Thomas Hohler als Rob Cole © Daniel Lagerpusch
Thomas Hohler als Rob Cole © Daniel Lagerpusch

Der Medicus (seit 07/2026)
Freilichtspiele, Tecklenburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Lang, aber nicht langweilig. Mit monumentalen Chorszenen, opulenten Bildern, einer überwältigenden Partitur und einem hervorragend disponierten Ensemble gelingt den Freilichtspielen Tecklenburg eine ebenso ambitionierte wie mitreißende Inszenierung von Iván Macías‘ und Félix Amadors „Der Medicus“. Trotz seiner epischen Laufzeit entfaltet das Historienmusical unter freiem Himmel eine beeindruckende emotionale Wucht und erweist sich als eines der außergewöhnlichsten Projekte der diesjährigen Freilichtsaison.

Mit den Freilichtspielen Tecklenburg präsentiert nach Plauen-Zwickau nun bereits das zweite Theater in Deutschland die opulente spanische Vertonung des Musicals „El Médico“ von Iván Macías und Félix Amador – und beweist eindrucksvoll, dass dieses monumentale Werk wie geschaffen für große Open-Air-Bühnen ist. Während das Publikum in diesem Sommer mit „Rocky“ den mitreißenden Crowdpleaser des Spielplans feiern kann, bildet „Der Medicus“ den dramatischen Gegenpol: ein bildgewaltiges Historienepos mit großem Ensemble, ausufernder Statisterie, mächtigem Chor und einem 27-köpfigen Orchester – eine Besetzung, die im heutigen Musicalbetrieb längst Seltenheitswert besitzt. Obwohl das Werk nach wie vor von epochaler Länge ist, wirkt die Tecklenburger Fassung spürbar gestrafft. Die Wahl des Stücks dürfte sich zugleich als geschickter Vorbote der kommenden Spielzeit erweisen: Mit „Die Säulen der Erde“ („Los Pilares de la Tierra“) soll 2027 ein weiteres Musical von Iván Macías in Tecklenburg seine Deutschlandpremiere feiern.

Basierend auf Noah Gordons weltberühmtem Roman erzählt „Der Medicus“ die Geschichte des jungen Engländers Rob Cole, der nach dem frühen Tod seiner Mutter seine außergewöhnliche Gabe entdeckt, den nahenden Tod seiner Mitmenschen erkennen zu können. Sein Wissensdurst führt ihn bis ins persische Isfahan, wo er beim legendären Arzt Avicena Medizin studieren möchte. Zwischen religiösem Fanatismus, politischen Machtkämpfen, Romantik und persönlicher Selbstfindung entfaltet sich eine Geschichte über Wissenschaft, Menschlichkeit und Toleranz.

Wo Félix Amadors Buch stellenweise erzählerische Umwege nimmt und nicht jeder Handlungsstrang konsequent zu Ende geführt wird, entschädigt Iván Macías‘ Partitur beinahe durchgehend für jede dramaturgische Länge. Gewaltige Orchestertableaus, orientalisch eingefärbte Klangfarben sowie hymnische und folkloristisch inspirierte Leitmotive verschmelzen zu einer Klangwelt von cineastischer Wucht, die an große Musicalepen wie „Les Misérables“, „Miss Saigon“, „Der Glöckner von Notre-Dame“ oder „Das Phantom der Oper“ erinnert. Gleichzeitig wird die schiere Fülle an Melodien und wiederkehrenden Leitmotiven zum kleinen zweischneidigen Schwert des Werkes: Die permanente emotionale Intensität entwickelt zwar einen überwältigenden Sog, dürfte einzelne Zuhörer stellenweise aber auch überfordern.

Das 27-köpfige Orchester unter der musikalischen Leitung von Juheon Han nimmt sich Macías‘ überbordender Partitur mit sichtlicher Hingabe an. Kraftvolle Tutti und fein nuancierte lyrische Passagen wechseln sich mühelos ab, ohne dass die Transparenz des Klangbildes verloren geht. Gerade unter freiem Himmel entwickelt die sinfonische Klangpracht eine enorme Sogwirkung und wird zum eigentlichen Motor des gesamten Abends.

Regisseur Werner Bauer begegnet der gewaltigen Vorlage mit viel Gespür für ihre Stärken. Zwar bleibt „Der Medicus“ auch in Tecklenburg ein ausgesprochen langes Werk, doch sorgen behutsame Straffungen und ein flüssigerer Erzählrhythmus dafür, dass kaum echte Ermüdungsmomente entstehen. Entscheidend dafür ist jedoch vor allem Bauers konsequente Figurenführung. Wo sich das Musicalbuch stellenweise in Nebensträngen verliert, etabliert er einen klaren roten Faden, indem er die zentralen Protagonisten scharf konturiert und ihre Entwicklung konsequent in den Mittelpunkt rückt. Rob, Mary, Avicena, der Schah und der Bader erhalten markante Profile, die der Geschichte deutlich mehr Stringenz verleihen.

Dabei profitiert der Abend enorm von den Möglichkeiten der Freilichtspiele. Das große Musicalensemble wird von einer ausgedehnten Statisterie sowie einem mächtigen Chor ergänzt, der intensiv in die Massenszenen eingebunden ist. Bart de Clerqs Choreografien nutzen diese gewaltigen Menschenmassen mit großer Übersicht und zeichnen eindrucksvoll die Gegensätze zwischen London und Isfahan, Orient und Okzident, Arm und Reich sowie den verschiedenen Religionen nach. Besonders „Das Spiel des Schahs“, in dem das Ensemble selbst zum lebendigen Schachspiel wird, die folkloristischen Tanzszenen und die prachtvolle Eröffnung des zweiten Aktes zählen zu den stärksten Bildern des Abends.

Jens Janke beweist dabei, dass große Theaterbilder nicht zwingend monumentale Bühnenbauten benötigen. Mit vergleichsweise einfachen Mitteln nutzt er die Gegebenheiten der Tecklenburger Freilichtbühne geschickt aus und schafft immer wieder neue Perspektiven. Ein kleines Highlight ist dabei der liebevoll gestaltete Marktwagen, mit dem der Bader und Rob um ersten Akt durch die Lande ziehen. Erst das stimmungsvolle Lichtdesign verleiht dem Bühnenraum seine eigentliche Epik und folgt den emotionalen Wendungen der Geschichte eindrucksvoll. Unterstützt von den detailreichen Kostümen von Fabienne Ank und der Maske von Philip Hager entstehen prägnante Bilder, die sowohl die kulturellen Unterschiede zwischen Orient und Okzident als auch die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sichtbar machen.

Auch die Spezialeffekte fügen sich stimmig in das Gesamtbild ein. Feuer begleitet die Ausbreitung der Pest, Nebel lässt Sandstürme entstehen und das Burgtor der Freilichtbühne verwandelt sich im Finale überzeugend in das belagerte Stadttor Isfahans. Der besondere Regieeinfall, die Todesvisionen Robs als physischen, bedrohlichen Gevatter Tod auf der Bühne unvermittelt erscheinen zu lassen, ist dabei ebenfalls sehr eindrucksvoll gelungen.

Erfreulich ist außerdem, dass die technische Umsetzung keinerlei Wünsche offenlässt. Die Tontechnik präsentiert sich jederzeit ausgewogen und transparent – gerade bei einem derart großen Ensemble keine Selbstverständlichkeit und zugleich eine Qualität, die man bereits von früheren Tecklenburger Großproduktionen wie „Titanic“ kennt. Gesang, Orchester und Ensemble bleiben stets hervorragend ausbalanciert, sodass Macías‘ monumentale Partitur ihre ganze Wirkung entfalten kann.

Auch das Ensemble überzeugt durchweg. Thomas Hohler zeichnet Rob Cole als sympathischen, ambitionierten und glaubwürdigen Helden, dessen Entwicklung vom wissbegierigen Jungen zum entschlossenen Arzt jederzeit nachvollziehbar bleibt. Bereits im ersten Akt überzeugt er mit „Heut brech‘ ich auf“, ehe er mit „Die Autopsie“ den dramatischen Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht und Robs Konflikt zwischen religiösen Dogmen und wissenschaftlichem Erkenntnisdrang eindrucksvoll gestaltet.

Navina Heyne entwickelt Mary Cullen weit über die Rolle der klassischen Liebesfigur hinaus. Gesanglich avanciert sie zum großen Highlight des Abends. Ihr verzweifeltes Solo „Dies Sturmgewitter“, unmittelbar bevor sie sich dem Schah hingeben muss, entfaltet eine schier überwältigende stimmliche Wucht. Wolfgang Höltzel überzeugt mit souveräner Bühnenpräsenz. Besonders als berühmter Gelehrter strahlt er jene natürliche Autorität, Herzenswärme und Vernunft aus, die Avicena zur moralischen Instanz machen, über die sich Rob am Ende hinwegsetzen muss.

Zu den größten Glanzpunkten des Abends zählt Gerben Grimmius als exzentrischer, machthungriger Schah, dessen Charisma gleichermaßen fasziniert wie abschreckt. Seine kraftvolle Stimme scheint wie geschaffen für Macías‘ monumentale Kompositionen. Die „Arie des Schahs“ gehört ebenso zu den musikalischen Höhepunkten wie das gewaltige Terzett „Ich träumte“, in dem Grimmius gemeinsam mit Hohler und Heyne sämtliche emotionalen Handlungsstränge des Stücks kulminieren lässt. Mathias Meffert setzt diesem Höhepunkt als Quandrasseh zusätzlich Wirkung entgegen, dessen Entwicklung vom loyalen Wesir zum entschlossenen Gegenspieler des Schahs das dramatische Finale wirkungsvoll verstärkt.

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen des ersten Aktes besitzt Benjamin Eberling als Bader. Schroff, geschäftstüchtig und als lasterhafter Lebemann angelegt, bleibt seine Figur dennoch stets liebenswert und väterlich. Mit „Der Bader der ist jetzt da“, „Aber gut wirst du nur“ und „Die Reise“ trägt Eberling den ersten Teil auch musikalisch über weite Strecken und legt damit das Fundament für Robs spätere Rückbesinnung auf die Lehren seines Ziehvaters.

Als junger Rob begeistert zudem Rija Holthaus mit natürlichem Schauspiel und sicherem Gesang. Besonders „Heut sag‘ ich“, in dessen Verlauf sich der Knabe zum jungen Mann entwickelt, gerät zu einem echten Showstopper. Lisa Kolada und Gülfidan Söylemez bringen in dramatischen Todesszenen substantieller Schauspielhöhepunkte in das Stück ein, die ans Herz gehen. Die Weggefährten Robs werden von Michael Berres (Mirdin), Jürgen Brehm (Karim), Christian Rosprim (Meir), Niklas Roling (Simón), Tim Grimme (Tuveh) und Jan Altenbockum (Merlin) mit viel Feingefühl gestaltet.

Bemerkenswert bleibt darüber hinaus, wie geschlossen das gesamte Ensemble agiert. Kaum eine Nebenrolle bleibt bloße Staffage; vielmehr gelingt es dem Musicalensemble, immer wieder zu einer beeindruckenden Einheit zu verschmelzen und den monumentalen Charakter des Werkes eindrucksvoll zu unterstreichen.

Mit „Der Medicus“ gelingt den Freilichtspielen Tecklenburg eine ebenso ambitionierte wie beeindruckende Produktion. Werner Bauers kluge Straffungen, Iván Macías‘ überwältigende Partitur, die eindrucksvolle Bildsprache und ein durchweg hervorragend agierendes Ensemble sorgen dafür, dass dieses Historienepos trotz seiner Laufzeit kaum Leerlauf kennt. Unter freiem Himmel entfaltet „Der Medicus“ eine musikalische und emotionale Wucht, die das Publikum nachhaltig beeindruckt.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungWerner Bauer
Musikalische LeitungJuheon Han
ChoreografieBart de Clerq
BühnenbildJens Janke
KostümeFabienne Ank
MaskePhilip Hager
RegieassistenzAnnika Hagen
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Rob ColeThomas Hohler
Mary CullenNavina Heyne
(Myriam Akhoundov)
Avicena / FrittaWolfgang Höltzel
Schah / Edgar ThorpeGerben Grimmius
BaderBenjamin Eberling
MerlinJan Altenbockum
MirdinMichael Berres
KarimJürgen Brehm
TuvehTim Grimme
AgnesLisa Kolada
QandrassehMathias Meffert
SimónNiklas Roling
MeirChristian Rosprim
EnsembleChristian Julios
Myriam Akhoundov
Anneka Dacres
Lara De Toscano
Daniel Délyon
Esther-Larissa Lach
Henk Nagel
Janina Niehus
Melissa Laurenzia Peters
Lara Schitto
Tillmann Schmuhl
Gülfidan Söylemez
Franziska Wagner
Julia Waldmayer
SwingAnnika Hagen
  
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TERMINE
Sa, 22.08.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
So, 23.08.2026 19:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Do, 27.08.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Fr, 28.08.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Do, 03.09.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Fr, 04.09.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Sa, 05.09.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
So, 06.09.2026 19:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Fr, 11.09.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
Sa, 12.09.2026 20:00Freilichtspiele, Tecklenburg
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SPIELORTE
24.07.2026 - 13.09.2026Freilichtspiele, Tecklenburg20 x
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