Ann Mandrella (Svetlana), Gerogij Makazaria (Alexander Molokov), Mark Seibert (Anatoly), Boris Pfeiffer (Walter de Courcey), Femke Soetenga (Florence) © Christian Husar
Ann Mandrella (Svetlana), Gerogij Makazaria (Alexander Molokov), Mark Seibert (Anatoly), Boris Pfeiffer (Walter de Courcey), Femke Soetenga (Florence) © Christian Husar

Chess (2025)
Bühne Baden, Baden

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Bei der Ansprache zur Premiere des letzten Musicals seiner Amtszeit erzählt Intendant Michael Lakner, dass es ein langgehegter Wunsch war, „Chess“ an die Bühne Baden zu bringen. Diesen Wunsch hat er sich nun gewissermaßen als Abschiedsgeschenk selbst erfüllt. Andreas Gergen, der zukünftige Intendant des Hauses und Regisseur der Produktion, nutzt die Gelegenheit, um mit einer hochkarätig besetzten und musikalisch beeindruckenden Inszenierung schon jetzt einen ersten künstlerischen Akzent zu setzen – und hinterlässt eine vielversprechende Visitenkarte für die kommenden Spielzeiten.

Dass Chess trotz seiner eindrucksvollen Musik nur relativ selten auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen ist, liegt vor allem an der Schwierigkeit, das Buch wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen. Trotz zahlreicher Überarbeitungen bleibt die Handlung komplex, überladen und nicht immer leicht nachvollziehbar. Politische Intrigen, private Verstrickungen und symbolische Überhöhungen wirken oft eher konstruiert als stringent erzählt. Besonders im ersten Akt fehlt es dem Stück an klarer Führung, während sich die dramatische Zuspitzung erst im zweiten Akt entfaltet. Umso bemerkenswerter ist es, wie Andreas Gergen diese strukturellen Schwächen durch eine stringente Regie auffängt und eine schlüssige, packende Inszenierung formt. Ohne das Buch zu verändern, gelingt es ihm, die Handlung klar zu gliedern und den Figuren emotionale Tiefe zu geben. Seine Regiearbeit zeigt, wie viel sich mit kluger Personenführung und präziser Bildsprache erzählen lässt.Gergen erzählt seine Geschichte in einem abstrakten Bühnenbild von Momme Hinrichs. Grautonige Quader, angeordnet wie Schachfelder, formen ein wandelbares Podium, das je nach Perspektive neue Räume schafft. Eine zweite, von oben einschwebende Formation, kombiniert mit einer semi-transparenten Gaze-Rückwand, wird zur Leinwand für Videoanimationen, die Orte und Themen der Handlung visuell unterstreichen. Immer wieder entstehen dabei starke Bilder – etwa wenn Florence während einer Schachpartie in Flashbacks auf ihr Leben blickt, sich selbst am Schachbrett sieht und nur für sie sichtbar ihrem Vater begegnet, der im Ungarischen Volksaufstand von 1956 ums Leben kam. Solche Momente fügen sich nahtlos in Gergens reduzierte, auf Figuren fokussierte Erzählweise ein und geben der Inszenierung Tiefe, ohne sie zu überfrachten.

Das Kostümbild von Conny Lüders bleibt bewusst zeitlos und schlicht. Schwarz dominiert – nur der Schiedsrichter hebt sich in einem schneeweißen Anzug ab und fällt so auch optisch auf als übergeordnete Instanz, die das Spiel überwacht und immer wieder durch die Handlung führt. Seine spirituelle Überhöhung findet im thailändischen Tempelbild des zweiten Aktes eine visuelle Fortsetzung, wo er als sitzender Buddha inszeniert wird. Für die Choreografien ist Till Nau verantwortlich, der eine überraschend große stilistische Bandbreite auf die Bühne bringt. Das Ballettensemble der Bühne Baden ist nahezu durchgehend im Einsatz – ob in klassischem Tanz, Showelementen oder modernen Bewegungsbildern. Besonders eindrücklich kommentieren sie als schwarz gewandete Figuren mit akrobatischen Hebungen und synchronen Formationen die Schachzüge der Protagonisten.

Die Besetzung ist durchweg erstklassig – mit bekannten Musical-Größen wie Femke Soetenga als Florence Vassy, der Assistentin des amerikanischen Schachspielers Frederick Trumper. Zwischen Ost und West, zwischen Trumper und dem sowjetischen Herausforderer Anatoly Sergievsky stehend, gerät sie bald selbst ins Zentrum des politischen Machtspiels. Soetenga verkörpert diese zerrissene Figur mit bemerkenswerter Intensität: Zunächst kontrolliert und selbstbewusst, wird Florence im Verlauf des Stücks immer verletzlicher – ein innerer Wandel, den Soetenga schauspielerisch nuanciert und stimmlich kraftvoll zeichnet. Besonders in der Ballade „Jeder geht allein“ („Nobody’s Side“) wird ihre Isolation spürbar. Dass Florence am Ende vor den Trümmern ihres Lebens steht, ist bei Soetenga nicht nur ein gesungener Befund, sondern eine spürbare Entwicklung.

Als Anatoly Sergievsky steht Mark Seibert auf der Bühne – in einer konzentrierten und überzeugenden Darstellung des sowjetischen Schachchampions, der zwischen Systemtreue und persönlicher Freiheit hin- und hergerissen ist. Seinen großen gesanglichen Moment hat Seibert im Finale des ersten Aktes mit der „Hymne“ (Anthem), in der Anatoly seiner Heimat mit kraftvoller Stimme ein bewegendes Bekenntnis widmet. Im zweiten Akt gewinnt die Figur weiter an Profil: Während des Endspiels löst sich Anatoly von allen äußeren Einflüssen und entscheidet sich, nur noch seinem eigenen Gewissen zu folgen. Seibert gelingt es, diesen inneren Wendepunkt schauspielerisch nuanciert und glaubwürdig zu gestalten.

Drew Sarich verkörpert den amerikanischen Schachspieler Frederick Trumper mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit. Zu Beginn gibt er den Inbegriff eines selbstverliebten Egomanen, der jede amerikanische Überheblichkeit in sich zu vereinen scheint – laut, aufbrausend, provozierend. Als Florence ihn jedoch verlässt, um sich Anatoly zuzuwenden, fällt Trumper in sich zusammen. In der Ballade „Sei nie ein Kind“ („Pity the Child“) öffnet sich plötzlich ein Blick in seine Vergangenheit, und Sarich gelingt es mit großer Stimme, langem Atem und herzzerreißender Intensität, diesen Moment musikalisch wie emotional aufzuladen. Aus dem unsympathischen Großmaul wird ein verletztes Kind – und eine Figur, der man plötzlich Mitgefühl entgegenbringt.

Reinwald Kranner übernimmt die Rolle des Schiedsrichters – einer Figur, die wie ein übergeordneter Beobachter und Ordnungswahrer über dem Geschehen steht. Kranner füllt diese Position mit starker Präsenz und ruhiger Autorität. Musikalisch überzeugt er mit dem Song „Der Referee“ („The Arbiter“), den er mit klarer Stimme und souveräner Bühnenwirkung gestaltet. Ann Mandrella ist besetzt als Svetlana, Sergievskys Ehefrau – eine kleine, aber sehr eindrucksvolle Rolle. Sie schafft es, mit ihren wenigen Momenten auf der Bühne maximale Wirkung zu erzielen. Der Song „Im Leben einer Ander’n“ („Someone Else’s Story“), ursprünglich für die Broadway-Fassung geschrieben und damals Florence zugeordnet, liegt in dieser Inszenierung nun bei Svetlana – und Mandrella nutzt das Potenzial dieser Neuzuordnung voll aus. Mit ihrer immer wütender werdenden Interpretation verleiht sie der Figur spürbare Persönlichkeit und eine glaubhafte emotionale Vorgeschichte.

Auch die politischen Strippenzieher im Hintergrund sind überzeugend besetzt: Boris Pfeifer als amerikanischer Delegationsleiter Walter de Courcey und Georgij Makazaria als sowjetischer Funktionär Alexander Molokov füllen ihre Rollen rollendeckend und mit klarer Präsenz aus.

Für den kraftvollen Klang sorgt das Orchester der Bühne Baden unter der musikalischen Leitung von Victor Petrov. Der Sound ist voll, nuanciert und beeindruckend ausgewogen – mal sensibel begleitend, mal dröhnend und kraftvoll, wenn es die Partitur verlangt. So entfaltet sich die musikalische Bandbreite von „Chess“ mit all ihrer symphonischen Wucht und rockigen Energie – stets stilsicher und mit großem Gespür für Dynamik und Atmosphäre.

Beinahe vierzig Jahre nach der Uraufführung wirkt „Chess“ bedrückend aktuell. Der Kalte Krieg scheint in neuer Form zurückgekehrt – mit alten Mustern in neuer Verpackung. Dass Andreas Gergen die Geschichte nun in Baden auf die Bühne bringt, ist nicht nur ein persönliches Statement zum Start seiner Intendanz, sondern auch ein Plädoyer dafür, diese Geschichten weiterhin zu erzählen. Mit seiner Konzentration auf die Figuren zeigt die Badener Inszenierung, dass jenseits aller ideologischen Gegensätze auf beiden Seiten Menschen stehen – damals wie heute.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungVictor Petrov
InszenierungAndreas Gergen
BühneMomme Hinrichs
KostümeConny Lüders
ChoreographieTill Nau
 
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CAST (AKTUELL)
Frederick TrumperDrew Sarich
Florence VassyFemke Soetenga
Anatoly SergievskyMark Seibert
Walter de CourceyBoris Pfeifer
Alexander MolokovGeorgij Makazaria
Der SchiedsrichterReinwald Kranner
SvetlanaAnn Mandrella
Der Bürgermeister von MeranoBeppo Binder
Pop-ChorKonstantin Busack
Anetta Szabó
Marjeta Urch
Michael Konicek
Junge FlorenceNicole Bonnet
Mimi Reiter
Nicole Bonnet
mitOrchester
Chor
Ballett der Bühne Baden
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Do, 10.07.2025 19:30Bühne Baden, Badenöff. Generalprobe
Sa, 12.07.2025 19:30Bühne Baden, BadenPremiere
So, 13.07.2025 19:30Bühne Baden, Baden
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