© Charli Eglinton
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"Ohne diese beiden Frauen würde es keinen "Mozart" geben" - Charli Eglinton im Interview

Mit der Ankündigung der Uraufführung des Musicals „Saving Mozart“ beim 10-jährigen Jubiläum des Musical Frühlings in Gmunden 2025 rückt eine junge britische Komponistin in den Fokus: Charli Eglinton. Neben mehreren Musicals hat Charli bereits preisgekrönte Drehbücher und Kurzfilme verfasst, unter anderem einen Animationsfilm zu ihrer Steampunk-Oper „8“, für den sie den Gesamtsieg bei den 2019 Moving Image Awards erhielt, sowie für ihr Drehbuch zu „12 Days“, das im Jahr 2020 beim London Independent Film Festival ausgezeichnet wurde. In unserem Interview erzählt Charli, woher sie ihre Inspiration schöpft, aus welcher ungewöhnlichen Perspektive sie in „Saving Mozart“ die Lebensgeschichte Mozarts erzählt und was es ihr bedeutet, ihre erste Uraufführung beim Musical Frühling in Gmunden feiern zu dürfen.

Jürgen Goriup, Elisabeth Sikora, Charli Eglinton, Markus Olzinger bei der Pressekonferenz zu „Saving Mozart“ © Rudi Gigler

Als junge Komponistin hast Du schon einiges erreicht. Was hat Dich dazu inspiriert, diesen Karriereweg einzuschlagen? Hast du musikalische oder künstlerische Vorbilder?

Ich wurde im Jahr 2000 geboren, und zu meinem ersten Geburtstag schenkte mir meine Großmutter eine VHS mit Disneys „Fantasia 2000“, einer Sammlung von kurzen Animationsfilmen zu berühmten klassischen Musikstücken. Das hat mich sehr geprägt – dass Musik eine so unglaubliche Kraft des Geschichtenerzählens haben kann – und meine Liebe zur klassischen Musik entfacht.

Als ich dann 13 war, ermutigten mich meine Lehrer, an einem ganz besonderen Wettbewerb teilzunehmen: „Matilda The Musical“ hatte im Jahr zuvor im West End Premiere gefeiert, und zur Feier des Tages wurde ein landesweiter Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem es darum ging, eine neue Szene und einen neuen Song (mit neuen Figuren) für „Matilda“ zu schreiben. Mein Beitrag gehörte zu den Gewinnern, und so führten die Darsteller von „Matilda“ meine Szene und meinen Song auf der West End-Bühne auf. Das war eine magische Erfahrung für mich und der Punkt, an dem mir klar wurde: „Ja, das ist es, was ich machen will“.

Wenn es um musikalische Vorbilder geht, dann ist das Thema der 2025er Produktion von Musical Frühling genau das Richtige für mich [lacht]: Mozarts Musik berührt mich wie kein anderer Komponist auf der Welt. Ich kann es nicht erklären – seine ansteckenden Melodien, sein ikonisches Timbre, die Freude, die Traurigkeit, die schwindelerregende Kontrolle, etwas zu schreiben, das in einem Moment so zerbrechlich und sehnsüchtig und im nächsten so dramatisch und kraftvoll ist. Er ist eine ständige Inspiration für mich, nicht nur wegen seines überwältigenden Schaffens, sondern auch, weil er mich dazu anspornt, mit meiner Musik die Menschen so zu bewegen, wie er mich mit seiner Musik bewegt.

„Saving Mozart“ konzentriert sich auf zwei wichtige Frauen in Mozarts Leben – seine Schwester Nannerl und seine Ehefrau Constanze. Wie bist Du auf die Idee gekommen, die Geschichte aus der Sicht dieser beiden Frauen zu erzählen, und was fasziniert Dich am meisten an diesen beiden Figuren?

Schon während meiner Schulzeit, als ich Musik als A-Level (Anmerkung der Redaktion: entspricht in etwa den Leistungskursen im deutschen Schulsystem) hatte, waren Mozart-Opern Teil unseres Lehrplans. Seitdem bin ich seiner Musik verfallen und habe eine Faszination für sein Leben entwickelt. Ich wusste, dass ich unbedingt über ihn schreiben wollte, aber ich musste den richtigen Blickwinkel finden. Also fing ich an, tiefer zu graben und entdeckte Wolfgangs beide Vorbilder – seine virtuose ältere Schwester Nannerl und seine Frau, die begabte Sopranistin und spätere Impresaria Constanze. Und dass es ohne diese beiden Frauen keinen „Mozart“ geben würde.

In seiner Kindheit war Nannerl wahrscheinlich so etwas wie Wolfgangs Heldin. Zumindest hat sie, während er ihr ehrfurchtsvoll beim Cembalospiel zugehört und zugesehen hat, sein Interesse für die Musik überhaupt erst geweckt. Es wird deswegen auch angenommen, dass sie einen großen Einfluss auf einige seiner frühen Kompositionen hatte – insbesondere auf seine erste Sinfonie (die er mit 7 Jahren schrieb!). Wie viele andere wusste ich nicht einmal, dass Mozart eine Schwester hatte. Geschweige denn eine, die genauso musikalisch talentiert war wie er (und tatsächlich der Hauptstar ihrer Europa-Tournee als Kinder war). Ich war schockiert, dass ich zuvor noch nie von Nannerl gehört hatte… Möglicherweise, weil kein einziges Stück ihrer Musik bis heute überlebt hat. Und ihre aufstrebende Musikkarriere wurde im heiratsfähigen Alter von 18 Jahren abrupt beendet. Als Komponistin war das für mich erschütternd, und es war mir ein großes Anliegen, in meinem Werk darauf aufmerksam zu machen.

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Nachdem ich „Amadeus“ mehrmals gesehen hatte, war mir Constanze hingegen bereits vertraut – was mich überraschte, war, wie unterschiedlich die echte Constanze von der fiktionalen Darstellung war. Sie war eine unglaublich talentierte Sopranistin und wurde fast sowas wie Wolfgangs Musikmanagerin, indem sie seine Arbeit und Finanzen ausbalancierte und nach seinem Tod darum kämpfte, sein Requiem zurückzufordern (das beinahe gestohlen und unter einem anderen Namen veröffentlicht wurde!).

Nannerl und Constanze hatten während Wolfgangs Leben tatsächlich eine konfliktreiche Beziehung, doch nach seinem Tod legten sie ihre Differenzen beiseite, um die beiden Hälften seiner Biografie zusammenzusetzen – die Kindheit, die Nannerl kannte, und das Erwachsenenleben, das Constanze kannte – und formten so die Geschichte Mozarts, wie wir sie heute kennen. Es war beeindruckend für mich, dass diese beiden Frauen so mutig und unabhängig waren und einen solch tiefgreifenden Einfluss auf Mozarts Leben und sein Vermächtnis hatten – und ich wusste sofort, dass sie die Säulen meiner Show sein mussten.

In einem Interview mit der musicalzentrale zur Ankündigung des Programms des 2025er Musical Frühlings beschrieben die künstlerischen Leiter Elisabeth Sikora und Markus Olzinger Deinen musikalischen Stil als „von Mozart inspiriert und trotzdem modern und heutig“. Wie hast Du die Balance zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik in Deinem Stück gefunden?

Mozart wird oft als der ‚Popstar‘ seiner Zeit bezeichnet – und das ist absolut richtig! Er zerriss das Regelwerk der Traditionen, der Erwartungen und der Musik selbst; die Art von Stücken, die er schrieb, waren wegweisend, sie waren neu, sie waren ‚modern‘. Das wollte ich in meiner Musik widerspiegeln, indem ich ein zeitgenössisches ‚Pop‘-Gefühl anbot und gleichzeitig ein Fragment von Mozarts eigener Musik in jeden Song einflocht. Wo immer ich konnte, habe ich versucht, eine relevante Verbindung herzustellen – z. B. habe ich die ‚Hochzeit des Figaro‘-Ouvertüre als Grundlage für meinen Song „I Say No“ verwendet (die Einleitung zu Wolfgang und Constanze’s eigener Hochzeit). Als jemand, der das Glück hatte, schon in jungen Jahren mit klassischer Musik in Berührung zu kommen, liegt es mir sehr am Herzen, ein jüngeres Publikum anzusprechen, das sich vielleicht desinteressiert fühlt oder keinen Bezug zu diesem Genre hat, und ihnen zu zeigen, wie wunderbar es ist.

Du sagst, dass die Story von „Saving Mozart“ auch universelle und die Zeit überdauernde gesellschaftliche und familiäre Strukturen berührt. Wie hast du dich diesen Themen in deinem Stück genähert?

© Charli Eglinton

Um die authentische ‚Stimme‘ Mozarts zu finden, habe ich alle Briefe der Familie Mozart aus dem Archiv der Stiftung Mozarteum gelesen – und war erstaunt, wie zeitgemäß sie waren. Ihre Feiern, ihre Streitereien, Leopold als typischer „Löwen-Vater“ und sein eigensinniger, rebellischer Sohn, der ihm nicht gehorcht. Das war eine ganz normale Familie, und obwohl es 200 Jahre her ist, ändern sich Familien nicht. Jeder, der an „Mozart“ denkt, hat das Bild dieser mythischen Legende im Kopf, die zwar ein fester Bestandteil der Musikgeschichte ist, aber nie wirklich gelebt hat. Doch beim Lesen all seiner Briefe war es das erste Mal, dass Wolfgang für mich lebendig wurde. Und er fühlte sich zutiefst menschlich an. Genau diese Idee steht im Mittelpunkt meines Stücks: Ich versuche, Mozart als Jungen und als Mann zu zeigen, der ein zutiefst fehlerhafter und gewöhnlicher Mensch mit einem außergewöhnlichen Talent war.

Im gesamten Dialog und in der Musik habe ich Fragmente wörtlich aus all diesen Briefen übernommen, um hoffentlich eine authentische Darstellung von Mozart und seinem engsten Kreis zu vermitteln.

Du hast bereits ein Konzeptalbum von „Saving Mozart“ veröffentlicht. Wie hat das Album den kreativen Prozess für die Bühnenproduktion beeinflusst? Wird es irgendwelche Unterschiede zwischen dem Album und der Live-Version geben?

Das Album war eine Auswahl von Songs aus meinem allerersten Entwurf von „Saving Mozart“, den ich Ende 2021 fertiggestellt habe. Ich wollte ein paar Tracks veröffentlichen, um anfängliche Aufmerksamkeit für die Show zu gewinnen – was auch mehr als funktioniert hat –, denn es war dieses Album, das Markus und Elisabeth beim Musical Frühling zuerst hörten und ihr Interesse weckte! Natürlich hat die Show seitdem einen weiten, weiten Weg zurückgelegt und ist jetzt viel tiefer und reichhaltiger als noch der erste Entwurf. Die meisten Songs aus dem Album sind noch da, aber sie haben sich weiterentwickelt. Der letzte Track des Albums ist jedoch jetzt etwas völlig anderes… und ich bin sehr, sehr gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird.

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Du bist noch so jung und legst mit „Saving Mozart“ gerade ein wirklich großes Musical vor. Kannst du uns sagen, was dich auf deinem bisherigen Weg als Komponistin am meisten geprägt hat und wie es sich anfühlt, in diesem Stadium deiner Karriere ein so großes Projekt zu verwirklichen?

Da ich das Glück hatte, bereits den Workshop- und Probenprozess für andere meiner Shows mitzuerleben, hat mich das enorm geprägt. Mit jeder Show und jedem Team, mit dem man arbeitet, lernt man etwas – im Guten wie im Schlechten – und das stärkt einen. Man verfeinert sein Handwerk.

Dass „Saving Mozart“ meine erste offizielle Uraufführung sein wird, bedeutet mir sehr viel. Ganz ehrlich: Diese Show ist etwas ganz Besonderes für mich! Und es macht mich überglücklich, dass dies alles unter so besonderen Umständen, nämlich dem 10-jährigen Jubiläum des Musical Frühlings in Gmunden und dann auch noch so nahe an Salzburg, wo Mozart gelebt hat, stattfindet. Außerdem war es Mozart immer ein großes Anliegen, seine Opern in seiner eigenen Sprache zu schreiben. Daher ist es etwas ganz Besonderes, dass „Saving Mozart“ sein Bühnenleben auf Deutsch beginnt.

Liebe Charli, wenn wir nicht bereits komplett angefixt von „Saving Mozart“ gewesen wären, wären wir es spätestens nach unserem Gespräch mit dir. Wir drücken für die Uraufführung fest die Daumen, werden sicherlich irgendwo im Publikum sitzen und deinen weiteren Weg fest im Auge behalten!

 
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