklicher gewesen, einen Steg über die freie Fläche zu bauen, sodass wirklicher Kontakt entstehen kann.

Auch was aus diesem Orchestergraben klingt, ist nicht immer optimal. Unter dem beherzten Dirigat von Chenglin Li finden in der besuchten zweiten Vorstellung die Musiker des Philharmonischen Orchesters Kiel in großer Besetzung nur schwer Zugang zu Jerry Hermans flirrend-beschwingter Partitur. Musikalisch fehlt es an Leichtigkeit, die das Orchester gerade in den Revueszenen und ganz besonders im Song „Die schönste Zeit“ mit Lautstärke kompensiert, sodass die Textverständlichkeit empfindlich leidet.

Unterm Strich enttäuschend ist auch die Arbeit von Bernd Mottl, der „La Cage aux Folles“ nicht zum ersten Mal inszeniert. Die Regie wirkt wenig inspiriert und zeigt homosexuelles Leben genauso, wie es sich Otto Normalverbraucher vorstellt: Schrill, schlüpfrig-zotig und jenseits jeglicher Norm. Bei Mottl sind die Cagelles eine kreischige Klischee-Truppe, die auf Schenkelklopf-Niveau agiert. Als unpassender Inszenierung-Fehlgriff erweist es sich, ausgerechnet diesen gackernd tuntigen Haufen beim Song „Männliche Lektion“, in dem Albin lernen soll, sich als richtiger Kerl zu benehmen, als Zuschauer auftreten zu lassen. Das Publikum im Saal amüsiert sich wie Bolle, doch die zentrale Botschaft des Stücks, wie normal Homosexualität heutzutage ist, geht unter. Wirklich schade, dass das Kieler Theater in politisch schwierigen Zeiten diese Chance verspielt.

Musik / Songtexte – Jerry Herman
Buch – Harvey Fierstein

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungChenglin Li
RegieBernd Mottl
ChoreografieChristoph Jonas
BühneFriedrich Eggert
KostümeFrank Lichtenberg
PeitschentrainingNiklas Bothe
 
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CAST (AKTUELL)
GeorgesMichael Müller-Kasztelan
Albin/ZazaJörg Sabrowski
JacobFausto Israel
Jean-MichelKonrad Furian
Anne DindonLenya Gramß
Edouard DindonHenry Nandzig
Marie DindonHeike Wittlieb
JacquelineBabara Raunegger
FrancisStrato Stavridis
AkkordeonspielerKarsten Schnack
ChantalLoreley Rivers
PhaedraTobias Stemmer
MercedesJulian Quijano
Hanna aus HamburgTayler Davis
CagellesConnor Collins
Yannick Illmer
Tim Grimme
Antoine Banks-Sullivan
OrchesterPhilharmonisches Orchester Kiel
  
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TERMINE
Do, 25.12.2025 18:00Opernhaus, Kiel
Mi, 31.12.2025 15:00Opernhaus, Kiel
Mi, 31.12.2025 20:00Opernhaus, Kiel
Fr, 09.01.2026 19:00Opernhaus, Kiel
Sa, 17.01.2026 19:00Opernhaus, Kiel
So, 01.03.2026 16:00Opernhaus, Kiel
So, 05.04.2026 18:00Opernhaus, Kiel
Fr, 08.05.2026 19:00Opernhaus, Kiel
Sa, 16.05.2026 19:00Opernhaus, Kiel
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 25.10.2025 19:00Opernhaus, KielPremiere
Sa, 01.11.2025 19:00Opernhaus, Kielim Anschluss DRAG-PARTY
Do, 06.11.2025 19:00Opernhaus, Kiel
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