Andreas Gergen © Christian Husar
Andreas Gergen © Christian Husar

"Die Geschichte von einem Fisch zu erzählen, ist vielleicht ein bisschen wenig." - Andreas Gergen im Interview

Das Stadttheater Baden bei Wien blickt auf eine intensive und erfolgreiche erste Hälfte der Premierenspielzeit unter der neuen künstlerischen Leitung von Andreas Gergen zurück. Mit einer klaren Neuausrichtung hat Gergen das Haus verstärkt auf Musical und Operette fokussiert. Zwischen den letzten Proben zur nächsten Badener Musical-Premiere „The Sound of Music“ und kurz vor der offiziellen Spielplanpräsentation gibt uns Andreas Gergen exklusive Einblicke in seine Pläne für die Saison 2026/27 und erklärt, warum er bei der Programmplanung verstärkt auf das Motto „Die Macht der Menschlichkeit“ setzt.

Katharina Gorgi und Lukas Perman mit dem Ensemble von „The Sound of Music“© Christian Husar, Bühne Baden

Andreas, vielen Dank dass du Dir zwischen deinen Proben Zeit für uns nimmst, um mit uns über deine nächsten Pläne zu sprechen. Wie laufen die Proben zu „Sound of Music“?

Es ist wirklich eine große Überraschung: Eigentlich sollte der Boom jetzt erst mit der Berichterstattung und den Kritiken so richtig losgehen, aber tatsächlich sind fast alle Vorstellungen schon ausverkauft. Damit hatte ich in dieser Form nicht gerechnet. Deshalb schieben wir im Juni und Juli noch einmal zusätzliche Termine nach. Das gilt übrigens auch für die „Comedian Harmonists“, wo wir wegen der Nachfrage ebenfalls elf weitere Vorstellungen im Sommer ansetzen. Und für alle, die bisher leer ausgingen: Auch „Wicked“ wird im September noch einmal als Wiederaufnahme zurückkehren.

Woran glaubst du liegt es, dass das Interesse an „The Sound of Music“ gerade so massiv ist? In Österreich galt das Stück ja lange Zeit als gar nicht so präsent.

Das stimmt, viele Österreicher sagen mir, das Thema sei bei ihnen eigentlich kaum besetzt. Aber das scheint sich zu ändern, wie man auch an den Erfolgen in Salzburg oder Klagenfurt sieht. In Baden ist es sicher eine Kombination aus mehreren Faktoren: Zum einen haben wir eine tolle Besetzung mit Katharina Gorgi und Lukas Perman. Dazu kommen Maya Hakvoort als Mutter Oberin und Peter Lesiak von der Volksoper. Aber letztlich ist es einfach ein großartiges Stück. Es ist eben nicht nur diese herzige Familiengeschichte, sondern es wird zum Politthriller, sobald die Geschichte des Dritten Reiches auftaucht. Diese Botschaft und die Qualität des Stoffes sind mittlerweile beim österreichischen Publikum voll angekommen.

Bei eurer letzten Pressekonferenz hattest du beinahe spontan noch verkündet, dass ihr im Sommer dieses Jahres „Tootsie“ spielen werdet. Sind diese Pläne mittlerweile greifbarer geworden?

Dominik Hees als Dorothy Michaels in „Tootsie“ © Lalo Jodlbauer, YAY Creative

Ja, die Pläne sind sehr konkret. „Tootsie“ wird von Felix Seiler inszeniert, den du vielleicht durch seine Arbeiten an der „Addams Family“ in Magdeburg oder „On the Town“ in Graz kennst. Er bringt Danny Costello als Choreografen mit. Die beiden nehmen sich des Stückes im Doppelpack an. Die Titelrolle wird Dominik Hees übernehmen, was mich besonders freut, da er darstellerisch enorm erfahren ist und diese Komödie sicher perfekt bedienen kann.

Man muss dazu wissen: In Baden ist die Struktur etwas anders als an anderen Häusern. Wenn andere Theater in die Spielzeitpause gehen, geht es bei uns erst richtig los. Deshalb haben alle Mitarbeiter ihre offiziellen Theaterferien bereits im Mai, damit wir im Juni und Juli voll durchstarten können. Während wir im Stadttheater „Tootsie“ zeigen, läuft parallel in der Sommerarena die Operette „Der Vogelhändler“. Zusammen mit den Wiederaufnahmen von „The Sound of Music“ und den „Comedian Harmonists“ haben wir also ein richtig volles Sommerprogramm.

Und dann sind wir ja schon im Herbst in der neuen Spielzeit. Also, schieß endlich los!

Die große Sensation der nächsten Spielzeit ist Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“. Es hat irgendwie einfach alles gestimmt – Ort, Zeit und das Vertrauen des Verlags –, sodass wir als erste Bühne überhaupt die deutschsprachige Erstaufführung und zudem in einer freien Produktion machen dürfen. Ich werde selbst Regie führen und Leuten aus dem Team von „Wicked“ und „Matilda“ mitbringen: Aleksandra Kica für die Kostüme und Momme Hinrichs für die Bühne. Was die Besetzung angeht, haben wir ein wirklich passendes Ensemble gefunden: Anna Rosa Döller wird Arielle spielen und Timotheus Hollweg Prinz Erik. Andreas Lichtenberger übernimmt König Triton und Maya Hakvoort wird Ursula.

Ich wäre jetzt nicht verwundert gewesen, wenn du Drew Sarich als Ursula ankündigen würdest – vor allem nach seinem Auftritt beim Disney-Konzert. War das eine Option?

Anna Rosa Döller in „Arielle, die Meerjungfrau“ © Lalo Jodlbauer, YAY Creative

(lacht) Mit Drew hatte ich bereits andere Pläne – dazu später aber noch mehr. Und Maya wird eine großartige Ursula sein und mit der Interpretation der Rolle ein weiteres Mal überraschen können. Ich bin extrem glücklich darüber, sie quasi als festen Star im Ensemble zu haben. Sie ist wahnsinnig zuverlässig und bringt ein riesiges Potenzial für Überraschungen mit, das man hinter ihrem bekannten Image vielleicht gar nicht vermuten würde. Ich schätze die Zusammenarbeit mit ihr sehr und entdecke gerne diese neuen Seiten an ihr.

Was hat dich an diesem Stoff eigentlich gereizt? Warum ist das ein Stück, das du unbedingt in Baden zeigen möchtest?

Ich muss gestehen, am Anfang war ich sogar skeptisch. Ich dachte mir: Na ja, die Geschichte von einem Fisch zu erzählen, ist vielleicht ein bisschen wenig. Aber wenn man tiefer gräbt, steckt da so viel mehr drin: die Sehnsucht nach einer Welt, in der man nicht lebt, das Verlangen nach dem Unbekannten und der enorme Preis, den man bereit ist dafür zu zahlen – in Arielles Fall sogar ihre eigene Stimme. Das hat mich dann doch sehr berührt. Das passt auch perfekt zu unserem Spielzeitmotto „Die Macht der Menschlichkeit“. Wir wollen Stücke als moralischen Spiegel der Gesellschaft zeigen und Werte wie Diversität und Mitmenschlichkeit beleuchten. „Arielle“ ist im Kern die Geschichte einer Außenseiterin, die Teil einer anderen Gemeinschaft sein will. Sie muss aber auch feststellen, dass diese andere Welt, die sie so verherrlicht hat, vielleicht sogar von ihr lernen kann. Es geht darum, eine nachvollziehbare, menschliche Geschichte zu erzählen, statt nur einen Comicfilm auf die Bühne zu bringen. Ein Thema, in dem sich die Zuschauer wiederfinden können, ist für mich die Voraussetzung, damit ein Musical wirklich fesselt.

In unserem letzten Gespräch hattest du erwähnt, dass du neben den großen Titeln auch die Vielfalt am Haus fördern willst. Gibt es in der neuen Spielzeit auch wieder Platz für etwas kleinere, vielleicht experimentellere Stoffe?

Maya Hakvoort als Florence Foster Jenkins in „Glorious“ © Lalo Jodlbauer, YAY Creative

Absolut. Wir haben uns vorgenommen, uns auch kleineren Produktionen anzunehmen und dabei mit dem Raum im Stadttheater zu spielen. Wir werden den Orchestergraben überbauen und das Schauspiel mit Musik „Glorious“ direkt auf der Vorbühne, also vor dem eisernen Vorhang, zeigen. Das ist die Vorlage für den Film über Florence Foster Jenkins, die „schlechteste Sängerin aller Zeiten“. Das Stück passt, genauso wie „Arielle“, wunderbar zu unserem Spielzeitmotto „Die Macht der Menschlichkeit“. Es geht um Leidenschaft, um Träume und darum, wie wir als Gesellschaft mit jemandem umgehen, der nicht in die Norm passt, aber mit ganzem Herzen bei der Sache ist.

Das ist ein mutiges Format für ein Haus wie Baden. Wer traut sich denn an die Rolle der Florence Foster Jenkins heran?

Maya Hakvoort wird die Rolle übernehmen. Wir hatten schon ein fantastisches Fotoshooting mit ihr im ikonischen Kostüm mit den Engelsflügeln. Ich schätze an Maya sehr, dass sie so offen für Neues ist. Sie genießt es richtig, dass sich ihre Rollen verändern und sie hier als Schauspielerin eine ganz neue Erfahrung machen kann. Dieses Format auf der Vorbühne wollen wir übrigens beibehalten – aber dazu kann ich gerade noch nicht mehr verraten.

Du hast vorhin schon angedeutet, dass du noch weitere Überraschungen für die neue Saison parat hast. Was erwartet uns im Musical-Bereich nach „Arielle“?

Ann Mandrella und Drew Sarich als Morticia und Gomez Addams in „The Addams Family“ © Lalo Jodlbauer, YAY Creative

Da bin ich wirklich erleichtert, dass ich noch ein paar Trümpfe aus dem Hut zaubern kann. Im November haben wir Premiere mit der „Addams Family“. Während das Stück in Deutschland gerade an enorm vielen Theatern läuft, ist es in Österreich bisher noch nicht in diesem Maße angekommen. Abgesehen von einem kurzen Gastspiel unserer Merziger Produktion im Wiener Museumsquartier fällt mir spontan keine größere Produktion hier ein. Dabei landet die „Addams Family“ in Rankinglisten bei Publikumsbefragungen immer ganz oben und schneidet super ab. Ich bin mir sicher, dass das Stück auch in Baden beim Publikum sehr gut ankommen wird.

Und da ist uns, wie ich finde, eine tolle Besetzung gelungen: Drew Sarich und Ann Mandrella werden als Gomez und Morticia dabei sein. Das wird bestimmt eine sehr lustige Konstellation. Außerdem haben wir Daniela Dett, die du bestimmt aus Linz kennst als Alice Beineke gewinnen können – eine großartige Schauspielerin mit einer super Stimme. Boris Pfeiffer wird den Mel Beineke spielen, Timotheus Hollweg übernimmt die Rolle des Lucas und Celena Pieper wird als Wednesday zu sehen sein.

Das sind klangvolle Namen für die „Addams Family“. Aber das ist ja noch nicht alles – im Frühjahr 2027 steht eine weitere wichtige Premiere an, oder?

Genau, im März 2027 zeigen wir „Everybody’s Talking About Jamie“. Das ist dann die österreichische Erstaufführung, nachdem das Stück in dieser Spielzeit noch seine deutschsprachige Erstaufführung in Dortmund feiert. Ich werde das Musical in Baden selbst inszenieren und freue mich sehr auf das Ensemble: Lukas Mayer wird Jamie spielen – er bringt genau die richtige Energie für diese Rolle mit. Pia Douwes übernimmt die Rolle seiner Mutter Margaret. Das ist eine wunderbare, sehr emotionale Mutter-Sohn-Geschichte, auf die ich mich in der Zusammenarbeit mit ihr schon sehr freue. Sie hat in der Show diesen fantastischen Song „He’s My Boy“, und ich bin sehr gespannt darauf, wie sie diesen Moment interpretieren wird. Alfons Haider wird Hugo Battersby spielen, den Mentor von Jamie, der ihn bei seinen ersten Schritten als Drag-Queen unterstützt. Außerdem haben wir Laila Ghaleb von der Bayerischen Theaterakademie in München für die Rolle der Pritti Pasha gewinnen können.

Lukas Mayer als Jamie New in „Alle reden nur noch von Jamie“ © Lalo Jodlbauer, YAY Creative

Wow, da habt ihr euch für die neue Spielzeit echt einiges vorgenommen – das war jetzt aber der komplette Überblick, oder?

(lacht) Noch nicht ganz!  Wir haben ja eine klare Neuausrichtung mit Fokus auf Musical und Operette, und in diesem Bereich haben wir noch zwei ganz besondere Highlights. Zum einen setzen wir mit einer echten Uraufführung einen Akzent: „Ein kleines Café irgendwo“ von Peter Lund.

Peter Lund ist dem Musical-Publikum ja nun auch kein fremder Name…

… ja, genau. Wir nennen das Projekt in Baden aber bewusst eine „Operetten-Uraufführung“. Mir ist es wichtig, Baden als Operettenmetropole zu zeigen, in der auch etwas Neues passiert. Gerade weil am Anfang manche befürchteten, wir würden nur noch Musical spielen, setzen wir hier ein ganz klares Zeichen. Das Team dahinter ist fantastisch: Peter Lund schreibt das Buch und inszeniert, und Kai Tietje macht die Arrangements – das ist quasi das Gespann von „Axel an der Himmelstür“. Die Musik stammt von Hermann Leopoldi, einem jüdischen Komponisten, der in den 20er und 30er Jahren viele bekannte Schlager geschrieben hat. Leopoldi wurde im KZ angefeindet, musste emigrieren und kam erst nach dem Krieg zurück. Peter Lund erzählt eine ähnliche Geschichte anhand einer Caféhaus-Familie in Wien – eine sehr bewegte und emotionale Story. Wir besetzen das Stück ganz bewusst mit klassischen Stimmen, um dem Genre treu zu bleiben, auch wenn die Erzählweise sehr heutig ist. Mariella Hofbauer, ein großes Talent aus unserem Musical-Ensemble „Young Artists“, wird hier ihre erste Hauptrolle spielen und die kompletten „Young Artists“ werden dabei sein. Dazu kommen österreichische Größen wie Andy Lee Lang, der für seine musikalischen Programme sehr bekannt ist, und Verena Scheitz. Es wird zwar klassisch arrangiert, aber durch diese Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Publikumslieblingen wollen wir die Operette mit neuen Impulsen lebendig halten.

Natürlich weiß ich, dass ich hier gerade mit der Musicalzentrale spreche, erlaub mir trotzdem noch den Hinweis, dass wir als große klassische Operettenproduktion noch „Land des Lächelns“ und in unserem Ernst-Reinhardt-Foyer eine kleine intime Inszenierung der Emmerich Kálmán-Operette „Das Veilchen vom Montmartre“ machen werden.

Und weil du nach dem Gesamtpaket fragst: Wir haben auch zwei besondere Konzertformate. Zu Weihnachten lädt die „Addams Family“ zu „A Nightmare Before Christmas“ ein – ein halbszenisches Konzert mit der tollen Musik von Danny Elfman, in dem Drew Sarich als Jack eine super Nummer haben wird. Und um die Osterzeit bringen wir „Not the Messiah„, das Monty-Python-Oratorium nach ‚Das Leben des Brian‘. Boris Pfeiffer wird in vielen Rollen zu sehen sein und Mark Seibert übernimmt den Part des Evangelisten bzw. Erzählers. Ich freue mich extrem darauf, Mark mal von seiner humoristischen Seite zu zeigen. Das wird ein Fest!

Lieber Andreas, dieses Gespräch war uns ein Fest! Wir freuen uns jetzt schon wie kleine Kinder auf die nächste Badener Spielzeit und drücken euch für die neue – aber auch noch für die gerade laufende – Spielzeit alle Daumen!

 
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