Ich nehme wieder in meinen Fernsehsessel Platz und sehe mir für euch einen Musicalfilm an. Das führt zu neuen Begegnungen mit manchmal allzu bekannt erscheinenden Streifen, aber ich grabe auch Unbekanntes oder Vergessenes aus.
Vor zehn Jahren erlebte „La La Land“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Uraufführung. Aus diesem Grund hole ich den Film mal wieder aus dem Schrank, bereit, mich von dieser farbenprächtigen Hommage an das klassische Hollywood-Musical berauschen zu lassen.
Dieser Film triggert irgendwas bei mir. Liegt es an den Melodieverläufen oder Harmonien von Komponist Justin Hurwitz? Der zwingende Gute-Laune-Rhythmus von „Another Day of Sun“? Die melancholische Einfachheit von „City of Stars“? Der luftige Walzer von „Mia & Sebastian’s Theme“? Der schamlose, aber tief empfundene bunte Kitsch?
An der Geschichte liegt es nicht, denn die ist recht simpel gestrickt. Wäre die Umsetzung – von der Farbdramaturgie bis zu den Filmzitaten – nicht so durchdacht, käme „La La Land“ als flache Geschichte über zwei Menschen, die in Los Angeles ihre Träume verwirklichen wollen, daher.

Die Schauspielerin Mia (Emma Stone) versucht verzweifelt eine Rolle zu bekommen und hält sich mit ihrem Job in einem Coffee Shop auf dem Gelände des Warner-Filmstudios über Wasser. Der Pianist Sebastian (Ryan Gosling) bestreitet seinen Lebensunterhalt widerwillig als Barpianist und Keyboarder in einer 80er-Jahre-Coverband. Er träumt von einem eigenen Jazzclub. Sie treffen zufällig aufeinander und verlieben sich. Als sich bei Sebastian – wenn auch ungeliebter – Erfolg in einer Band einstellt und Mia ein von ihr geschriebenes One-Woman-Theaterstück auf die Bühne bringt, beginnt die Beziehung auseinanderzudriften.
Schon der Vorspann zelebriert klassisches Hollywood-Kino. Erscheinen die Logos der Produktionsfirmen noch im 4:3-Format und in Schwarz/Weiß, öffnet sich die Leinwand mit der strahlend-bunten Texttafel „Presented in Cinemascope“ zur vollen Breite – wie in den 1950er Jahren, als dieses Breitwandformat die Zuschauer von den heimischen kleinen Fernsehgeräten zurück ins Kino locken sollte.

Dann geht es schon mit dem ersten Filmzitat los. Wie in „Love Me Tonight“ („Schloss im Mond“ / „Schönste, liebe mich“, 1932), wo die Kamera durch das erwachende Paris wandert und sich durch Alltagsgeräusche eine „Sinfonie der Großstadt“ ergibt, beginnt „La La Land“ mit einer Kamerafahrt entlang im Stau stehender Autos. Wir hören verschiedenste Musik und Radiomoderatoren, bis sich ein Klavier-Rhythmus durchsetzt. Eine Fahrerin beginnt, die Melodie mitzuträllern, fügt Text dazu, steigt aus und dehnt sich mit ein paar Tanzschritten. Andere Fahrer schließen sich ihr an, bis alle auf der Straße und ihren Autos tanzen. Die Sequenz wirkt wie in einem Rutsch gedreht. Eigentlich handelt es sich um drei Einstellungen, die durch schnelle Schwenks verbunden und nahtlos digital montiert sind. Choreografin Mandy Moore arbeitete dabei mit einem 30-köpfigen Ensemble; die Tänzerschar im Hintergrund, die sich bis in weite Ferne erstreckt, entstand später am Computer. „Another Day of Sun“ ist ein mitreißender Einstieg, der sich an den ausgelassenen Sprüngen von „Seven Brides for Seven Brothers“ („Eine Braut für sieben Brüder“, 1954) und an der Eröffnungsnummer von „Les Demoiselles des Rochefort“ („Die Mädchen von Rochefort“, 1967) orientiert.
Diesem französischen Film und seinem Vorgänger „Les Parapluies des Cherbourg“ („Die Regenschirme von Cherbourg“, 1964) verdankt „La La Land“ eine Menge. Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle schuf nicht nur eine Hommage an das alte Hollywoodkino und das Filmmusical insgesamt, sondern speziell an diese beiden Filme, die die Irrealität des Musicals in einer realen Umgebung verorten – unterstützt von Michel Legrands swingender Musik, an der sich Justin Hurwitz für seine Komposition unüberhörbar orientiert.

Man kann ein kleines Spiel daraus machen, welche Reminiszenzen an andere Filme man entdeckt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, wie Sebastian, der sich wie Gene Kelly in „Singin’ in the Rain“ (1952) um eine Straßenlaterne dreht; manchmal ist es mehr, etwa wenn Mia und ihre Mitbewohnerinnen sich bei „Someone in the Crowd“ für eine Party fertigmachen und dabei „Grease“ (1978), „West Side Story“ (1961) und „Sweet Charity“ (1969) zitieren. In der Traumsequenz am Ende – ein beliebtes Stilmittel in Gene-Kelly-Filmen der 1940er und 50er Jahre – taucht das gezeichnete Paris aus „An American in Paris“ („Ein Amerikaner in Paris“, 1951) auf und auch die Matrosen aus „On the Town“ („Heut’ gehn wir bummeln“, 1949) schauen mal vorbei. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, aber das würde hier den Rahmen sprengen.
Ein anderer Klassiker versteckt sich subtil in der Handlung: „Casablanca“ (1942). Mia hat in ihrem Zimmer ein Wandtattoo von Ingrid Bergman; als sie mit Sebastian über das Studiogelände von Warner bummelt, zeigt sie ihm die Fassade des Hotels, in dem Ilsa und Rick alias Ingrid Bergman und Humphrey Bogart „in Paris“ leben. Wie Rick in dem Klassiker betreibt Sebastian später einen Club und ist genauso überrascht wie Mia, als sie Jahre nach der Trennung mit ihrem Mann plötzlich dort auftaucht – wie Ilsa in Rick’s Café. Wie Ilsa am Ende mit ihrem Ehemann Casablanca verlässt, verschwindet auch Mia mit ihrem Mann aus dem „Seb’s“, während Sebastian wie Rick zurückbleibt. Das Drehbuch mag vor Originalität nicht platzen, aber durchdacht ist es. Genauso wie das Farbkonzept von Beleuchtung und Kostümen, das sich aus den Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie deren Mischungen – also Grün und Violett – zusammensetzt. Sie werden gezielt eingesetzt, um Gefühlslagen zu unterstreichen. Wie genau – auch das würde hier zu weit führen; da verweise ich auf zahlreiche Video-Essays bei Youtube.
Die Handlung konzentriert sich auf Mia und Sebastian. Alle anderen Figuren sind dramaturgische Steigbügelhalter und Stichwortgeber, die kein Eigenleben bekommen. Emma Stone und Ryan Gosling harmonieren ganz wunderbar. Die Dialoge wirken realistisch und im positiven Sinn improvisiert, obwohl Stone und Gosling festgelegte Texte sprechen. Aber die Schauspieler waren in die Entwicklung der Szenen eingebunden und konnten Ideen für ihre Charaktere einbringen. Fast alles, was Mia bei ihren diversen Vorsprechen an Frechheiten passiert, haben Stone und Gosling am eigenen Leib erfahren. Man spürt die Verbindung zu ihren Filmfiguren.

Um nicht auf CGI-Effekte oder Hand-Doubles zurückgreifen zu müssen, lernte Ryan Gosling Klavierspielen. Er spielte nicht für die Musikaufnahmen, aber wenn wir ihn spielen sehen und seine Finger sich synchron zum Playback bewegen, sind keine Tricks im Spiel.
Als ich mir jetzt den Film wieder angesehen habe, hatte ich bei Goslings Darstellung zum ersten Mal das Gefühl, dass er sich – besonders beim Klavierspiel – ganz schön gut findet. Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich da gerade nicht zwischen Darsteller und Figur unterscheiden kann, kam aber zu dem Schluss, dass es an Goslings Spiel liegt. Nüchtern betrachtet ist seine Figur nicht sehr sympathisch. Sebastian trägt ständig Anzug und Krawatte, hält Menschen, die keinen Jazz mögen, für Banausen, hört im Auto Kassetten und zu Hause natürlich Schallplatten. Er lässt alle spüren, dass er sich für seine Brotjobs für überqualifiziert hält. Trotzdem hat Gosling Charme und übertüncht das Negative seiner Figur.
Emmas Stones Mia ist besser gezeichnet als Sebastian. Wir erfahren etwas mehr über ihren Hintergrund. Fehlschläge beuteln sie auch erkennbar mehr als Sebastian, der sie überspielt. Sie hat nicht dessen Coolness, dafür mehr Natürlichkeit; Gefühle kann man ihr am Gesicht ablesen. Wie etwa beim Konzert von „The Messengers“, der Band, bei der Sebastian für gutes Geld anheuert. Sie steht in der Menge, ist gespannt, freut sich. Dann beginnt „Start a Fire“ – ein von John Legend, der den Band-Chef Keith spielt, mitgeschriebener Song; catchy, handwerklich gut, aber belang- und vor allem seelenlos. Bei jedem Schnitt zwischen Sebastian auf der Bühne und Mia im Publikum verändern sich kleine Nuancen in Stones Mimik. Man sieht, wie sie immer fassungsloser wird, weil Sebastian hier seine künstlerischen Ambitionen an den Kommerz verrät.
Dass Stone wie das Mädchen von nebenan aussieht und nicht aus jeder Pore „Ich bin ein Hollywoodstar“ versprüht, hilft ihr sehr. Sie bekam die Rolle, nachdem Damien Chazelle sie am Broadway in „Cabaret“ gesehen hatte. Eigentlich war die Rolle für Emma Watson geschrieben worden, doch die hatte schon bei „Beauty and the Beast“ zugesagt und es gab Terminkonflikte. Fun Fact: Gosling war die Rolle des Biests angeboten worden, aber er sagte wegen „La La Land“ ab.

Stone hatte als Kind zwar Tanzunterricht, war aber weit von einem professionellen Niveau entfernt. Sie und Gosling bekamen intensives Tanztraining bei Choreografin Mandy Moore. Das Ergebnis kann sich dank der Leichtigkeit und des sichtbaren Spaßes der beiden sehen lassen, perfekt ist es aber nicht. Genauso wenig wie ihr Gesang. Justin Hurwitz nutzte für seine Songs ihren Stimmumfang, sodass sie nie ihre Wohlfühlzone verlassen mussten. Aber es sind die Stimmen von sehr guten Amateuren, nicht die von ausgebildeten Sängern. Doch gerade das macht für mich den Charme und den Zauber aus. Zwei völlig normale Menschen fangen an zu singen und zu tanzen, weil ihnen gerade danach ist.
Die Musik ist ein wichtiger dramaturgischer Bestandteil. Nachdem die Beziehung der beiden zu kriseln beginnt, wird nicht mehr gesungen und getanzt.
Der Gesang vieler Lieder wurde am Set aufgenommen, damit die Spontaneität erhalten bleibt. Bei „Audition (The Fools Who Dream)“ saß Hurwitz am Klavier in einem Nebenraum und spielte live. Stone hörte ihn durch In-Ear-Kopfhörer. Ihr Sprechtext sollte fließend in den Song übergehen und so konnte Hurwitz direkt reagieren. Das ist meine Lieblingsszene im Film. Es passiert nichts – es gibt keine Schnitte, das Licht wird bis auf einen Spot gedimmt und einmal fährt die Kamera um sie herum. Stone steht nur da und singt bei einem Vorsprechen – sie wird gebeten, eine persönliche Geschichte zu erzählen: das Lied über ihre schräge Tante in Paris; eine Hymne auf Träumer, Künstler, Narren, die an ihrem Traum festhalten. Doch Stones Vortrag, der perfekte Text von Benj Pasek und Justin Paul sowie Hurwitz‘ chansonartige Melodie eröffnen eine eigene Welt. Es braucht keinen Schnickschnack, keine Effekte, kein Brimborium – einfach ein echter, wahrhaftiger, fesselnder Moment. Ich kann mir diese Szene immer wieder ansehen.

Chazelles Inszenierung sprüht vor Ideen und man merkt, wie viel Herzblut er in den Film investiert hat. Seine Idee, vor Mias innerem Auge bei ihrem ungeplanten Besuch in Sebastians Club eine atemberaubend schöne „Was wäre gewesen, wenn wir uns nicht getrennt hätten“-Sequenz vorbeiziehen zu lassen, ist das Sahnehäubchen.
„La La Land“ ging mit der Rekordzahl von 14 Nominierungen ins Oscar-Rennen, die zuvor nur zwei andere Filme erreicht hatten. Mit sechs Preisen (Ausstattung, Kamera, Musik, Song „City of Stars“, Hauptdarstellerin und Regie) war er der meistausgezeichnete Film des Abends. Für ein paar Minuten war er auch „Bester Film“, doch man hatte die Umschläge verwechselt; der Preis ging an das Drama „Moonlight“.
Damien Chazelle war damals mit 32 Jahren und 38 Tagen der jüngste Oscar-Gewinner in der Kategorie „Beste Regie“ und löste Norman Taurog ab, der den Rekord seit 1932 gehalten hatte. Er schuf zusammen mit Kamera, Ausstattung, Kostüm und Schnitt eine zwar bunte, aber realistische Welt, die urplötzlich durch die Macht des Kinos eine fantastische Dimension annehmen kann.
Vielleicht zeichnet er Los Angeles ein bisschen zu sehr als Stadt für Träumer und Nostalgiker und vielleicht sind seine Bilder etwas zu durchkomponiert. Aber, mein Gott – es ist ein Musical! Chazelle war der Meinung, das Musical sei ein hervorragendes Mittel, um den Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit auszudrücken.
Und genau dieser Balanceakt macht „La La Land“ zu einem meiner Lieblingsfilme.


