Andreas Lichtenberger (Agathe Knüppelkuh), Ensemble © Lalo Jodelbauer
Andreas Lichtenberger (Agathe Knüppelkuh), Ensemble © Lalo Jodelbauer

Matilda (seit 12/2025)
Stadttheater, Baden

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In der diesjährigen Vorweihnachtszeit hat das deutschsprachige Publikum gleich zweimal die Gelegenheit, Musical-Adaptionen von Kinderbuchklassikern nach Roald Dahl auf Deutsch zu erleben: Nach „Charlie und die Schokoladenfabrik“ in Regensburg folgt nun „Matilda – Das Musical“ am Theater Baden bei Wien. Während sich jüngere Zuschauer an den bekannten Figuren und ihren überraschenden Wendungen erfreuen, eröffnet Dahls hintergründiger Humor auch für Erwachsene eine zweite Ebene, in der seine oft bissige Weltsicht deutlich durchscheint. Einen entscheidenden Unterschied markiert dabei der Umgang mit den Kinderrollen: Während bei „Charlie“ in Regensburg sämtliche Kinderfiguren von Erwachsenen verkörpert werden, geht man in Baden unter der Regie von Andreas Gergen bewusst das Wagnis ein, diese Partien mit Kindern zu besetzen – und gewinnt damit auf ganzer Linie. Die jungen Darsteller singen, tanzen und spielen mit einer Selbstverständlichkeit und Genauigkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Liv Perman (Matilda) © Lalo Jodlbauer

Die Musik und Liedtexte von Tim Minchin gelten zu Recht als große Stärke von „Matilda“ – ein Ruf, dem auch die Badener Produktion gerecht wird. Minchins Kompositionen verbinden eingängige Motive mit präzisem Wortwitz und sind eng mit der Dramaturgie verzahnt: Die Songs treiben die Handlung voran und schärfen Figuren, statt sie zu unterbrechen. Dennis Kellys Buch geht dabei bewusst über die Romanvorlage hinaus. Besonders gelungen ist die zusätzliche Erzählebene, in der Matilda der Bibliothekarin episodisch die fantastische Geschichte eines Entfesselungskünstlers und einer Artistin erzählt. Diese zunächst märchenhafte Nebenhandlung rückt im Verlauf des Abends immer näher an die Realität heran und wird schließlich zum Schlüssel für Matildas besondere Fähigkeiten. Als Geschichte in der Geschichte verleiht sie dem Musical zusätzliche Geschlossenheit, verstärkt den märchenhaften Ton – und gibt der Titelfigur ein noch klareres Profil.

Die deutsche Übersetzung von Sabine Ruflair greift die Originaltexte stilsicher auf und entwickelt daraus eine eigene sprachliche Welt. Wortspiele, Reime und Rhythmus bleiben dabei nicht nur verständlich, sondern tragen den musikalischen Fluss zuverlässig weiter. Die Texte wirken durchgehend organisch, vermeiden sperrige Konstruktionen und lassen die Songs ohne spürbare Brüche oder Hänger ineinander übergehen – eine Qualität, die gerade bei diesem sprachlich dichten Material entscheidend ist.

Ensemble © Lalo Jodlbauer

Andreas Gergen beweist in „Matilda“ einmal mehr sein Gespür für komische Stoffe und präzise gesetzte Pointen. Seine Regie arbeitet mit klaren, oft überraschend einfachen Bildern: Wenn Agathe Knüppelkuh den Kindern buchstäblich die Ohren langzieht und sie wie Gummi zurückschnalzen lässt oder das erwachsene Ensemble als tanzende Babys erscheint, deren Körper hinter Wiegen verschwinden, entstehen starke visuelle Gags mit großer Wirkung. Entscheidend ist dabei Gergens Timing – die Witze sitzen, werden nicht ausgestellt und verlieren auch im Wiederholungsprinzip nichts von ihrer Schlagkraft. Gleichzeitig nutzt Gergen die Besetzungsebene des Stücks für leisere Akzente. In „Bald bin ich groß“ treten die Kinderfiguren ihren erwachsenen Alter Egos gegenüber, wenn einzelne Kinderrollen von Erwachsenen gespiegelt werden. Momente wie dieser brechen immer wieder  bewusst mit dem zuvor hohen Tempo und schaffen so emotionale Tiefe  – eine kluge Balance zwischen Komik und Ernst, die der Inszenierung zusätzliche Substanz verleiht.

Das Bühnenbild von Stephan Prattes setzt auf ein klares, funktionales Grundmotiv: Eine kalt-grün gehaltene Schulhalle bildet den Ausgangspunkt, die sich mit wenigen, gezielten Verschiebungen in Klassenzimmer oder Turnhalle verwandelt. Besonders überzeugend ist die Lösung für die Szenenwechsel in Matildas Zuhause: Von beiden Seiten fahren Spinte in die Bühnenmitte und formen die Räume der Familie Wurmwald. Ergänzt wird diese Welt durch überdimensionale Bücherstapel und Buchstaben, die Matildas innere Wirklichkeit visualisieren – mal als Kinderzimmer, mal als Bibliothek, mal ganz pragmatisch als Sitzgelegenheit umfunktioniert. Diese flexible Bildsprache ermöglicht reibungslose Übergänge, hält das Tempo hoch und verleiht dem Abend spürbaren Schwung.

Timotheus Hollweg (Arzt), Ann Mandrella (Frau Wurmwald), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Die Kostüme von Aleksandra Kica führen diese Zuspitzungen konsequent fort. Besonders das Erscheinungsbild von Agathe Knüppelkuh ist eine bewusste Überzeichnung: Andreas Lichtenberger steckt in einem stark überzeichnenden, körperlich verfremdenden Kostüm und dem strengen Outfit der Schulleiterin. Das Maskendesign von Edu von Gomes geht dabei einen eigenen Weg. Frisur und Make-up orientieren sich weder strikt an der Londoner Inszenierung noch an der Filmvorlage, sondern zeichnen Knüppelkuh als groteske, fast karikatureske Bedrohung mit hartem Blick, strengem Kurzhaarschnitt und bewusst gesetzten Akzenten, die ihre Unnahbarkeit zusätzlich schärfen. Alles greift sauber ineinander und unterstützt die Regie in ihrem klaren, pointierten Zugriff auf die Figuren.

Die Choreographien von Francesc Abós fügen sich stimmig in das Gesamtkonzept der Inszenierung ein und setzen auf Struktur, Tempo und Genauigkeit. Wie wirkungsvoll das umgesetzt ist, zeigt exemplarisch das „Schullied“: Während die älteren Schüler die Neuankömmlinge vor dem warnen, was sie erwartet, wird das Alphabet in immer neuen Wortkombinationen tänzerisch umgesetzt. Die Abfolge ist rasant, rhythmisch exakt und verlangt ein hohes Maß an Koordination. Gerade in diesem Moment wird sichtbar, wie eng Bewegung, Text und Musik verzahnt sind – und mit welcher Sicherheit sowohl das Erwachsenen- als auch das Kinderensemble diese Herausforderung meistert.

Getragen wird der Abend dabei maßgeblich von einer starken Besetzung. Liv Perman setzt mit „Tricksen“ früh einen Maßstab und prägt die Inszenierung von ihrem ersten Auftritt an. Ihre Matilda ist frech und selbstbewusst, zugleich aufmerksam und wach im Umgang mit ihrer Umwelt. Perman verleiht der Figur eine natürliche Bühnenpräsenz und spielt sie mit spürbarer Leichtigkeit, ohne ihre Entschlossenheit zu überzeichnen. Gesanglich überzeugt sie mit einer klaren, festen Stimme, die auch in den komplexeren Nummern sicher getragen bleibt und den Songs Präzision und Ausdruck verleiht. Gerade in den ruhigeren Momenten zeigt sie zudem eine bemerkenswerte Feinheit im Spiel, die Matilda mehrdimensional erscheinen lässt.

Anna Rosa Döller (Fräulein Honig), Liv Perman (Matilda), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Das Kinderensemble überzeugt nicht nur durch seine Geschlossenheit, sondern vor allem durch eine spürbar hohe Spielfreude. Auch in den anspruchsvollen choreographischen Passagen agieren die Kinder mit großer Sicherheit, ohne dass der Eindruck von Anstrengung entsteht. Text, Gesang und Bewegung greifen stimmig ineinander, die Abläufe wirken durchweg konzentriert und klar. Darüber hinaus überzeugen die jungen Darsteller auch schauspielerisch: Die Figuren sind deutlich konturiert, Reaktionen und Beziehungen auf der Bühne wirken glaubwürdig und lebendig. In dieser Kombination aus technischer Genauigkeit und überzeugendem Spiel wird das Kinderensemble zu einem tragenden Fundament des Abends. Besonders hervorzuheben ist Benjamin Ruzek als Bruce, der in „Der Aufstand“ mit einer bemerkenswert starken Stimme aus dem Chor der Kinder herausragt und dem Song ein klares Zentrum gibt.

Nicht mehr ganz zu den Kindern zu zählen ist Konstantin Pichler als Michael Wurmwald. Er nutzt das Potenzial dieser kleinen Rolle konsequent aus: Als Matildas etwas dümmlicher Bruder hört er seinem Vater aufmerksam zu, man sieht ihm das Arbeiten in seinem Kopf buchstäblich an, bevor er – stets mit voller Überzeugung, aber immer einen Moment zu spät – ein einzelnes Wort wiederholt. Gerade dieses verzögerte Reagieren wird zum Running Gag und sorgt zuverlässig für viele Lacher.

Liv Perman (Matilda), Ann Mandrella (Frau Wurmwald), Boris Pfeifer (Herr Wurmwald), Konstantin Pichler (Michael Wurmwald) © Lalo Jodlbauer

Ann Mandrella ist in Baden in einer ihrer ungewöhnlichsten Rollen zu erleben. Als Frau Wurmwald zeichnet sie das Bild einer einfältigen, konsequent auf Äußerlichkeiten fixierten Ehefrau des windigen Autohändlers, deren Gedanken um Tanzwettbewerbe und Aerobic-Stunden kreisen. Mandrella verleiht der Figur eine bewusst hohe, von Naivität durchzogene Stimme und setzt gezielte Blicke ein, die diese Oberflächlichkeit pointiert unterstreichen. In ihrer Überzeichnung wirkt Frau Wurmwald wie einer Trash-Reality-Welt entsprungen – eine karikierte Figur, die genau dadurch ihren Platz in Dahls groteskem Figurenkosmos findet. Boris Pfeifer bildet den perfekten Gegenpart dazu. Auch sein Herr Wurmwald ist nicht besonders helle, dafür jedoch mit einem enormen Ego ausgestattet. In seinem revueartigen Song „Ich bin schlau, weil ich viel fernseh“ erhält Pfeifer reichlich Raum, seine Entertainer-Qualitäten auszuspielen – eine Gelegenheit, die er sichtbar genießt und bis in die letzte Pointe auskostet.

Timotheus Hollweg ist als Tänzer Rudolfo zu erleben, mit dem Frau Wurmwald am liebsten ihre Zeit verbringt. Die Choreographie schreibt ihm eine beinahe halsbrecherische Abfolge von Bewegungen zu, die die Komik der Figur konsequent unterstreicht. Hollweg erweist sich dabei als großes Bewegungstalent, das diese anspruchsvollen Choreographien scheinbar mühelos meistert und dabei auch gesanglich souverän bleibt. Anna Rosa Döller gestaltet als Fräulein Honig die warmherzige Gegenfigur zu den grotesk überzeichneten Erwachsenen. Sie spielt die Rolle mit viel Herz und spürbarem Gefühl, ohne ins Sentimentale zu kippen und verleiht dem Abend immer wieder eine emotionale Balance. die dem Abend immer wieder emotionale Balance verleiht. Auch die kleineren Rollen sind prägnant besetzt: Tertia Botha gibt der Bibliothekarin Frau Schilf eine ruhige, aufmerksam beobachtende Präsenz, während Beppo Binder als Zlatko mit übergroßem Muskelpaket und gewollt grober Überzeichnung für zusätzliche komische Akzente sorgt.

Das Orchester unter der Leitung von Christian Frank präsentiert sich in ausgezeichneter Form. Straff, präzise und stets auf den Punkt gespielt, trägt es maßgeblich zum Vorwärtsdrang des Abends bei. Die Abmischung bleibt dabei klar und ausgewogen, sodass Musik, Gesang und Text jederzeit gut verständlich bleiben.

Andreas Lichtenberger (Agathe Knüppelkuh), Victoria Schnut (Amanda), Ensemble © Lalo Jodlbauer

Mit „Matilda“ gelingt dem Theater Baden bei Wien eine Produktion, die ihr größtes Risiko konsequent in ihre größte Stärke verwandelt. Das Vertrauen in ein starkes Kinderensemble, präzise Regieentscheidungen und ein hohes musikalisches Niveau greifen hier überzeugend ineinander. Andreas Gergens Inszenierung verbindet Tempo, Humor und bewusst gesetzte Ruhepunkte zu einem Abend, der in sich komplett stimmig gebaut ist und gerade dadurch weit über bloße Schau- und Effektebene hinausreicht.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungChristian Frank
InszenierungAndreas Gergen
ChoreografieFrancesc Abós
BühneStephan Prattes
KostümeAleksandra Kica
ChoreinstudierungVictor Petrov
LichtdesignStephanie Affleck
SounddesignFlorian Carau
MaskendesignEdu von Gomes
Nachdirigat
(23.1.)
Ioannis Poulakis
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Matilda WurmwaldTamaki Uchida
Mia-Leigh Botha
Liv Perman
Frau WurmwaldAnn Mandrella
Herr WurmwaldBoris Pfeifer
Fräulein HonigAnna Rosa Döller
Agathe KnüppelkuhAndreas Lichtenberger
Frau SchilfTertia Botha
Angela Hercules-Joseph
Michael WurmwaldDaniel Greabu
Konstantin Pichler
Arzt / RudolphoTimotheus Hollweg
ZlatkoBeppo Binder
BruceLuis Tatzber
Benjamin Ruzek
AmandaAntonia Hacker
Mia Kodym
Victoria Schnut
NigelSteven Ashton Ablog
Lion Tatzber-Poms
LavendelTamaki Uchida
Elli Theml
Antonia Hacker
TommyJens Emmert
EricJan-Eike Majert
AliceMariella Hofbauer
Akrobatin / HortensiaLiviana Degen
mitOrchester
Chor
Tanzensemble
Young Artists der Bühne Baden
  
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TERMINE
Fr, 13.02.2026 19:30Stadttheater, Baden
Sa, 14.02.2026 15:00Stadttheater, Baden
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 12.12.2025 19:30Stadttheater, BadenPremiere
Sa, 13.12.2025 15:00Stadttheater, Baden
Fr, 19.12.2025 19:30Stadttheater, Baden
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