Nach dem starken Abschneiden beim Deutschen Musicalpreis – mit Auszeichnungen unter anderem für beide Hauptrollen und eine Nebenrolle – erscheint nun die Live-Gesamtaufnahme von „Einstein – A Matter of Time“. Die Doppel-CD hält die Uraufführung aus dem Theater St. Gallen fest und vermittelt sehr direkt die musikalische Kraft dieses Abends. Schon die ersten Minuten machen spürbar, wie konsequent diese Inszenierung auf große musikalische Bögen, klare thematische Linien und starke Figurenmomente setzt. Die Aufnahme bringt diese Atmosphäre überzeugend ins Hörformat und lässt viele Eindrücke der Bühnenaufführung erneut aufleben.
Die CD bildet den Theaterabend nahezu unverändert ab und folgt damit der Struktur der Produktion bis ins Detail. Die für das Stück typischen musikalischen Wiederaufnahmen funktionieren auf CD erstaunlich gut. Was live wie ein fließender Szenenwechsel wirkte, wird im Hörformat zu einer durchgehenden Erzählbewegung. Die Verzahnung von Songs und Dialogfragmenten bleibt vollständig erhalten und wirkt auf der Aufnahme noch stringenter, weil das Klangbild die Übergänge deutlich markiert. Für diese Geschlossenheit spielt das Symphonieorchester St. Gallen eine zentrale Rolle. Unter der Leitung von Koen Schoots, der auch die Orchestrierungen verantwortet, entsteht ein Klang, der sich weit öffnet und dennoch präzise fokussiert bleibt. Wildhorns Partitur setzt stark auf rhythmischen Antrieb, große melodische Bögen und wiederkehrende Motive – Elemente, die Schoots auf der Aufnahme äußerst sorgfältig modelliert. Dass viele der orchestralen Details in der Inszenierung visuell von den fließenden Szenenübergängen begleitet wurden, merkt man der Musik an: Sie trägt den dramaturgischen Spannungsbogen fast von selbst. In der CD-Fassung wirkt das Orchester noch geschlossener und differenzierter, unterstützt vom gewohnt klaren HitSquad-Klangbild, das den großen Live-Sound transparent und ausgewogen einfängt.
Die Gesangsleistungen zeigen sich ebenfalls in ausgezeichneter Form. Die CD macht sehr klar nachvollziehbar, warum David Jakobs und Katia Bischoff ihre Preise als Hauptdarsteller erhalten haben. Jakobs zeichnet den Weg „vom Albert zum Einstein rein vokal überzeugend nach: vom jungen, gelegentlich überschlagenden Enthusiasmus bis zur reflektierten Ruhe des späteren Gelehrten. Kleine gestalterische Entscheidungen – leichte Verzögerungen, fokussierte Phrasen, bewusst zurückgenommene Höhepunkte – treten auf CD sogar noch stärker hervor als im Saal. Katia Bischoff gelingt es, Mileva Marić mit klarer Sprache und feiner emotionaler Abstufung greifbar zu machen. Ihr Solo „Wer bin ich für dich?“ bleibt ein Höhepunkt der Aufnahme. Es wirkt auf CD beinahe wie das emotionale Drehkreuz des Albums, weil Bischoff die innere Spannung der Figur sehr präzise und ohne jede Überzeichnung hörbar macht. Dass Milevas Rolle im Musical dramaturgisch nicht den Raum bekommt, den sie verdient hätte, bleibt ein Befund der Inszenierung – doch die Aufnahme zeigt deutlich, wie viel gestalterische Tiefe Bischoff der Figur mitgibt. Auch Jan-Philipp Rekeszus bestätigt seine Auszeichnung als bester Darsteller in einer Nebenrolle. Sein Philip Lenard ist auf CD klar konturiert: scharf in den Linien, streng in der Haltung, aber nie eindimensional. Ohne visuelle Ebene tritt sein stimmliches Rollenprofil sogar noch deutlicher hervor und ergänzt den musikalischen Kontrast zwischen Einstein und seinem Gegenspieler um eine weitere, gut hörbare Ebene.
Das Ensemble fügt sich geschlossen in diesen Rahmen. Die Mehrfachbesetzungen kleinerer Rollen sind auf CD problemlos auseinanderzuhalten. Die Textverständlichkeit ist durchgehend sauber, was bei einer Live-Aufnahme keineswegs selbstverständlich ist und erheblich dazu beiträgt, dem Verlauf der Geschichte gut folgen zu können.
Auch im reinen Hörformat bleibt spürbar, wie viele Stationen und thematische Ebenen dieses Musical vereint – vom persönlichen Weg zweier Menschen bis zu historischen Zäsuren und wissenschaftlichen Ideen. Die CD kann und will diese Fülle nicht glätten, fängt sie aber zuverlässig ein. Die dramaturgischen Entscheidungen des Stücks – etwa die Abbrüche von Erzählsträngen oder die nur angedeuteten Entwicklungen einzelner Figuren – bleiben auch auf dem Album bestehen, prägen aber den Hörfluss weniger stark, da der Fokus im Medium automatisch stärker auf Musik und Stimmen liegt.
Die Veröffentlichung erscheint im Jewel Case und wird von einem ungewöhnlich umfangreichen Booklet begleitet. Die detaillierte Inhaltsangabe ist bei einem Stück, das einen so großen biografischen und historischen Bogen spannt, besonders hilfreich. Eine kleine Bildergalerie, zwei kurze Essays über Einstein als Mensch und Wissenschaftler sowie eine historische Einordnung der im Musical behandelten Orte und Ereignisse bieten zusätzlichen Kontext, der das Album sinnvoll ergänzt. Das Booklet macht das Gesamtpaket deutlich runder und vertieft die Wirkung der Aufnahme.
Die Live-Gesamtaufnahme von „Einstein – A Matter of Time“ bringt die Energie und musikalische Kraft der St. Galler Uraufführung überzeugend ins Hörformat. Das präzise geführte Orchester unter Koen Schoots, die ausgezeichneten Leistungen des Leading Teams und die sauber eingefangene Live-Atmosphäre ergeben zusammen eine Aufnahme, die den Theaterabend nicht nur dokumentiert, sondern seine Wirkung spürbar transportiert. Das umfangreiche Booklet verleiht der Edition zusätzliche Tiefe und macht die Veröffentlichung zu einer gelungenen Erinnerung an diesen besonderen Uraufführungsabend.
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