„Jesus Christ Superstar“ ist für Lukas Perman mehr als nur ein weiteres Musicalprojekt – es ist eine Herzensangelegenheit. Nach dem erfolgreichen Start im vergangenen Jahr bringt er das Stück erneut in einer konzertanten Fassung auf die Bühne und setzt dabei auf eine intime, reduzierte Inszenierung. Parallel dazu arbeitet er an einem weiteren besonderen Projekt: einer großen Gala zu Ehren von Sylvester Levay. In unserem Interview spricht Lukas über seine Faszination für „Jesus Christ Superstar“, seine Herangehensweise als Produzent und Regisseur sowie über die Bedeutung der Musicals von Levay und Kunze für die deutschsprachige Musicalszene – und was es braucht, um das Genre weiter voranzubringen.

© BW Stefanie J. Steindl
Ihr veranstaltet „Jesus Christ Superstar“ jetzt bereits zum zweiten Mal unter deiner Regie in der Osterzeit in Wien. Was ist deine Inspiration für dieses Stück? Warum gerade „Jesus Christ Superstar“?
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Konzertformaten – teils allein, teils mit meinem Kollegen und Partner Mark Seibert. Wir haben damals im Raimund Theater mit „Ziemlich gute Freunde“ angefangen, bei dem wir als Hauptprotagonisten Gäste eingeladen haben. Später haben wir das Format in die Stadthalle ausgeweitet, dann kam Corona, und zwischendurch haben wir auch Weihnachtskonzerte veranstaltet.
In dieser Produzententätigkeit kam mir der Gedanke, dass es spannend wäre, einen Schritt weiterzugehen und ein ganzes Stück auf die Bühne zu bringen. „Jesus Christ Superstar“ war dabei eine naheliegende Wahl – es gehört zu meinen absoluten Lieblingsstücken. Zudem habe ich festgestellt, dass die Vereinigten Bühnen Wien das Musical nicht mehr spielen, obwohl es hier lange Tradition hatte. Die Osterzeit ist einfach ein idealer Zeitpunkt für „Jesus Christ Superstar“ in Wien.
Also habe ich den Verlag angeschrieben und tatsächlich die Rechte bekommen. Das Projekt hat sich dann sehr schnell entwickelt, und ich habe eine wunderbare Cast zusammengestellt. Geplant waren ursprünglich zwei Vorstellungen, aber am Ende waren es vier, weil die ersten beiden so schnell ausverkauft waren. Das hat mir gezeigt, dass das Interesse groß ist – also lag es nahe, das Format in diesem Jahr fortzusetzen. Natürlich gibt es einige Besetzungsänderungen, aber ich bin sehr glücklich, dass wir mit Serkan Kaya und Thomas Borchert zwei neue Hauptdarsteller gewinnen konnten.
Wir leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen von den klassischen Kirchen abwenden und Religiosität zunehmend anders verstehen – jenseits traditioneller Kirchenstrukturen. Dennoch bleibt „Jesus Christ Superstar“ im Musical-Bereich relevant, mit zahlreichen Inszenierungen in Deutschland in den vergangenen und kommenden Spielzeiten. Warum, denkst du, ist das Stück immer noch modern und bedeutsam?
In Österreich wird „Jesus Christ Superstar“ nicht an jeder Ecke gespielt – letztes Jahr gab es hier keine einzige Produktion, zumindest nicht in größerem Rahmen. In Deutschland ist das anders. Da wird es regelmäßig inszeniert, auch an großen Häusern, zuletzt etwa von Andreas Gergen.

© I&P Tomorrow Musical, Oliver Marcher
Trotz der zunehmenden Distanz vieler Menschen zur Kirche wachsen wir in einer abendländischen Kultur auf, in der die christlichen Erzählungen tief verankert sind – unabhängig davon, ob man gläubig ist oder nicht. „Jesus Christ Superstar“ bietet eine moderne, musikalische Annäherung an diese Geschichte und schafft so einen Zugang für junge und jüngere Menschen.
Ein wesentlicher Punkt ist die Musik. Die Rock-Songs von Andrew Lloyd Webber sind zeitlos – sie sind nicht an eine bestimmte Epoche gebunden. Ich habe letztes Jahr die 11-köpfige Band-Version gespielt, und es hat sich absolut frisch und kraftvoll angefühlt. Bei anderen Musicals merkt man teilweise stärker, aus welcher Zeit sie stammen – etwa bei den Original-Arrangements von „Cats“ oder „Elisabeth“. Aber bei „Jesus Christ Superstar“ gibt es viele Nummern wie „Heaven on Their Minds“ oder „I Don’t Know How to Love Him“, die sich auch heute noch modern anhören.
Und dann ist da natürlich die inhaltliche Ebene: Das Stück zeigt zwei gegensätzliche menschliche Perspektiven. Jesus verkörpert Gelassenheit, Hingabe, Erleuchtung – jemand, der sich dem Schicksal oder einer höheren Macht überlässt. Judas hingegen ist der Zweifelnde, der Suchende, der Hadernde, der alles kontrollieren will. Diese Ambivalenz, dieser innere Konflikt zwischen Vertrauen und Kontrolle, ist etwas, das wir alle in uns tragen. „Jesus Christ Superstar“ spiegelt genau diese menschlichen Polaritäten wider – und das macht das Stück so zeitlos und universell verständlich.
Du hast gerade selbst die Inszenierung von Andreas Gergen in Nürnberg angesprochen. Er hatte in seiner Inszenierung einen radikalen Ansatz und stellte die Frage, welche Kirche Jesus heute vorfinden würde, wenn er wiedergeboren würde. Wie ist dein Ansatz?
Ich habe seine Inszenierung nicht gesehen, weil es für mich aktuell schwierig ist, ins Ausland zu reisen – ich habe vier kleine Kinder, und meine Arbeit spielt sich größtenteils von zu Hause aus ab. Aber ich erinnere mich, dass Andreas und ich darüber gesprochen haben, als wir „The Sound of Music“ wieder aufgenommen haben.

© Iris Hamann
Da ich eine semikonzertante Fassung inszeniere wollte ich das Stück weitgehend auf seine Essenz reduzieren. „Jesus Christ Superstar“ ist so stark geschrieben – die Figuren sind derart kraftvoll, dass man keine zusätzlichen Effekte oder große Bühnenbilder mit Palmweldeln braucht. Es geht um die Geschichte und die Charaktere.
Für mich ist das Stück auch eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Anteilen der menschlichen Psyche. Jesus, Judas und Maria Magdalena stehen nicht nur für sich selbst, sondern auch für innere Stimmen und Konflikte, die jeder von uns kennt. In der Psychologie gibt es die Vorstellung, dass wir viele verschiedene Persönlichkeitsanteile in uns tragen – Stimmen, die uns antreiben, zweifeln lassen oder zur Ruhe bringen. Judas verkörpert den Zweifel, den Wunsch nach Kontrolle. Jesus steht für Hingabe und Vertrauen. Maria Magdalena bringt eine ausgleichende, beruhigende Komponente mit.
Mein Ziel war es, genau diese inneren Konflikte in den Vordergrund zu rücken – ohne Ablenkung durch große Inszenierungselemente. Dadurch bleibt die Inszenierung klar, reduziert und konzentriert sich auf das, was das Stück im Kern ausmacht: die Auseinandersetzung mit dem Menschsein und der spirituellen Dimension dieser Geschichte.
Du hast in den letzten Jahren deine Fühler auch in andere Richtungen ausgestreckt, zum Beispiel mit einem MBA-Studiengang. Hat das auch Einfluss darauf, wie du heute ein Stück wie „Jesus Christ Superstar“ siehst?
Ja, ich habe einen MBA gemacht, aber das war vor allem im Bereich Wirtschaft und Business Management. Viel stärker beeinflusst hat mich aber eine Coaching-Ausbildung, die ich vor zwei Jahren bei Trigon in der Entwicklungsberatung absolviert habe. Dabei ging es um verschiedene psychologische Ansätze im Coaching, und seitdem arbeite ich auch selbst als Coach – sowohl im Einzelsetting als auch in Gruppen. Teilweise fließt dabei auch Arbeit mit Tieren (Pferdegestütztes Mentaltraining) ein.
Dieser Coaching-Hintergrund hat sicher auch meine Sicht auf „Jesus Christ Superstar“ geprägt. Mein Ansatz ist es, den Darstellern eine Art Leitfaden zu geben, aber ihnen gleichzeitig die Freiheit zu lassen, die Rollen aus sich selbst heraus zu gestalten. Mit Künstlern wie Serkan Kaya oder auch Otto Jaus und Oedo Kuipers letztes Jahr hat das wunderbar funktioniert – sie sind extrem reflektierte, professionelle Darsteller, die sich intensiv mit ihren Figuren auseinandersetzen.

© Iris Hamann
Mir war es wichtig, eine gewisse Direktheit zu bewahren. Deshalb habe ich mich bewusst für ein Format entschieden, das Nähe ermöglicht. In der Wiener Stadthalle, wo rund 2000 Zuschauer Platz haben, haben wir mit Videoprojektions-Elementen gearbeitet, sodass das Publikum wirklich Gesichter und Augen sehen kann. Das sorgt dafür, dass das Spiel nicht übertrieben werden muss, sondern in einer authentischen, echten Energie bleibt.
Dieses Jahr gehen wir mit den Erfahrungen aus der letzten Produktion einen Schritt weiter. Für die neuen Darsteller ist es eine spannende Herausforderung, für die Wiederkehrer eine Gelegenheit, mit einem Jahr mehr Lebenserfahrung erneut in die Geschichte einzutauchen.
Wie bist du bei der Besetzung vorgegangen? Du hast ja einen prominenten Cast. Serkan Kaya und Oedo Kuipers und Thomas Borchert hast du schon selbst angesprochen.
Letztes Jahr habe ich bewusst nach jemandem gesucht, der in Wien noch nicht in der Rolle des Jesus etabliert war. Drew Sarich ist zweifellos als „Jesus“ ganz einmalig, aber ich habe mich auf die Suche nach einem ganz anderen Hauptdarsteller gemacht. So bin ich auf Oedo Kuipers gestoßen, der die Rolle bereits gespielt hatte und mit seiner schlichten, direkten Art genau in mein Konzept passte. Ausgangspunkt für die Besetzung war aber eigentlich Otto Jaus als Judas. Otto ist hier in Österreich ein großer Name – vor allem durch seine Formation „Pizzera & Jaus“ –, aber er hat auch an der MUK studiert, wo wir uns kennengelernt haben. Er war für mich die perfekte Besetzung, weil er Judas auf eine Weise interpretieren konnte, wie man es in Wien noch nicht gesehen hatte.
Da Otto und Oedo beide zugesagt haben, war das ein großartiges Duo. Letztes Jahr war Mark Seibert als Pilatus dabei, aber er hatte diesmal keine Zeit, genau wie Otto. Also musste ich weiter suchen.
Ich habe mich dann an Serkan Kaya erinnert, der die Rolle des Jesus vor zehn Jahren in Wien gespielt hat. Ich rief ihn an, und es war ein witziges Gespräch. Er saß gerade im Auto und meinte: „Ich weiß gar nicht, ob ich das noch singen kann.“ Dann hat er es im Auto einfach ausprobiert, rief mich eine Stunde später zurück und sagte: „Doch, das geht noch. Ich bin dabei!“ Serkan ist ein fantastischer Schauspieler, und ich wusste, dass das super funktionieren wird.
Thomas Borchert kenne ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit bei „Tanz der Vampire“. Ich habe ihn angefragt, und er meinte zunächst, dass er nicht gedacht hätte, jemals wieder mit „Jesus Christ Superstar“ in Berührung zu kommen – die Rolle des Pilatus hatte er nie auf dem Schirm. Aber dann hat er sich das Stück nochmal genau angesehen und festgestellt, wie spannend diese Figur eigentlich ist.
Pilatus hat zwar eigentlich nur zwei musikalische Momenten – wenn man das so nennen kann, denn der „Trial“ am Ende ist ja eine riesige Szene – aber eine enorme Bedeutung. Ohne ihn gäbe es keine Kreuzigung. Er ist eine Schlüsselfigur, die in kurzer Zeit eine große Bandbreite an Emotionen durchläuft. Diesen inneren Konflikt zwischen Macht, Verantwortung und Zweifel fand Thomas dann doch sehr reizvoll. Ich glaube, er freut sich auch darauf, wieder in Wien zu spielen. Und als er gehört hat, dass Serkan und Oedo dabei sind, wusste er, dass das Projekt in guten Händen ist.
Du sagst, dass du in deiner konzertanten Inszenierung in diesem Jahr schon einen Schritt weitergehst als im letzten Jahr. Könntest du dir auch vorstellen, ein Musical in einer kompletten szenischen Fassung zu inszenieren? Und natürlich werde ich dich als nächstes fragen, welches das dann wäre.
Ich muss sagen, dass meine Arbeit immer mehrere Bereiche umfasst. Die Inszenierung ist nur ein Teil davon – gleichzeitig bin ich auch als Produzent und Veranstalter tätig. Und das ist ein spannender Aspekt für mich: Diese verschiedenen Rollen miteinander zu verbinden.
Als Veranstalter sorge ich dafür, dass die Produktion überhaupt stattfinden kann – mit allem, was dazugehört: Theater, Ticketing, Werbung. Der Produzent wiederum stellt das künstlerische Team zusammen und kümmert sich um die Finanzierung. Und dann gibt es natürlich noch die künstlerische Seite als Regisseur. Ich finde es gerade sehr reizvoll, all diese Fäden selbst in der Hand zu haben, das Projekt ganzheitlich zu betreuen und gleichzeitig mit einem starken Team zusammenzuarbeiten, in dem jeder seine Verantwortung hat.
Aber ja, wenn ich ein Musical in einer szenischen Fassung inszenieren würde, dann würde es mich reizen, „Romeo & Julia“ zu machen. Das war 2005 mein großer Einstieg ins Musical, und ich finde es spannend, Shakespeare in dieser Form auf die Bühne zu bringen.

© Christian Husar
In Wien bist du in einer der wichtigsten Musical-Metropolen des deutschsprachigen Raums, in der immer wieder neue Konzepte und Stücke entstehen. In den letzten Jahren haben sich auch Eigenproduktionen – ob in Wien, Deutschland oder der Schweiz – immer stärker etabliert. Siehst du darin eine wachsende Unabhängigkeit vom Broadway und West End? Und wie schätzt du die Entwicklung des deutschsprachigen Musicals aktuell ein?
Ich finde, da tut sich gerade sehr viel. Wenn man etwa nach Fulda schaut oder auch auf Eigenproduktionen der Stage, dann sieht man, dass sich deutschsprachige Musicals zunehmend etablieren. Die aktuelle Mischung funktioniert gut: In Wien gibt es auf der einen Seite die großen Blockbuster wie „Miss Saigon“, „Cats“ oder aktuell „Phantom“, auf der anderen Seite werden mit Stücken wie „I Am From Austria“, „Rock Me Amadeus“ oder „Maria Theresia“ eigene Musicals entwickelt. Das spricht unterschiedliche Publikumsgruppen an – einerseits die, die gezielt bekannte Titel sehen möchten, andererseits jene, die für neue Geschichten offen sind.
Es ist spannend zu beobachten, wie sich das Musical in den letzten Jahren entwickelt hat. Rund um 2010 gab es eine Phase der Unsicherheit – einige Produktionen liefen nicht so erfolgreich, sei es „Rudolf“, „Natürlich Blond“ oder „Schikaneder“. Gleichzeitig hat man immer wieder auf bewährte Stücke wie „Elisabeth“ oder „Tanz der Vampire“ gesetzt. Mit „I Am From Austria“ hat sich dann gezeigt, dass lokal verankerte Jukebox-Musicals sehr gut funktionieren, und das hat einen richtigen Aufschwung gebracht.
Dazu kommt, dass die Corona-Pandemie offensichtlich einen neuen Hunger auf Live-Erlebnisse geweckt hat. Streaming war nur eine Übergangslösung, aber das Bedürfnis nach gemeinsamer, unmittelbarer Theatererfahrung ist jetzt umso stärker. Das sieht man nicht nur im Musical, sondern auch im Konzertbereich. Wenn das Programm stimmt, sind die Säle voll – selbst bei hohen Ticketpreisen.
Was das Musicalpublikum betrifft, sieht man oft ein generationsübergreifendes Interesse: Viele, die in den 80ern und 90ern mit „Cats“, „Phantom“ oder „Tanz der Vampire“ aufgewachsen sind, kommen jetzt mit ihren eigenen Kindern ins Theater. Diese Retro-Erlebnisse funktionieren sehr gut, weshalb viele dieser Klassiker weitgehend unverändert wieder auf die Bühne gebracht werden. Gleichzeitig gibt es aber auch eine große Weiterentwicklung – vielleicht nicht immer mit dem Ziel, internationale Exporte zu schaffen, aber mit durchaus erfolgreichen neuen Produktionen. Die Vereinigten Bühnen Wien haben da mit den Musicals von Sylvester Levay oder auch mit „I Am From Austria“ bewiesen, dass Eigenproduktionen auch international funktionieren können. Da passiert auf jeden Fall einiges.

„I Am From Austria“, Raimund Theater Wien, 2018
© VBW /Deen Van Meer
Gibt es im deutschsprachigen Raum aktuell eine Person, die einen ähnlich prägenden Einfluss auf das Musical hat wie Levay und Kunze oder international Andrew Lloyd Webber?
Ich glaube, so ein Monopol wie früher gibt es heute nicht mehr – das ist ähnlich wie in der Popmusik. In den 80ern haben große Plattenfirmen einzelne Künstler gepusht, und dann gab es eben einen Michael Jackson oder einen George Michael, die eine ganze Ära geprägt haben. Heute ist die Vielfalt viel größer, weil es mehr Wege gibt, bekannt zu werden. Früher haben Produzenten gezielt Leute groß gemacht, und natürlich war jemand wie Andrew Lloyd Webber ein echtes Genie. Aber dass ein einzelner Komponist oder ein Produzent wie Cameron Mackintosh den Markt dominiert, das passiert heute nicht mehr so.
Durch das Internet, Social Media und Plattformen wie YouTube können heute völlig neue Dinge populär werden – oft ganz ohne Major-Produzenten oder große Budgets. Ich glaube deshalb, dass wir solche prägenden Einzelpersonen über Jahrzehnte hinweg, wie es sie in den 70ern, 80ern und 90ern gab, nicht mehr in der gleichen Form sehen werden.
Ein weiteres Projekt von dir ist die große Geburtstagsgala zum 80. Geburtstag von Sylvester Levay. Wie würdest du seinen Einfluss auf das deutschsprachige Musical, aber auch auf den asiatischen Markt beschreiben?
Jetzt stell dir mal vor – gerade in Bezug auf deine vorherige Frage zur Eigenentwicklung und zum Selbstbewusstsein des deutschsprachigen Musicals – es hätte kein Levay/Kunze-Musical gegeben. Auf welcher Basis hätte das deutschsprachige Musical dann Selbstbewusstsein entwickeln sollen? „Elisabeth“ war ein Schlüssel-Musical, das gezeigt hat, welches Potenzial in eigenen Produktionen steckt. Der Erfolg dieses Stücks hat den Weg für viele weitere Entwicklungen geebnet – nicht nur für „Tanz der Vampire“, sondern generell für das Bewusstsein, dass man eigene Geschichten mit eigenständiger Musik auf die Bühne bringen kann. Levay hat mit seiner Musik dem Genre im deutschsprachigen Raum seinen Stempel aufgedrückt, und ohne „Elisabeth“ wäre Wien als Musicalhauptstadt heute vielleicht nicht auf diesem Niveau.

Auch für den asiatischen Markt war dieses Musical ein Meilenstein. Produktionen wie „Mozart!“ oder „Rebecca“ sind dort enorm erfolgreich, und ohne „Elisabeth“ hätte es wohl auch Stücke wie „Lady Bess“ nicht gegeben. Gerade in Japan sind diese Musicals feste Bestandteile des Spielplans, sei es durch das Takarazuka-Theater oder die großen Tōhō-Produktionen. Das ist ein Erfolg, den man Levay und Kunze absolut zuschreiben kann. Sie haben den Markt dort mitgeprägt und Musical in Asien auf eine neue Ebene gehoben.
Deshalb finde ich es nur passend, dass Sylvester Levay zu seinem 80. Geburtstag eine große Gala bekommt, um diesen Einfluss gebührend zu feiern.
Gibt es ein persönliches Erlebnis mit Sylvester Levay, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, absolut! Für mich war es etwas Besonderes, ihn kennenzulernen. Sylvester ist ein Komponist zum Anfassen – er ist präsent, nahbar und genießt es, mit den Darstellern und dem Publikum in Kontakt zu sein. Er ist nicht so weit „entfernt“ und anonym für uns wie ein Andrew Lloyd Webber. Wenn er bei einer Vorstellung zum wiederholten Male auf die Bühne geht und „Ich gehör nur mir“ dirigiert, spürt man einfach, dass er sich wirklich freut.
Richtig kennengelernt habe ich ihn 2006/2007, als wir mit „Elisabeth“ auf Gastspielreise in Japan waren. Die Wiener Produktion wurde in voller Größe nach Osaka und Tokio gebracht, und im Vorfeld haben Maya Hakvoort, Máté Kamarás und ich gemeinsam mit Sylvester Promotion-Konzerte gespielt. Wir hatten Talkrunden, Interviews und natürlich Live-Auftritte – und verbrachten fast rund um die Uhr Zeit miteinander. Wir waren essen, haben Karaoke gesungen und hatten einfach eine großartige Zeit.
Aus dieser Verbindung heraus haben meine Frau und ich 2014 ein Levay/Kunze-Benefizkonzert in Wien organisiert, bei dem wir eng mit Sylvester zusammengearbeitet haben. Das war letztlich auch der Ausgangspunkt für die Idee, nun zu seinem 80. Geburtstag eine große Gala auf die Beine zu stellen. Ich habe ihn gefragt, ob er das in meine Hände legen würde, und da er meine bisherigen Konzertproduktionen kannte, hat er zugestimmt. Seitdem stehen wir regelmäßig in Kontakt – manchmal wöchentlich, manchmal seltener, aber immer mit einem klaren Ziel: dieses Konzert so zu gestalten, dass es ihm wirklich gerecht wird.
Wie hast du das Konzert zusammengestellt? Was war dir dabei besonders wichtig?

Grundsätzlich geht es nicht um ein privates Konzert, bei dem man Einblick in Sylvesters persönliches Leben bekommt, sondern um sein künstlerisches Werk – insbesondere seine Musicals. Denn das ist es, was die Menschen sehen und hören wollen. Natürlich wird es viele Highlights aus seinen bekannten Stücken geben, aber mir war es auch wichtig, Werke einzubeziehen, die hierzulande nicht so bekannt sind.
Deshalb machen wir neben den Klassikern auch einen Ausflug zu Musicals wie „Lady Bess“ und „Marie Antoinette“. Wir werden in „Beethoven“ hineinhören, das bisher nur in Korea aufgeführt wurde, und es gibt sogar ein japanisches Manga-Musical, aus dem wir etwas präsentieren. So entsteht eine Mischung aus vertrauten Melodien und spannenden Entdeckungen.
Bei Konzerten zeigt sich immer wieder: Die Menschen wollen die Lieder hören, die sie mit besonderen Theatererlebnissen verbinden. Wenn zum Beispiel Mark Seibert „Elisabeth“ singt oder Oedo als Mozart zu hören ist, werden die Zuhörer emotional direkt in ihre Erinnerungen zurückversetzt – und genau diese Magie macht ein Konzert aus. Gleichzeitig finde ich es wichtig, das Publikum für weniger bekannte Werke von Sylvester und Michael Kunze zu begeistern. Vielleicht verlässt ja der eine oder andere den Abend mit dem Gedanken: Schade, dass dieses Musical noch nicht auf einer deutschsprachigen Bühne gespielt wurde!
Lieber Lukas, die Zeit mit dir vergeht wie im Flug. Lass uns mit zwei letzten Fragen abschließen: Gibt es weitere Projekte, über die du schon sprechen kannst? Und werden wir dich bald wieder in einem Musical auf der Bühne sehen?
Ja, auf jeden Fall! Im Herbst steht eine neue Produktion an, die ich gemeinsam mit Mark Seibert realisiere: eine große Filmmusik-Gala. Das Genre Film ist dem Musical ja sehr nahe, und wir wollten schon lange eine Show machen, die sich den größten Soundtracks widmet – natürlich auch mit Songs aus Musicalverfilmungen. Ein konkretes Programm steht noch nicht, aber es wird eine groß besetzte Gala mit Symphonieorchester. Mit dabei sind unter anderem Bettina Mönch, Dominik Hees, Drew Sarich, Anna Milva Gomes, Missy May, Mark Seibert und ich selbst.

© Anna-Maria Löffelberger
Außerdem bringen wir nächstes Jahr wieder ein Weihnachtskonzert auf Tour, nachdem das vergangene so gut angekommen ist. Geplant sind Shows in Wien, Graz, Linz und München. Die genauen Termine stehen noch nicht fest, werden aber im Mai bekannt gegeben.
Und ja – ich werde auch selbst wieder auf der Bühne stehen. Im Herbst kehre ich mit „The Sound of Music“ ans Salzburger Landestheater zurück. Außerdem werde ich in der kommenden Spielzeit an der Bühne Baden zu sehen sein – mehr dazu gibt es aber erst im Mai.
Lieber Lukas, wir könnten wahrscheinlich noch lange weiterplaudern. Vielen Dank für deine Zeit und dass du uns in deine Arbeit blicken lassen hast. Wir hoffen, auf noch viele spannende Konzertformate von Dir und viele Theaterabende mit Dir.
| Galerie | |||||||||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|






