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„Willkommen, bienvenue, welcome“ – das Mannheimer Capitol lädt zu seiner neuen Eigenproduktion, dem Kander & Ebb-Klassiker „Cabaret“. Die Inszenierung ist dank der starken Einheit von Regie, Besetzung, Orchestrierung und Lichtdesign durchgehend intensiv und nimmt das Publikum mit von Berlins Roaring Twenties zu den menschlichen Abgründen der sich anbahnenden NS-Zeit.
Joe Masteroffs Buch, das auf den autobiographischen Erzählungen von Christopher Isherwood beruht, wird unter Jens Daryousch Ravaris differenzierter Regiesicht mit klarer Figurenführung und schlaglichtartiger Perspektive auf die historischen Hintergründe durchgängig spannend zum Leben erweckt. Die auch in dieser Inkarnation des Musicals spürbar in Schwung bringende, aber auch zuweilen irritierende Exaltiertheit des Berliner Nachtlebens und das ausschweifende Lebensgefühl der späten 1920er scheinen hier in Form der ausgelassenen Cabaret-Szenen immer wieder den unweigerlich fortschreitenden Abstieg in die menschlichen Katastrophen der Nazi-Zeit zu arretieren. Nach all den Exzessen und Feiern, der vordergründigen Durchsetzung von persönlichen Vorteilen und den nicht selten im Spiegel der Zeit gesehen kleingeistigen Interessen, die die Figuren im ersten Akt antreiben, wird den ProtagonistInnen der Geschichte plötzlich und fast erschlagend deutlich klar, was sich bedrohlich im Hintergrund formierte: Mit dem Hissen eines großen Hakenkreuzes auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz wird nicht nur der erste Akt, sondern auch die bunte Welt Berlins düster. Dass die Formierung eines Unrechtsstaates von den Figuren des Stücks – in ihrer Diversität sinnbildlich für die Gesellschaft damals wie heute stehend – über lange Strecken zunächst ignoriert, heruntergespielt und somit stillschweigend in Kauf genommen wurde, wird in dieser Inszenierung spürbar.
Durch das differenzierte Lichtdesign von Paul Hermann und Michael Honold wird Ravaris Regieansatz exponentiell verstärkt. Selten wird das Spiel von Licht und Schatten, der Kontrast von starken Akzenten und weichen Verläufen so gewinnbringend für Storytelling, Stimmung und Vermittlung von Botschaften genutzt wie in dieser Inszenierung. Das extrem reduzierte Set-Design, das ebenfalls von Hermann und Honold stammt, gibt dem Musical in Symbiose mit großartigen Lichteinstellungen abwechselnd den intensiv-bedrückenden Charakter eines Kammerstücks und die großen, cineastischen Eindrücke vom Broadway, die genau den Unterschied zwischen Grandezza und Absturz, zwischen Lebensgefühl und Überlebensangst visualisieren. Doris Marlis spickt die Inszenierung mit starken choreographischen Momenten, die den gleichnamigen, ikonischen Hollywoodfilm mit Liza Minnelli und den Tänzen von Bob Fosse immer wieder eindrucksvoll aufblitzen lässt, so die Szenen zu „Willkommen“ und „Zwei Ladies“. Auch die Tänze zu „Mein Herr“ und dem „Entr’acte“ zum zweiten Teil werden besonders intensiv und stimmungsvoll umgesetzt. Sybille Gänßlen-Zeits Kostümbild fügt sich in diese ans filmische Original angelehnte Visualität, beweist aber auch Mut zu Farbe, nackter Haut und Glitzer, ohne ins Groteske zu verfallen.
Marcos Padotzkes Band ist ein Highlight in sich: Die MusikerInnen spielen die bekannten Kander & Ebb-Melodien virtuos, mit Schwung, Swing und Jazz. Die oft rasanten Stimmungswechsel innerhalb der Handlung werden scheppernd, dramatisch, getrieben und zuweilen bedrohlich zurückhaltend musikalisch umgesetzt. Der Spagat zwischen den großen Showtunes, volkstümlicher Musik und balladenhaften Partien gelingt mit Bravour.
Die Showgirls des Cabaret werden schwungvoll, lasziv und tänzerisch einwandfrei von Katharina Meissner, Felicitas Hadzik und Isabel Thouw verkörpert. Tina Podstawa zeichnet eine frivole, pragmatische Fräulein Kost, deren Kontrast zur gesitteten Fräulein Schneider immer mehr aufbricht.
Tim Stolberg gelingt die Wandlung von Ernst Ludwig, der seine homosexuelle Neigung in die für ihn bequeme Flucht zur NSDAP zu verstecken und einen neuen Lebenssinn zu finden versucht. Sein feindseliger Ausbruch wird intensiv dargeboten und sorgt für einen Schockmoment, der nachhallt. Sascha Stead als Clifford Bradshaw geht ebenfalls einen Weg, sich von seiner gleichgeschlechtlichen Liebe in immer feindlicher werdenden Zeiten zu distanzieren: Sein Klammern an einem möglichen heilen Familienbild mit der schwangeren Sally spielt Stead als Ausflucht seiner Figur aus der Zwickmühle. Beide Herren beweisen ausgezeichnete Gesangsstimmen: Stolberg brilliert zu „Morgen gehörst du mir“, das in einem Tete-à-tete mit Clifford endet, und Stead begeistert gesanglich wie darstellerisch mit einem emotionalen „Geh‘ nicht“.
Tilman Madaus ist ein liebenswerter, grundsympathischer und herzzerreißend optimistisch bleibender Herr Schultz, dem das wissende Publikum am Ende mitleidig begegnet, verschließt er doch zu lange die Augen vor dem Schicksal, das ihn wohl in naher Zukunft ereilen wird. Auch Andrea Matthias Pagani als Conférencier scheint am Anfang die Augen vor der bedrohlichen Wirklichkeit verschlossen zu haben. Doch ganz anders als die Rolle sonst oftmals aufgebaut wird, schwebt sein Conférencier nicht über den Dingen, ist kein Prophet, kein Strippenzieher, kein omnipotenter Erzähler und durchbricht nur als Showmaster im Cabaret selbst die vierte Wand. Die andere Seite seines Conférenciers ist zutiefst menschlich, verletzlich und von den sich wandelnden Zeiten getrieben: Sein „Nichts berührt mich“ wirkt so in seiner Aussage doppeldeutig bis zynisch, denn der Conférencier ist hier selbst derjenige, der vor der drohenden Katastrophe fliehen und seine Koffer zu packen hat. Am Ende ist er es, der besorgt und ängstlich den Zug ins Irgendwo nimmt und ins Ungewisse schaut.
Die beiden Grande Dames dieser Inszenierung sind Jennifer Siemann als Sally Bowles und Susan Horn als Fräulein Schneider. Beide Darstellungen sind elektrisierend auf ihre Weise und halten das Publikum in ihrem Bann. Siemanns Sally ist exaltiert, vordergründig sorglos, theatralisch und flüchtet sich manisch in einer nicht mehr existenten Fantasiewelt, in der sie begehrt und beliebt ist, zeitlos bejubelt und gefeiert wird. Mit Facetten eines jungen Mädchens, Anleihen einer Femme Fatale und der Expressivität eines Vamps, unverkennbar auch von Liza Minnelli inspiriert, gelingt Siemann eine eindrucksvolle Mischung, die Sally je nach Perspektive als tragische Antiheldin oder sogar antagonistisch aufgeladene Narzisstin deuten lässt. Hervorragend bei Stimme interpretiert sie die Showstopper des Musicals, allen voran das hoffnungsvolle „Vielleicht diesmal“ und dessen Kontrastlied „Cabaret“, in dem Sallys Weg kulminiert und sich unwiderruflich gegen ein Leben mit Clifford wendet.
Susan Horns Darstellung hebt das Stück auf eine weitere performative Qualitätsebene: Ihr Fräulein Schneider ist die Figur, mit der viele Zuschauer von Anfang bis Ende mitfühlen. Durch eine eindringliche, tief menschliche und geerdete Darbietung gelingt es der perfekt berlinernden Horn, der oftmals nur als „sympathisch“ beschriebenen Figur eine Plethora an Emotionen abzugewinnen und auf der Bühne so auszuspielen, dass nicht nur einmal der Atem stockt. Mit Fräulein Schneider bangt, lacht und weint das Publikum.
Diese Inszenierung von „Cabaret“ lebt durch die starke Gesamtleistung des Ensembles, der Regie, der Band und der bestechenden Visualität. In Mannheim wird die brennende Aktualität des Stoffes ebenso bewusst fokussiert, wie die Qualität der zeitlosen Musik von Kander und Ebb – eine gelungene Inszenierung des Musical-Klassikers!
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Inszenierung | Jens Daryousch Ravari |
| Musikalische Leitung und Arrangements | Marcos Padotzke |
| Choreografie | Doris Marlis |
| Kostüme | Sybille Gänßlen-Zeit |
| Bühnenbild | Michel Honold Paul Hermann Michel Honold |
| Maske | Daniela Werner |
| Lichtdesign | Paul Hermann Michel Honold |
| Stellv. musikalische Leitung | Julius Luchterhandt |
| Regieassistenz | Robert Bruchim |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| Sally Bowles | Jennifer Siemann |
| Conférencier | Andrea Matthias Pagani |
| Fräulein Schneider | Susan Horn |
| Clivvord Bradshaw | Sascha Stead |
| Fräulein Franzi Kost | Tina Podstawa |
| Herr Schulz | Tilman Madaus |
| Ernst Ludwig | Tim Stolberg |
| Rosie | Felicitas Hadzik |
| Lulu | Isabel Thouw |
| Helga | Katharina Meissner |
| Matrosen | Daniel Höhr Tobias Kraus Niklas Hofmann |
| Band | Marcos Padotzke Julius Luchterhandt Katharina Gross Mischa Becker Thilo Zirr Irina Kawerina Michael Toursel Carl Krämer Simon Moeren Jonas Jung |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sa, 11.04.2026 20:00 | Capitol, Mannheim | |
| Do, 21.05.2026 20:00 | Capitol, Mannheim | |
| Sa, 20.06.2026 20:00 | Capitol, Mannheim |
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| TERMINE (HISTORY) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Do, 11.09.2025 20:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
| Fr, 24.10.2025 20:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
| Di, 25.11.2025 20:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
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|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| So, 28.12.2025 19:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
| So, 25.01.2026 19:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
| Fr, 06.03.2026 20:00 | Capitol, Mannheim | ||||||||
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