Mit der Veröffentlichung von „Maria Theresia“ dokumentiert das Label HitSquad eine Produktion, die den Wiener Musical-Herbst maßgeblich geprägt hat. Die nun vorliegende Live-Gesamtaufnahme auf Doppel-CD konserviert das Stück mit den bisher erfolgreichsten Vorverkaufszahlen einer VBW-Eigenproduktion für die heimische Sammlung. Dabei steht die Einspielung vor der Herausforderung, die moderne, temporeiche Energie und den unmittelbaren emotionalen Zugriff des Abends im Ronacher rein akustisch zu vermitteln. Das gelingt über weite Strecken hervorragend, auch wenn die Übertragung des Theaterabends auf das Audiomedium eine kleine, aber schmerzhafte Lücke lässt.
Die Entscheidung, die Wiener Produktion als Live-Gesamtaufnahme zu veröffentlichen, weckt bei Sammlern naturgemäß die Erwartung einer lückenlosen Dokumentation. Zwar sind redaktionelle Kürzungen oder das Straffen von Übergängen bei Live-Mitschnitten keine Seltenheit, doch im Falle von „Maria Theresia“ überrascht ein Verzicht: Das orchestrale Opening fehlt auf der CD. Wer die Show im Ronacher besucht hat, wird diesen instrumentalen Einstieg vermissen, der im Theater so wirkungsvoll den atmosphärischen Teppich für die Geschichte ausrollt. Gerade weil das Werk so stark von seiner orchestralen Fülle lebt, hinterlässt dieser Eingriff in den musikalischen Fluss eine Lücke, die den ansonsten hohen dokumentarischen Wert der Einspielung etwas schmälert.
Dass die Einspielung dennoch einen hohen Sammlerwert besitzt, zeigt sich bereits bei der Gestaltung. Verpackt im klassischen Jewel Case, bietet das beiliegende Booklet neben der obligatorischen Track- und Besetzungsliste eine hilfreiche Zusammenfassung der Handlung. Hervorzuheben sind die zahlreichen Szenenfotos der Inszenierung. Sie fangen die bildstarke Regie von Alex Balga und das opulente Kostümdesign von Aleksandra Kica ein und bieten somit eine wichtige visuelle Gedankenstütze für das Kopfkino während des Hörens.
Dieses Kopfkino wird durch die technische Qualität der Aufnahme massiv unterstützt. Der Sound ist hervorragend ausgesteuert, wobei die einzelnen Tonspuren so differenziert abgemischt sind, dass sie beinahe noch besser zur Geltung kommen als beim Live-Besuch im Theater, wo der Klangeindruck stark vom jeweiligen Sitzplatz abhängt. Besonders profitiert der eigenwillige Stil-Mix aus Rap, Schlager und Musical von dieser Präzision. Schon beim ersten Track („Maria Theresia – Mutter der Nation“) zeigt sich eine enorme Textverständlichkeit. Dadurch kommt die frische und handwerklich hervorragende Textarbeit von Jonathan Zelter erst so richtig zur Geltung; die Wortwitze und die rhythmische Finesse der Sprache fließen organisch ineinander.
Dass diese Einspielung so unmittelbar funktioniert, liegt zudem an der exzellenten Besetzung, die die komplexe musikalische Architektur der Show allein durch ihre Stimmen mit Leben füllt. Wie präzise die Komposition die Geschichte vorantreibt, lässt sich besonders gut im Track „Friedrich von Preußen ist in Wien“ nachvollziehen. Hier bündelt sich die Energie der Produktion in einem dramaturgischen Wendepunkt: Während die Eltern Maria Theresias die Verlobung mit Friedrich verkünden wollen, beharrt diese auf ihrer Liebe zu Franz Stephan. Die Aufnahme fängt den daraus resultierenden Eklat und Friedrichs brüskierte Abreise mit einer beeindruckenden Dynamik ein. Es zeigt sich hier nicht nur die enorme stimmliche Präsenz von Nienke Latten und Moritz Mausser, sondern auch, wie kraftvoll das gesamte Ensemble und das Orchester der VBW zusammenwirken.
Diese klangliche Geschlossenheit setzt sich in der Ensemble-Nummer „Sie kann’s nicht“ fort, während „Wann kommt ein Sohn“ einen scharfzüngigen Gegenpol bildet. Moritz Mausser als Friedrich II. kommentiert hier die wiederholten Geburten weiblicher Thronfolger mit beißender Ironie und spielt auch rein über die Stimme fantastisch; seine charismatische, fast schon rockige Attitüde macht die Figur zum akustischen Zentrum. Nienke Latten zeichnet die Titelrolle mit einer beeindruckenden stimmlichen Wandlung nach, die besonders im Terzett „Was du damit tust“ zur Geltung kommt. Gemeinsam mit Fabio Diso als Franz Stephan und Aeneas Hollweg als Sohn Joseph entsteht ein Moment, in dem die drei Stimmen hervorragend miteinander harmonieren. Fabio Diso gelingt es dabei, den Bogen vom temperamentvollen jungen Mann zum resignierten Ehemann allein durch sein Timbre glaubwürdig zu gestalten.
Diese Live-Aufnahme ist weit mehr als nur ein Souvenir. Sie ist der Beweis dafür, dass das historische Musical in Wien eine neue, zeitgemäße Sprache gefunden hat, die ohne falsches Pathos auskommt und stattdessen auf psychologische Tiefe setzt. Trotz der kleinen redaktionellen Kürzung am Anfang bleibt die Doppel-CD eine Referenz für moderne Cast-Aufnahmen im deutschsprachigen Raum. Sie macht deutlich, dass „Maria Theresia“ eine eigenständige musikalische Kraft besitzt, die durch die hervorragende Abmischung und die erstklassige Besetzung auch rein auditiv über die volle Distanz trägt.
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