Jörn-Felix Alt (Bruno), Ensemble © Jörn Hartmann
Jörn-Felix Alt (Bruno), Ensemble © Jörn Hartmann

Wir sind am Leben (seit 03/2026)
Theater des Westens, Berlin

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Kein wirklicher Geniestreich ist das neue Musical „Wir sind am Leben“ am Berliner Theater des Westens. Zu einfallslos und austauschbar sind die Kompositionen von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange, zu dünn und vorhersehbar ist das Buch von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, die auch Regie führen. Punkten kann das dramatische Stück um die Aids-Krise im Nachwende-Berlin bei Ausstattung und Choreografie sowie mit einem grandiosen Cast, der von Celina dos Santos, Steffi Irmen und Jörn-Felix Alt souverän angeführt wird.

Ein Telefonhörer schwebt auf den im Krankenbett liegenden, mit dem HIV-Virus infizierten Bruno herab. In seiner Illusion ist sein zurückgezogen in Paris lebendes Idol Marlene Dietrich in der Leitung und spricht zu ihm. In einem Kegel aus kaltem Licht bewundert Bruno mit dem bedrückenden Song „Marlene“ ein letztes Mal die Diva, die er als Travestie-Künstler auf der Bühne verkörpert hat, um mit einem finalen „auf dich ist immer Verlass – Marlene!“ aus dem Leben zu scheiden. Im Halbdunkel kauern Brunos trauernden Freunde an seinem Totenbett und konterkarieren die Liedzeile „am Ende stirbt man allein“. Wirklich berührend!

Diese Todesszene im zweiten Akt steht stellvertretend für das, was sich wie ein roter Faden durch das gesamte Musical zieht: ein beeindruckendes Zusammenspiel aus Licht (Tim Deiling) und Regie (Franziska Kuropka, Lukas Nimscheck). Optisch fließen die Szenen ineinander, sind klug durchdacht aufgebaut und bringen mit stimmungsvollen, rückwärtigen Projektionen und einem extrem variablen Bühnenbild ganz großes Kino auf die Theaterbühne. Adam Nee hat dafür drei angeranzt wirkende, für die Nachwendezeit in Ost-Berlin typische Hausfassaden mit Schiebetüren entwickelt. Die seitlich links und rechts stehenden Gebäudeteile können in Richtung Publikum geschoben werden und durch Zusammenfahren die Bühnenbreite verkleinern. Im geöffneten Zustand wird im Zentrum ein drittes um 180-Grad drehbares Haus mit verschiedenen Ebenen sichtbar, das auch in jegliche Position auf der großen Bühne gefahren werden kann. Außerdem wird der komplett überbaute Orchestergraben als publikumsnaher Spielort in die Inszenierung integriert. Das Kostümbild von Ferran Casanova atmet das Zeit-Kolorit der 1990er und passt sich gut in den optischen Eindruck der Show ein.

Auch wenn für das Stück mit dem Slogan „Das Berlin-Musical“ geworben und damit etwas anderes suggeriert wird, thematisiert „Wir sind am Leben“ im Wesentlichen die Aids-Krise in der Hauptstadt während der Aufbruchszeit nach dem Mauerfall. Im Zentrum der Handlung steht eine buntzusammengewürfelte Wohngemeinschaft in Ostberlin, die im Bezirk Friedrichshain das Haus im mittleren Bühnenelement nach dem Fall der Mauer besetzt hat. In Anlehnung an die Nutzung zu DDR-Zeiten – im Erdgeschoss befand sich ein Lebensmittelladen, in der ersten Etage waren die Büros der Telefonseelsorge untergebracht – nennt sich die WG „Konsum Hoffnung“ und bietet weiterhin fernmündliche Lebensberatung an. Unter einem Dach leben dort die gleichgeschlechtlichen Pärchen Ramona und Brigitte sowie Bruno und Nando gemeinsam mit der esoterisch angehauchten Doris und der bereits vor der politischen Wende aus der DDR geflohenen Nina. Zu deren Missfallen stoßen unvermittelt nacheinander Ninas Bruder Mario und Mutter Rosie dazu und bringen das eingespielte Leben in der WG durcheinander.                 

Das vom Regie-Duo Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck verantwortete Buch mit einer recht vorhersehbaren Handlung nutzt diese Personal-Konstellationen für allerlei dramaturgische Wendungen. Auch wenn große Themen wie Identitätsverlust durch politische Veränderung, queeres Leben im Schatten der Aids-Epidemie und Trennung aufgefahren werden, geraten die Figuren in ihrer handwerklich soliden Inszenierung mit großartigen Bildern eindimensional. Offen bleibt zudem, welches Schicksal die Bewohner nach der gewaltsamen Räumung ihres WG-Zuhauses durch die Polizei ereilt.

Das Stück endet mit einem Zeitsprung zur Mileniumfeier in der Silvesternacht 1999/2000, in deren Anschluss die Protagonisten noch einmal in einem für die Geschichte irrelevanten Beerdigungs-Epilog zusammenkommen. Dieser mündet in einem Party-Mitklatsch-Finale zum titelgebenden Song „Wir sind am Leben“. Auch wenn damit in zeitlosen Kostümen an diejenigen erinnert wird, die durch HIV gestorben sind und für einen ungebrochenen Lebenswillen plädiert wird, wirkt das auch wegen eines T-Shirts mit dem Aufdruck „Fuck Nazis“ sehr bemüht.

Musikalisch ist „Wir sind am Leben“ ein mit der Gruppe „Rosenstolz“ assoziierter Soundtrack in Dauerrotation, der ähnlich auch schon in den beiden Ku’damm-Musicals und in „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ zu hören ist. In ihren Kompositionen reihen Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange wieder ähnlich klingende Harmonien und Chorpassagen baukastenmäßig aneinander. Da klingt „Supernovadiscoslut“, wie „Salon Rosie“, „Tanzen 2000“ oder „Leb wohl Wittenberg“. Und auch wenn das Trio bei „Pirouetten drehen“ zur Abwechslung einmal einen Samba-Rhythmus verwendet oder „Schlampen sind müde“ rockig-rotzig daherkommt, letztendlich gleichen sich die Songs wie ein Ei dem anderen. Die „Konsum Hoffnung Band“, die gut sichtbar auf dem rechten, seitlichen Haus-Podest postiert ist, spielt sich bei der Premiere unter der Leitung von Shay Cohen beherzt durch diese Partitur und ist auch für die Backing-Vocals zuständig.

Dass „Wir sind am Leben“ dennoch begeistert, liegt auch an dem fulminanten First-Cast, der in der Premiere über die Bühne fegt. Jonathan Huors Choreografien fordern ihn in fast jeder Szene – und man kann es nicht oft genug wiederholen: Es wird auf höchstem Niveau äußerst zackig-präzise getanzt. Nach der Pause gelingt zudem mit „Kupferrot“ ein atemberaubender Wiedereinstieg in die Show, der seinesgleichen sucht. Celina dos Santos schwebt als aufstrebender Gesangsstar von oben ein und unterstreicht nicht nur in dieser Szene mit Power-Stimme ihre Position als Leading-Lady der Show.

Ebenfalls eine Idealbesetzung ist Jörn-Felix Alt als tragischer Bruno aka „Die Dietrich“, der als einzige Figur im Stück recht facettenreich angelegt ist. Alt überzeugt dabei nicht nur als divenhafter Travestiestar im Marlene-Look, sondern balanciert seinen Bruno auf dem Punkt genau aus zwischen Lebenslust, Krankheit und Tod. Neben der bereits erwähnten Sterbeszene berührt er auch mit seiner Reaktion auf die HIV-Diagnose im lebensbejahend-trotzigen Lied „Ich werd‘ nicht weinen“, in dem er sich gegen Selbstmitleid entschließt. Alt singt dies alles mit einem tollen, bis in höchsten Höhen funkelndem Tenor.

Einfach eine Wucht ist auch Steffi Irmen in der Rolle der warmherzig-komischen Mutter Rosie Fröhlich, die sich als „Udo Walz des Ostens“ inszeniert und in ihrem Wittenberger Friseursalon Margot Honecker die für sie typische Lila-Tönung fürs Haar verpasst haben will. Gluckenhaft wacht sie über das Wohl ihres Sohnes Mario, steht Bruno liebevoll in seinem Siechtum bei und beweist sich schließlich auch als „Schwulen-Mutti“, die ein dunkles Geheimnis hat. Mit ihrer gewaltigen Power-Stimme begeistert Irmen im Gesang, indem sie auch Spitzentöne scheinbar mühelos herausschleudert.

Daniel Pohlen stattet Nando Perrez, den WG-Mitbewohner und Partner von Bruno, mit südamerikanischem Temperament, viel Körperlichkeit und einem satten Bariton aus. Kein Wunder, dass sich Markus Spagl als schüchterner Provinz-Bubi Markus Fröhlich, der auf der Suche nach sich selbst ist, Hals über Kopf in den kubanischen Tänzer verliebt und seine schwule Seite entdeckt. In „Kalte Schwester“ verarbeitet Spagl mit schönem Musical-Tenor empfindsam die für ihn erdrückende Situation als kleiner Bruder, der im Schatten der dominant und herzlos wirkenden Nina steht.

An Schwangerschaft und Geburt eines Kindes scheitert letztendlich die Beziehung zwischen Brigitte und Ramona, die mit Lucille-Maren Mayr und Johanna Spantzel hervorragend und stimmstark besetzt sind. Ein wirklich komischer Sidekick ist Kathi Damerow als Eso-Dauerversteherin Doris, die letztendlich im empfindsamen Cross-Dresser Günther einen liebevollen Partner findet. Nik Breidenbach glänzt gesanglich nicht nur in dieser Rolle, sondern gibt auch noch den fiesen Musikproduzenten Guido Schleicher.

Mit „Wir sind am Leben“ feiern die Macher des Musicals Liebe und Freundschaft. Wer sich auf das schwache Buch einlässt und Fan von „Rosenstolz“ war, der kann aufgrund von Optik und Cast einen tollen Musical-Abend erleben. Bleibt zu hoffen, dass dem Komponisten-Duo Peter Plate und Ulf Leo Sommer für ihr sechstes gemeinsames Musical musikalisch etwas Neues einfällt.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
MusikPeter Plate
Ulf-Leo Sommer
Joshua Lange
Musikalische LeitungShay Cohen
Dominik Franke
Buch, InszenierungFranziska Kuropka
Lukas Nimscheck
ChoreografieJonathan Huor
BühneAdam Nee
KostümeFerran Casanova
LichtdesignTim Deiling
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Nina FröhlichCelina dos Santos
(Lucille-Mareen Mayr
Rike Wischhöfer)

Rosie FröhlichSteffi Irmen
Maike Katrin Merkel
(Kristin Schulze
Lisa-Marie Sumner)

Mario FröhlichMarkus Spagl
(Nathan Johns
Mathias Reiser)

Bruno aka "Die Dietrich"Jörn-Felix Alt
David Nádvornik
(Mathias Reiser
Philipp Nowicki)

Nando PerrezDaniel Pohlen
(Alexander Hartmann
George Theodosiou)

Guido Schleicher / Günther WestphalNik Breidenbach
(Ben Knop
Philipp Nowicki)

Ramona HolzhammerJohanna Spantzel
(Rike Wischhöfer
Tatonka-Danaë Brunner)

Doris KnittelKathi Damerow
(Ruth Lauer
Lisa-Marie Sumner)

Brigitte HerrmannLucille-Mareen Mayr
(Ruth Lauer
Tatonka-Danaë Brunner)

Stimme MarleneJudy Winter
EnsembleKristin Schulze
Andrea Gioia
Tatonka-Danaë Brunner
Safiyah Galvani
Alexander Hartmann
Ben Knop
George Theodosiou
Mathias Reiser
Philipp Nowicki
Nathan Johns
SwingsRike Wischhöfer
Ruth Lauer
Lisa-Marie Sumner
Cross SwingsKatharina Theil
Claudio Gottschalk Schmitt
Konsum Hoffnung BandShay Cohen
(Dominik Franke)
Christoph Chudaska
(Dominik Mostert)
Freddy Hau
(Sebastian Ulmer)
Hendrik Lindqvist
Ludwig Kociok
(Jascha Wonerow)
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE
Do, 23.04.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
Fr, 24.04.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
Sa, 25.04.2026 15:00Theater des Westens, Berlin
Sa, 25.04.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
So, 26.04.2026 14:30Theater des Westens, Berlin
So, 26.04.2026 19:00Theater des Westens, Berlin
Di, 28.04.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
Do, 30.04.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
Fr, 01.05.2026 19:30Theater des Westens, Berlin
Sa, 02.05.2026 15:00Theater des Westens, Berlin
▼ 237 weitere Termine einblenden (bis 27.12.2026) ▼
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE (HISTORY)
Mi, 18.03.2026 19:30Theater des Westens, BerlinPreview
Do, 19.03.2026 19:30Theater des Westens, BerlinPreview
Fr, 20.03.2026 19:30Theater des Westens, BerlinPreview
▼ 34 weitere Termine einblenden (bis 21.04.2026) ▼
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay