Ich nehme wieder in meinen Fernsehsessel Platz und sehe mir für euch einen Musicalfilm an. Das führt zu neuen Begegnungen mit manchmal allzu bekannt erscheinenden Streifen, aber ich grabe auch Unbekanntes oder Vergessenes aus.
Eine neue Fernsehsessel-Kolumne zu schreiben, kann wie das Öffnen der Büchse der Pandora sein. Ich denke erst, ich sehe mir einfach einen Film an, mache ein paar Notizen, recherchiere einige Punkte nach und ruckzuck ist der Text fertig. Doch dann kommt während des Ansehens des Films der „Warte mal“-Moment. Ich stelle mir Fragen, ich wühle in Büchern und in den Tiefen des Internets und fördere immer mehr Dinge zu Tage. Diesmal kam dieser Moment, als ich mich fragte, warum ich nahezu alle Charaktere in „A Chorus Line“ entweder unsympathisch oder einfach nur langweilig finde. Es muss doch einen Grund geben, warum das mal die erfolgreichste und am längsten laufende Show am Broadway war, dessen Buch sogar mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Also kremple ich meine Ärmel hoch und los geht’s!
Der Inhalt ist schnell erzählt: In einer Audition werden acht Tänzerinnen und Tänzer für die Chorus Line einer neuen Broadway-Produktion gecastet. Dabei will Regisseur und Choreograf Zach (Michael Douglas) nicht nur die Tanzkünste sehen, sondern auch mehr über die Persönlichkeiten der 16 Künstlerinnen und Künstler, die es in die Endrunde geschafft haben, erfahren.
Eine ausgesprochen theaterhafte, tanz- und textlastige Geschichte, die nach und nach verschiedene Bewerber in den Mittelpunkt stellt. Alles spielt sich auf einer mehr oder weniger leeren Bühne ab. Nichtsdestotrotz versuchten schon während der Probenphase die Broadway- und Filmproduzenten Cy Feuer und Ernest Martin die Filmrechte zu ergattern, mussten sich aber letztendlich einem deutlich höheren Gebot von Universal geschlagen geben. Diverse Drehbuchautoren und Regisseure bissen sich an dem Stoff oder den finanziellen und künstlerischen Grenzen, die die Produzenten ihnen steckten, die Zähne aus – darunter Michael Bennett, der die Uraufführung 1975 inszeniert und choreografiert hatte, sowie Mike Nichols („Who’s Afraid of Virginia Woolf?“ / „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“) und Sidney Lumet („Network“). Nichols, der auch immer wieder am Broadway inszenierte, die Szene dort also kannte, und Lumet mit seinem nüchternen, realistischen Stil (wenn man mal von seiner Verfilmung von „The Wiz“ absieht), wären für mich gar keine so schlechte Wahl gewesen.
Universal verlor wegen der sich hinziehenden fruchtlosen Vorproduktion und der erwartbar hohen Produktionskosten das Interesse und verkaufte die Rechte an Polygram. Dort kamen wieder die ursprünglichen Bieter Feuer und Martin an Bord. Und mit dem Briten Sir Richard Attenborough fand sich endlich auch ein Regisseur. Nach seinem Oscar-gekrönten Erfolg „Gandhi“ war er gerade heiß begehrt und seine Zusage verlieh der Produktion Prestige und Aufmerksamkeit. Attenborough hatte 1967 in „Doctor Dolittle“ mitgespielt und 1969 die satirische Revue „Oh! What a Lovely War“ verfilmt, also besaß er immerhin etwas Musicalerfahrung.
Er hatte nach „Ghandi“ mit „Cry Freedom“ („Schrei nach Freiheit“), einem Anti-Apartheid-Drama um den südafrikanischen Bürgerrechtler Steve Biko, schon seinen nächsten politischen Historienfilm geplant, wollte aber nicht auf dieses Genre festgelegt werden. Deshalb sagte er zu.
Das Problem des Bühne-Leinwand-Transfers bestand in der Vorlage. Während es im Theater nicht stört, dass sich alles einfach nur auf der Bühne abspielt, kann das im Kino schnell langweilig werden. Es gab nun die Möglichkeiten, das frontale Auf-die-Bühne-Schauen durch kreative Kameraführung aufzubrechen, oder in die Handlung einzugreifen und ihr zusätzliche Spielorte hinzuzufügen. Man entschied sich für einen lauwarmen Mittelweg.
Arnold Schulman legte in seinem Drehbuch auf Attenboroughs Vorschlag hin den Schwerpunkt auf die zerbrochene Beziehung der Tänzerin Cassie mit dem Regisseur Zach, wodurch der Rest des Ensembles fast zu Statisten degradiert wird. Attenborough hätte sich laut Schulman trotzdem nicht an sein Drehbuch gehalten. Das sei viel surrealer gewesen als die Version, die schlussendlich in die Kinos kam.
Ronnie Taylors Kameraarbeit ist die Entstehungszeit anzusehen. Alles ist etwas zu gelackt wie es eben in den 1980ern angesagt war, dazu etwas edelschmuddeliger Pseudo-Realismus, wie ihn „Flashdance“ zelebrierte.
Es fängt erst mal alles gut an. Eine lange Warteschlange vor dem Bühneneingang eines Theaters, kurze Impressionen von den Bewerbern, in denen schon die künftigen Finalisten zentral ins Bild gerückt werden, die unter den kritischen Augen von Zachs Assistenten Larry (Terrence Mann) die ersten Runden durchlaufen und ausgesiebt werden – mit knappen Ansagen wie „Junge mit dem Stirnband, Mädchen in Weiß – die Anderen: vielen Dank! Nächste Gruppe!“.Schön sind dabei die kleinen Momente, wenn sich Bewerber gegenseitig beäugen, wenn man auf den ersten Blick zu viel oder zu wenig Selbstbewusstsein erkennen kann. Durch Aufnahmen von oben wird die Menge der hoffnungsvollen Bewerber gut eingefangen. Die Kamera fährt an den Tanzenden entlang oder schnappt sich in Nahaufnahmen einzelne Bewerber. Der Rhythmus kommt durch Musik und Tanz, nicht durch den Schnitt; der ist recht behäbig. Diese Szenen haben durchaus Energie, doch die wird immer wieder durch Außenaufnahmen eines durch New York fahrenden Taxis ausgebremst. Darin sitzt Cassie (Alyson Reed), die es noch zum Casting schaffen möchte – und sie wird den Fluss noch öfter stören. Cassie war nach Broadway-Erfolgen nach Hollywood gegangen, schaffte aber den Durchbruch nicht, kommt nun zurück nach New York und ist sogar bereit, einfach nur in einer Chorus Line zu tanzen. Hauptsache, sie hat einen Job. In der Filmversion hat Cassie sich nicht zum Casting angemeldet, will aber trotzdem vortanzen. Sie wird mehrmals abgewiesen, weil Zach sie für zu gut für den Chorus hält, bis sie schließlich einfach für ihn tanzt und er sie noch in die letzte Runde nimmt.
Eigentlich sollte sich die Handlung auf das Bühnengeschehen und die Geschichten der Bewerberinnen und Bewerber konzentrieren, aber um die Geschichte auf der Bildebene abwechslungsreicher zu gestalten, wird der Theaterraum immer wieder verlassen und wir sehen, wie Cassie im Theater telefonisch versucht, eine Wohnung zu finden, oder sich mit Larry unterhält. Dazu gibt es noch dialoglose Rückblenden zu ihrer Beziehung mit Zach. Der Fokus wird verschoben, aber bedauerlicherweise bringt dieser neue Blickwinkel keinen Mehrwert, sondern ist vor allem eins: entsetzlich langweilig.
Doch zurück zur Handlung auf der Bühne: Hier müssen sich die Bewerber vorstellen. Um die Aufmerksamkeit des Regisseurs zu bekommen, geben einige zu viel, hauen tänzerisch zu sehr auf die Pauke, wie Mike (Charles McGowan) mit der akrobatisch überzogenen Nummer „I Can Do That“, oder versuchen, aus ihrem persönlichen Hintergrund eine Stand-up-Nummer zu machen. Das gehört zur Originalgeschichte, aber nur die wenigsten sind dabei überzeugend und echt. Zumindest in der steifen, sterilen deutschen Synchronisation; im Original klingen sie etwas glaubhafter.
Nichtsdestotrotz sind wir jetzt an der Stelle, an der ich mich gefragt habe, warum ich fast alle Figuren unsympathisch finde und es mir im Grund meines Herzens Wurst ist, ob jemand von ihnen in der Show besetzt wird oder nicht. Ich sehe mir daraufhin im Anschluss diverse Youtube-Mitschnitte des Bühnen-Originals an und empfinde selbst bei der Amateuraufführung einer High School mehr für die Charaktere als in der Verfilmung. Denn diese Produktionen bleiben bei den Figuren, es gibt nicht die unnötige Cassie-Zach-Nebenhandlung. Cassie ist auch im Original eine wichtige Figur und hat ein großes Solo, aber sie ist nur eine von vielen – und sie drängelt sich auch nicht ins Casting, was mir die Figur im Film direkt unsympathisch gemacht hat.
Sir Richard Attenborough wollte unbekannte Gesichter für seinen Film. Prinzipiell eine gute Entscheidung. Audrey Landers, damals wegen ihrer Rolle in „Dallas“ ziemlich prominent, rutschte ihm durch, weil er die Serie nicht verfolgte. Sie stieg extra aus der quotenstarken Soap aus, um Val spielen zu können. Mit „Dance: Ten, Looks: Three“ bringt Landers Leben in die Bude. Allerdings waren ihre Tanzkünste in Wirklichkeit keine 10, deswegen fehlt sie stillschweigend bei vielen Gruppen-Choreografien.
Pauls Monolog über seine frühen sexuellen Erfahrungen mit Männern, seine ersten Tanzauftritte als Drag Queen und die Reaktion seiner Eltern darauf, verfehlt auch in Cameron Englishs Darstellung seine Wirkung nicht. Dass Homosexualität so offen – auch in der Figur des selbstbewusst schwulen Greg (Justin Ross) – dargestellt wurde, war weder bei der Uraufführung 1975, noch 1985 beim Filmstart an der Tagesordnung.
In ihrer Rolle der etwas älteren Sheila hat Vicki Frederick das Glück, dass die Figur hier etwas ausgebaut wurde und sie mehr Raum für sarkastische Bemerkungen bekommt, deshalb sticht sie etwas heraus. Insgesamt überzeugt mich das Ensemble tänzerisch und gesanglich.
Alyson Reeds Cassie ist mir zu hausbacken. Ich nehme ihr nicht ab, dass sie mal ein Broadway-Star war; dazu fehlt ihr die Ausstrahlung.
Michael Douglas, der die Rolle unbedingt wollte und sogar eine geringere Gage in Kauf nahm, hat als Zach zwar eine allmächtige Chef-Ausstrahlung, wie er da so im dunklen Zuschauerraum sitzt und von der Bühne aus nur zu hören ist; dass seine Figur aber Choreograf ist, habe ich ihm nicht abgekauft. Douglas spielt ihn sehr sprunghaft, wodurch Zach für mich schwer greifbar wird. Mal ist er genervt, mal gelangweilt, mal unerwartet fürsorglich und wenn Val von „Tits and Ass“ singt, wird er unangenehm hellhörig.
Dass Kompositionen für Verfilmungen komplett neu arrangiert werden, ist nichts Ungewöhnliches. Hier hat man die Songs in ein dem Zeitgeschmack entsprechendes 80er-Jahre-Synthesizer-Pop-Korsett gezwängt und den 70er-Sound des Originals entfernt.
Ich habe dabei und auch bei manchen Tanzschritten immer wieder an „Flashdance“ denken müssen. Was zumindest bei der Choreografie nicht weit hergeholt ist, denn Jeffrey Hornaday war auch für dessen Tänze verantwortlich. Seine Arbeit finde ich gelungen, denn sie verbindet den Tanzstil der 1980er mit klassischem Broadway. Es sind die distanzierte Kamera und der Schnitt, die die Energie nach der Eröffnungsnummer nicht mehr zu mir transportieren können.
Zurück zur Musik: „Sing!“ wurde gestrichen und „Hello Twelve, Hello Thirteen, Hello Love“ ist nur noch als Intro zu dem neu hinzugefügten „Surprise, Surprise“ zu hören. Ebenfalls extra für den Film komponiert wurde Cassies Solo „Let Me Dance for You“, für das „The Music and the Mirror“ weichen musste.
Eine weitere Veränderung zieht die Aufmerksamkeit wieder weg von den Künstlern, um die es gehen sollte, hin zu Cassie und Zach. „What I Did for Love“ wird nun von Cassie gesungen, zu einem wehmütigen Beziehungslied umgedeutet und ist nicht mehr der Song, der sich um etwas dreht, was man mit Hingabe tut, auch wenn man weiß, dass man es nicht für ewig machen kann, wie etwa professionell tanzen. Die emotionale Wirkung des Originals verpufft.
Die Verfilmung schafft nicht, was das Musical eigentlich wollte: die Namenlosen aus dem Hintergrund holen, ins Rampenlicht stellen und ihre Geschichten erzählen; den Tänzerinnen und Tänzern, die für uns als Publikum oft zu einem Ganzen verschwimmen, Gesichter und Persönlichkeiten zu geben. Attenboroughs Film wirft scheinbar willkürlich Schlaglichter auf sie, verfolgt aber lieber den drögen Cassie-Handlungsstrang.
Die Schuld sehe ich beim Regisseur. Ich hatte beim Ansehen des Films das Gefühl, Attenborough hätte diese Produktion als Auftragsregisseur nebenbei mitgenommen, während er im Kopf mehr mit „Cry Freedom“ beschäftigt war. Es hat mich ziemlich überrascht, in Interviews und seiner Autobiographie zu lesen, dass er mit sehr viel Enthusiasmus bei der Sache war. Er schreibt dort auch sehr empathisch über sein Ensemble und lobt dessen Talente in den höchsten Tönen. Der bei den Dreharbeiten 61-Jährige wurde demnach zu einer Vaterfigur für die „Kids“, wie er seinen Cast nannte.
Die US-Kritiken waren verheerend. Man sah die Unverfilmbarkeit der Vorlage bestätigt und warf Sir Richard vor, als Brite nicht der richtige Regisseur zu sein, weil ihm der Sinn für das Thema fehle, was ihn sehr verletzte. Das mit der Nationalität ist Mumpitz, dem zweiten Teil möchte ich mich aber anschließen. Wenn Attenborough sich über den Inhalt äußerte, sprach er immer von „Kids“, die auf die Bühne wollen. Das klingt nach „Fame“ oder „High School Musical“, aber nicht nach zwar noch jungen, aber professionellen Künstlerinnen und Künstlern, deren Existenz von einem Engagement abhängt. Fehlte ihm trotz seiner Begeisterung schlussendlich die Verbindung, weil er zu alt für diesen Stoff und seine Arbeit am Theater zu lange her war?
„A Chorus Line“ zu verfilmen ist sicherlich ein schweres Unterfangen, weil es so sehr mit einer Bühne verwachsen ist. Dort wirkt das Musical durch Präsenz und Können der Darstellerinnen und Darsteller, denen man gebannt folgt, auch wenn sie nur singend im Spot stehen, nicht durch Handlung oder Bühnenbild. Vielleicht ist es wirklich für die Leinwand ungeeignet.
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