Frank Josef Winkels (Sweeney Todd), MacKenzie Gallinger (Büttel Bamford), Boshana Milkov (Mrs. Lovett) © Heiko Sandelmann
Frank Josef Winkels (Sweeney Todd), MacKenzie Gallinger (Büttel Bamford), Boshana Milkov (Mrs. Lovett) © Heiko Sandelmann

Sweeney Todd (2026)
Stadttheater, Bremerhaven

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Mörderisch guter Musiktheater-Coup in Bremerhaven! Toni Burkhardts Inszenierung ist makaber, bedient Gänsehaut wie Grusel und trifft mit Sweeney Todds Rachefeldzug, in dessen Verlauf immer mehr Menschen zu Pasteten verarbeitet werden, voll ins Schwarze. Die Inszenierung lebt durch die Idealbesetzung der beiden Hauptcharaktere mit Frank Josef Winkels und Boshana Milkov, auch alle anderen Rollen sind durchweg hervorragend besetzt. Das wandelbare Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning führt die Handlung wie filmisch bewegt von der Pastetenbäckerei übers Irrenhaus bis in den totbringenden Barber Shop.

„Prälat mit Muskat“, „Advokaten, gut gebraten“ oder gar „salziger Admiral“? Der mörderische Frischfleisch-Lieferant Sweeney Todd und die geschäftstüchtige Bäckerin Mrs. Lovett philosophieren im walzerseligen Song „Nehmt Prälat“ darüber, welche Berufsgruppe die geschmacklich am besten geeignete Füllung für fertige Pasteten liefern könnte. In Stephen Sondheim düsterem Musical-Thriller über den sich Sweeney Todd nennenden Barbier Benjamin Baker, der seine durch einen korrupten Richter zerstörte Familie blutig rächen will, gibt es durchaus auch komische, wenn auch sehr schwarzhumorige Szenen wie diese.

Regisseur Toni Burkhardt setzt in seiner Inszenierung nicht nur auf subtile Thriller-Spannung und Horror, sondern erzählt als Meister des Makabren eine vielschichtige Gruselgeschichte, die er als „tiefschwarze Operette“ – so die vom Komponisten selbst gewählte Bezeichnung – meisterlich auf die Bühne bringt. Burkhardt hält dabei von der ersten Minute, in der dumpfe Glockenschläge in die düstere Handlung einführen, bis ins nach drei Stunden blutig wie tragisch endende Finale den Spannungsbogen rasiermesserscharf hoch. Zwischen Grausen und Lachen streift die Inszenierung auch gesellschaftskritische Aspekte wie Fragen nach Schuld und Sühne, Unrecht und Ungerechtigkeit oder den moralischen Anspruch eines übermächtigen wie korrupten Machtmenschen. Hinzu kommt eine ausgefeilte Personenführung, in der Burkhardt jeder Figur ihr eigenes, schräg-schillerndes Profil verpasst. Da stehen keine schablonenhaften Abziehbilder auf der Bühne, sondern vielschichtige Personen. So ist beispielsweise Mrs. Lovett nicht nur eine berechnende Geschäftsfrau und skrupellose Verbündete, sondern gleichzeitig auch eine mütterliche Vertraute und eine sich nach männlicher Zuneigung verzehrende Frau.

Als Knüller erweist sich das Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning, der auf die Drehbühne eine zweistöckige Haus-Konstruktion mit mehreren Spielflächen stellt, durch deren Ausrichtung die verschiedenen Schauplätze sichtbar werden und den verschiedenen Ebenen eine schnelle, fast filmische Erzählweise ermöglichen. Hinter den Wänden des Gebäudekomplexes verbirgt sich so manches Geheimnis, das erst bei entsprechender Beleuchtung sichtbar wird. Nur wenige Versatzstücke deuten die Einrichtung an. So befinden sich in der Barbierstube nur ein Tisch, ein großer Koffer als Versteckmöglichkeit und ein tiefroter, kippbarer Barbierstuhl, mit dem Todd die massakrierten Opfer direkt ein Stockwerk tiefer zu Weiterverarbeitung in der Backstube entsorgt.

Im Laufe der Handlung kommentieren immer wieder unterschiedliche Mitglieder des Opernchores moritatenhaft das schaurige Treiben auf der Bühne. Als Gruppe trumpft der wunderbar wandelbare Klangkörper in Szenen wie dem Verkauf von Pirellis Wunderelixier oder beim Heißhunger auf die einzigartigen Pastetenn auf. Adriana Mortelliti kleidet die Choristen in viktorianische Kostüme in Schwarz-, Grau-, Dunkelrot- und Brauntönen, die ergänzt um kecke Hutkreationen atmosphärisch dicht und düster sind. Auch die meisten Solisten sind in gedeckten Farben der Ära entsprechend angezogen. Einzig bei den Kostümen für Mrs. Lovett und Adolfo Pirelli tobt sich Mortelliti auch mit kräftigen Farben aus. Alle Entwürfe sehen einfach fabelhaft aus.

Den dramatischen Inhalt des Stücks unterstreicht Stephen Sondheims meisterliche, nahezu durchkomponierte Partitur, die in einer opernnahen Struktur auch den typischen Broadwaysound eines Musicals erkennen lässt. In die Todesszene des Richters streut der Komponist sogar eine musikalische Prise aus Hitchcocks „Psycho“ ein und zeigt damit eine Verbindung des eigenen Werks zum Horrorfilm-Genre auf. Dabei arbeitet der Komponist viel mit Leitmotiven und lässt den wenigen nur gesprochenen Text gleitend in Gesang übergehen. Die oft atonale Musik funktioniert als stimmungsvoll untermalendes Werkzeug, ist aber auch harmonisch-operettig. Die Musiker des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven begleiten in der besuchten Vorstellung unter dem zackigen Dirigat von Tonio Shiga mit viel Drive, übertönen aber nie den Gesang.

Als titelgebender Rasiermessermörder Sweeney Todd ist Frank Josef Winkels nicht nur wegen seines starken, sehr wandelbaren Baritons einfach eine Wucht. Seine starke Bühnenpräsenz verleiht dem dämonischen Barbier die notwendige optische Wirkung. Winkels Figur wirkt zunächst verbittert, entwickelt sich mit zunehmendem Fortgang der Handlung vom Zyniker zu einem vom Wahnsinn getriebenen Massenmörder, der, ohne mit der Wimper zu zucken, seinen Opfern routiniert die Kehle durchtrennt.

Boshana Milkov ist eine ebenso großartige Mrs. Lovett. Ihre Partie hat Stephen Sondheim der Broadway-Ikone Angela Lansbury auf den Leib geschrieben, die dafür 1979 einen Tony-Award abgeräumt hat. Würde dieser Preis in Deutschland verliehen, wäre er Milkov auf jeden Fall sicher. Nicht nur mit ihrer überbordenden Bühnenpräsenz und komödiantischem Spiel entpuppt sie sich als schnodderige Idealbesetzung dieser Rolle. Auch punktet sie mit ihrem vollen Mezzo-Gesang und gleitet mühelos durch ihre vielen gesanglichen Aufgaben.

 Andrew Irwin ist ein wunderbar lyrischer, schockverliebter Seemann Anthony Hope, der stimmlich mit Caroline Hat als liebreizende Johanna harmoniert. Sie zwitschert mit ihrem zarten Sopran wie ein Vögelchen mühelos bis in die höchsten Höhen. Mit rabenschwarzem Bass gibt Timothy Edlin einen diabolischen Richter Turpin, der gemeinsam mit MacKenzie Gallinger als schmierig-intrigantem Büttel Bamford ein hinterhältiges Schurkenpaar abgibt.

Mit seinem klaren Tenor geht Nuno Dehmels naiver, mit kognitiven Einschränkungen gezeichneter Tobias Ragg ans Herz. Als sein windiger Chef Adolfo Pirelli legt Gustavo Oliva gekonnt eine überdrehte Persiflage auf einen italienischen Quacksalber hin, den er stimmlich passend mit operettenhaftem Schmelz ausstattet.  Komplettiert wird der hervorragende Cast durch Iris Wemme-Baranowski als aufdringliche, obszöne und ständig hustende Bettlerin, deren wahre Identität erst am Ende des Stücks aufgeklärt wird. Auch sie meistert Sondheims schräge Melodiefiguren bravourös.

Der teuflische Barbier aus der Fleet Street erzeugt am Stadttheater Bremerhaven wohliges Gruseln und macht allen im Publikum, die nicht gerade zartbesaitet sind, richtig viel Spaß. Ein Horror ist allerdings, dass sich wegen der klammen städtischen Kassen das Haus in Zukunft auf deutliche Einschnitte einstellen muss. Es wäre unverzeihlich, wenn darunter das hohe Niveau, auf dem das Theater jetzt „Sweeney Todd“ zeigt, leiden würde.

Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim
Buch von Hugh Wheeler nach dem gleichnamigen Stück von Chirstopher Bond
Orchestrierung von Jonathan Tunick
Deutsche Fassung von Wilfried Steiner und Roman Hinze

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungDavide Perniceni
Tonio Shiga
InszenierungToni Burkhardt
BühneWolfgang kurima Rauschning
KostümeAdriana Mortelliti
 
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CAST (AKTUELL)
Sweeney ToddFrank Josef Winkels
Mrs. LovettBoshana Milkov
Anthony HopeAndrew Irwin
Johanna BarkerCaroline Hat
Tobias RaggNuno Dehmel
Richter TurpinTimothy Edlin
Büttel BamfordMacKenzie Gallinger
BettlerinIris Wemme-Baranowski
Adolfo PirelliGustavo Oliva
(Jürgen Brehm)
Mr. FoggRóbert Tóth
ChorOpernchor des Stadttheaters Bremerhaven
OrchesterPhilharmonisches Orchester Bremerhaven
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 31.01.2026 19:30Großes Haus, BremerhavenPremiere
Fr, 06.02.2026 19:30Großes Haus, Bremerhaven
So, 15.02.2026 18:00Großes Haus, Bremerhaven
▼ 4 weitere Termine einblenden (bis 18.04.2026) ▼
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