Songs, die sofort ins Ohr gehen, eine emotionale Geschichte nach einer bekannten Vorlage und eine Horde Kinder auf der Bühne – Lionel Barts „Oliver!“ hat alles, was einen Musical-Hit ausmacht. In dieser Produktion kommen noch ein herausragendes Ensemble und perfekter Bühnenzauber dazu. Ein Highlight im aktuellen Londoner Theaterangebot!
Charles Dickens schaffte mit seinem Roman „Oliver Twist“ etwas völlig Neues: In der Geschichte um den Waisenjungen, der in London in eine kriminelle Kinderbande gerät, mischte er publikumswirksam sozialen Realismus mit Unwahrscheinlichkeiten und schamlos zu Herzen gehenden Handlungssträngen. Dabei sparte er harte Themen wie Kinderarbeit und die sozialen Probleme der beginnenden Industrialisierung nicht aus. Später folgten diverse Bühnen- und Filmadaptionen. Die 1960 uraufgeführte Musicalfassung und deren Verfilmung, die den Oscar für den „Besten Film 1968“ erhielt, sind fester Bestandteil britischen Kulturguts. Allerdings glättete Lionel Bart die Geschichte und machte beispielsweise aus Fagin, dem skrupellosen Chef der Kinderbande, bei Dickens dazu antisemitisch gezeichnet, einen skurrilen Charakter.
Simon Lipkin wirkt in dieser Rolle, bunt gekleidet wie ein Jahrmarktsgaukler, als sei er selbst Teil der Bande, ein großes Kind. Die Interaktion mit den fabelhaften Kinderdarstellern ist hervorragend, wirkt spontan und improvisiert. Die Fixierung auf eine Schatulle, in der er Schmuckstücke aus Raubzügen als Altersvorsorge aufbewahrt, hat etwas Manisches, balanciert auf dem schmalen Grad zur Überzeichnung und ist gerade deshalb voller Energie. In seinem Showstopper „Reviewing the Situation“ scheint er förmlich zu explodieren.
Fagin ist kein dominanter Verbrecher, er kuscht vor Bill Sikes, einem brutalen Schläger und ehemaligem Mitglied seiner Bande, dem Aaron Sidwell eine kalte und gewaltbereite Präsenz verleiht. Auch seine Freundin Nancy war früher Mitglied bei Fagins Taschendieben. Eine herzensgute Frau, die sich aber nicht aus ihrer gewalttätigen Beziehung befreien kann. Shanay Holmes hat eine Wahnsinnsstimme mit langem Atem und entsprechendem Volumen, was der Belt-Klassiker „As Long As He Needs Me“ von ihr fordert.
Ebenfalls stimmlich beeindruckend: Oscar Conlon-Morrey als Waisenhaus-Aufseher Bumble, eine der typischen Dickens-Figuren. Sie sind karikaturenhaft gezeichnet, oft egozentrisch, auf den eigenen Vorteil bedacht, oft nicht sonderlich intelligent, aber verschlagen und lockern die Handlung humoristisch auf. In diese Kategorie fallen ebenso die Witwe Corney (Katy Secombe mit passend schriller Stimme) und das Bestatter-Ehepaar Sowerberry (Stephen Matthews und Jamie Birkett, wie frisch für die Aufbahrung zurechtgemacht).
Oliver gerät durch Jack Dawkins, genannt „The Artful Dodger“ in Fagins Bande, ein ebenso großspuriger, wie selbstbewusster, charmanter Windhund, mit Billy Byers perfekt besetzt.
All diese Figuren sind Schauspielerfutter, tolle Rollen und hier durch die Bank brillant verkörpert. Gegen diese schillernden Charaktere hat es die Titelfigur in der Regel schwer. Oliver Twist ist schon bei Dickens eine im Grunde blasse, passive Figur. Brav und unschuldig gerät er durch Zufälle in prekäre Situationen – und durch Zufälle auch wieder heraus. In der besuchten Vorstellung ist William Baker ein lebhafter Oliver mit sichtbarem Spaß und glockenklarer Stimme, der im harmonisch agierenden Ensemble nicht Gefahr läuft, unterzugehen.
Olivers Welt – und damit auch die Bühne – ist finster, schmutzig grau-braun und trostlos. Als er den Artful Dodger trifft und der ihn mit dem knackig-optimistischen Freundschaftsangebot „Consider Yourself“ zu Fagins Bande lockt, öffnet sich der Bühnenhintergrund, Kulissenteile fahren herein, gut gelaunte Passanten bevölkern tanzend die Szene, das Licht wird warm und hell, so wie sich Olivers Situation (scheinbar) verbessert. Sehr effektvoll!
Von diesem hellen Moment und der bunten Kleidung von Fagins Gang abgesehen, herrscht trotzdem ein finsterer Ton in Lez Brotherstons Bühnenbild vor. Die Drehbühne wird effektiv genutzt; Schiebewände, fahrbare Bühnenteile und vom Schnürboden hängende Brücken ermöglich blitzschnelle Szenen- und Ortswechsel. Die Projektionen im Hintergrund fügen sich ins Gesamtbild.
Bei Matthew Bourne als Choreograph und Regisseur sind spektakuläre Tanzszenen zu erwarten. Die meisten der fantastischen Choreografien haben die Kinderdarsteller in Fagins Bande zu absolvieren. Sie tun das atemberaubend gut, springen, hüpfen, sind gelenkig und voller Energie. Wie Bourne und sein Co-Regisseur Jean-Pierre van der Spuy die Körpersprache der Figuren und die Bewegungsabläufe erarbeitet haben, ist ebenfalls exzellent. Sie finden die schwierige Balance zwischen dem humoristischen und dem dramatischen Tonfall der Vorlage.
Lionel Barts Musik hat hohes Mitsing- und Mitklatsch-Potential. Für das 14-köpfige Orchester, dem Graham Hurman als Dirigent vorsteht, erstellte Stephen Metcalfe ein neues Arrangement, das mit Klangfarben spielt, aber auch ordentlich Wucht entwickeln kann. Sogar zu viel Wucht… Orchester und Ensemble sind zwar sehr gut abgemischt, aber es ist insgesamt unglaublich laut.
Die aktuelle „Oliver!“-Produktion läuft in unmittelbarer Nachbarschaft zu „Les Misérables“. Die beiden Stücke verbindet nicht nur räumliche Nähe. Alain Boublil, Autor von „Les Mis“, sah 1978 in London eine „Oliver!“-Aufführung und wurde dadurch inspiriert, aus einem klassischen Werk der französischen Literatur ein Musical zu machen. Der Artful Dodger brachte ihn auf Gavroche aus Victor Hugos Monumentalwerk. Der Rest ist Geschichte … Auch musikalisch hat „Oliver!“ Spuren hinterlassen. Die Passagen mit den Thénardiers ähneln denen mit Mr. Bumble und Witwe Corney.
„Oliver!“ ist perfekte Musical-Unterhaltung, auf allen Ebenen gelungen und sollte beim nächsten London-Besuch unbedingt eingeplant werden.
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion? Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Mehrere Begriffe ohne Anführungszeichen = Alle Begriffe müssen in beliebiger Reihenfolge vorkommen (Mark Seibert Hamburg findet z.B. auch eine Produktion, in der Mark Müller und Christian Seibert in Hamburg gespielt haben). "Mark Seibert" Wien hingegen findet genau den Namen "Mark Seibert" und Wien. Die Suche ist möglich nach Stücktiteln, Theaternamen, Mitwirkenden, Städten, Bundesländern (DE), Ländern, Aufführungsjahren...