Friedrich Rau (Rob Cole), Ensemble © André Leischner
Friedrich Rau (Rob Cole), Ensemble © André Leischner

Der Medicus (2025)
Theater Plauen-Zwickau gGmbH, Zwickau

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Das Theater Plauen-Zwickau hat in den letzten Spielzeiten immer wieder mit opulent inszenierten und ausufernd besetzten historischen Musicals aufgewartet, die hervorragend im Setting des Plauener Parktheaters als Open-Air-Produktionen zur Geltung kommen. Auch das ursprünglich spanische Musical „Der Medicus“ reiht sich nahtlos darin ein und versetzt das Publikum stimmungsvoll in die Geschichte zwischen England und Persien.

Das gleichnamige Musical aus dem Fuldaer Hause Spotlight Musicals mit den poppigen Songs von Dennis Martin mag hierzulande bekannter sein – doch gibt es mit „Der Medicus“ (Original: „El Médico“) von Iván Macías und Félix Amador seit 2023 im deutschsprachigen Raum ein Werk, das den gleichen Stoff behandelt. Basierend auf dem pseudo-historischen Bestseller-Roman von Noah Gordon erzählt das spanische Autorenduo die Geschichte des jungen Engländers Rob Cole, den es auf seinem Weg zur Erlangung großen medizinischen Wissens bis nach Persien verschlägt. Das Musical hat etliche internationale Preise abgeräumt und wurde neben Spanien auch in Tschechien gespielt, bevor es am Deutschen Theater München vor zwei Jahren seine deutschsprachige Premiere feierte – auch damals schon mit Chris Murray in der antagonistischen Rolle des Schahs. Macías gehört seit seinem Erfolg mit „El Médico“ zu den gefragtesten Musical-Komponisten Europas. So hat er historische Romane wie „Die Säulen der Erde“ („Los Pilares de la Tierra“) von Ken Follett oder den Fantasy-Epos „Die unendliche Geschichte“ („La Historia Interminable“) von Michael Ende auf die Musicalbühnen Spaniens gebracht.

Wo Félix Amadors Buch etliche Längen und ein paar lose Enden in das Stück implementiert, entschädigt die symphonische, große orchestrale Partitur von Iván Macías die strapazierte Geduld der ZuschauerInnen vielfach: Die immer opulent tönenden, hochdramatischen Melodien eröffnen eine epochale Klangwelt, die mit „Les Misérables“, „Miss Saigon“, „Notre-Dame de Paris“ oder „Phantom der Oper“ vergleichbar ist. Die wuchtigen Arrangements wirken nicht selten fast schon etwas zu viel für die teilweise profanen Handlungselemente, die durch sie vertont werden – die oftmals rhythmisch und vom Ausdruck her etwas ungeschickt wirkenden Übersetzungen von Harmut Forche und Jaime Roman Briones unterstreichen diese Diskrepanz.

Das rund 30-köpfige Orchester unter Leo Siberiskis virtuoser Leitung nimmt sich Macías‘ übergroßer musikalischer Handschrift mit Hingabe und überwältigender Kraft an. Es wird mit annähernder Perfektion und großer Nuanciertheit musiziert, sodass so etwas wie eine Hans-Zimmer-Kinomusikwucht entsteht. Ohne Zweifel der große Pluspunkt dieser Inszenierung!

Das rund 50-köpfige Ensemble, bestehend aus einer Ballettriege, einem großen, klassisch geprägten Chor und etlichen StatistInnen zu koordinieren, ist mit Sicherheit keine leichte Aufgabe. Dem Epos trägt die ausufernde Besetzung durchaus Rechnung. So entstehen nahezu am laufenden Band große und cineastische Bilder. Sergei Vanaev gelingt es durch seine Choreographien, viele ansehnliche Massenmomente zu kreieren und in den emotional extremen Szenen zwischen Dramatik und Heiterkeit, die Stimmung zu unterstreichen und zu potenzieren. Das Motto ‚mehr ist mehr‘ scheint hier zu gelten – und überraschenderweise klappt das über weite Strecken sehr gut. Nur wenige Ensembleszenen wirken etwas zu überladen und chaotisch-wuselig. Dabei sind die Schachszene des Schahs zum Lied „Das Spiel des Schahs“, die folkloristischen Tanzeinlagen zum Song „Shalom!“ und die gesamte Eröffnungsnummer des zweiten Akts „Isfahan“ besonders gelungene Momente, die durch die Choreographie leben.

Horst Kupich zeichnet zusammen mit Chris Murray für die Regie verantwortlich. Auch wenn es ihnen vorlagenbedingt nicht gelingen kann, beispielsweise durch gezielte Kürzungen und Straffungen der Handlung mehr Stringenz und Fokus zu verschaffen oder die am Ende der Story lose baumelnden roten Fäden zusammenzuknoten, ist die charakterbezogene Inzenierungsperspektive spürbar und durchaus notwendig. Die Hauptfiguren Rob, Mary, Avicena, der Schah und der Bader werden in dieser Version klar herausgestellt und deutlich gezeichnet, was das Stück spannend bleiben lässt.

Christopher Melchings Kostüme sind passend gewählt und illustrieren sowohl den Kontrast zwischen dem Orient und Okzident, der dargestellten Gesellschaftsschichten und der drei unterschiedlichen thematisierten Weltreligionen. Sein Bühnenbild ist groß und wirkt wuchtig: Im ersten Akt thront ein großes Zelt im Bühnenzentrum, das von angedeuteten Häuserreihen flankiert wird, wohingegen im zweiten Teil ein Umbau den Blick auf den Palast des Schahs, umgeben von orientalischen Kolonnaden und ausgestattet mit einer großen Treppe freigibt, an dessen Fuße ein sinnbildlich relevantes Schachbrettmuster zu sehen ist. Diese Treppe als einziges nicht-statisches Bühnenelement versteckt pool-artig die Haremsgemächer des persischen Herrschers, die durch Hervorschieben der Stufen zum Vorschein kommen. Das fantastische Lichtdesign – ein weiteres Highlight der Inszenierung – holt noch einiges aus dem Bühnenbild heraus und setzt die dramatisch angelegte Handlung in ein spannungsgeladenes Licht. Flackernd lodern die Scheinwerfer und deuten Unheil an. Beim Auftreten von Robs Gabe, den Tod zu sehen, wird die gesamte Lichtstimmung gespenstisch und die Sonnenaufgänge in der persischen Wüste hüllen das gesamte Auditorium in gleißendes Licht. Zusammen mit den zahlreichen Feuer-Einsätzen ergeben sich besonders visuell eindrückliche Szenen, die das Publikum in den Nahen Osten aus 1001 Nacht versetzen.

Rekurrierend desolat und zu gravierend, um sie zu verschweigen, sind dagegen an diesem Abend die Probleme mit der Tontechnik. Während die generelle Akustik und Abmischung einwandfrei sind, haben sich hartnäckige Fehlerteufel in der Mikrofontechnik eingeschlichen: Über die Störgeräusche, etliche Mikro-Ausfälle und immer wieder von Backstage übertragene Gesprächsfetzen lässt sich auch nicht dadurch hinwegtrösten, dass den Problemen von beherzten Bühnenhelfern durch schnelles Reichen von Handmikrofonen souverän begegnet wird. Dass diese Schwierigkeiten, die sich im ersten Akt schon herauskristallisierten, nicht so bereinigt werden konnten, dass wenigstens der zweite Teil einwandfrei über die Bühne gehen konnte, ist hier besonders schade.

Das riesige Ensemble trumpft stimmlich da auf, wo es etwas an performativer Energie zu fehlen scheint: Mit großen, klassisch ausgebildeten Stimmen fegen die gesungenen Harmonien über das Publikum hinweg und wissen zu begeistern, so bei der großen Ensemblenummer „Vier Freunde“. Lediglich der klassische Opernduktus wirkt in diesem Musical partiell zum einen nicht förderlich für das Textverständnis und zum anderen möchte er zur jungenhaften Rolle des kleinen Rob Cole einfach nicht passen. Dahingegen entfaltet das Potenzial der klassisch ausgebildeten Gesangsstimmen in den gesetzten, Ehrfurcht gebietenden männlichen Rollen (beispielsweise Wonjong Lee als Karavanenführer Fritta) zusammen mit der ohnehin symphonisch-erhabenen Musik ein ungeahntes Potenzial – ein zweischneidiges Schwert also.

Die Hauptrollen können durchweg überzeugen: Joanna Jaworowska füllt die Kind-Version des Rob mit bubenhafter Naivität und energetischer Körpersprache. Marcus Sandmann gefällt mit großem Charisma und gewieftem Witz in seiner im ersten Akt die Bühne dominierenden Rolle des Bader. Marian Hadraba flößt seiner Rolle des königlichen Wesirs Quandrasseh mit volltönender Stimme Autorität ein. Durch Andrey Valiguras wird Robs Lehrer Avicena, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Geschichte des Orients, nachvollziehbar als großer Arzt und Gelehrter dargestellt, der sich im Zwiespalt mit den Mächten und Grenzen seiner Welt, der Ethik und Religion sieht und trotz seiner Weisheit große Fehler begeht. Auch Marvin Schütt und Gabriel Wernick als Robs Weggefährten Tuveh und Meir hinterlassen einen vollkommen positiven Eindruck; ihre Gesangsart passen sie, genau wie auch Sandmann, an das Musical-Genre vortrefflich an. Elisabeth Birgmeier füllt ihre Mary Cullen mit Leidenschaft und Zerrissenheit. Ihr großes Solo „Mitten im Sturm“ mit sehr drastischer, polarisierender Botschaft wird zum gesanglichen Highlight gegen Ende des Stücks.

Friedrich Rau verkörpert Rob Cole sympathisch, sodass das Publikum seinem Protagonisten gerne auf den – sehr langen – Weg zu seiner persönlichen Erleuchtung, begonnen mit dem Lied „Heut breche ich auf“ – folgt. Fantastisch ist auch sein Solo „Die Autopsie“, bei dem er die Grenzen, die ihm die Gesellschaft auferlegt, endgültig überschreitet, um zu großem Wissen zu gelangen.

Die stärkste Darstellung des Abends kommt im zweiten Akt in Form von Chris Murray als Schah, einen opportunistischen, machthungrigen und verblendeten Narzissten. Er bestimmt das Geschehen ab seinem ersten Auftritt und verkörpert den „König aller Könige“ mit jeder Faser. Anwidernd und schockierend lässt er die ZuschauerInnen an seinen Verlangen teilhaben – sein immer wieder angedeutetes, unvermeidbares Ende in „Die graue Stadt“, das den letzten Schlag des Stücks begeht, ist der wohl kraftvollste Moment dieser Inszenierung. Murray brilliert stimmlich im Duett mit Birgmeier zu „Ich träumte“ und in seinem temperamentvollen Solo „Das Spiel des Schahs“, bei dem im sonst eher geschwätzigen Auditorium eine Stecknadel fallen zu hören möglich gewesen wäre. Der Charakterdarsteller beweist eine enorme performative Qualität, die den Besuch von „Der Medicus“ in Plauen zusätzlich empfehlenswert macht!

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungLeo Siberski
RegieHorst Kupich
Chris Murray
AusstattungChristopher Melching
ChoreografieSergei Vanaev
ChoreinstudierungMichael Konstantin
 
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CAST (AKTUELL)
Junger Rob Cole / Simón / DawwidJoanna Jaworowska
Rob ColeFriedrich Rau
BaderMarcus Sandmann
Mary CullenElisabeth Birgmeier
SchahChris Murray
AvicenaAndrey Valiguras
Karim / TuvehGabriel Wernick
Mirdin / MeirMarvin Schütt
FrittaWonjong Lee
Quandrasseh / Benjamin MerlinMarian Hadraba
mitBallett des Theater Plauen-Zwickau
Opern-
Extrachor des Theater Plauen-Zwickau
Statisterie des Theater Plauen-Zwickau
Clara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 14.06.2025 20:30Parktheater, PlauenPremiere
So, 15.06.2025 20:30Parktheater, Plauen
Mi, 18.06.2025 20:30Parktheater, Plauen
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