„Dracula“ ist nicht ihre erste gemeinsame Arbeit, aber sie stehen das erste Mal als Paar auf der Bühne: Jan Ammann und Lisa Habermann. Während Jan nach seiner Crossover-Erfahrung als Soap-Darsteller bei „Unter uns“ nun als Graf der Finsternis auf die Musicalbühne zurückkehrt, zeichnet Lisa ihre Mina heute selbstbewusster als noch vor zehn Jahren.
Im Gespräch mit der Musicalzentrale zeigen sich die beiden als starkes Team, sehr reflektiert und unglaublich nahbar. Sie sprechen über die Herausforderung, die „Dracula“-Tournee als Familie zu stemmen, vom Ringen mit Rollenbildern, von weiblicher Stärke – und davon, wie sie dem Publikum nicht nur Eskapismus bieten, sondern auch die Romantik des wahren Lebens nahebringen möchten.
Wie habt ihr euch auf die „Dracula“-Tournee vorbereitet? Habt ihr gemeinsam eure Rollen erarbeitet?
Jan Ammann: Lisa und ich sind zwei komplett unterschiedliche Lerntypen. Bei „Doktor Schiwago“ hat sie mir damals die Texte souffliert. Lisa macht sich ihre Rolle und das Stück über die Sprache zu eigen. Sie ist grundsätzlich viel stringenter als ich und ein sehr wortliebender Mensch. Fürs Lernen habe ich aber meinen ganz eigenen Flow. Ich brauche den roten Faden und die Emotionen, weil ich in Bildern denke. Darüber kippe ich emotional in den Stoff hinein und hänge mich nicht so sehr an Wörtern auf. Das macht das gemeinsame Lernen schwierig.
Lisa Habermann: Unsere Vorbereitungen für „Dracula“ waren aber nicht nur deshalb unterschiedlich. Da Jan zu der Zeit mit „Broadway Meets Pop“ noch auf Tour war, haben wir kaum zusammen geübt. Jan lernte unterwegs und ich zuhause im Kämmerlein, während meine Eltern sich um unsere beiden kleinen Jungs kümmerten. Das schlechte Gewissen fiel dadurch geringer aus. Oma und Opa sind die absoluten Superhelden, die das ganze Tourgeschehen für uns im Hintergrund überhaupt erst möglich machen. Deshalb musste ich im Vorfeld genaue Zeiten haben, um alles abzustimmen.
Jan Ammann: Die Organisation vertraue ich gerne Lisa an, da mich so etwas leicht überfordert und Anzeichen von ADHS triggern kann. Dies steht mir beim Lernen der Texte auch oft im Weg. Lisa kann sich hinsetzen und in Ruhe lernen. Ich werde eher beim Spaziergang auf einmal leise oder bin innerlich abwesend. Dann habe ich eine sensible Phase und kann die Texte gut aufnehmen.
Jan, durch deine Zeit bei „Unter uns“ hast du neue Erfahrungen als Schauspieler gemacht. Sind sie ein Gewinn für deine Arbeit im Musicalbereich oder ist es einfach eine große Umstellung?
Jan Ammann: Die Arbeitsweise ist komplett anders! Letztlich ist es ein Gewinn für meine weitere Arbeit. Das Lernpensum war jedoch eine unglaubliche Hürde. Es ist einfach unnormal, wenn du aus dem Theaterbetrieb kommst: Bei „Unter uns“ hatte ich in der Woche bis zu 90 Seiten, die ich auswendig lernen musste. Es ist im Soap-Betrieb üblich, dass Szenen ganz plötzlich umgestellt werden, sodass du eigentlich immer auf Abruf bereit stehen musst. Gerade für uns als Familie stellte das eine enorme Herausforderung dar.
Lisa Habermann: Es war fachlich bestimmt eine Bereicherung, aber irgendwann musst du weitergehen, damit das eigentliche Leben wieder mehr Raum bekommt.
Jan Ammann: Meine Zeit mit „Unter uns“ begann während der Pandemie, was für uns Schauspieler bedeutete, dass beispielsweise Küsse durch Plexiglasscheiben zum Tagesgeschäft gehörten. Es gab große Umstellungen im Dreh und ich versuchte gerade erst reinzukommen. Ich brachte nicht die gleichen Erfahrungen mit wie die Kollegen. Also musste ich lernen zu ’schwimmen‘ und ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit groß war, unterzugehen. Das war eine besondere Zeit der Selbsterkenntnis. Ich ging nicht unter! Ich bin deutlich disziplinierter und leidensfähiger geworden und an den neuen Herausforderungen über mich hinausgewachsen. Ich habe so viel gelernt und genieße jetzt dieses Nach-Hause-Kommen ins Musicalgenre sehr. Nun kann ich mich wieder auf meine Profession konzentrieren.
Lisa, dir ist die Rolle der Mina bereits aus Leipzig vertraut. Wodurch zeichnet sich deine Mina heute aus, auch im Vergleich zu damals?

Lisa Habermann: Ich bin zehn Jahre älter geworden. [lacht] Ich habe mich weiterentwickelt und fühle mich heute viel mehr als Schauspielerin im eigentlichen Sinne. Ich muss mich nicht mehr so sehr in die Rolle hineinsteigern wie damals noch. Die Rolle ist ein durchaus herausfordernder Stoff. Das Drama, das Mina durchlebt, ist sehr anstrengend zu spielen, weil man immer einen Teil von sich hergibt. Heute sehe ich die Rolle der Mina als technische Herausforderung und möchte sie als Schauspielerin fein zeichnen, kann mich aber innerlich klarer von ihr distanzieren. Ich habe sie bereits damals durchlebt. Das versuche ich heute auf der Bühne abzurufen und so authentisch wie möglich zu spielen. Auf diesen Reifungsprozess bin ich sehr stolz. Ich weiß, ich kann die Anforderungen der Rolle technisch erfüllen und muss mich nicht mehr so sehr an ihr aufreiben.
Jan Ammann: Weniger ist manchmal deutlich mehr – wenn man es schafft, loszulassen und einfach ist und nicht versucht jemand zu sein.
Lisa Habermann: Ganz genau. Der Zuschauer trägt meine emotionale Reise mit und gibt seinen eigenen Anteil hinzu, damit die Rolle auf ihn wirken kann. Der Zuschauer fühlt mit. Die eigentliche Essenz unserer Arbeit ist es doch, dass die Rolle im Zuschauer lebt. Ich stelle nur die Vase hin, die vom Publikum gefüllt wird.
Jan, du hast mit dem Grafen von Krolock in „Tanz der Vampire“ die wohl ikonischste Vampirrolle im deutschsprachigen Musical geprägt. Was ist für dich der größte Unterschied zwischen den Charakteren Graf von Krolock und Dracula?
Jan Ammann: Das ist eine sehr gute Frage und gleichzeitig sträube ich mich, die Rollen oder die Werke in einen direkten Vergleich zu stellen. „Tanz der Vampire“ ist geprägt von einer präzisen Dramaturgie, in der sich Graf von Krolock mit all seinen Facetten bewegt. Das Buch von Polanski zeigt auf, dass sein Autor auch gleichzeitig Regisseur war. „Dracula“ hingegen ist ausgehend vom ursprünglichen Roman von Bram Stoker durch viele Filter gegangen, bis es den Weg auf die Musicalbühne fand. Die vielschichtige Mystik ist unterwegs etwas verloren gegangen. Zusammenhänge wurden so verkürzt, dass ich sie für mich selbst neu herausarbeiten musste.
Anfangs habe ich mit dem Buch gerungen. Die Zeichnung der Figuren bereitete mir Sorgen und ich stand dem Frauenbild zunächst sehr skeptisch gegenüber. Ich musste meinen eigenen Zugang zur Rolle finden. Ich habe das Gespräch mit den Creatives gesucht und wir machten uns gemeinsam auf die Suche nach der psychologischen Logik der Figur. Mir war es wichtig, aufzuzeigen, warum Dracula diese Entwicklung genommen hat. Alex Balga hat das gut gelöst. Seine kinematographisch kreierten Bilder zeichnen Traumwelten, die wir mit unserem Talent ausfüllen. So hat mich die Inszenierung schließlich gepackt!
Ich habe den Motor der Figur schließlich in der zutiefst gekränkten Hybris Draculas, seiner Gotteswut über den Verlust seiner Liebe während seines menschlichen Daseins gefunden. Dadurch entstand sein Verlangen nach Rache und Vergeltung. Diesen Motor schnalle ich mir auf den Rücken, wenn ich Dracula spiele. Mit diesem Gepäck kann ich die Leidenschaft und die Heftigkeit Draculas authentisch vertreten.
Nun sehe ich kein schwaches Frauenbild mehr, weil Dracula Mina in meinen Augen tatsächlich braucht: Er gewinnt erst durch ihre Stärke, ihr Ringen, da sie nicht bereit ist, sich ihm leichtfertig hinzugeben, an Höhe. Beide Rollen tragen das Stück gleichermaßen. Das kann ich mit meiner Sicht auf das Leben vertreten. Am Ende ist Dracula eine schöne Rolle und eine gesanglich anspruchsvolle Partie, die mir auf der Bühne großen Spaß macht.
Mina und Dracula werden oft als Projektionsflächen oder als Angebote zur Identifikation gelesen: Wie erlebt ihr eure Rollen?
Jan Ammann: Dracula ist eine durchweg tragische Figur. Für den Zuschauer ist es wahrscheinlich schwierig, sich in ihn hineinzuversetzen. Zumindest ist die Hürde sehr hoch, so schnell einen Zugang zu seiner Innenwelt zu finden, mit ihm zu sympathisieren und letztlich zu identifizieren. Alles geht unglaublich schnell über die Bühne, selbst sein Sterben. Das Buch ist so geschrieben, dass Dracula auf einer sehr flotten emotionalen Reise unterwegs ist. Es wirkt fast wie im Fiebertraum. Es ist zwar mit viel Realität gefüllt, die aber immer wieder abreißt. Dann ist die Imagination des Publikums gefragt. Ich glaube, das ist genauso gewollt, dass die Zuschauenden gefordert sind, sich auf die dargestellten Traumwelten einzulassen.
Lisa Habermann: Dracula ist fern von Menschlichkeit, weil er schon sehr lange tot ist. Er kann, im Gegensatz zur damals noch sehr zugeknöpften Gesellschaft, die Tür zur Sinnlichkeit aufstoßen, da er nicht Teil dieser Gesellschaft ist. Es brauchte eine Bildsprache, weil die Menschen sich danach sehnten, sich endlich frei zu machen und ihre Sexualität zu leben. Bei Dracula ist es eben der Biss, in den sich alles hineininterpretieren lässt, was unaussprechlich scheint. Dieser „Biss“ – bewusst in Gänsefüßchen – führt letztlich zur Ektase. Für diese Projektion ist die mystische Figur Dracula großartig! Mina hingegen zeigt den starken inneren Konflikt, den viele Menschen auch heute noch in sich tragen: Bleibe ich in der Sicherheit meiner Konvention oder mache ich mich frei und gehe mit dem Düsteren, dem Gefährlichen, das mich so sehr reizt? Was erfahre ich über mich als Frau, wenn ich diesen Weg gehe, der mir eigentlich Angst macht? Lucy hingegen nimmt sich, was sie will und entspricht damit einem sehr modernen Frauenbild, lässt dafür aber nicht so tief blicken wie die Rolle der Mina.
Welche musikalischen Passagen stechen für euch aus der Partitur Frank Wildhorns besonders heraus?
Lisa Habermann: Mein ursprünglich liebster Moment wurde leider gestrichen. Es gab ein Duett, bei dem in Minas Herzen ein musikalischer Frieden einkehrte. Ihre Liebe durfte für einen Moment strahlen. Das kommt mir persönlich im gesamten Stück zu kurz.
Ich liebe allerdings auch „Wär‘ ich der Wind“/ „Wär‘ ich frei“. Der Song wirkt zwar, wie viele Passagen in dem Stück, getrieben, zeigt aber gleichzeitig die Öffnung hin zu ihm auf. Das macht musikalisch unglaublich Spaß.
Jan Ammann: Die Textinhalte werden in Lichtgeschwindigkeit an den Verbraucher gesungen. Ich muss immer auf beides achten: die Treppe nicht runter zu stolpern und die Texte nicht zu verdrehen. Ich habe mir das Ziel gesetzt, vor allem den Inhalt zu transportieren und konzentriere mich mehr auf die Sprache als aufs Singen. Ich brauchte tatsächlich die Repetition, um den Text inhaltlich zu durchdringen.

Ich freue mich, wenn ich im zweiten Akt in das Rockige gehen kann. Das macht mir unglaublich viel Spaß! Mein absolutes Highlight ist am Ende der Konflikt mit Van Helsing, kurz nachdem ich Mina gebissen habe. Da ist eben noch diese unglaublich romantische Szene und plötzlich springe ich wie ein Tier in diese andere Szene und bin Jekyll und Hyde im Quadrat. Da kommt ein bisschen Rammstein durch. Ich mag das unglaublich gerne, eben weil es so roh und brutal ist! Ich habe mich vor diesem Song so gefürchtet, weil er immer auf einem Fis-G-Fis-G ganz oben sitzt. Als Bariton brauchst du dafür schon ziemlich enge Unterwäsche! [lacht] Ich hatte im Vorfeld das Gefühl, das könnte schwierig werden, zumal der Wechsel so hart ist. In den Proben habe ich dann aber festgestellt, ich könnte hier doch noch einen Ton höher singen. – Damit hatte ich nicht gerechnet! Oft sind es dann die lyrischen, leichten Sachen, die so runterperlen, von denen ich dachte: „Das kannst du ja rückwärts singen.“ Das wurde im Kontrast schwer. Das hat unglaubliche technische Herausforderungen.
Es hat während der Proben immer wieder Anpassungen gegeben. Wie kam das zustande und wie hat das auf euch gewirkt?
Lisa Habermann: Wir haben eigentlich zwei Versionen geprobt, da Alex Balga erst für die letzten zwei Wochen dazu kam. Wir haben zunächst sehr intensiv mit Natalie Hortem und Franziska Schuster gearbeitet. Beide waren sehr flexibel und haben mit uns schöne Wege gefunden, z.B. die Frauenfiguren in ihrer weiblichen Stärke zu zeigen. Das hat der Inszenierung gut getan. Das ist auch geblieben. Von manch anderen Momenten, in die wir uns verliebt hatten, mussten wir uns verabschieden. Aber sie sind trotzdem in uns und wir konnten unsere Figuren darauf aufbauen!
Jan Ammann: Der Kelch wird immer voller, wenn man sich vorher schon etwas zusätzlich angeeignet hat. Man hat für die Rolle mehr in petto. Der Inhalt stand für uns und dann haben wir mit Alex Balga nochmal von vorne angefangen, aber beim zweiten Mal geht es natürlich schneller. Gerade im Visuellen waren die Änderungen teilweise gravierend, aber für die Qualität der Inszenierung ein Gewinn.
Wenn die „Dracula“-Tour 2026 zu Ende geht, startet ihr schon bald eure eigene Konzerttournee „Wenn Bühne auf Leben trifft“. Worauf kann sich euer Publikum freuen?
Lisa Habermann: Es wird sehr persönlich und soll vor allem Spaß machen. Wir erzählen von den Gefällen, die der Beruf mit sich bringt und aus unserem Privatleben, das eigentlich immer im Zentrum des eigenen Lebens stehen sollte. Social Media ist überproportional wichtig geworden, gerade für uns Künstler. Wir wollen dem entgegensteuern. Wir wollen echte Nahbarkeit, Verbundenheit und Augenhöhe schaffen und unsere Gaben nutzen, um den Menschen etwas Gutes mitzugeben.
Jan Ammann: Wir möchten an der Romantik des wahren Lebens festhalten: Viele Menschen gehen ins Musical, um ihrem Leben für den Moment zu entkommen. Das Theater lebt jedoch vom Drama: Konflikte werden zwar aufgezeigt, aber die Leute gehen ohne Lösung nach Hause. Die Menschen, die mit der Absicht kommen, ihren Alltag zu vergessen, sollen sich mit uns daran erinnern, was in ihrem Leben alles gut ist.
Lisa Habermann: Am schönsten wäre es doch, vor dem eigenen Leben nicht davonlaufen zu wollen. Wenn wir ein bisschen dazu beitragen könnten, wäre das toll!
Liebe Lisa, lieber Jan, vielen Dank für eure Zeit und für die tiefen Einblicke nicht nur in eure Arbeit, sondern auch in das, was so drumherum geschieht. Viel Freude und Erfolg für die „Dracula“-Tournee und eure eigene Konzertreise im Herbst!
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