Bei vielen Musicals sind es gerade die Choreografien, die das Publikum begeistern. Doch damit deren Energie und Präzision nicht nur bei der Premiere, sondern über die gesamte Spielzeit hinweg überzeugen, braucht es eine zentrale Figur hinter den Kulissen: den Dance Captain. Andrea Luca Cotti, der aktuell u. a. als Dance Captain Assistant im Musical „Maria Theresia“ im Wiener Ronacher tätig ist, gewährt uns einen Einblick in einen Job, der nicht nur Organisationstalent, sondern auch viel Gespür für Menschen erfordert.
Die Probenphase: Wenn aus Ideen eine Show entsteht
Bereits in der Probenphase sind die Dance Captains besonders gefordert – vor allem bei einer Uraufführung wie „Maria Theresia“.
„Wir wussten nicht, was auf uns zukommt“, erinnert sich Andrea Luca Cotti. Zwar gab es bereits vor Probenbeginn Treffen mit dem Choreografen Jonathan Huor, bei denen er seine Vision vorstellte und erste choreografische Ideen entwickelt wurden. „Er wollte auch von uns – meiner Dance Captain-Kollegin Jessica Lapp und mir – erste Inputs, um zu sehen, wie wir arbeiten und was er aus uns herausholen kann.“
Die eigentliche Arbeit für einen Dance Captain beginnt allerdings erst mit dem Probenstart: Von da an werden Abläufe kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt. Umso wichtiger ist es, diese zu organisieren und zu dokumentieren – eine zentrale Aufgabe der Dance Captains: „Hierfür erstellen wir die sogenannte ‚Bibel'“, erklärt Andrea. Darin wird – meist mit Hilfe einer App – u. a. detailliert festgehalten, wer wann wo auf der Bühne steht, welche Bewegungen ausgeführt werden und wie Umbauten ablaufen.
Gleichzeitig assistieren die Dance Captains dem Choreografen: „Bei Jonathan Huor war es so, dass er sich auf das Kreative konzentriert hat und wir den organisatorischen Part übernommen haben. Es ging hier z. B. darum, Positionen zu setzen, bis hin zu solchen Dingen wie: Wer muss wann von der Bühne, damit ein Umzug funktioniert? Wir hatten aber auch unsererseits die Möglichkeit, kreativen Input zu geben!“
Eine der größten Herausforderungen bei „Maria Theresia“ war die Dynamik der gesamten Stückentwicklung: „Es hat sich sehr, sehr viel geändert, und wir haben versucht, am Ende jedes Probentages alle Änderungen zu dokumentieren – gerade, weil Jonathan laufend neue Ideen einbrachte“, so Andrea. „Die Tage waren daher oft sehr lang und intensiv…“
Neben der organisatorischen Arbeit zählt nicht zuletzt auch die Einstudierung der Choreografien zu den zentralen Aufgaben der Dance Captains: „Bei Bedarf arbeiten wir während der Probenphase auch einzeln mit den Leuten, um ihnen das Gefühl zu nehmen, nicht hinterherzukommen. Und nach der Premiere proben wir die Choreografien mit den Zweitbesetzungen der Hauptrollen ein und arbeiten mit den Swings, damit sie die Show nicht nur theoretisch kennen, sondern wirklich durchspielen können: Bei ‚Maria Theresia‘ beherrscht jeder unserer acht Swings zahlreiche Ensemble-Tracks – teilweise mehr als zehn – und kann diese je nach Besetzung flexibel übernehmen.“
Der Alltag während der Spielzeit: Wie Organisation, Routine und Flexibilität zusammenspielen
Auch im laufenden Spielbetrieb bleiben die Aufgaben eines Dance Captains vielseitig. Für Andrea Luca Cotti beginnt ein typischer Arbeitstag dabei schon deutlich vor Showbeginn: „Wenn wir eine Abendshow haben, ist bei uns Call-Time um 13 Uhr. Das heißt, bis dahin müssen sich die Leute krank melden oder z. B. aus dem Urlaub zurück sein.“
Zu den ersten Aufgaben des Tages gehört dann die Einteilung der Swings und die Abstimmung mit dem Betriebsbüro: „Ich führe eine Liste, damit ich im Blick habe, wer welche Position schon gespielt hat.“ Ziel ist es, dass alle Swings möglichst regelmäßig verschiedene Tracks übernehmen, um Routine aufzubauen und das Niveau der Show zu halten. Gleichzeitig wird auch nach Möglichkeit auf individuelle Spielwünsche Rücksicht genommen, etwa wenn die Familie von Darsteller:innen im Publikum sitzt. Auf dieser Basis wird dann festgelegt, welcher Swing welche Ensemble-Position übernimmt.
Zwar existieren langfristige Planungen, diese sind aber alles andere als in Stein gemeißelt: „Wir haben einen Monatsplan, aber der verändert sich natürlich ständig, weil sich Krankheiten oder kurzfristige Abwesenheiten nun einmal nicht planen lassen.“ Gerade dann ist Flexibilität gefragt: „Wenn es dazu kommt, dass wir zu wenig Leute für alle Positionen haben, muss ich eine Cut-Show schreiben – also eine angepasste Version der Show, bei der einzelne Tracks zusammengelegt werden. Das ist bei ‚Maria Theresia‘ gar nicht so einfach…“ Daher bleibt trotz aller Routine ein gewisser Druck – vor allem, wenn Änderungen sehr kurzfristig passieren: „Wenn man kurz vor der Vorstellung erfährt, dass ein Double-Cut nötig ist und man diesen noch schnell schreiben und an alle kommunizieren muss, dann kann es schon mal ziemlich stressig werden!“
Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn beginnt für das Ensemble das verpflichtende Physical Warm-up, das abwechselnd vom Dance Captain oder dem Dance Captain Assistant geleitet wird. Anschließend werden noch Notes (Hinweise und Korrekturen aus den vergangenen Vorstellungen) an die Darsteller:innen weitergegeben, bevor die Show beginnt.
Während der Vorstellung ist Andrea flexibel im Einsatz – oft steht er bei „Maria Theresia“ auch selbst als Swing oder als Cover von Joseph auf der Bühne: „Entweder spiele ich selbst, schaue zu – in diesem Fall schreibe ich während einer Show oft auch Notes oder bin backstage.“ Und auch nach dem Schlussapplaus ist der Arbeitstag häufig noch nicht vorbei. „Wenn ich nicht spiele, verfasse ich abends noch einen Showbericht“, so Andrea. Darin halten Dance Captain, Abendspielleitung, Dirigent und technische Leitung fest, was besonders gut gelaufen ist – aber auch, wenn etwas nicht funktioniert hat.
Nicht zuletzt zählen choreographische Proben während der Spielzeit sowie organisatorische Abstimmungen im Hintergrund zu den Aufgaben der Dance Captains: So sorgen sie gemeinsam mit der Abendspielleitung dafür, dass die Qualität der Show im laufenden Spielbetrieb gesichert bleibt. Die Zuständigkeiten sind dabei klar verteilt: „Grundsätzlich sind wir Dance Captains für das Ensemble verantwortlich und die Abendspielleitung für die Rollen, aber in einer Show wie ‚Maria Theresia‘ gibt es oft auch Überschneidungen.“
Was wirklich zählt: Der Umgang mit Menschen

Und was ist nun bei all diesen Aufgaben tatsächlich das Wichtigste für einen Dance Captain?
„Bevor ich selbst diesen Job übernommen habe, hatte ich meine Vorstellung, was ein Dance Captain machen und können muss“, sagt Andrea. „Aber das Schwierigste – und gleichzeitig auch das Wichtigste – sind die People Skills.“ Entscheidend sei, gut mit Menschen umgehen zu können, sie zu motivieren und ihnen ein gutes Gefühl zu geben: „Man muss die Leute dazu bringen, das umzusetzen, was erforderlich ist, aber auf eine wertschätzende Art. So würde ich z. B. zu einer Person, die an einer bestimmten Stelle im Stück nicht motiviert ist, sagen: ‚Hey, du bist da wirklich unglaublich gefeatured, man schaut da genau auf dich – das ist dein moment to shine! Gib ein bisschen mehr!‘ Ich glaube, das bringt so viel mehr, als ob ich einfach nur kritisieren würde.“ Genauso wichtig ist es, Anliegen ernst zu nehmen und Vertrauen aufzubauen.
Für Andrea steht fest: „Am Ende macht genau das einen guten Dance Captain aus.“ Bereut hat der 32-Jährige den Schritt in diese Rolle jedenfalls nicht: „Ich wurde zwar mit neuen Herausforderungen konfrontiert, aber es macht mir wirklich Spaß – und ich bin froh über die Erfahrung.“
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